Lieber Team als Ego

Future Maker Ulli Waltinger 

In einem Münchner Coworking Space hat Ulli Waltinger einen Siemens-Standort gegründet, an dem sich alles um Künstliche Intelligenz dreht. Im „AI Lab“ kommen Talente aus der ganzen Welt zusammen, um Maschinen das Denken beizubringen.

„Hey Pepper, can you dance?“ Ulli stellt die Frage zum zweiten Mal, und jetzt antwortet Pepper auch, lässt seine großen, runden Roboteraugen grün leuchten und sagt: „Sure human, let’s dance!“ Sekunden später tönen aus Peppers glattem, weißem Körper die ersten Takte des Red-Hot-Chili-Peppers-Songs „Californication“. Pepper legt direkt los, schwingt die Arme, beugt den Oberkörper rhythmisch zu jedem Gitarrenriff, und es dauert nicht lange, bis Ulli und seine Teamkollegen einsteigen und mit Pepper durch den Meeting-Raum tanzen. Ulli leitet für Siemens die Forschungsgruppe „Machine Intelligence“, sein Kerngebiet ist Maschinelles Lernen, eine Unterdisziplin der Informatik. Dazu gehört es, Maschinen das Verständnis für Sprache beizubringen.

Eine bunte Truppe

Ullis Themen sind die Innovationen, die die Technologie-Szene bewegen – da war es ihm wichtig, einen Standort einzurichten, an dem sich junge Talente aus aller Welt wohlfühlen. Mit einem neuen Coworking Space mitten in der Münchner Innenstadt hat er ihn gefunden, und seit 2017 ist dort ein eher ungewöhnlicher Siemens-Standort beheimatet. Im „AI Lab“ können Ulli, sein agil organisiertes Team und weitere Forschungsgruppen sich auf Künstliche Intelligenz konzentrieren, auf das Potenzial, die Relevanz und den Impact des Megatrends. „Wenn wir hier ein Leitmotiv haben, dann lautet es definitiv ‚Open Innovation‘“, erklärt Ulli. 

 

Der Unternehmensstandort könnte kaum reicher an Kontrasten sein. Denn draußen, gleich vor der Tür, scharen sich Einheimische und Touristen, Hipster und Trachtenträger um die Spezialitätenstände des traditionellen Münchner Viktualienmarkts, während Ulli mit seinen Leuten im „AI Lab“ ein Zukunftsprojekt nach dem anderen stemmt. Ein paar Dutzend interdisziplinärer Experten sind in der modernen Location für Siemens aktiv, Fachleute für Deep Learning zum Beispiel, Data Scientists, Research Engineers sowie Doktoranden und Studenten, die an Themen der Künstlichen Intelligenz forschen. „Ich würde sagen, wir sind eine bunte Truppe aus technikbegeisterten, aktiven, emotionalen Gestaltern“, meint Ulli. „Und wir sind uns einig, dass Team besser ist als Ego.“

Künstliche Intelligenz, also alles rund um die Abbildung menschenähnlicher Wahrnehmungs- und Entscheidungsstrukturen, fasziniert Ulli schon seit dem Informatik-Studium. Die Lehre führte den Regensburger von München nach Australien, England und schließlich zurück nach Deutschland. Lange sah er seine Karriere in der akademischen Welt, nach der Doktorarbeit nahm er eine Postdoc-Stelle in Bielefeld an. „Ich hatte eigentlich vor, weiterhin Forschungsergebnisse zu publizieren, der Wechsel in die Anwendung war ein kompletter Zufall.“ Auf einer Fachkonferenz in Mailand traf Ulli einen Forscher von Siemens, 2012 wechselte er ins Unternehmen nach München, seit 2016 leitet er seine Forschungsgruppe. Und zwar aus Überzeugung, mit ihr viel bewegen zu können.

 

„Mit KI können wir aktuelle Fragen angehen, die signifikante Auswirkungen haben“, sagt Ulli und meint einerseits Neuerungen wie industrielle Automatisierung oder bildgebende Verfahren für die Medizin. „Aber es geht auch um Herausforderungen, die unsere ganze Gesellschaft betreffen, also Dekarbonisierung, Nachhaltigkeit für unsere Städte und verantwortungsbewussten Energieverbrauch.“ Daneben berührt Künstliche Intelligenz fundamentale, wenn nicht sogar philosophische Fragestellungen wie: Was ist Intelligenz eigentlich genau? „Wir lernen mit unserer Arbeit, besser zu verstehen, wer wir sind und wie wir die Welt wahrnehmen“, erläutert Ulli.

Arbeiten jenseits des Mainstreams

So nah am Zeitgeist wie mit seinen Projekten ist der 41-Jährige auch als Teamleader. Strenge hierarchische Organisation widerspricht der neuen Arbeitswelt, seine Gruppe arbeitet agil, eine offene Fehlerkultur ist selbstverständlich. „Wenn wir Wege jenseits des Mainstreams gehen wollen, müssen wir klarerweise mutig sein.“ Wert auf Tempo muss Ulli trotzdem legen, und das nicht nur, weil ihm als Triathlet Langsamkeit sowieso fremd ist. Sondern vor allem, weil die KI-Szene ultradynamisch ist und die Konkurrenz aus Asien und den Vereinigten Staaten mit ihren Entwicklungen einen Sprint nach dem anderen hinlegt.

 

„Wir arbeiten hier an sehr konkreten Fragestellungen der Gegenwart“, sagt Ulli. Und die berühren so gut wie alle Geschäftsbereiche von Siemens. Zum Beispiel die Fertigung in den Fabriken, die mithilfe Künstlicher Intelligenz in Zukunft noch smarter gestaltet werden soll. Ullis Team entwickelt im Umfeld des sogenannten „Additive Manufacturing“ spezielle Softwares, mit denen sich die Qualität von Produkten schon während der Fertigung vorhersagen lässt. Daneben feilt das „AI Lab“ an mehreren Pilotprojekten: Mit Kollegen aus Portugal entwickeln Ulli und seine Forscher eine Cyber-Security-Lösung, die Netzwerkattacken durch KI erkennt; zusammen mit englischen, schwedischen und chinesischen Kollegen launchen sie demnächst ein Smart-Ticket-System, das verschiedene Möglichkeiten von KI und Maschinellem Lernen kombiniert, um Antworten auf Kundenfragen effektiver zu ermitteln. Aber das ist noch lange nicht alles.

 

Kein Wunder, dass Ulli unter Strom steht. An mehr als 100 Tagen im Jahr ist der Vater von zwei kleinen Töchtern quer über die Kontinente hinweg unterwegs, es gibt kaum eine führende Konferenz für Künstliche Intelligenz, auf der nicht er selbst oder seine Kollegen vertreten wären, um neue Verfahren, Analysen oder Best Practices vorzustellen. Erschöpft ihn das manchmal? Ulli lächelt und schüttelt den Kopf, er sprüht vor Energie. „Mein Leben ist wie ein Hackathon, ich bin in meinem Element.“ Außerdem hat er permanent Ideengeber um sich, die ihm neue Denkweisen eröffnen. „In dieser Szene trifft man ständig spannende Persönlichkeiten, verrückte Nerds und smarte Experten. Diese Menschen inspirieren mich.“ Im „AI Lab“ am Viktualienmarkt bringt er so viele wie möglich von ihnen zusammen. Schließlich gibt es jede Menge zu tun.

Hinweis: Bei der Bezeichnung von Personen sind stets Personen jeglichen Geschlechts gemeint.