Grösstmögliche Wirtschaftlichkeit: «Unsere Branche braucht ein Servicelämpchen»

Service gewinnt immer mehr an Bedeutung, da Kunden grösstmögliche Wirtschaftlichkeit über die gesamte Nutzungsdauer der Maschinen verlangen. Christian Beivi, Leiter Service Primärtechnik bei Energy Systems, erklärt im Interview, wie vielschichtig der Servicebereich ist und wie dabei die Digitalisierung eine immer wichtigere Rolle einnimmt.

Service ist ein breiter Begriff. Was beinhaltet er für Sie alles?

 

Service ist tatsächlich ein vielseitiger Begriff und oft in vielen Bereichen eher negativ konnotiert, da er häufig mit hohen Kosten in Verbindung gebracht wird. Doch eigentlich sollte genau das Gegenteil der Fall sein: Ein frühzeitiger Service kann nämlich hohe Kosten, verursacht durch Ausfälle und lange Stillstandszeiten, verhindern. Dasselbe gilt beispielsweise auch in der Autobranche: Leuchtet beim Auto das Servicelämpchen auf, wird das Fahrzeug meist umgehend in die Garage gebracht. Hier ist klar, dass ein Auto regelmässige Wartung braucht, um langfristig funktionstüchtig zu bleiben. Leider haben wir bei uns noch keine solche Servicelampe, doch es sollte eigentlich dasselbe Grundprinzip gelten.

 

Wie unterscheidet sich also Service von Wartung?

 

Aus meiner Sicht schafft die Norm DIN 31051 eine gute Aufteilung, indem sie Service in folgende vier Aspekte gliedert: Wartung, Inspektion, Instandhaltung und Verbesserung. Das zeigt, dass Service weit mehr umfasst als nur eine regelmässige Wartung und erst als gebündelte Massnahme die richtigen Erfolge erzielen kann.

 

Welche Strategien gibt es in der Instandhaltung?

 

Es gibt rund fünf verschiedene Strategien mit unterschiedlichen Anknüpfungspunkten. Dazu gehören einerseits die zustands-, zeit- und eventbasierte Instandhaltung und anderseits die zuverlässigkeitsorientierte und vorhersagende Instandhaltung.

 

Wo werden die einzelnen Strategien eingesetzt?

 

Die zeitbasierte Instandhaltung wird unter anderem im Bereich der Primärtechnikeingesetzt, man spricht hier auch von einer Midlife-Revision. So sollten Primäranlagen nach der Hälfte der Betriebsjahre, also nach rund 20 bis 25 Jahren, überprüft und revidiert werden. Mit diesen präventiven Massnahmen kann die Verfügbarkeit für die zweite Lebenshälfte weiterhin auf einem hohen Niveau sichergestellt werden. Im Bereich Sekundärkomponenten bieten wir aber auch den umfangreichen Servicevertrag «Optipower». Damit halten wir auch dort die Anlagenverfügbarkeit hoch und können zum Beispiel im Fehlerfall zu einer definierten Reaktionszeit vor Ort sein oder per Remote Control aus der Ferne auf ein System zugreifen.

Inwiefern spielt Digitalisierung im Service eine Rolle?

Digitalisierung hat auf mehreren Ebenen einen Einfluss. Einerseits gibt es immer mehr Möglichkeiten, um mit unseren Kunden den Kontakt zu pflegen. Andererseits werden immer mehr Anlagen von unzähligen Sensoren überwacht, wodurch Unmengen an Daten gesammelt werden können. Durch die intelligente Analyse solcher Datenmengen können wir immer genauere Vorhersagen machen, wann Bauteile oder Komponenten in einen kritischen Zustand geraten. Mit dem rechtzeitigen Austausch dieser Teile können ungeplante Stillstandszeiten vermieden werden.

Können Sie ein Beispiel nennen?

 

Die Kehrrichtverbrennungsanlage (KVA) Thun setzt seit rund einem Jahr auf eine Remote Diagnostic Service (RDS)-Anbindung von Siemens. Dabei werden täglich Daten über eine sichere Verbindung ins Diagnostic Center von Siemens in Nürnberg übertragen und mit über 1,5 Millionen weltweiten Daten verglichen. Mit hoch entwickelten Verfahren zur Erkennung von Mustern und Abweichungen vom Normalverhalten können so Störfälle frühzeitig erkannt werden. Die kontinuierliche Überwachung durch das RDS erlaubt eine vorausschauende und zustandsorientierte Wartung. Dadurch lässt sich langfristig planen, wann welche Arbeiten an den Maschinen vorgenommen werden müssen, um den zuverlässigen Betrieb weiterhin gewährleisten zu können. In einem weiteren Schritt können die Anlagendaten in MindSphere von Siemens integriert werden.

 

Was genau ist MindSphere?

 

MindSphere ist ein offenes und Cloud-basiertes Betriebssystem für das Internet der Dinge. Es ermöglicht die Kombination der unterschiedlichsten Datenwelten miteinander, um völlig neue Erkenntnisse zu gewinnen. Dadurch können neue und höchst innovative Geschäfts- und Servicemodelle entstehen. Bei den Trafos zum Beispiel gibt es seit kurzem ein Update vom Monitoring System, das es ermöglicht, mehrere Sensoren in einem System zusammenzufassen und in MindSphere hochzuladen. Das ist allerdings ein Beispiel, das in diesem Bereich eine Vorreiterrolle einnimmt. Generell ist man in der Primärtechnik noch nicht ganz so weit. Hier wird es in den nächsten Jahren aber auch einen Digitalisierungsschub geben.

 

In welchen Bereichen bietet Siemens Energy Systems überall Serviceleistungen an?

 

Dies umfasst zum einen die Bereiche Energieerzeugung sowie Primär- und Sekundärtechnik. Daneben bieten wir aber auch Beratungen für das Digital Grid oder Cybersecurity an. Zudem haben wir ein umfassendes Trainingsangebot – vom Standardkurs bis hin zu individuell massgeschneiderten Schulungen. 

21.2.2018

Fabienne Schumacher