Updates für unsere Städte

Future Maker Jenny Bofinger-Schuster 

Jenny Bofinger-Schuster will Städte lebenswerter und gleichzeitig klimafreundlich machen. Die nötigen Technologien dazu findet sie an Siemens-Standorten weltweit – vor allem aber in ihrem eigenen Büro.

Bewegung schafft Klarheit. Beim Fahren, Fliegen, Laufen kommen wir auf neue Gedanken. Die Welt zieht an uns vorbei, Details verwischen, Verbindungen tauchen auf, Muster, Einfälle, Ideen. Jenny erlebt solche Momente beim Joggen. Wenn Beine und Atmung den Rhythmus finden, wenn Bäume, Häuser, Bordsteinkanten, Ampeln und Ladenzeilen in den Hintergrund geraten, kommen ihre Gedanken bei den Dingen an, genauer gesagt, dem Internet der Dinge. Ob in München, New York oder Singapur – beim Laufen hat sie die besten Ideen. Sie handeln davon, wie man Gebäude klüger macht, Städte kommunikativer – und die Welt sauberer.

 

Zurück am Schreibtisch bringt sie ihre Ideen zu Papier. Die 37-Jährige hat ihr Büro im vierten Stock der Firmenzentrale am Wittelsbacher Platz in München. Diese ist das Hightech-Flaggschiff von Siemens, errichtet zwischen neoklassizistischen Prachtbauten aus dem frühen 19. Jahrhundert. Das Gestern verschmilzt hier öffentlichkeitswirksam mit dem Übermorgen. 2016 wurde der kurvenreiche Glasbau eröffnet. „Im Vergleich zum Vorgängergebäude brauchen wir 90 Prozent weniger Energie“, erklärt Jenny. Beim Wasser spare man nochmal 75 Prozent.

Zeigen, was geht

Tag für Tag sind Jenny und ihre Kollegen von insgesamt 30.000 Datenpunkten umgeben. Durch Wände und Fußböden fließt ein steter Strom an Informationen. Alles vom Raumklima über die Lichtverhältnisse, den Energieeinsatz bis hin zur Anzahl der Personen im Gebäude wird erfasst. Rollos und LED-Lampen, die selbstständig auf veränderte Lichtverhältnisse reagieren, sind da nur der offensichtlichste Effekt. Das Gebäude zieht Energie aus Erdsonden und aus Solarzellen auf dem Dach. Dort werden zudem 1,5 Millionen Liter Regenwasser pro Jahr gesammelt – genutzt für alles von der Toilettenspülung bis zur Gebäudeklimatisierung.

 

Dass Jenny beruflich mal am ganz großen Rad drehen würde, war früh klar. Der „Traum der Personaler“, so wurde sie früher von dem deutschen „Manager Magazin“ genannt, studierte erst BWL in Augsburg, machte dann den MBA in den USA und absolvierte Praktika bei internationalen Beratungsunternehmen. Als „High Potential“ konnte Jenny sich ihre Karriere aussuchen. Das tat sie auch. 2008 kam Jenny zum Siemens Management Consulting. Heute ist die zweifache Mutter Senior Vice President für die Themen Sustainability und Cities. Sie kümmert sich um das Nonfinancial Reporting, die Nachhaltigkeitsstrategie des Weltkonzerns und um Städte. 

Verbessern wir unsere Städte, verbessern wir den Planeten

Bis 2050 werden fast so viele Menschen in Städten leben wie heute den gesamten Planeten bevölkern. Die Städte werden weiter wachsen – und mit ihnen die Probleme. Schon heute atmen neun von zehn Stadtbewohnern schlechte Luft. Megacitys von Karachi bis São Paolo und von Lagos bis Shanghai ächzen unter Verkehr, Smog, Müll und Energieengpässen.

 

Einen Ausweg sieht Jenny im intelligenten Betriebssystem für die Stadt, in Städten, die vollautomatisiert sind, laufend Daten erfassen, reagieren, vorhersehen und ständig ihren Ressourceneinsatz optimieren. Das klingt nach Utopie, aber die Technik ist längst da.

 

„In der Stadt kommt alles zusammen“, sagt sie. „Ich kann Daten aus Gebäuden, aus dem Verkehr, dem Energieverbrauch und der Luftqualität verknüpfen und damit Entwicklungen vorhersehen.“ 

Im indischen Kalwa etwa, wo Siemens seit 1966 Elektromotoren produziert, wurden ein ausgeklügeltes Abfallsystem mit eigenem Recyclinghof und die größte Solaranlage auf einem Siemens-Fabrikdach weltweit installiert. Eine Trinkwasseraufbereitung machte Schluss mit dem Plastikflaschenverbrauch der Belegschaft. Das ließe sich leicht übertragen auf jeden Campus, den eine Stadt bauen möchte, meint Jenny. „Im chinesischen Tianjin, einem unserer größten Industriestandorte überhaupt, haben wir die Beleuchtung und das Kühlwassersystem so optimiert, dass wir pro Jahr über 3.500 Tonnen CO₂ vermeiden“, erzählt sie. „Wir zeigen, dass es sich rechnet, den Klimawandel anzugehen.“ 

Betriebssysteme für den Wandel

Diese Botschaft trägt Jenny für Siemens in die Städte dieser Welt: „Wenn man das Internet der Dinge in Städten umsetzt, schafft man es auch, die Welt ein Stück weit zu dekarbonisieren“, meint sie. Der Weg zur nachhaltigen und lebenswerten Stadt führt demnach weg von fossilen Kraftwerken und Verbrennungsmotoren, hin zu intelligenten Netzwerken, zu dezentralen und erneuerbaren Energiequellen und zu smarten Verbrauchern wie Elektroautos und automatisierten Gebäuden. „Manche Städte sind schon ziemlich gut in einzelnen Gebäuden aufgestellt“, sagt Jenny. Nun gehe es darum, alles zusammenzubringen.

Sind erst einmal die verschiedenen Sphären der Stadt vernetzt, reagieren Gebäude selbstständig etwa auf Spitzen des Strombedarfs eines U-Bahn-Systems, indem sie Heizungen und Klimaanlagen kurzzeitig herunterfahren – ohne merkliche Auswirkungen auf den Komfort. Verkehrsleitsysteme, Netze und Energiespeicher wissen dann anhand von Gebäudedaten, gelernten Verbrauchsmustern, Wetterprognosen und Infos über Großevents schon im Voraus, wann sie an ihre Grenzen stoßen könnten, und bereiten sich entsprechend vor. Eine Rushhour ohne Stau, eine Hitzewelle ohne Stromausfall – davon träumen nicht nur ökobewusste Städter.

 

Die Grundlage dafür heißt MindSphere: das cloudbasierte Betriebssystem von Siemens für das Internet der Dinge. Damit lassen sich Geräte aller Art vernetzen, Daten sammeln und bequem auswerten. Vom schwedischen Oslo bis zum australischen Perth entwickelt Siemens auf dieser Basis gemeinsam mit Kunden eigene Anwendungen. In Singapur wird so gleich ein ganzer Stadtstaat zum Versuchsobjekt. Was in einer Stadt möglich wäre und welche Wirkung erzielt werden könnte, ermitteln Städte mit Hilfe des City Performance Tools von Siemens. Mit Los Angeles etwa hat der Konzern so den Weg in eine Zukunft skizziert, in der eine Stadt zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien versorgt wird und das Auto nur noch eine Nebenrolle im Mobilitätsmix spielt.

 

„Wir denken bei Siemens ständig darüber nach, wie wir dem Klimawandel gegensteuern können“, erklärt Jenny. Das wirkt: Im Geschäftsjahr 2017 allein haben Siemens-Technologien 570 Millionen Tonnen CO₂ eingespart. Das sind rund zwei Drittel von dem, was die gesamte Bundesrepublik Deutschland im Jahr emittiert. Auch Siemens selbst will sein weltweites Geschäft bis 2030 klimaneutral gestalten. „Natürlich haben viele Unternehmen CO₂-Einsparungs-Programme“, sagt sie. „Aber wir sind schon ziemlich einzigartig in dem, was wir alles abdecken.“ Auf diesen gesellschaftlichen Beitrag ist Jenny besonders stolz. „Darum gehe ich gerne zur Arbeit.“

Hinweis: Bei der Bezeichnung von Personen sind stets Personen jeglichen Geschlechts gemeint.