Im Team mit der künstlichen Intelligenz

Future Maker Wolfram Wentingmann

»Die Fabrik von morgen ist smart«, sagt der Digitalisierungsexperte Wolfram Wentingmann. In Amberg zähmt er Roboter und macht sie zu Kollegen für die Mitarbeiter.

Würde Wolfram Filme drehen, seine Hauptdarsteller wären blitzschnelle Roboter und schlaue Menschen. Aber kein „Transformers“ und kein „Star Wars“ käme dabei heraus, im Gegenteil. Vermutlich wäre die Story so harmonisch, dass Hollywood abwinken würde. Nun ist der 41-Jährige kein Regisseur, sondern Spezialist für Digitalisierungsfragen. Aber Menschen und Roboter sind trotzdem seine Protagonisten: „In Zukunft arbeiten beide in einer intelligenten Fabrik zusammen“, sagt Wolfram. Er muss es wissen, denn er macht aus dem Siemens-Elektronikwerk in Amberg gerade so eine smarte Fabrik.

 

Nur, was genau heißt „Intelligenz“ im Kontext von Produktion? „Früher drehte sich alles um Automatisierung“, erklärt er, „heute geht es darum, die automatisierten Abläufe digital zu optimieren.“ Künftig sollen sich die schon jetzt vollautomatisierten Fabrikanlagen mithilfe von Big Data immer effizienter selbst organisieren lernen. Ein Hilfsmittel sind immer präzisere „Digitale Zwillinge“, mit denen sich spätere Produktionsszenarien am Computer digital durchspielen lassen. 

„Die Zusammenarbeit von Menschen und Robotern wird Schritt für Schritt enger werden“, sagt Wolfram, der noch relativ neu in Amberg ist. Für das Langzeitprojekt zog er 2017 mit seiner Frau und den zwei kleinen Söhnen in die Nürnberger Region. Nach dem Studium hatte der Frankfurter erst für einen Automobilkonzern gearbeitet, wechselte dann zu Siemens, war als strategischer Berater in München tätig und verantwortete einen Produktionsbereich in Tübingen. Mit der Zeit wuchs er in komplexe Digitalisierungsthemen hinein – und damit in einige der Zeitgeistprojekte schlechthin. Wird ihm manchmal mulmig bei seiner Aufgabe, Menschen und intelligente Maschinen zu Kollegen zu machen? „Kein bisschen“, sagt er und lacht. „Wir sind ja nicht im Film. Unsere Entwicklung läuft eigentlich ganz ruhig ab.“

 

Und wie sieht sie aus, die smarte Fertigung der Gegenwart? Wolfram öffnet eine massive Tür und führt uns mitten hinein in die Industrie 4.0: Das Elektronikwerk ist im Grunde eine riesige Halle, doch gemessen an den 25 Hektar Größe des Standortgeländes nimmt es mit seinen 10.000 Quadratmetern nur wenig Raum ein. Dennoch erwirtschaftet das Werk mit seiner „Intelligenz“ den Großteil des Standortumsatzes, aktuell ungefähr drei Milliarden Euro Auftragsvolumen.

„Auf solche Zahlen muss man stolz sein“

Der Gesamtumsatz in Amberg hat sich seit dem Eröffnungsjahr 1990 verdreizehnfacht, obwohl heute noch genauso viele Menschen auf gleicher Fläche arbeiten wie damals. Heute stellen Hunderte Menschen und Roboter an 20 Produktionsstraßen 1.200 verschiedene Produkte für 60.000 Siemens-Kunden in aller Welt her. „Pure Produktivität“, sagt Wolfram und wirft einen prüfenden Blick auf einen der gefühlt unzähligen Glaskästen, hinter denen Roboterarme blitzschnell Produkte greifen, sortieren, weiterleiten, labeln.

 

Hauptsächlich werden in Amberg Leiterplatten für Steuerungssysteme produziert. Sie kommen zum Beispiel in Automobilwerken zum Einsatz, in Gepäckförderanlagen, auf Ölplattformen und in Kraftwerken. Das Qualitätslevel liegt bei 99,999 Prozent Fehlerfreiheit. Nach der Fertigung kommt die Montage, die Lieferzeit an den Kunden beträgt 24 Stunden, jede Sekunde verlässt ein Produkt das Werk. Machen Wolfram solche Zahlen stolz? „Ja, klar!“, sagt er, schaut gespielt streng und lacht. „Darauf muss man ja stolz sein.“

 

Softwaregetriebene Neuerungen wie die seiner Teams tragen dazu bei, dass am Standort Amberg bereits heute so gefertigt wird, wie es in einigen Jahren Branchenstandard sein könnte. Diese Technik möchte Wolfram in die ganze Welt exportieren: „Mit unserem Wissen lässt sich beispielsweise das Amberger Schwesterwerk im chinesischen Chengdu noch effizienter koordinieren. Wenn wir nicht standortübergreifend denken, würden geniale Ideen nur an einem Ort bleiben.“

Der Schwerpunkt liegt auf der Sicherheit

Eine der Entwicklungen, die in Zukunft Schule machen soll, ist ein kollaborativ agierender Roboter. Dafür steht bereits ein Prototyp bereit. Anders als die aktuell hier tätigen Roboter wird dieser nicht hinter einer gläsernen Schutzeinrichtung arbeiten. Ein intelligentes System wie seins soll direkt mit dem Menschen zusammenarbeiten, könnte menschliche Arbeitsbewegungen nachahmen und wäre dadurch leichter anzulernen. „Dafür treiben wir gerade die Software voran. Der Schwerpunkt ist ein lückenloses Sicherheitskonzept.“ Denn die eingehausten Roboter gehen mit rapiden Bewegungen vor. Die Roboter der Zukunft brauchen eine maximal sensible Sensorik, die sie bei der geringsten Berührung stoppen lässt. „Die Zusammenarbeit muss natürlich absolut ungefährlich sein“, sagt der Ingenieur.

 

Von seiner Projektleitung für die digitale Fabrik spricht Wolfram bescheiden. „So eine Funktion und der Einfluss, der damit einhergeht, ist nur geliehen. Aber ich mag es, Verantwortung für eine Einheit zu haben und voll für sie da zu sein.“ Er überlegt kurz und ergänzt dann: „Vor zehn Jahren war genau das meine Vision.“ Jetzt ist er dabei, jede Menge neuer Visionen wahrzumachen.

Hinweis: Bei der Bezeichnung von Personen sind stets Personen jeglichen Geschlechts gemeint.