Warum wir manchmal Dinge zerstören müssen, um sie zu verbessern

Future Maker Caroline Cassignol

Ein niedriger CO2-Ausstoß ist ein Schlüssel zum Erfolg in der Zukunft. Darum müssen Verkehrsmittel wie Züge und Flugzeuge leichter werden, denn dann verbrauchen sie weniger Energie. Carolines Ziel ist es, die Transportmittel mit Kunststoffen effizienter zu machen. Die Forschungswissenschaftlerin erzählt außerdem, wie der Blick in den Himmel ihre Fantasie anregt und was sie an Kunststoffen fasziniert.

Als kleines Mädchen schaute Caroline Cassignol Flugzeugen zu, die über ihr Zuhause in Südwestfrankreich flogen. „Die Sommernächte sind dort sehr warm“, erzählt Caroline. „Man kann endlose Stunden draußen verbringen und in den Himmel schauen.“ Die Flugzeuge der nahegelegenen Airbus-Fabrik weckten Carolines Interesse. Dabei faszinierten sie besonders die Materialien, die verwendet werden, um das Fliegen zu ermöglichen.

Liebe zur Mobilität brachte Schwung in die Karriere

„Ich finde es toll, dass unsere Gesellschaft so mobil ist. Darum liebe ich auch Züge und Flugzeuge. Mein Ziel ist es, sie leichter und effizienter zu machen“, erklärt Caroline. Je leichter ein Produkt ist, desto weniger Energie wird verbraucht, um es von A nach B zu bringen. „Transportmittel der Zukunft müssen einen niedrigeren CO2-Ausstoß haben als heute“, sagt sie. Hier kommt Kunststoff ins Spiel, denn einer der größten Vorteile dieses Materials ist das Gewicht.

 

„Hohe Festigkeit und leichtere Komponenten haben mich schon immer fasziniert. Kein Wunder, dass ich den Weg Richtung Materialwissenschaften eingeschlagen habe.“ Nach ihrem Abschluss an der Universität hat sie bei Airbus ihren Doktor gemacht. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag auf Verbundmaterialien. Danach arbeitete sie beim Max-Planck-Institut für Polymerforschung in Mainz und für die European Synchrotron Radiation Facility im französischen Grenoble. Dann stieg sie bei Siemens ein und wurde zur Expertin für alle Fragen rund um Kunststoffe, die so vielseitig einsetzbar und unersetzlich sind. 

Alleskönner Kunststoff

Kunststoffe stecken in fast allem, was wir kaufen. Das ist kein Wunder, denn das Material ist sowohl fest als auch gut formbar und leicht. Technische Kunststoffe findet man genauso in Mikrochips wie in Raketenschiffen und eben diese Vielfalt begeistert Caroline so sehr, dass sie eine Expertin in diesem Bereich wurde. „Kunststoff besteht aus mehreren Komponenten: Man mischt Fasern oder Füllstoffe und weitere Additive zu einer Formulierung. Die richtige Mischung schafft genau die Eigenschaften, die man braucht.“

 

Caroline hilft anderen dabei, die perfekte Formulierung zu finden, und sie unterstützt sie, wenn ein bestimmtes Material nicht so funktioniert, wie man es sich wünscht. „Ich bin eine Art Sherlock Holmes für Materialien“, erzählt Caroline lachend. „Das Faszinierende an der Corporate Technology ist, dass man mit allen Abteilungen zusammenarbeitet. Die Produktspanne reicht von Bestandteilen aus der Mikroelektronik bis zu Motoren für Elektro-Flugzeuge.“ 

 

Ihr Arbeitsplatz befindet sich seit zehn Jahren in der Firmenzentrale in München – in der Abteilung Material Design und Fertigungstechnologien. Mit ihr arbeiten hier andere Experten: Chemiker, Materialwissenschaftler und Physiker. Sie kennen sich aus mit Kunststoffen, Metall, Keramik, Mineralien und Halbleitern. Um damit bis ins kleinste Detail vertraut zu werden, braucht man Jahre. Caroline und ihr Team helfen auch vor Ort in anderen Firmen, wenn schon alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind. 

Fehler ganz genau untersuchen

Wenn ein Produkt nicht funktioniert, muss der Hersteller es sofort zurückrufen. Jede Sekunde, in der es nicht am Markt ist, stellt für die Firma ein Problem dar. Darum muss das Team sorgfältig nach dem richtigen Ansatz suchen. „Analysen sind aufwändig“, erklärt Caroline. „Wir gehen deswegen Schritt für Schritt vor und überlegen immer wieder, was sinnvoll ist und was nicht. Wir arbeiten sehr gründlich und machen weitere Analysen nur, wenn sie nötig sind. Manchmal müssen wir aber auch etwas zerstören, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.“

 

Um erfolgreich zu sein, braucht man Teamgeist. Denn Fehler zu suchen, ist wie ein Rennen gegen die Uhr. Darum bringt das Team sein ganzes Wissen ein, um eine Lösung zu finden. Gibt es ein Problem, überprüfen es alle gemeinsam. 

Caroline fördert Frauen in den MINT-Fächern

Caroline liebt ihren Beruf und sie möchte Forschungswissenschaften leichter zugänglich machen. 2017 organisierte sie darum ein Wissenschaftscamp für Jungen und Mädchen, das Finalist beim Siemens Award wurde. „Wir haben sie zu uns eingeladen und mit ihnen 3D-Druck, Codierung und Robotik ausprobiert“, erzählt sie. „Wir wollten ihnen zeigen, wie innovativ Siemens ist.“

In ihrer Freizeit koordiniert Caroline ein Netzwerk, das Frauen ermutigen will, in der MINT-Welt Karriere zu machen. „Wir möchten ihnen mehr Sichtbarkeit geben und ihnen den Weg nach oben erleichtern.“ 

 

Im Moment sind nur 23 Prozent der Belegschaft bei Siemens Frauen. Im gehobenen Management sind sogar nur 13 Prozent der Topjobs an Frauen vergeben. Aber mit entsprechendem Training und einem speziellen Netzwerk wird die Zahl bis 2022 deutlich steigen. „Frauen haben hier gute Chancen“, erzählt Caroline. „Es wurden Führungskräfteprogramme entwickelt, um ihren Anteil in Management-Positionen zu erhöhen und wir bieten Coaching, Mentoringprogramme und viele Netzwerk-Initiativen an.“ Auch wenn es wie ein Klischee klingt: Für sie ist höchstens der Himmel unerreichbar.

Hinweis: Bei der Bezeichnung von Personen sind stets Personen jeglichen Geschlechts gemeint.