Volle Kraft in Richtung digitale Energiewende

Future Maker Stefan Jessenberger

Mit Minikraftwerken in Wohngebieten können wir alle zu Ökostromerzeugern werden und damit die Energieversorgung revolutionieren. Stefan Jessenberger lebt diese Vision bereits. Nun engagiert er sich dafür, dass die Energiewende mithilfe zukunftsweisender Blockchain-Technologie auf diese Weise noch schneller weltweit Realität wird.

Nicht für jede Lebensentscheidung gibt es einen Schlüsselmoment. Stefan Jessenberger weiß allerdings noch genau, was seine Faszination für die Zukunft der Energieversorgung geweckt hat. Ein Artikel in seiner damaligen Lieblingszeitschrift „P.M. Magazin“ hob für den Teenager Mitte der 1980er Jahre den Vorhang für ein unvergessliches Kopfkino. Die Zeilen umrissen, wie die Sahara als gigantisches Sonnenkraftwerk zur Erzeugung von solarem Wasserstoff den Energiebedarf Europas für immer decken könnte. „Die fantastische Vorstellung eines unbegrenzten Energievorrats war ein Trigger für mich. Ich wollte sie wahr machen“, erinnert sich der heute 48-Jährige.

 

Tatsächlich ist Solarenergie inzwischen sehr populär. Doch die Frage, wie sie im großen Stil gewonnen und genutzt wird, ist noch nicht flächendeckend gelöst. An einer vielversprechenden Antwort formuliert Stefan mit. Bei Siemens treibt er die Zukunft digitaler und dezentraler Systeme mit an, die nachhaltige Energie für alle möglich machen können: Microgrids.

Kleinkraftwerke mit großer Hebelwirkung

Warum sollten wir weiterhin mit großem Aufwand Kraftwerkskolosse und weitverzweigte Leitungsnetze errichten, wenn eine viel unaufdringlichere und sauberere Lösung den gleichen Zweck erfüllen kann? Gemeint sind Microgrids, auch Quartiers- oder Arealnetze genannt, in denen Kleinkraftwerke einen Großteil der benötigten Energie lokal erzeugen und speichern. Also dort, wo sie gebraucht wird. Eine Denkweise, die immer mehr Menschen und Unternehmen begeistert.

 

Den Strom dezentral zu erzeugen, hat wichtige Vorteile. „Dezentrale Stromnetze, sogenannte zellulare Netze, sind besser vor einem Komplettausfall geschützt. Man denke da an ein Szenario wie in dem Roman ‚Blackout‘. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass Microgrids effizienter arbeiten als zentrale Ansätze“, erklärt Stefan. Weil weniger Strom über weite Strecken übertragen werden muss, geht auf dem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher auch weniger Energie verloren.

 

Stefans Aufgabe in der Division Energy Management bei Siemens besteht darin, diese Idee in konkrete Konzepte zu verwandeln und reif für die Praxis zu machen. Beispielsweise berät er Kommunen, Unternehmen, Verbrauchergemeinschaften oder Investoren, wie sie in Microgrids erneuerbare Energien erzeugen, speichern, selbst verbrauchen oder damit handeln können.

 

Außerdem schiebt er gemeinsam mit Kollegen und externen Industriepartnern Pilotprojekte an. Auf diese Weise trägt er auch technologisch dazu bei, die Grenzen des Machbaren immer wieder zu erweitern. 

Schon ein Leben lang voller Energie

Für Stefan ist das kein Beruf, sondern eine Berufung. Denn für die Energiewende schlägt sein Herz schon seit frühester Jugend. Der Weckruf in Teenager-Tagen mündete in einem Ingenieursstudium. Darin sog er die Grundlagen der Energietechnik auf und konnte es kaum erwarten, als Diplomand am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme sein erstes eigenes Inselnetz für Sonnen- und Wasserkraft zu realisieren. Nach einem Ausflug in die IT-Branche treibt er seit 2009 bei Siemens in wechselnden Abteilungen Technologien und Geschäftsmodelle für erneuerbare Energien und dezentrale Energiesysteme voran.

 

Die Begeisterung für die Zukunft der Energie lebt Stefan auch privat. So fährt sein Elektroauto mit Strom, den die Solarzellen auf dem Dach seines Eigenheims erzeugen, in einer Sonnenbatterie speichern (einer neuen von Siemens, ist ja Ehrensache) und bei einem Überschuss in das örtliche Netz einspeisen. Als Gründer und Mitglied des Aufsichtsrats einer Bürgergenossenschaft ermöglicht er zudem auch anderen Menschen in und um Erlangen, sich indirekt an Photovoltaik- und Windkraftanlagen zu beteiligen und so zur lokalen Energiewende beizutragen.

 

Dies begreift Stefan als Herzensangelegenheit. „Ich möchte nicht, dass mich meine Enkel eines Tages fragen: ‚Warum hast du damals nicht genug gegen den Klimawandel getan?‘ Dies treibt mich an. Jeden Tag aufs Neue“, erklärt der Vater zweier erwachsener Töchter.

Blockchain: der Schlüssel zur Energiewende für alle

Microgrids gehört die Zukunft. Doch die Digitalisierung könnte sie schon bald für noch viel mehr Menschen als jetzt deutlich attraktiver machen. Zum Beispiel dadurch, dass diese viel einfacher ihren nicht benötigten Strom verkaufen können. Das Zauberwort heißt: Blockchain. Dabei handelt es sich um einen Ansatz für ein dezentral organisiertes Buchführungssystem, das Transaktionen zwischen verschiedenen Beteiligten transparent und fälschungssicher protokolliert. Smart Contracts und intelligente Energiemanagementsysteme stellen Energie über dezentrale Handelsplattformen voll automatisiert dann bereit, wenn sie benötigt wird.

 

Welche Vorteile dies in der Praxis bietet, erprobt Stefan mit Kollegen und einem Start-up in einem Pilotprojekt in New York City. Dabei speist eine Bürgergemeinschaft ihre Solarenergie in ein Microgrid ein, das automatisiert die Abrechnung vornimmt. So können die Bürger ihren Strom untereinander handeln. Siemens rüstet das Projekt mit Systemen zur Vorhersage von Verbrauch und Erzeugung aus. Das Start-up steuert die Blockchain-basierte Austauschplattform bei.

 

„Automatisierte Vertragsabwicklungen auf einer Blockchain-Plattform versetzen Erzeuger und Verbraucher überhaupt erst in die Lage, Ökostrom mit vertretbarem Aufwand lokal zu handeln. Durch diesen Anreiz könnten mehr Verbraucher als bislang zu ‚Prosumenten‘ werden“, nennt Stefan den großen Vorteil dieses Ansatzes. „Nicht von einem einzelnen Versorger abhängig zu sein, trägt auch dem Trend zur Shared Economy Rechnung. Blockchain kann den Stromhandel revolutionieren und die Energiewende immens voranbringen.“

Silos aufbrechen und Ideen vernetzen – für die Energiewende

Die Energiewende voranbringen und als Unternehmen etwa mit neuen Geschäftsmodellen und hybriden Lösungsansätzen daran zu partizipieren, bedeutet jedoch neben technologischen Herausforderungen auch neue Anforderungen in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Kollegen aus diversen Abteilungen an einen Tisch zu holen, fällt in einem so großen Unternehmen jedoch nicht immer leicht.

 

Dennoch konnte Stefan auch hier Impulse setzen und wesentlich dazu beitragen, aus einem früheren, rein auf die Solarenergie fokussierten Netzwerk ein breit aufgestelltes „Forum Energiewende“ zu machen. Hier treffen sich Mitarbeiter unterschiedlichster Funktionen aus den verschiedenen Bereichen des Konzerns regelmäßig und tauschen ihr Wissen aus. Getreu dem Motto: Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß.

 

Ihn ermutigen solche Erfolgserlebnisse, die Zukunft der Energie für und mit Siemens weiter voranzutreiben und so die Welt ein Stück nachhaltiger zu machen. „Natürlich kann niemand alleine den Konzern in eine Richtung lenken. Dennoch kann ich auch als Einzelner hier viel bewegen.“