Pioniergeist

1907-1936

Seit 1894 in der Schweiz präsent

Wir freuen uns, in diesem Jahr unser 125. Firmenjubiläum in der Schweiz feiern zu können. Seit 1894 ist Siemens hier zuhause und hat in dieser Zeit unzählige Projekte umgesetzt. Einige unserer Kunden haben sich zu bekannten Schweizer Ikonen entwickelt. Sie sind Sinnbild für den Erfolg unseres Landes und stehen für Erfindergeist und Innovationskraft. Einige dieser Schweizer Ikonen und die wichtigsten Siemens-Projekte haben wir auf unserer Jubiläums-Webseite zusammengestellt.

 

Feldschlösschen | Kraftwerk Wynau | Rhätische Bahn | Pilatus Aircraft | EPFL | Gotthard-Basistunnel | Siemens Campus Zug
 

#SchweizerIkonen

Rhätische Bahn

Die Rhätische Bahn (RhB) ist weltbekannt und aus dem Kanton Graubünden nicht wegzudenken. Ihre mehr als 100 Jahre alte Albula- und Berninalinie gehört zum Unesco-Welterbe. Erste Geschäftskontakte zu Siemens bestanden bereits 1898. Das erste Grossprojekt wurde ein Vierteljahrhundert später umgesetzt, als die Strecke von Landquart nach Klosters 1922 mit Siemens-Beteiligung elektrifiziert wurde. Heute befördert die Rhätische Bahn als grösste Alpenbahn der Schweiz jährlich über zwei Millionen Pendler und acht Millionen Touristen. Siemens-Lösungen kommen bei der RhB in unterschiedlichen Bereichen zum Einsatz: So garantiert die moderne Zugleittechnik mit den Stellwerken und Zugsicherungssystemen sichere und pünktliche Fahrten auf dem gesamten Streckennetz. Zudem sorgt Videotechnik für sichere Bahnhöfe und Störungen der Stromversorgung lassen sich auf dem 384 Kilometer langen Schienennetz dank Siemens-Technik schnell lokalisieren und beheben.

1907: Siemens unterstützt Elektrifizierung

Siemens unterstützte die Versuche zur Elektrifizierung des schweizerischen Eisenbahnnetzes mit der Lieferung der Lokomotive Nr. 3 für die Versuchsstrecke Seebach-Wettingen der Maschinenfabrik Oerlikon und baute die 13 Kilometer lange Fahrleitung von Affoltern nach Wettingen. Damals tobte ein Systemkrieg zwischen dem Dreiphasen-Wechselstrom, dem Gleichstrom und dem Einphasen-Wechselstrom. Siemens lieferte das heute noch aktuelle 15-kV-Einphasen-Wechselstrom-System.

1908: Protos hoch drei

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwendet Siemens den Namen «Protos» in unterschiedlichen Branchen: 1908 übernimmt Siemens die Motorenfabrik «Protos» und in Berlin entstehen Siemens-Automobile. Mitte der 1920er Jahre gibt das Unternehmen die Automobilproduktion wieder auf. Unter dem Markennamen «Protos» produzierte Siemens seit 1925 auch Haus- und Kleingeräte wie Haartrockner, Kühlschränke und Waschmaschinen. 2015 verkauft Siemens seinen Anteil an der Bosch-Siemens Hausgeräte GmbH und beendet damit sein Engagement in dieser Branche. Und drittens: Siemens & Halske erwarb 1922 die in Albisrieden ansässige «Protos Telephonwerke AG» für 800 000 Franken. Noch heute hat die Regionalgesellschaft Siemens Schweiz ihren Hauptsitz in diesem Quartier. 

1911: Das Siemens-Luftschiff hebt ab

Biesdorf, Januar 1911: Ein von Siemens konstruiertes Luftschiff heb zum ersten Mal in der Geschichte ab. Nicht nur das Luftschiff war technisch ausgeklügelt, auch die Werkhalle: Sie war auf Schienen gebaut und konnte mit dem Wind gedreht werden. Das gigantische Fluggerät absolvierte 73 Versuchsfahrten, bevor das Projekt 1914 eingestellt wurde.

1911: Pioniergeist in Graubünden

Die ersten Jahre nach der Jahrhundertwende standen ganz im Zeichen der Bahnelektrifizierung, die ab 1911 auf den Engadinerlinien umgesetzt wurde. Die Rhätische Bahn trieb die Elektrifizierung des Netzes schon früh voran und untersuchte in einem Bericht die Möglichkeit des elektrischen Betriebes, wenigstens «auf einzelnen flacheren Teilen des Netzes». Bereits 1898 klärte die Schweizerische Eisenbahnbank die Finanzierung einer Eisenbahnlinie Thusis – Engadin – Chiavenna ab. Dabei beauftragte die Bank Siemens & Halske in Berlin mit einem Gutachten über die allfällige Anwendung der Elektrizität für den Betrieb dieser Linie.

 

Die Siemens-Ingenieure erwähnten darin, dass eine Elektrifizierung einige Vorteile hätte. Zum einen weil Kohle teuer und der Verbrauch aufgrund steiler Anstiege hoch sei. Zum anderen, weil genügend Wasserkraft verfügbar wäre und die talwärts fahrenden Züge elektrische Kraft zurückgewinnen könnten. Dennoch kam das Gutachten zu einem negativen Entscheid. Einerseits sei die Auslastung zwischen Winter und Sommer zu unterschiedlich, sodass dampfbetriebene Züge einen grösseren Andrang besser ausgleichen könnten. Andererseits äusserten die Ingenieure Zweifel über die Betriebssicherheit im Hochgebirge bis zu 2000 m ü. M., da noch keine massgebenden Erfahrungen vorlagen. Hier ermöglichte der Betrieb mit Dampflokomotiven eine höhere Betriebssicherheit.

 

Einige Jahre später war die Zeit schliesslich reif, nachdem 1906 weitere Abklärungen und Studien von verschiedenen Experten erstellt wurden. So konnten von 1911 bis 1913 die Siemens-Schuckertwerke die gesamte Fahrleitung der Engadinerlinien erstellen.

 

Aber auch in anderen Landesteilen schritt die Elektrifizierung des Bahnverkehrs voran. So war die 1913 durchgehend eröffnete Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn die erste elektrifizierte alpine Vollbahn. Auf der BLS-Strecke Spiez-Frutigen verkehrten drei Triebwagen, bei denen  Siemens einige elektrische Komponenten liefern konnte. Auch bei der Steffisburg-Thun-Oberhofen-Bahn installierten die Siemens-Schuckertwerke 1913 in 14 Motorwagen die elektrische Ausrüstung, die unter anderem Lyrabügel und Trompetenkupplungen umfasste.

1913: Siemens in der Westschweiz

Siemens eröffnete in Lausanne ein technisches Büro, welches die Produktpalette von Siemens auch in der Westschweiz für die Kunden zugänglich machte.

1914: Vom Schlosser zum Erfinder

Mitten im 1. Weltkrieg wird zwischen Basel und Olten der neue Hauensteintunnel in Betrieb genommen. Das am 8. Januar 1916 eröffnete Bauwerk steigert die Bahnkapazität auf der Nord-Süd-Achse massiv. Ein Problem ist die Zugsicherung: Der acht Kilometer lange Tunnel wird mit Dampfzügen befahren, was eine personell besetzte Streckenblockstation unmöglich macht. Die Lösung hat ein damals 36-jähriger Ingenieur aus Langenthal. Rudolf Zaugg meldet 1915 den ersten funktionstüchtigen Achszähler zum Patent an: «Am Anfang des Blockabschnitts sollen die Achsen des Zuges eingezählt und am Abschnittende wieder ausgezählt werden. Erreicht das Ergebnis null, ist der Streckenabschnitt frei.» Was einfach klingt, erforderte höchste Präzision: Kontaktgeber und Achszähler mussten jederzeit funktionierten – auch wenn die Züge mit bis zu 100 km/h an der Messstelle in der Mitte des Tunnels vorbeidampften.

 

Die erfolgreiche Umsetzung seiner Idee verdankt Rudolf Zaugg wohl auch seinem beruflichen Werdegang: Seine mechanischen und elektrotechnischen Kenntnisse eignete sich der junge Mann nämlich sehr unkonventionell an. Zwar schickte ihn sein Vater 1895 nach Abschluss der Sekundarschule ins Technikum Burgdorf, doch dort wurde er nicht glücklich. So erlernte er ein Jahr später bei Eichmeister Zbinden in Langenthal «notdürftig», wie er selber sagt, das Schlosserhandwerk.

 

Zu dieser Zeit wurde im nahegelegenen Wynau ein beeindruckendes Projekt vorangetrieben. Am Ufer der Aare baute Siemens das erste grosse Flusskraftwerk der Schweiz und der 16-Jährige wollte das Gelernte anwenden: «...bald stellte ich mich dort zur Mithilfe der Installationen», wie er 1940 in einem Brief an seinen Neffen schreibt. Während dieser Tätigkeit lernte der junge Schlossergehilfe einige Siemens-Ingenieure und Fachleute kennen. Seine darauf folgenden beruflichen Wanderjahre führen ihn u.a. nach Brüssel, wo er einige Monate für Siemens & Halske tätig war. Nach drei Jahren kehrte der junge Mann in die Schweiz zurück und startete dann richtiggehend durch: 1900 schliess er das Technikum Burgdorf ab und findet eine Anstellung bei der damaligen Centralbahn. Mit 25 wechselt er ins Obertelegrapheninspektorat der Bundesbahnen und nimmt Mathematikunterricht an der Universität Bern. 1910 legt er die Prüfung zum Fachingenieur an der Akademie Wismar ab und wechselt dann zur SBB, wo er als Ingenieur zahlreiche Ideen und Verbesserungen umsetzt und dort auch seinen Achszähler erfindet. Damals wie heute sind Achszähler – die übrigens auch zum Siemens-Portfolio gehören – zentrale Elemente von jedem modernen Bahnsicherungssystem. 

1914: Europa blickt nach Zürich

1914 wird der gesamte Diensttelefonverkehr innerhalb des Zürcher Hauptbahnhofs und die Verbindungen mit den umliegenden Bahnhöfen automatisiert. Beim Projekt kam neuste Siemens-Technik zum Einsatz. Die SBB war die erste Eisenbahnverwaltung Europas, die eine solch revolutionäre Neuerung einführte. Die Anlage bewährte sich so gut, dass eine grössere Anzahl weiterer Aufträge an Siemens erteilt wurde.

1918: Spektakuläre Flucht in die Schweiz

Josef Hollenstein, ein Junge aus Rapperswil erlebte am 13. November 1918 eine «Invasion» der besonderen Art. Obwohl zwei Tage vorher mit dem Waffenstillstand von Compiègne der 1. Weltkrieg beendet und die Niederlage der Mittelmächte und des deutschen Kaiserreichs besiegelt wurde, beobachtete er, wie einige deutsche Piloten in Rapperswil landeten. Sie wollten verhindern, dass ihre Maschinen von den Alliierten konfisziert werden. Zwei weitere Doppeldecker landeten gleichentags in Schaffhausen. Bei den Flugzeugen handelte es sich um Maschinen des Typs Siemens-Schuckert SSW D.III. Sie waren praktisch fabrikneu und mit einem speziellen Antrieb ausgestattet – dem luftgekühlten, 160 PS starken Umlaufmotor Sh.III von Siemens & Halske. Das elf-zylindrige Aggregat ermöglichte den Abfangjägern bis anhin nicht gekannte Steigleistungen. Diese Technologie wollten die Piloten nicht den Alliierten abtreten, aber auch die Schweizer Luftwaffe war natürlich interessiert. So wurde jenes Flugzeug, das bei der Landung in Schaffhausen nicht beschädigt wurde, interniert und im Frühjahr 1920 der Eidgenossenschaft überlassen. «Die Maschine hat im Laufe dieses Jahres eine gründliche Revision erfahren und soll demnächst unseren Jagdfliegern (…) zur Verfügung gestellt werden», schreibt 1921 die Zeitschrift La Suisse aérienne. «Die Steigfähigkeit ist eine ausserordentliche», schreibt das Fachmagazin weiter. «Bei den Abnahmeflügen wurden 6000 m in 15 Minuten und 8100 m in 36 Minuten erreicht.»

 

Dem Augenzeugen Josef Hollenstein blieben die Flugzeuge und die Piloten unvergesslich, wie er in seinen 1984 veröffentlichten Kindheitserinnerungen schreibt: «Nachdem seine Kameraden in einem zweiten Flugzeug abgedreht waren (…), legte ein deutscher Jagdflieger, mit einem faustgrossen zerfetzten Loch im mit Segeltuch bespannten rechten Flügel seines Doppeldeckers, eine verwegene Landung auf einer nassen Wiese in Rapperswil am Zürichsee hin und übergab den dortigen Behörden seine Maschine». Und weiter erinnert sich Hollenstein: «Tatsächlich wurden mehrere deutsche Maschinen dann von der Schweiz angekauft. Die deutschen Piloten wurden interniert und die, welche in Rapperswil landeten, vorläufig sehr bequem im Hotel Post untergebracht.»

 

Gemäss einem lesenswerten Hintergrundartikel der Fachzeitschrift «Cockpit» aus dem Jahr 2010 verlief die Landung in Rapperswil jedoch nicht so glimpflich: «..es gilt als gesichert, dass die beiden Siemens-Flugzeuge aus der Landung irreparable Schäden davontrugen». Und über den Verbleib der Flugzeuge schreibt das Fachmagazin: «Mit Ausnahme der (…) auf dem Schaffhauser Zeughausareal glatt gelandeten (…) SSW D.III mussten alle anderen Siemens-Abfangjäger auf massiven Druck der Entente im Jahre 1919 an Frankreich ausgeliefert werden.»

1920: Eröffnung des technischen Büros in Bern

Die Gründung des technischen Büros in Bern erfolgte mit dem Ziel, den Kontakt mit der Eidgenössischen Telegrafen- und Telefonverwaltung zu verbessern. Bearbeitet wurden von hier aus die Bereiche der öffentlichen Vermittlungssysteme, der Übertragungssysteme, der Teilnehmervermittlungsanlagen und der Fernschreib- und Eisenbahnsignaltechnik. Insgesamt wurden in der Niederlassung Bern rund 270 Mitarbeitende beschäftigt, vorwiegend Ingenieure und Techniker.

1920: Für den Völkerbund in den Untergrund

Die Stadt Genf ist reich an Geschichten und viele davon sind verknüpft mit den Vereinten Nationen. Der Aufstieg der Stadt zum weltweit bekannten Hotspot begann, als dort im November 1920 – wenige Monate nach der Gründung des Völkerbundes – die allererste Vollversammlung geplant wurde. Was damals noch fehlte, war eine leistungsfähige Infrastruktur. Innerhalb kürzester Zeit musste darum eine Fernsprechverbindung zwischen der Telefonamtszentrale in Lausanne und dem neuen Genfer Hauptsitz des Völkerbunds hergestellt werden. Die Siemens & Halske AG sicherte sich den Auftrag und verlegte ein 60 km langes Pupin-Kabel. Dieses erhöhte die Sprachqualität und die Übertragungskapazität massiv. Es war gleichzeitig das erste unterirdische Fernkabel in der Schweiz und Teil der ambitionierten Idee, die eidgenössischen Hauptzentralen mit Kabel in Rohrleitungen zu verbinden. Zu Beginn der Bauarbeiten war aber noch nicht ganz klar, wohin genau die Siemens-Fachleute das Pupin-Kabel ziehen sollten. Bis im August 1920 hatte nämlich der Völkerbund noch keinen geeigneten Sitz gefunden. Als Generalsekretär Eric Drummond im August 1920 nach passenden Räumlichkeiten suchte, begeisterte er sich für das direkt am Genfersee gelegene, imposante Hôtel National. Das 1875 eröffnete Gebäude hatte lange leer gestanden und war kurz vorher renoviert worden. Die gleichen Architekten, die für die Renovation verantwortliche waren, mussten es auf die Schnelle erneut umbauen. Rechtzeitig vor der Vollversammlung nahm auch Siemens die neue Pupin-Verbindung in Betrieb. Im Hôtel National waren in der Zwischenzeit die Schlafzimmer in Büros, die Empfangshallen in Tagungsräume und die Servicebereiche in Lagerräume verwandelt worden.

 

1924 taufte man das Gebäude in «Palais Wilson» um. Es wurde vom Völkerbund bis 1937 weiter genutzt. Anschliessend residierte die Organisation bis zu ihrer Auflösung 1946 im neuen Völkerbundpalast, der auf dem Gelände des Ariana-Parks erstellt wurde. Im Palais Wilson befindet sich heute das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte.

1920: Eine zündende Idee

Einen guten Schachzug lancierte das technische Büro Zürich 1919. Die Siemens-Fachleute verfassten zuhanden der Obertelegraphendirektion eine Denkschrift über vollautomatische Telefonanlagen. Bei der Basler Lebensversicherung und im Hauptbahnhof Zürich waren solche Systeme erfolgreich im Einsatz. Die Broschüre brachte die Berner Behörden auf eine neue Geschäftsidee: Künftig wollten sie automatische Haustelefonzentralen ihren Kunden in Miete zur Verfügung stellen. Am 18. Oktober 1920 konnte Siemens bei der Gebrüder Sulzer AG in Winterthur die erste PTT-verwaltungseigene, vollautomatische Anlage montieren. Damit konnte jeder von seinem Telefon aus, alle internen Gespräche sowie den externen Amtsverkehr abwickeln. Die Nachfrage stieg rasant und Siemens eröffnete an der Laupenstrasse 7 das erste technische Büro in der Bundeshauptstadt.

 

Die neuartigen Leistungsmerkmale der Sulzer-Anlage veranlassten die Obertelegraphendirektion am 7. Juni 1921 einen Antrag für den Bau eines vollautomatischen Ortsamts und eines Fernmeldeamts in Lausanne zu stellen. Schon eine Woche später hatte Siemens den Auftrag im Haus. Die Strowger-Wähler-Zentrale mit 8000 Anschlüssen ging 1923 in Betrieb. Das Projekt markiert den Startschuss für die flächendeckende Automatisierung des öffentlichen Telefonnetzes in der Schweiz.

1922: Eine Wählscheibe mit 25 Nummern

11 481 Franken kostete die Haustelefonzentrale, die Siemens im August 1922 bei der Tuchfabrik Pfenniger & Cie AG in Wädenswil installierte. Die Anlage verfügte über 25 Anschlüsse – entsprechend hatte jedes Tischtelefon auch 25 Nummern auf der Wählscheibe. Die Zentrale war bis 1940 in Betrieb und steht heute im Siemens-Museum in Albisrieden. Verschwunden sind hingegen die Tuchfabriken. Die Textilbranche in Wädenswil wuchs Anfang des 20. Jahrhunderts aufgrund der Ablösung der Heimarbeit durch die Fabrikarbeit zu stattlicher Grösse. Wegen des Niedergangs der Textilindustrie stellte die Tuchfabrik Pfenninger 1976 den Betrieb ein. 1978 musste auch das andere örtliche Unternehmen, die Tuchfabrik Wädenswill schliessen.

1922: Albisrieden wird wichtig

1922 wird in Zürich die «Siemens Elektrizitätserzeugnisse AG» (SEAG) gegründet, in welche die vier bestehenden technischen Büros integriert wurden. Im gleichen Jahr kaufte Siemens & Halske die in Albisrieden ansässige «Protos Telephonwerke AG» mit ihren 60 Mitarbeitenden. Damit hatte Siemens erstmals eine Produktionsstätte in der Schweiz. 1924 wurde der Name in «Telephonwerke Albisrieden AG» geändert und 1935 – ein Jahr nach der Eingemeindung Albisriedens in die Stadt Zürich – firmierte das Unternehmen als «Albiswerk Zürich AG». Deren Produkte wurden über das SEAG-Vertriebsnetz in der ganzen Schweiz verkauft. 

1923: 200 000 Franken für einen guten Zweck

Das Familienunternehmen Siemens pflegte seit jeher ein internationales Netzwerk. Nachdem Werners Bruder Carl im Auftrag der Firma 1853 nach Russland zog und vom Zaren in den Adelsstand erhoben wurde, war die Familie sogar Teil der russischen Elite. Seine Töchter, Charlotte und Marie, wuchsen in Russland auf und heirateten die Barone Alexander von Buxhoeveden und Georgi von Graevenitz. Diademe, Mägde und Wohlstand — so sah das Leben der beiden Frauen aus. Jedoch nur bis zum 1. Weltkrieg. Charlottes Ehemann, in Diensten des Zaren, wurde ermordet. Plötzlich musste Charlotte, bereits fünffache Mutter, aus Russland flüchten. Schliesslich erhielt sie das Bürgerrecht von Lichtenstein. Ihre Schwester Marie erlitt ein ähnliches Schicksal. Ihr Wohnsitz in der Nähe von St. Petersburg wurde von den Bolschewisten eingenommen. Marie war zu dem Zeitpunkt im Urlaub in Italien. Mühsam erarbeiteten sich die beiden Schwestern ein neues Leben ausserhalb von Russland. Kurz nach Kriegsende gelangten sie schliesslich an das bisher blockierte Erbe von Carl von Siemens. Geprägt durch ihre Flucht und den Krieg investieren sie 200 000 Schweizer Franken und verwirklichen 1923 in Schaffhausen mit der Gründung der Werner Siemens-Stiftung die Vision ihres Vaters. Mit der Stiftung sollten jene Siemens-Nachkommen finanziell unterstützt werden, die durch politische und wirtschaftliche Umbrüche in Deutschland und Russland in Not geraten waren. Über die Jahre hinweg verlagerte sich der Fokus der Werner Siemens-Stiftung hin zur Forschungsförderung. Heute ist sie eine gemischte Stiftung: Nach wie vor werden Siemens-Familienmitglieder gefördert. Im philanthropischen Teil unterstützt sie herausragende Innovationen und Nachwuchskräfte aus Technik und Naturwissenschaften.

1925: Schon damals ein Wachstumsmarkt

Nachdem Reiniger, Gebbert & Schall in finanzielle Schieflage geraten war, kaufte Siemens & Halske Anfang 1925 die Aktienmehrheit dieser Firma. Dreissig Jahre vorher hatte die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens aus Erlangen noch rosiger ausgesehen. 1895 entdeckte der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen und löste damit eine medizinische Revolution aus. Ein Jahr später erkannten die Firmen Siemens & Halske sowie Reiniger, Gebbert & Schall die Möglichkeiten der neuen Technik. Es zeigte sich, dass Röntgenstrahlen auch im Gewebe wirken und die Unternehmen begannen mit der Produktion von Röntgenanlagen für medizinische Zwecke. Die Firmen pflegten enge Beziehungen zueinander. Mit der Übernahme der Aktienmehrheit durch Siemens & Halske wurde 1925 der Grundstein für die Siemens Medizintechnik gelegt. Es folgten weitere Entwicklungen wie die der Röntgenkugeln, welche dank leichter Handhabung und kleinem Platzbedarf die Röntgentechnik weltweit verbreiteten. Im Lauf der Jahrzehnte entwickelte sich das Unternehmen stetig weiter und ist heute unter dem Namen «Siemens Healthineers» an der Frankfurter Börse kotiert.

1929: Professioneller Amateur

Am 4. August 1929 wurde in Zürich die Union Schweizerischer Funkwellen-Amateure (USKA) gegründet. Mit von der Partie war auch Siemens-Mitarbeiter Heinrich Degler, der als erster Funkamateur der Schweiz gilt und der fast 40 Jahre bei Siemens im Albiswerk arbeitete. Lange gab es in der Schweiz keine gesetzliche Grundlage oder behördliches Einverständnis zur privaten Funk-Kommunikation. Eine Handvoll Funkwellen-Enthusiasten, unter anderem auch Heinrich Degler, wurden von der Presse als «Geheimorganisation» interpretiert und ihre «heimlichen» Sendestationen wurden beschlagnahmt. 1926 erhielt Heinrich Degler, damals 26-jähriger Ingenieur, dann endlich die notwendige offizielle Konzession. Am 12. Mai 1926 sandte er sein Rufzeichen H9XA erstmals durch den Äther und ergriff die Initiative zur Gründung der USKA. Degler definierte seine Arbeit als Funkwellen-Amateur nicht als Hobby oder Sport. Er wollte einen Beitrag mit wissenschaftlichem Wert leisten und die Technik verbessern. Deshalb unterstützte er auch den Schweizer Wissenschaftler und Erfinder Auguste Piccard bei dessen Stratosphärenforschung. Piccard flog im Jahr 1932 in einem Gasballon von Dübendorf auf rund 16 000 Meter Höhe, um Messungen in der Luft durchzuführen. Degler begleitete ihn mit einer mobilen Funkwellen-Station in seinem Auto, indem er dem Ballon hinterherfuhr. So stellte Degler den Funkkontakt von Piccard zur Erde sicher, um dem Stratosphärenforscher im Notfall behilflich zu sein.

1931: Radios aus Albisrieden

Anfang der 1930er Jahre erliess die Schweizer Regierung wegen der starken Rezession zahlreiche Zollbeschränkungen, um einheimische Radio-Produzenten zu schützen. Siemens war zusammen mit Telefunken in Deutschland ein bedeutender Hersteller von Radiogeräten und -röhren. Um das Schweizer Geschäft weiter betreiben zu können, gründete man 1932 in Zürich eine Zweigniederlassung der Telefunken GmbH und ermunterte die Telephonwerke Albisrieden zusätzlich Radiogeräte zu produzieren. Die Lizenzfabrikation erfolgte zu Beginn in einer ehemaligen Grossschreinerei in Albisrieden, später bei der umbenannten Albiswerk Zürich AG.

 

Bereits 1933 präsentierte man an der Radioausstellung in Zürich die ersten beiden Telefunken-Albis-Modelle «Mozart» und «Parsifal». Aber erst das nächste Modell, der «Telefunken-Albis 460», wurde vollständig in Albisrieden entwickelt und hergestellt.

 

1941 trennte sich Siemens von Telefunken. Dies führte in der Schweiz zur Änderung der Handelsmarke Telefunken-Albis in Siemens-Albis. Die Produktion im Albiswerk ging munter weiter – pro Jahr stellte man meistens vier neue Modelle vor. Ein besonderes Gerät war der 1948 lancierte «Albis 494» – bezüglich Schaltungsaufwand und Anzahl Röhren der grösste je im Albiswerk gebaute Radioapparat. Der Preis für das Albis-Flaggschiff betrug – mit eingebautem Telefonrundspruch – stolze 1050 Franken. Zum Vergleich: eine Nähmaschine kostete damals 475 Franken und ein Siemens-Angestellter verdiente pro Monat knapp 500 Franken. Laut Schätzungen wurden innerhalb von 20 Jahren rund 130 000 Geräte in Albisrieden produziert.

 

1952 wurde der Fachhandel zum letzten Mal mit vier Radio-Modellen beliefert. Auch diese Geräte hatten keinen integrierten UKW-Teil. Die Verkäufer hatten deshalb einen schweren Stand, denn die UKW-Technik war damals der Inbegriff für modernen, gut klingenden Radioempfang. Die Fertigung wurde eingestellt, genauso wie die Produktion von TV-Geräten. Anfang der 1950er Jahre hatten nämlich das Albiswerk und die Radiohersteller Dewald und Paillard mit der gemeinsamen Entwicklung von TV-Geräten begonnen. Die ersten «Aldepa»-Fernseher wurden 1952 an der Mustermesse in Basel vorgestellt. Bereits ein Jahr später wurde aber das Projekt wieder gestoppt. «Der hohe Beschäftigungsgrad auf dem Telephongebiet liess eine zusätzliche Beanspruchung unserer Lieferfähigkeit nicht zu» wie es im Geschäftsbericht von 1953 heisst. Das Wissen der Mitarbeiter und der Firma gingen jedoch nicht verloren und kam in der Radar- und Funktechnik sowie beim hochfrequenten Telefonrundspruch (HF-TR) noch einige Jahre zum Tragen.

1931: Ein Schweizer Unikum

Die Radioprogramme in der Schweiz wurden anfangs über Mittelwelle ausschliesslich terrestrisch übertragen. Besonders in den Bergtälern war der Empfang aber oft sehr schlecht. Bereits 1931 erfolgten darum Versuche mit dem Drahtfunk. Dabei handelte es sich um die Übermittelung von Radioprogrammen über Telefonleitungen. Siemens lieferte erste Anlagen an die damalige PTT, welche die neue Technik rasch als Telefonrundspruch (TR) einführte. Nachdem einige Prototypen erfolgreich getestet wurden, startete in Albisrieden 1934 die Serienfertigung der TR-Geräte. Damit verbunden war die Herstellung und Installation von Sende- und Verteileinrichtungen in den Telefonämtern – ein sehr lukratives Geschäft. Bis zum Aufkommen des UKW-Rundfunks 1952 war der Telefonrundspruch für die Bergregionen von grosser Bedeutung. Verbreitet wurden die drei Inland-Programme der SRG sowie auf drei weiteren Kanälen noch andere Sendungen. Ende 1997 wurde der Telefonrundspruch mit der Einführung von ISDN eingestellt, da die Oberwellen des ISDN die Signale des Telefonrundspruchs störten.

1932: Armeetelefon 32

Nachdem Siemens & Halske bereits 1906 erste Feldtelefonapparate an die Schweizer Armee geliefert hatte, entwickelten die Telefonwerke Albisrieden diese Feldtelefonapparate weiter. Es entstand das Armeetelefon 32. Dieses war das erste Feldtelefon, das von der Schweizer Armee in grosser Stückzahl (über 11 000 Stück) beschafft und in allen Truppengattungen als Einheitsmodell eingeführt wurde. In Lizenz nachgebaut wurde es von den Firmen Autophon, Hasler und Gfeller.