Von Florida nach Franken – für die Cybersecurity

Future Maker Melissa Crawford

Zuerst wollte sie Menschen mit Strahlentherapien heilen und Atomwaffen abrüsten – heute hilft Melissa Crawford als Expertin für Cybersecurity, die Industriewelt zu einem sichereren Ort zu machen. Dafür tauschte sie die Sonne Floridas gegen die Lebensqualität Frankens.

Tumorkrankheiten, Atomwaffen und Hackerangriffe auf Industrieanlagen haben zwei Dinge gemeinsam: Sie sind folgenschwer, lassen sich aber bekämpfen. Als studierte Nukleartechnikerin hatte Melissa Crawford zu Beginn ihrer Karriere die Wahl, eine Lösung für eine dieser Herausforderungen voranzutreiben. Sie entschied sich für den Kampf gegen Cybergefahren. Auf diesem Gebiet sieht sie das größte Potential, etwas für die Welt erreichen zu können. „Die Digitalisierung kann unsere Wirtschaft und Gesellschaft so enorm viel weiterbringen wie noch kein Technologiesprung zuvor. Diese Zukunft müssen wir schützen. Cybersecurity ist ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg dorthin“, sagt Melissa.

 

Bei Siemens ergriff sie die Chance, selbst aktiv zu einer sicheren digitalen Welt beizutragen. Zunächst in den USA, seit 2012 in Erlangen. Ihre Geburtsstadt Miami ließ sie zurück, um im Herzen Mittelfrankens eine zukunftsweisende Facette der Digitalisierung mitzugestalten: Industrial Cybersecurity.

Damit die digitale Welt nie stillsteht

Industrial Cybersecurity als eigenes IT-Geschäftsfeld ist ein neuer, aber gleichzeitig sehr wichtiger Aspekt in einer zunehmend digitalisierten Welt. „Wir erleben immer mehr Angriffe auf die IT-Infrastruktur von Behörden, Schifffahrt, Zugverkehr und Internetfirmen. Erpresser-Software wie WannaCry hat uns eine Kostprobe dessen geliefert, was passiert, wenn nur ein kleiner Teil der digitalen Welt für einen Moment stillsteht“, erläutert Melissa. „Ich will verhindern, dass dies an noch viel kritischeren Knotenpunkten unseres täglichen Lebens geschieht. In Bereichen, wo es nicht nur um Produktivität geht, sondern um das Aufrechterhalten des öffentlichen Lebens oder Gesundheit für Leib und Leben.“ Schließlich können Cyberangriffe auf Fabriken und Kraftwerke mit sensiblen Gütern und Brennstoffen aus einer Vorzeige-Anlage über Nacht ein Sicherheitsrisiko für Unternehmen, Mensch und Umwelt machen.

 

Die 35-jährige Amerikanerin berät Fabrik- und Kraftwerksbetreiber auf der ganzen Welt, wie sie ihre Netzwerke schützen, um solchen Ereignissen vorzubeugen. Sei es durch eine komplexe Hochleistungsfirewall oder einfach, indem wirklich jeder Mitarbeiter die neusten Updates aufspielt und keine fremden USB-Sticks verwendet. Weil Siemens im Bereich der industriellen Sicherheit breit aufgestellt und global vertreten ist, steht auch das Know-how des Konzerns im Kampf gegen Cybergefahren hoch im Kurs. „In den Köpfen ist angekommen, wie wichtig Industrial Cybersecurity ist. Niemand will nochmal solche Zwischenfälle wie bei Stuxnet und WannaCry erleben. Bei Siemens kann ich quasi an vorderster Front Verteidigungslinien aufbauen und auf diese Weise sehr viel bewegen“, erklärt Melissa.

Ihr Know-how vermittelt sie online in Technik-Webinaren, offline auf Vortragsreisen oder direkt vor Ort bei den Kunden. Melissas Reisen führten sie allein im vergangenen Jahr nach China, Russland, Argentinien und quer durch die EU. Weil sie sich als internationaler Mensch versteht, ist dies ein Aspekt ihrer Aufgabe bei Siemens, der sie besonders begeistert. Denn Cybersecurity kennt keine räumlichen Grenzen. Sicherheitskonzepte für globale Kunden zu entwickeln, erfordert daher oft, Beschäftigte an mehreren Standorten darauf einzuschwören.

 

Technik, Prozesse und Menschen unter den Hut einer gemeinsamen Cybersecurity-Strategie zu bringen, gleicht insbesondere bei multinationalen Unternehmen einem komplexen logistischen Puzzle. Dies zu lösen, ist eine Spezialität von Melissa. Nicht umsonst nennt man sie seit langem „The Finisher“.

 

Eine von Melissas Stärken ist es, nicht nur Gesprächspartner in der Vorstandsetage, sondern auch im Kontrollstand vor Ort auf Augenhöhe beraten zu können. Sie kennt sich mit Industrieanlagen aus, denn nach ihrem Einstieg bei Siemens hat sie selbst Software für Steuereinheiten entwickelt. Dieses Fingerspitzengefühl ist wichtig, weil jeder Fall anders ist und die Digitalisierung sich sehr schnell entwickelt. Dadurch lernen alle Beteiligten jeden Tag etwas Neues. In diesem Sinne hat Melissa bei Siemens die Gelegenheit, die Zukunft der Cybersecurity aktiv mitzugestalten.

Kreativer Teil von etwas Großem

Cybersecurity ist auf beiden Seiten des Atlantiks ein wachsendes Berufsfeld. Für Erlangen entschied sich Melissa unter anderem auch deshalb, weil ihr die dynamische Innovations- und Arbeitskultur von Siemens imponierte. Sie ermöglicht aufstrebenden Talenten wie Melissa, als Teil von etwas Großem Neues voranzutreiben und sich gleichzeitig individuell zu entfalten.

 

Als Melissa vor sechs Jahren zu Siemens kam, kannte sie sich bereits bestens mit industriellen Steuerungssystemen aus, wusste aber nur wenig über Netzwerktechnik. Bei anderen Kollegen war es genau umgekehrt. Schließlich gibt es für Industrial Cybersecurity noch keine Ausbildung, die beide Bereiche kombiniert. Daher investiert Siemens mit umfassenden Schulungen in die Köpfe des Teams und unterstützt sie dabei, mit Eigeninitiative ihren Horizont zu erweitern. Diese Möglichkeit nutzt Melissa, um sich in einem MBA-Studiengang im Bereich International Business mit dem Ziel einer zukünftigen Rolle als Führungskraft weiterzuentwickeln. Dafür reist sie einmal monatlich nach London, was sich dank der Unterstützung ihres Teams gut mit ihrer Arbeit vereinbaren lässt.

 

Für so manchen Zugezogenen mag die mittelfränkische Kultur schon exotisch genug sein. Melissa hingegen kann hier gar nicht genug vom interkulturellen Flair kriegen. „Siemens ist eines dieser großen Unternehmen, wo du dich in einem Meeting mit zehn Menschen zusammensetzt, die gut möglich aus fünf verschiedenen Ländern kommen. Ich liebe einfach die Vielfalt in Perspektiven, Kulturen und Sprachen, die ein internationales Team bietet. Das ist ein Umfeld, in dem ich aufblühe.“ Wer die dynamische Atmosphäre der Tech-Gemeinschaft sucht, muss innerhalb Deutschlands nicht nur nach Berlin blicken, ist sie überzeugt.

 

Melissa hat in einem vermeintlichen Männerberuf ihr Glück gefunden. Zwar sollte das in einer idealen Welt normal sein. Dennoch begegnet sie auch heute noch immer wieder Vorurteilen. „Ich war eine von zwei Frauen in meinem Nukleartechnik-Studiengang. Daher kenne ich die Regeln in diesem Spiel seit langem und weiß, wie ich sicherstelle, meiner Stimme Gehör zu verschaffen. Eines Tages sind hoffentlich 20 Prozent oder mehr aller Beschäftigten in Cybersecurity, Automation und Steuertechnik Frauen“, betont Melissa.