30 Jahre elektronische Stellwerke in der Schweiz

Bewährtes Simis-C wird durch modernes Simis-W-Stellwerk ersetzt.

Erstellt: 14.05.2019

 

Vor genau 30 Jahren, am 11. April 1989, ging mit dem "Simis-C Chiasso" bei der SBB das erste elektronische Stellwerk in der Schweiz in Betrieb. Zweifelsohne darf diese Inbetriebnahme als bedeutender Meilenstein in der Entwicklungsgeschichte der schweizerischen Stellwerkstechnik gewertet werden. Gleichzeitig läutete dieses Ereignis für die Siemens Mobility AG die ausserordentliche Erfolgsgeschichte der elektronischen Stellwerke "Simis-C" und "Simis-W" ein.

 

Im Anschluss an die damalige Inbetriebnahme des "Simis-C Chiasso" vor 30 Jahren realisierte Siemens Mobility für die SBB weitere 66 Anlagen vom Typ "Simis-C". Bis heute steuert und überwacht dieser Sicherungsanlagentypus schweizweit mehr als 8500 Stelleinheiten (Weichen, Signale, Bahnübergänge und TMN-Blockeinrichtungen). Immer noch werden – neben dem Bau von Neuanlagen – Simis-C-Stellwerke teilweise in mehreren und grossen Bauphasen an die neuen Gleisanlagen angepasst. Ebenfalls wurde "Simis-C" über die letzten Jahre an die Vorgaben aus Reglemente-Änderungen angepasst und mit neuen Funktionalitäten erweitert. So stehen wir heute in der Software bereits beim Release BSTR 42.2.

Die Erfolgsgeschichte der elektronischen Stellwerke in der Schweiz ging weiter. Nach 15 Jahren "Simis-C" folgte bei den elektronischen Stellwerken der nächstgrössere Technologiewandel. 2004 ging das erste Simis W-Stellwerk (ECC basiertes Siemens Stellwerk mit der Betriebslogik SBB, entwickelt durch Siemens Mobility) bei der SBB in Betrieb. In der Zwischenzeit konnten 43 Simis W-Anlagen erfolgreich in Betrieb genommen werden. Diese steuern und überwachen bis heute gesamthaft etwa 2300 Weichen, 2000 Signale, 3200 Zwergsignale und 4900 Isolierungen in der Schweiz und zwar bei der SBB, tpf, TMR und SOB. Mit dem Projekt Sion–Sierre realisierten wir im Oktober 2018 zudem erstmalig eine ETCS L2-Anlage mit Simis W CH.

 

Neues Simis W-Stellwerk Chiasso

 

Fast auf den Tag genau 30 Jahre später, in der Nacht vom 13. auf den 14. April 2019, ersetzten die Projektteams in Chiasso das bewährte "Simis-C" durch ein modernes Simis W-Stellwerk. Die Erneuerung des Stellwerks war notwendig, weil die Gleisanlage in Chiasso in naher Zukunft in mehreren Bauphasen im grossen Stil umgebaut wird und dies mit der Prototypausführung Chiasso nicht mehr realisierbar ist. Zudem sind einzelne Komponenten der Bauart Chiasso nicht mehr lieferbar.

Nach zwei Jahren Planungs- und Bauzeit erfolgte ab 6. April 2019 über mehrere Tage hinweg die Ablösung vom "Simis-C" zum "Simis-W Chiasso". Während dieser Zeit bauten die Projektteams die Gleisanlage in mehreren Etappen im "Simis-C" zurück und schalteten sie im neuen Simis W dazu. Beide Stellwerke wurden während dieser Zeit von der Bedienzentrale Chiasso aus – zum einen über die bestehende codierte Bedienung und den Meldetafelrechner (Simis-C) und zum andern über einen Ilok W-Arbeitsplatz (Simis W) – gesteuert.

In der Nacht vom 13./14. April 2019 schalteten die Teams zum Schluss noch die Hauptgleise der Anlage Chiasso auf das neue System um. Seit diesem Zeitpunkt wird die komplette Anlage über unser Simis W-Stellwerk gesteuert und überwacht sowie über die Betriebsleitzentrale in Poleggio (CE Sud) bedient und ferngesteuert. Gleichzeitig mit der IBN Chiasso wurde das Nachbarstellwerk Simis W Mendrisio angepasst. Die Stellwerke in Chiasso und Mendrisio sind neu über eine SwissFAP miteinander verbunden.

 

Herausforderungen bei der Realisierung

 

Einerseits stellte die Grösse der Anlage (219 Weichen, 61 Signale, 192 Zwergsignale, 329 Isolierungen) das Projektteam vor eine komplexe Aufgabe, anderseits forderte die italienische Sprache sowie neue Funktionen im Bereich vom Grenzbahnhof, welche anlagenspezifisch realisiert werden mussten, die Beteiligten heraus. Zu den neuen Features gehören die Schnittstelle zum italienischen Block, der italienische Durchrutschweg sowie Funktionsanpassungen an der Fahrleitungsumschaltung.

Um die Anforderungen an den Grenzbahnhof in Chiasso zu erfüllen, musste neben den neuen anlagenspezifischen Funktionen auch die generische Simis W-Software erweitert werden. So wurde in der Simis W-Software V9.0 die italienische Signalisierung implementiert. Zudem erweiterten wir in der Simis W-Software V10.0 die FLOE-Logik (Freies Logikelement), um die anlagenspezifischen Funktionen realisieren zu können.

Diese Inbetriebnahme war die erste des neuen Simis W-Stellwerks Chiasso. Im Juni 2020 und März 2021 sind bereits die nächsten Inbetriebsetzungen geplant. Bis zum geplanten, finalen Projektabschluss im Jahr 2021 folgen weitere 4 Bauphasen. Ob wir die 30-jährige Lebensdauer des abgelösten Simis-C-Stellwerks übertreffen, kann heute allerdings noch niemand sagen.