Gelebte Eigentümerkultur

Aus Mitarbeitern werden Teilhaber des Unternehmens

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Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Unternehmenserfolg teilhaben zu lassen und dadurch ihre Loyalität gegenüber dem Konzern zu fördern, das ist Ziel der Mitarbeiterbeteiligung und zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur von Siemens heute. Dahinter steckt die Überzeugung, dass Mitarbeitende, die Eigentümer ihres Unternehmens sind, sich stärker mit ihm identifizieren. Sie sind motivierter und engagierter, übernehmen Verantwortung und handeln im Sinne eines langfristigen Unternehmenserfolgs. Weltweit gibt es aktuell mehr als 188.000 Mitarbeiteraktionäre (Stand September 2021; Siemens AG und Siemens Healthineers AG) – das sind rund 64 Prozent der insgesamt 293.000 Beschäftigten. Seit 1969 haben unsere Mitarbeiter in Deutschland die Möglichkeit, Aktien der Siemens AG zu Vorzugskonditionen zu erwerben, doch die Geschichte der Teilhabe bei Siemens beginnt viel früher.

Pioniere – Siemens beteiligt seine Beschäftigten schon im 19. Jahrhundert am Unternehmenserfolg 

Schon Werner von Siemens hat die Vision, Mitarbeiter zu Eigentümern des Unternehmens zu machen. Bereits 1858 werden die Beschäftigten von Siemens & Halske erstmals am Gewinn der Firma beteiligt. Acht Jahre später führt Werner von Siemens eine Inventurprämie ein, mit der die Siemensianer über den regulären Lohn hinaus am gemeinsam erwirtschafteten Gewinn partizipieren. 1927 belebt sein Sohn Carl Friedrich, der damalige „Chef des Hauses“, dieses Element der betrieblichen Sozialpolitik neu, indem er eine vom Geschäftserfolg abhängige jährliche „Abschlussprämie“ für Tarifangestellte und Arbeiter etabliert. Nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs und einer Übergangsphase des Wiederaufbaus entschließt sich die Firmenleitung 1951 angesichts der günstigen Geschäftsentwicklung für die Wiedereinführung der Erfolgsbeteiligung; eine Entscheidung, mit der man die Tradition aus früheren Jahren fortschreibt.

Wenn das Ergebnis eines Geschäftsjahres es uns möglich macht, eine Dividende zu zahlen, dann wollen wir auch die Belegschaft, die zu diesem günstigen Ergebnis beigetragen hat, an diesem Erfolg teilhaben lassen. 
Hermann von Siemens, 12. Oktober 1951

Neue Wege der Erfolgsbeteiligung – Siemens führt die Belegschaftsaktie ein

Als es in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre konjunkturbedingt zu einer Kürzung der Gewinnbeteiligung kommt, verständigt man sich darauf, die Belegschaft ersatzweise am Produktivvermögen des Hauses zu beteiligen. 1969 haben Mitarbeiter der Siemens AG in Deutschland erstmals Gele­genheit, Belegschaftsaktien zu einem Vorzugspreis von 156 DM zu erwer­ben; dieser Betrag entspricht dem halben Börsenkurs am Tag der Be­schlussfassung (23. Januar 1969). Gemäß den Richtlinien des Beleg­schaftsaktiengesetzes müssen weder auf die Differenz zwischen Vorzugs­preis und Börsenkurs noch auf den Kaufpreis selbst Sozialabgaben und Steuern gezahlt werden. Da der sogenannte geldwerte Vorteil 500 DM pro Person und Kalenderjahr nicht überschreiten darf, kann jeder teilnahmeberechtigte Beschäftigte maximal drei Siemens-Aktien erwerben, die einer gesetzlich vorgeschriebenen Sperrfrist von fünf Jahren unterliegen. 

Mit dem stetig steigenden Umsatzvolumen und der sich verbessernden Ertragslage nimmt der innere Wert des Unternehmens zu. An diesem Wertzuwachs sollen nach dem Willen der Firmenleitung künftig breitere Kreise der Belegschaft teilnehmen können. Das Angebot, Belegschaftsaktien zu erwerben, ist dazu ein kräftiger Anreiz.
Siemens-Mitteilungen, Februar 1969

Ein begehrtes Angebot – Von der Belegschaftsaktie zum „Share Matching Program“ 

Im Frühjahr 1969 werden 135.725 Belegschaftsaktien mit einem Nominal­wert von 6,8 Millionen D-Mark ausgegeben. Der Erfolg dieser ersten Aktion – 24 Prozent der Siemens-Mitarbeiter in Deutschland machen von dem „allgemeinen Angebot“ Gebrauch – ermutigt die Geschäftsleitung, auch in den kommenden Jahren Stammaktien zu Vorzugspreisen anzubieten. Von Anfang an gibt es Überlegungen, auch den Mitarbeitern außerhalb Deutschlands Siemens-Aktien zum Kauf anzubieten. Entsprechend ist es grundsätzlich allen Landesgesellschaften freigestellt, sich an den Aktienaktionen zu beteiligten; die Differenz zwischen Börsenkurs und Vorzugspreis soll von den Landesgesellschaften getragen werden. Doch obwohl mehrere Gesellschaften Interesse an dieser Form der Mitarbeiterbeteiligung zeigen, scheitert eine Annahme des Angebots an zahlreichen lokalen Besonderheiten. Einzig Siemens Niederlande bietet seinen Mitarbeitern ab 1975 Aktien zum Vorzugspreis an.

In Deutschland entwickelt sich das Siemens-Aktienprogramm im Verlauf der vergangenen 50 Jahre zu einem integralen Bestandteil der Mitarbeiterorientierung. Angesichts der hohen Nachfrage beschließt die Unternehmensleitung im Jahr 2008, die Beteiligung der Mitarbeiter und Führungskräfte am wirtschaftlichen Erfolg im Sinne einer aktienorientierten Unternehmenskultur auszuweiten.

 

Alle Mitarbeiter weltweit und über sämtliche Hierarchieebenen hinweg erhalten die Chance, sich am Erfolg von Siemens zu beteiligen. Unter Beachtung der jeweils landesspezifischen Gegebenheiten werden Mitarbeiter-Aktienprogramme aufgelegt. Besonders erfolgreich ist das im Jahr 2008 eingeführte „Share Matching Program“. Mitarbeiter, die ihre Aktien drei Jahre lang auf dem Depot des von Siemens benannten Dienstleisters halten, bekommen für je drei dieser Aktien eine zusätzliche Siemen-Aktie („Matching Aktie“).

 

Heute ist das jährlich angebotene globale Siemens-Aktienprogramm eines der weltweit größten Mitarbeiteraktienprogramme: Mehr als 100.000 Mitarbeiter und damit nahezu 45 Prozent aller berechtigten Mitarbeiter investierten 2021 in ihr Unternehmen. Ergänzend hat die Siemens AG im Rahmen des globalen Aktienprogramms im abgelaufenen Geschäftsjahr rund 490.000 kostenlose Bonusaktien an Mitarbeiter ausgeschüttet. Zusammen halten die Siemens-Belegschaftsaktionäre einen Anteil von ca. drei Prozent aller Siemens-Aktien – und gehören damit zu den größten Siemens-Investoren.

Aktienbesitz ist ein Kernaspekt der Siemens-Eigentümerkultur: Es soll jeden Mitarbeiter dazu motivieren, persönliche Verantwortung für das eigene Handeln im Unternehmen zu übernehmen, sodass der langfristige Erfolg des Unternehmens gesichert ist.
Siemens Nachhaltigkeitsinformationen 2020

 

 

Sabine Dittler | Dr. Claudia Salchow

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Weiterführende Informationen zu dem Thema
Zum Weiterlesen

Almuth Bartels, Monetarisierung und Individualisierung. Historische Analyse der betrieblichen Sozialpolitik bei Siemens (1945–1989), Stuttgart 2013, S. 126–203