Erst studieren, dann die Welt verbessern

Future Maker Jan Schneidewind

Jan Schneidewind ist dualer Student, Erfinder und reiselustiger Sinnstifter. Was er heute im Maschinenbau lernt, will er morgen im Kampf gegen den Klimawandel nutzen.

Zurzeit verbringt Jan jede freie Minute mit Willi. So oft es geht, bastelt und schraubt er an ihm herum, denn Willi soll immer komfortabler werden, und auch ein bisschen hübscher. Bald wird es mit dem VW-Bus, den Jans Freundin auf den Namen Willi getauft hat, nämlich auf große Tour gehen. Fünf Wochen durch Norwegen und Schweden stehen auf dem Programm, von Nürnberg bis hoch zu den Lofoten und wieder zurück. Wenn Willi unterwegs nicht schlappmachen soll, muss er noch ein bisschen aufgerüstet werden, schließlich hat er schon ein paar Jahre auf dem Buckel. „Der Bus ist für mich ein richtiges Projekt“, sagt Jan.

 

Mit Projekten sammelt Jan gerade eine Erfahrung nach der anderen, denn als dualer Maschinenbau-Student bei Siemens absolviert er ein Studium und eine Ausbildung gleichzeitig. Aktuell macht er ein Praktikum im Siemens-Werk in Nürnberg. Sechs Monate lang arbeitet er Fulltime am Unternehmensstandort mit. Auf dem Schild vor dem Gebäude, in dem sein Team sitzt, steht „Siemens Power Transformers“. Es klingt verdächtig nach Science-Fiction, tatsächlich werden auf dem riesigen Gelände Transformatoren gefertigt. Dutzende von ihnen verlassen jedes Jahr das Werk und werden an Kunden auf der ganzen Welt verschifft. 

Viele Fragen und das erste eigene Patent

Jan ist mittendrin in den Werksabläufen, und er brennt für seine Projekte. „Klar bin ich zum Lernen hier, aber ich habe trotzdem meinen kleinen Verantwortungsbereich, und bei größeren Projekten darf ich mitwirken.“ Eines der großen Projekte im Nürnberger Trafowerk besteht darin, die Digitalisierung in der Fertigung weiter voranzutreiben. Während des Praktikums ist Jan zum Beispiel Teil eines Projektteams, das Maschinen über eine gemeinsame Datenbank miteinander vernetzt. Sie soll Prozessdaten besser strukturierbar und dokumentierbar machen. Die Daten werden analysiert, anschließend lassen sich bestimmte Szenarien vorhersagen und effizienter organisieren, etwa mit künstlicher Intelligenz. „Die Arbeit ist definitiv herausfordernd“, sagt Jan, „aber ich habe das Gefühl, mich als Ingenieur in einem echt guten Tempo weiterzuentwickeln.“

 

Technik ließ ihn schon als Kind nicht los: Warum ist etwas so und nicht anders konstruiert? Was bringt die Maschine dazu, fehlerfrei zu funktionieren? „Ich glaube, ich habe früher sehr viele Fragen gestellt“, sagt Jan und lacht. In der Schule war er ein Autodidakt, und heute, im Studium, hält er es genauso. Wenn ihn etwas interessiert, gräbt er so lange nach Wissen, bis er Bescheid weiß. Inzwischen ist Jan 21, aber die Fragen haben nicht aufgehört, sie sind nur komplexer geworden. „Wenn man glaubt, man weiß viel über Technik, lernt man im Studium noch mal viele Aspekte kennen, an die man früher nie gedacht hätte.“ 

 

Die Theorie, die Jan an der Technischen Hochschule lernt, kann er in der Praxis direkt verwenden. Nebenbei hat ihm seine Arbeitserfahrung auch schon erste Erfolge eingebracht, denn eine seiner Erfindungen hat Siemens vom Fleck weg patentiert: ein Lötgerät mit eingebauter Prozessüberwachung. Durch einen sogenannten Pyrosensor steuert das Gerät den Lötprozess selbst, das Ergebnis hängt nicht länger vom Fingerspitzengefühl des Menschen ab. Auch zwei Stiftungen haben Jans Talent erkannt, sind aufgesprungen und fördern sein duales Studium. Auf dem Papier geht er also glatt als strebsamer Überflieger durch. Aber er hat seinen eigenen Kopf. „Mein Team denkt wahrscheinlich, dass ich immer ein bisschen aus der Reihe tanze“, sagt Jan. „Zum Glück habe ich einen Mentor, der mir sofort hilft, wenn ich mich verrenne.“

Revolution für die Gesellschaft und den Planeten

Wer aus der Reihe tanzt, gewohnte Wege links liegenlässt und seinen eigenen geht, der kann nicht zuletzt Neues gestalten. Und wer Jan kennenlernt, merkt schnell, dass es ihm genau darum geht. „Mir ist es total wichtig, meine Zeit zu nutzen und etwas zu verändern. Einfach ‚nur’ studieren, das wäre nichts für mich.“ Stattdessen will er Sinn stiften. „Wenn ich ein Ziel habe, dann definitiv, als Ingenieur einen Beitrag für absolut wichtige Veränderungen zu leisten.“ Und was ist ihm „absolut wichtig“? Die Antwort kommt wie der Blitz. „Definitiv Nachhaltigkeit.“ Ein stabiles Stromnetz, die Entwicklung neuer Energiespeicher oder eine Revolution im Verkehrssystem – Jan ist überzeugt, als Ingenieur neue Schritte auf seinem Feld mitgehen zu können. „Es klingt wie ein Klischee, aber ich möchte etwas verbessern, und jetzt müssen vor allem Lösungen gegen den Klimawandel her.“ Sein Studium sieht er als Basis, um mit Wissen Neuerungen ins Rollen zu bringen. „Technologie ist ein Mittel, um Lösungen zu finden. Man kann in meinem Fach so viel bewirken, auch für die Gesellschaft und den Planeten.“

 

Naturverbunden war Jan ohnehin schon immer. Aufgewachsen ist er in der Oberpfalz, mit Bächen, Bergen und Wäldern vor der Haustür. Auch als Student kommt er fast jedes Wochenende nach Hause, geht mit Freunden wandern, mountainbiken, verbringt Zeit mit seiner Familie und seiner Freundin. „Es ist immer unglaublich viel los bei uns, obwohl es doch nur ein Dorf ist.“ Einmal kehrte er seinem Heimatort aber ein Semester lang den Rücken und ging nach Australien, studierte, lernte kochen von seinen Mitbewohnern aus Bangladesch und surfen von einheimischen Kommilitonen. Die nächsten Semester allerdings, nach dem Praktikum und bis zum Bachelor, verbringt Jan in Nürnberg, an der Technischen Hochschule und auf neuen Projekten im Trafowerk.

 

Doch das ist gefühlt noch in ferner Zukunft. Vorerst steht jede Menge Freizeit an, der Bus ist fast bereit zur Abfahrt. In Willis Innenraum hat Jan eine ausziehbare Küchenzeile und ein Reisebett fertiggebaut, und von außen strahlt der früher blasse Wagen in bunten Farben. Nur noch ein bisschen Feinschliff, dann geht es los, Energie tanken für die nächsten Projekte.

Hinweis: Bei der Bezeichnung von Personen sind stets Personen jeglichen Geschlechts gemeint.