Vier Fragen an die Ausbildung in der deutschen Werkzeugmaschinenindustrie

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Wie wird Deutschlands CNC-Ausbildung wieder "Spitze"? Die Aufnahme zeigt den Aufmarsch der Kandidaten bei den WorldSkills 2019 in Kazar.

Learnings aus den WorldSkills

Die 46. Weltmeisterschaft der Berufe, WorldSkills Shanghai, kann aufgrund der Corona-Pandemie erst im Jahr 2022 stattfinden und nicht wie ursprünglich geplant in diesem Jahr. Ein guter Zeitpunkt, um mit WorldSkills-Förderern von DMG MORI und Siemens einmal über den Tellerrand und auf die deutsche Ausbildung an modernen Werkzeugmaschinen zu schauen. Das Ergebnis sind vier Fragen an die Ausbildung.

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10.000 zu 35: Ist das eine adäquate Antwort auf den Fachkräftemangel?

„Für die ersten Ausscheidungen in den laufenden Wettbewerben bewarben sich in Deutschland 35 Dreher. In Ländern wie China sind es weit über 10.000 Auszubildende, die sich den landesinternen Qualifikationswettbewerben stellen. Und nein, mit der Größe des Landes allein ist das nicht zu erklären“, bringt es Jörg Harings von DMG MORI auf den Punkt.

 

Hört man diese Zahlen, so vergisst man, dass die Weltmeisterschaft der Berufe Ende der 1940er Jahre von zwei Spaniern „erfunden“ wurden und ab 1950 für lange Zeit eine europäisch dominierte Veranstaltung war. Seit 1999 firmiert der Wettbewerb unter dem Namen WorldSkills und findet im Zweijahresrhythmus statt. Seither überwiegen gerade in den mit Werkzeugmaschinen verbundenen Berufen oft asiatische Teilnehmer und Teilnehmerinnen.

In Deutschland ist WorldSkills ein eingetragener Verein

„Ein Grund ist sicherlich die Organisation. In Deutschland ist WorldSkills Germany ein eingetragener Verein – extrem rührig, aber eben ein Verein, der sich Unterstützer suchen muss. Für die Wettbewerbe selbst gibt es auch in Deutschland staatliche Förderung. Aber in vielen anderen Staaten – auch in Europa – werden die WorldSkills-Wettbewerbe vom Staat auch institutionell gefördert oder sogar staatlich organisiert. Das hat natürlich Auswirkungen auf Budget und Resonanz“, so Tobias Leimbach, Siemens Anwendungstechniker und Jurymitglied vieler WorldSkills-Wettbewerbe.

 

Auch wenn Deutschland schon drei Mal Gastgeber der WorldSkills war, zuletzt auf den WorldSkills Leipzig 2013, und der Wettbewerb in vielen Handwerksdisziplinen einen großen Stellenwert genießt: In Disziplinen mit Bezug zu Werkzeugmaschinen fristen die Berufsweltmeisterschaften hierzulande eher ein Schattendasein. Politik, aber auch viele Kammern und Berufsverbände beachten die Wettbewerbe in diesem Bereich wenig – entsprechend niedrig sind Budgets und werbliche Bedeutung. Die Unternehmen, die Auszubildende zu den Ausscheidungen und Wettbewerben entsenden, müssen erheblich investieren. Und gerade kleinere Unternehmen befürchten: Nach all diesen Investitionen werden wir unsere WorldSkills-Teilnehmerin oder -Teilnehmer wahrscheinlich nicht halten können.

Deutsche Politik und Unternehmen beklagen den Fachkräftemangel, eine überbordende Akademisierung und eine Geringschätzung von Lehr- und Meisterberufen. Vielleicht wären ein paar Medaillengewinner, Europameister und Weltmeisterinnen im Drehen, Fräsen und anderen Ausbildungsberufen mit Bezug zu Werkzeugmaschinen gute Vorbilder? Das fordert große gemeinsame Anstrengungen, aber könnte das nicht helfen? Und wäre es dann nicht sinnvoll, den Unternehmen bei diesen Investitionen zu helfen? Vielleicht sogar eine Förderaufgabe für die EU, um international wettbewerbsfähig zu sein? 

 

Darf es ein bisschen mehr Wettkampf in der Ausbildung sein?

Wichtiger Motivationsfaktor

Ja, man kann (und muss in einigen Fällen wohl auch) die strenge Disziplin, Wettbewerbsorientierung und Fokussierung auf gute Plätze kritisieren, die einige Staaten bei der Vorbereitung auf die WorldSkills zeigen. Aber es darf die Frage erlaubt sein, ob sich kleine Wettstreite um Lösungen technischer Herausforderungen nicht auch in der deutschen Ausbildung bewähren könnten. „Ich erlebe immer wieder, dass gerade der Wettkampfcharakter die Teilnehmenden enorm motiviert. Junge Leute wollen sich persönlich mit anderen messen und erkennen eine bessere Leistung der Mitbewerber durchaus an – ohne daran zu zerbrechen“, erzählt Jörg Harings. Warum sollte in der beruflichen Pädagogik nicht gehen, was in Sport und Spiel funktioniert? Warum nicht in Ausbildungswerkstätten und den beruflichen Schulen kleine Wettbewerbe initialisieren – oder sogar zwischen diesen Organisationen? Vielleicht zunächst nur als Projekte – ohne Wirkung auf Noten etc.? Die Wirtschaft sieht Wettbewerb als treibende Kraft für Fortschritt und Verbesserung − in der Ausbildung machen wir viel zu wenig daraus.

Unantastbar – oder kann die duale Ausbildung stärker verzahnt werden?

Die duale Ausbildung in Deutschland ist fraglos ein Erfolgsmodell und wegen der hohen internationalen Anerkennung sogar ein Exportschlager. „Aber die Dynamik bei den beruflichen Anforderungen und den technischen Tools nimmt schnell zu. Und so hinken die beruflichen Schulen in den Ausbildungsprogrammen und der Ausstattung den praktischen Anforderungen hinterher – das zahlen dann praktisch die Auszubildenden und die Betriebe“, so Tobias Leimbach. Der Klassiker ist hier sicherlich der PAL-Befehlssatz – eine Programmiersprache in der CNC, die real an keiner Maschine und in keinem Unternehmen angewendet werden kann – aber in vielen Berufsschulen noch prüfungsrelevant ist. Das ist so, als ob die Schulen ein eigenes Computer-Betriebssystem lehren würden – und sich die Auszubildenden im Betrieb dann wieder auf die allseits bekannten Systeme umstellen müssten. Lässt sich Neutralität nicht anders herstellen – beispielsweise über unterschiedliche Ausstattungen der Schulen?

 

„Aber es geht noch weiter“, sagt Jörg Harings. „Wir haben bei den WorldSkills einen Teamwettbewerb, die Manufacturing Team Challenge, eingerichtet. Hier geht es darum, dass mehrere Ausbildungsberufe gemeinsam Aufgaben lösen. Wir hatten nicht einmal ein Team aus Deutschland. Auch weil diese interdisziplinäre Zusammenarbeit bei uns in den Ausbildungsprogrammen und Berufsbildern praktisch noch nicht möglich ist.“ Silos durchbrechen, interdisziplinär arbeiten, hybride Bearbeitungszentren, digitale Toolketten – es gäbe viele Argumente für neue Ausbildungsschwerpunkte, die dann besser verzahnt auf die Ausbildung in den Schulen und den Unternehmen verteilt werden könnten.

Sind wir noch Spitze – oder wie können wir es wieder werden?

Talente sind da, Breitenförderung fehlt

„Es darf kein falscher Eindruck entstehen – auch wenn die Spitzenplätze bei Disziplinen mit Werkzeugmaschinen in den letzten Jahren fehlten: Wer bei den WorldSkills dabei ist und eine Excellence-Medaille gewinnt, ist top und ein Gewinn für unsere Wirtschaft. Die Unterschiede in der Spitze sind gering. Wir haben diese Talente in Deutschland und Europa. Es ist eher die geringe Breite – gerade bei jungen Disziplinen, die mir Sorgen macht“, so Jörg Harings von DMG MORI. Ähnlich sieht das Armin Bärnklau von Siemens: „Wir wissen aus vielen Gesprächen mit Auszubildenden und Ausbildern, welchen Schub schon eine nationale Ausscheidung im Unternehmen auslöst und wie Betrieb und alle Auszubildenden davon profitieren. Wir müssen die Unternehmen überzeugen: zu mehr Engagement und zur Teilnahme an den WorldSkills – dafür braucht es mehr Hilfen, auch über den Kreis der bisherigen Förderer hinaus.“

Kann das überhaupt Erfolg haben? Jan Möllenhoff von DMG MORI ist überzeugt: „Nehmen wir das Beispiel Russland. Bis 2013 gab es kaum Teilnahmen in unseren Bereichen. Dann wurde auf Regierungsebene eine große Initiative gestartet und die Ausbildung im Bereich Werkzeugmaschinen mit dem Vorbild WorldSkills reformiert. Das langfristig wichtigste Ergebnis sind nicht die jetzt regelmäßigen Teilnahmen von russischen Auszubildenden und deren guten Resultate. Es ist die enorme Modernisierung im Ausbildungsbereich – bei der Ausstattung, bei den Inhalten. Davon wird die russische Wirtschaft nachhaltig profitieren.“ Natürlich muss man es nicht genauso machen und die Verhältnisse in der föderalen und von Kammern geprägten deutschen Berufsausbildung sind andere, aber beherztes Engagement zeigt in aller Regel Wirkung.

 

An der letzten WM der Berufe, WorldSkills Kazan 2019, haben über 1.350 Wettbewerber teilgenommen. Russland belegte Platz 2 von insgesamt 63 Nationen, China den 1. Platz. Wir sind gespannt auf die WorldSkills Shanghai 2022 – dem größten Bildungsevent weltweit mit über 1.400 Wettbewerbsteilnehmern. Und wir sind guter Dinge, dass Deutschland schon bald erste Reformen und Verbesserungen umsetzen kann.

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