In Alarmbereitschaft

S&H gründet vor 120 Jahren eine Werksfeuerwehr

Anfang Juli 1901 wird im Kabelwerk Westend von Siemens & Halske (S&H) eine Werksfeuerwehr gegründet. Die 32 freiwilligen Mitglieder sind auf ihre neue Aufgabe durch eine Spezialausbildung entsprechend vorbereitet. 1921 wird die Werksfeuerwehr offiziell als Berufsfeuerwehr anerkannt. Jahrzehntelang erstreckt sich deren Zuständigkeit nicht nur auf Siemensstadt, sondern auf mehrere Spandauer Stadtteile. Wenn es beispielsweise in Hakenfelde oder Haselhorst brennt, rückt die Berufsfeuerwehr von Siemens aus.

Vom unkontrollierten Chaos zu geordneten Verhältnissen – Die Berliner Berufsfeuerwehr wird gegründet

Als Werner von Siemens und Johann Georg Halske 1847 ihre Werkstatt öffnen, liegt die Brandbekämpfung in Berlin noch im Argen. Wer nachts ein Feuer bemerkt, muss darauf durch lautes Schreien aufmerksam machen oder den nächsten Nachtwächter informieren, der dann Feueralarm bläst. Das Signal greifen andere Nachtwächter auf, wobei der kollektiv erzeugte Lärm die überwiegend nebenberuflich beschäftigten und schlecht bezahlen Löschmannschaften in Bewegung versetzen soll. Doch diese suchen zunächst ihre Bekleidung, Spritzen und Schläuche zusammen und warten anschließend auf die Bereitstellung von Pferden für den Transport der Utensilien, so dass viel wertvolle Zeit verrinnt. Wo ein Gebäude in Flammen steht, lässt sich oft nur schwer ermitteln, und sind die Löschmannschaften endlich vor Ort, haben sie es mit widersprüchlichen Anweisungen der herbeigeeilten Behördenvertreter zu tun. Angesichts dessen machen die Löschmannschaften was sie wollen oder aber sie tun gar nichts, wie einem zeitgenössischen Bericht zu entnehmen ist.

 

Dass die Brandbekämpfung in der Stadt dringend reformiert werden muss, wird zwar in dieser Zeit schon lange gefordert, jedoch erst im Zuge der Ernennung von Ludwig Carl Scabell zum Königlichen Branddirektor konsequent umgesetzt. Der Tag seiner Berufung – der 1. Februar 1851 – gilt als Gründungsdatum der Berliner Feuerwehr, der ersten Berufsfeuerwehr Deutschlands. Ludwig Carl Scabell unterteilt die Stadt in mehrere Brandinspektionen und richtet über 20 personell und technisch gut ausgestattete Feuerwachen ein.  Seine hauptamtlichen Feuerwehr- und Spritzenmänner rekrutiert er zum einen aus dem Kreis der 18- bis 40-jährigen Bauhandwerker, die speziell geschult werden. Zum anderen schätzt er Bewerber, die ihren Militärdienst absolviert haben, weil – nach eigener Aussage – „jedes Corps, bei dem es auf pünktliche Ausführung ineinandergreifender Operationen auf Befehl ankommt, […] durchaus militärisch organisiert sein muss […]“. Was in Summe überzeugend konzipiert ist und Wirkung zeigt, quittieren die sprachwitzigen Berliner mit dem Spruch führt: „Gebrochen ist des Feuers Macht, seitdem Scabell darüber wacht!“

Im Interesse größerer Sicherheit – Die Berliner Feuerwehr nutzt auch Technik von S&H

Das neue Brandschutzsystem funktioniert auch deshalb hervorragend, weil Technik von S&H zum Einsatz kommt: Im Juni 1851 erteilt der Königliche Branddirektor der Telegraphen-Bauanstalt den Auftrag, die Berliner Feuerwehr mit einem modernen Brandmeldesystem auszustatten. 1852/1953 bekommt sie ein mit Alarmweckern ausgestattetes Zeigertelegrafennetz, an das sämtliche Feuerwachen sowie mehrere Polizeibüros angeschlossen sind, so dass an insgesamt 36 Stationen Feuermeldungen abgegeben werden können. Da die Stationen auch untereinander Informationen austauschen können, entfällt das Rätselraten um den Ort des Brandgeschehens und die Löschzüge in der erforderlichen Personalstärke setzen sich so schnell wie möglich in Bewegung.


Von den Neuerungen, die Ludwig Carl Scabell einführt, profitieren im Ernstfall auch die im Laufe der Jahre kontinuierlich ausgeweiteten Werkstätten von S&H in der Markgrafenstraße, denn die Berliner Hauptfeuerwache befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft. Ähnlich günstig gestaltet sich die Situation am Askanischen Platz: Wenige Häuser neben dem Verwaltungsgebäude von S&H ist eine Feuerwache. In Charlottenburg, wohin S&H 1884 seine Kabelfertigung verlegt, gibt es seit 1866 eine freiwillige Feuerwehr und später eine Berufsfeuerwehr. 

Die Herrn Siemens u. Halske übernehmen, die von dem Königlichen Polizei Präsidio beabsichtigte Anlage eines Telegraphen in der Stadt Berlin für das Feuerlöschwesen und für polizeiliche Zwecke dergestalt tüchtig und gut auszuführen, daß dagegen bei der Abnahme nichts eingewendet werden kann.
Auszug aus § 1 des Vertrags zwischen dem Königlichen Branddirektor und S&H, 20. Juni 1851

Angesichts dieser prekären Situation wird im Frühjahr 1901 beschlossen, eine aus Freiwilligen bestehende Werksfeuerwehr zu etablieren. Aus dem Kreis der an dieser Tätigkeit Interessierten werden 32 Männer ausgewählt, die bei der Charlottenburger Berufsfeuerwehr eine entsprechende Ausbildung absolvieren. Am 1. Juli 1901 ist es bereits soweit: Der Direktion des Kabelwerks wird die neue Werksfeuerwehr präsentiert.  

 

Die Feuerwehr ist in vier Züge eingeteilt, die jeweils aus einem Oberfeuerwehrmann, drei sogenannten Sappeuren – das sind die Herren mit der Spitzhacke – und vier Feuerwehrleuten bestehen. Um den Anforderungen fortlaufend zu genügen, finden jeden Sonnabend nach Betriebsschluss Feuerwehrübungen statt. Das zahlt sich aus: Im ersten Jahre ihres Bestehens löscht die Werksfeuerwehr erfolgreich ein durch Selbstentzündung entstandenes Großfeuer im Putzmittelsortierraum, zwei Mittelfeuer in der Hartgummimühle und in der Schwefelkocherei sowie vier Kleinfeuer. Die Kategorisierung der Feuer nach Größe bzw. Intensität ist notwendig, um die jeweils erforderliche Ausrüstung und Personalstärke zur Brandbekämpfung bestimmen zu können. Sie richtet sich nach der gängigen Praxis.

 

Die 1901 eingerichtete Werksfeuerwehr ist die erste ihrer Art in Spandau, Charlottenburg und Berlin. Die Geschichte der Werksfeuerwehr(en) bei Siemens ist jedoch älter: Seit September 1899 bestehen in den Österreichischen Siemens-Schuckertwerken in Wien und bei den Siemens-Schuckertwerken (SSW) in Nürnberg Fabrikfeuerwehren. In den folgenden Jahren richten S&H und SSW auch an anderen in- und ausländischen Fertigungsstandorten Fabrikfeuerwehren ein.

Hilfe zur Selbsthilfe – Das Kabelwerk Westend richtet eine Werksfeuerwehr ein

Im Berliner Werk in der Markgrafenstraße, im Verwaltungsgebäude am Askanischen Platz und im Charlottenburger Werk am Salzufer sind Maßnahmen des vorbeugenden Brandschutzes von Anfang an für die Firmenleitung selbstverständlich. Dazu gehört nicht nur die Ausstattung der Gebäude mit Handlöschern, Schläuchen und Strahlrohren, sondern auch die Unterweisung von Beschäftigten in der Bedienung der Geräte.

 

Es ist davon auszugehen, dass auch im Kabelwerk Westend, das 1899 den Betrieb aufnimmt und die Keimzelle der künftigen Siemensstadt bildet, alle relevanten Brandschutzvorkehrungen mitgedacht und umgesetzt werden. Doch der Spandauer Standort mit seiner feuergefährlichen Fertigung hat ein gravierendes Problem: Er liegt, wie der Berliner sagt, Jottwehdeh, das heißt „janz weit draußen“, und damit viel zu weit entfernt von den Feuerwehren der selbständigen Städte Berlin, Charlottenburg und Spandau.

Gefährlicher Zwischenfall – Im Charlottenburger Werk brennt der Dachstuhl 

Von welch immenser Bedeutung die räumliche Nähe zu den städtischen Feuerwehren ist, verdeutlicht der Großbrand eines Dachstuhls des Charlottenburger Werkes an einem Sonntag im März 1902, den ein Wächter gegen 09:45 Uhr bemerkt. Als Arnold von Siemens, den man umgehend telefonisch von dem Vorfall in Kenntnis setzt, am Ort des Geschehens eintrifft, sind Feuerwehren aus Charlottenburg und Berlin schon mit der Brandbekämpfung befasst. Dass ein Teil des Dachstuhls einstürzt, können sie allerdings nicht verhindern. Folgt man der Berliner Tagespresse, die über das Ereignis berichtet, dauern die Löscharbeiten anderthalb Stunden, wobei unter anderem mehrere Dampf- und Druckspritzen sowie elf Schlauchleitungen zum Einsatz kommen. Trotz eines Gesamtschadens von geschätzten 100.000 Mark kann die Arbeit im Werk am Montagmorgen uneingeschränkt wieder aufgenommen werden. 

Dank der feuerfesten Konstruktion der Decke und des Estrichfußbodens […] ist das Feuer nicht nach unten in die Tischlerei durchgeschlagen. Das Wasser dagegen drang in Strömen durch und es war das reinste Brausebad.
Arnold von Siemens, 24. 03. 1902

In bewährter Tradition – Das Wernerwerk bekommt ebenfalls eine Fabrikfeuerwehr

Anfang des Jahres 1905 nimmt das Wernerwerk den Betrieb auf. Da dieser Standort ebenso wie das Kabelwerk Westend zu weit entfernt von städtischen Feuerwehren liegt, wird hier ebenfalls eine freiwillige Fabrikfeuerwehr eingerichtet. Bei der Qualifizierung von Mitarbeitern zu Feuerwehrleuten beschreitet man allerdings einen neuen Weg: Ein Fachmann der Charlottenburger Feuerwehr wird als Brandmeister eingestellt und übernimmt die Ausbildung. 

Während die Feuerwehrleute im Kabelwerk von Anfang an auch an Sonn- und Feiertagen Bereitschaftsdienst versehen, wird das im Wernerwerk erst ab 1907 praktiziert – nachdem es an einem Wochenende gebrannt hat. Im Januar 1908 richtet das Wernerwerk einen Feuerwehr-Bereitschaftsdienst rund um die Uhr ein, für den zwölf Feuerwehrleute eingeteilt sind, die jeweils zwölf Stunden im Einsatz sind. Ab 1910 gehören zur Ausrüstung der Werksfeuerwehr unter anderem eine automobile Gasspritze und ein Krankenwagen.

 

Nach 1905 entstehen auf den einstigen Nonnenwiesen weitere Werke sowie Gebäude für die Administration und die Forschung, doch bei ihnen verzichtet man auf die Einrichtung eigener Feuerwehren. Die Unterweisung von Belegschaftsangehörigen im Feuerschutz und in der Bedienung der Feuermelder sowie der zur Verfügung stehenden Löschgeräte gehört dort allerdings ebenfalls zum Standard. 

Neues Bauprojekt in Siemensstadt – Eine Hauptwache wird errichtet

Ende 1911 beginnt die sukzessive Verlagerung der Fertigung des Kabelwerks West in den Spandauer Ortsteil Gartenfeld, im Februar 1912 kann dort die Produktion aufgenommen werden. In das Kabelwerk West zieht die Elektromotorenfertigung – allerdings ebenso wie im neuen Kabelwerk unter Verzicht auf eine eigene Werksfeuerwehr.

 

Anfang 1912 gibt es auf dem Areal, dessen offizielle Bezeichnung ab 1914 Siemensstadt lauten wird, folglich nur noch die Feuerwehr des Wernerwerks, der 18 Mann angehören. Doch die Zahl der Fabriken mit feuergefährlicher Fertigung und der Lager mit oftmals leicht entzündlichen und brennbaren Materialien und Flüssigkeiten ist groß, und die Entfernungen zwischen den einzelnen Produktionsstätten sind teilweise beträchtlich. Angesichts dessen beschließt die Unternehmensleitung, eine Hauptwache in vergleichsweise zentraler Lage, das heißt konkret zwischen Siemensstraße (Wernerwerkdamm), Rohrdamm und Brunnenstraße (Quellweg), zu errichten. Bereits Ende des Jahres 1912 kann das neue Gebäude, in dem außerdem eine Wohnung für den Branddirektor und das Telegrafenamt des Unternehmens untergebracht sind, bezogen werden. Damit ist die Feuerwehr auf dem riesigen Gelände ab sofort an zwei Standorten präsent: in der Hauptwache (Wache I) und im Wernerwerk (Wache II), das ebenfalls einen Fuhrpark mit Löschfahrzeugen unterhält.

Die von Siemens-Architekt Karl Janisch entworfene Hauptwache, deren architektonische Gestaltung Affinität zum zeitgleich entstehenden Verwaltungsgebäude am Nonnendamm aufweist, unterscheidet sich durch seinen repräsentativen Charakter deutlich von städtischen Feuerwachen. Welchem Zweck der Bau dient, hinter dessen Toröffnungen eine Fahrzeughalle zu vermuten ist, erschließt sich dem Unkundigen nicht.

Unter der Federführung des Janisch-Nachfolgers Hans Hertlein und nachfolgend der Siemens-Bauunion kommt es ab den späten 1920er-Jahren zu mehreren Erweiterungen der Hauptfeuerwache.

Nach Kriegsende wird das Feuerwehrpersonal aufgestockt, Ende des Jahres umfasst es bereits 64 Mann (Wache I/Hauptwache: 30, Wache II/ Wernerwerk: 18, Wache III/Kabelwerk Gartenfeld: 16). In dieser Stärke werden die Feuerwehren im Oktober 1920 disziplinarisch den SSW unterstellt; organisatorisch sind sie beim Werksicherheitsdienst (WSD) angesiedelt. Die Feuerwehren, denen es von städtischer Seite gestattet ist, die gleiche Uniform wie die kommunale Berufsfeuerwehr zu tragen, sind zu diesem Zeitpunkt für vier Spandauer Ortsteile zuständig. Zu ihren Aufgaben gehört neben dem vorbeugenden Brandschutz und der Brandbekämpfung unter anderem auch der Krankentransport, für den inzwischen zwei Krankenwagen zur Verfügung stehen. Für die Siemens-Werke im Spandauer Norden wird übrigens zehn Jahre später die Wache IV eingerichtet. 

Sinnvolle Verstärkung – Eine Werksfeuerwehr für das Kabelwerk Gartenfeld

Während des Ersten Weltkriegs bleibt die Feuerwehr des Wernerwerks in der Stärke von 18 Mann bestehen, doch durch Einberufungen zum Wehrdienst ändert sich ihre personelle Zusammensetzung ständig. Die Oberaufsicht über den Brandschutz in den Fabriken liegt in dieser Zeit allerdings bei den Behörden. Sie veranlassen im August 1915 eine Teilverlagerung der Spandauer Garnisonsfeuerwehr nach Siemensstadt in die dortige Hauptwache. Beide Feuerwehren unterstehen aber dem Branddirektor von Siemens. Im Oktober 1917 ordnen die Behörden darüber hinaus die Einrichtung einer Feuerwehr im Kabelwerk Gartenfeld an, deren Personal ebenfalls aus den Reihen der Spandauer Garnisonsfeuerwehr stammt. Nach Kriegsende wird die Garnisonsfeuerwehr in der Hauptwache aufgelöst. Die Besatzung der Feuerwehr im Kabelwerk Gartenfeld (Wache III), die innerhalb eines Jahres über 40 Feuer gelöscht hat, tritt hingegen in das Unternehmen ein.

Verdienter Lohn – Aus der Werksfeuerwehr wird eine Berufsfeuerwehr

1921 erkennen die Behörden die Werksfeuerwehren in Siemensstadt und im Kabelwerk Gartenfeld als hauptamtliche Berufsfeuerwehr an. Damit ist sie den kommunalen Berufsfeuerwehren gleichgestellt – auch auf der Ebene der Besoldung. Ihre Mitglieder bleiben aber Siemensianer. Die Berufsfeuerwehr ist in zwei Züge eingeteilt und besteht aus einem Branddirektor, einem Brandmeister, zwei Feldwebeln, acht Oberfeuerwehrmännern und 58 Feuerwehrmännern. Es wird ein 24-Stunden-Dienst versehen, auf den ein freier Tag folgt. Zum gut ausgestatteten Fuhrpark gehören zu diesem Zeitpunkt unter anderem drei automobile Motorspritzen, ein Stabswagen, ein Arbeits- und Gerätewagen, zwei Krankenwagen und eine automobile mechanische Leiter von 26 Meter Höhe. 

Die nunmehr für fünf Spandauer Stadtteile zuständige Berufsfeuerwehr ist so organisiert, dass sie 30 Sekunden nach einer Alarmmeldung ausrücken kann. Das muss sie beispielsweise am 12. November 1922, als aus dem Kabelwerk Gartenfeld eine Brandmeldung eintrifft. Vor Ort müssen die Feuerwehrmänner allerdings feststellen, dass es sich nicht – wie gemeldet – um ein Mittelfeuer handelt, sondern um einen verheerenden Großbrand, bei dessen Bekämpfung sie auf Unterstützung angewiesen ist. Die Löscharbeiten, an denen sich auch Feuerwehren aus Spandau, Charlottenburg, Berlin und Wilmersdorf mit insgesamt 21 Schlauchleitungen beteiligen, erstrecken sich über viele Stunden. Einer der Männer der Berufsfeuerwehr kommt bei diesem Einsatz ums Leben, ein weiterer wird schwer verletzt.

Auf eine nie geklärte Weise brach […] in einer dieser Hallen Feuer aus und setzte sich mit enormer Geschwindigkeit fort, da das Feuer an den Lagereinbauten überall Nahrung fand. Durch die Hitze verbogen sich die dünnen Eisenkonstruktionen und trugen zum raschen Einsturz großer Hallenflächen bei.
Hans Hertlein, 1959

Beeindruckende Zahlen – Die Berufsfeuerwehr zieht Bilanz

Da die Berufsfeuerwehr in der Traditionslinie der Werksfeuerwehr des Kabelwerks Westend steht, ist es 1926 an der Zeit, auf die eigene Geschichte zurückzublicken. Seit 1901 wurden 51 Groß-, 183 Mittel- und 580 Kleinfeuer gelöscht. Hinzu kommen die Krankentransporte: Allein im Geschäftsjahr 1924/25 sind es 1.442 mit einer Gesamtfahrstrecke von 26.393 Kilometern. Jenseits der Einsätze gibt es die dem vorbeugenden Brandschutz dienenden Kontrollgänge: Die Berufsfeuerwehr muss in den Siemensstädter Werken und im Charlottenburger Werk insgesamt 1.357 Hydranten, 5.467 Handfeuerlöscher und 1.522 Schläuche regelmäßig zu überprüfen. Nebenbei bemerkt: Die Gesamtlänge der Schläuche in den Werken und bei der Berufsfeuerwehr beträgt 1926 stolze 34,4 Kilometer. 

In den folgenden Jahrzehnten wird aus gegebenem Anlass wiederholt bilanziert, so auch im Jubiläumsjahr 1981: Auf dem Konto der Feuerwehr stehen seit 1901 über 25.000 Einsätze, darunter die Bekämpfung von über 6.700 Bränden, bei denen es sich in 257 Fällen um Großbrände handelt. Seit 1976 kommt sie im Durchschnitt auf 620 Einsätze pro Jahr, davon entfallen rund 45 auf die Brandbekämpfung. Seit der Anschaffung des ersten Krankenwagens im Jahre 1910 kann sie darüber hinaus den Transport von mehr als 85.000 Personen vorweisen.

 

Die Feuerwehr, die seit ihrem Wiederaufbau nach 1945 je eine Wache in Siemensstadt und im Kabelwerk Gartenfeld unterhält, hat 1981 knapp 50 Mitarbeiter. Man hätte der Feuerwehr sehr gewünscht, dass sie ihr 100-jährigen Bestehen feiern kann, doch dazu kommt es nicht mehr. Ausschlaggebend für ihre Auflösung Mitte der 1990er-Jahre sind interne Gründe – sowohl des Unternehmens als auch der Berliner Feuerwehr. Als Alternative für den Ernstfall eröffnet die Berliner Feuerwehr 1996 die von Siemens finanzierte Wache Haselhorst. Dass die Brandbekämpfung in kommunale Hände übergeben wird, ist kein Einzelfall. Auch andere Siemensstandorte, die ursprünglich über eine Fabrikfeuerwehr verfügten, vollziehen diesen Schritt.

Vor Unbill nicht gefeit – Im Hause Siemens steht die Küche in Flammen

Zurück zum Firmengründer. Dass ausgerechnet in der Siemens Villa ein Brand ausbricht und der Hausherr auf die Unterstützung der städtischen Feuerwehr angewiesen ist, kann als Ironie des Schicksals bezeichnen werden. Am Abend des 24. Januar 1890 ist es im Charlottenburger Domizil von Werner von Siemens, seiner zweiten Ehefrau Antonie und den gemeinsamen Kindern Hertha und Carl Friedrich vergleichsweise still, da weder Verwandte noch Bekannte zu Besuch sind. Hertha nutzt die Mußestunden, um ihrer Halbschwester Anna, einer Tochter aus Werners erster Ehe, einen Brief zu schreiben. „Von hier kann ich Dir nur Gutes berichten“, fasst sie die Ereignisse der letzten Tage zusammen. Kaum steht dieser Satz auf dem Papier, hat er auch schon an Gültigkeit verloren: In der Küche der Villa brennt es, nachdem sich Gas, das aus einem lecken Rohr ausgetreten ist, entzündet hat. Zusammen mit den Hausangestellten versuchen Werner und Carl Friedrich das Feuer zu löschen. Als die Feuerwehr ankommt, scheint der Brand bereits unter Kontrolle zu sein, doch dann flammt er wieder auf und droht auf andere Räume überzugreifen, so dass man sich veranlasst sieht, im über der Küche gelegenen Esszimmer die Gardinen abzureißen, die Schränke zu leeren und schließlich den Fußboden aufzubrechen, um das Feuer von dort aus zu bekämpfen, was schließlich auch gelingt. 

Das Haus wimmelte von Menschen, Feuerwehrmännern, Polizisten, Schornsteinfegern, Geheimpolizisten, sämtlichen Hausbewohnern, dazu Feuerwehr mit ihren Fackeln auf der Straße […].
Hertha von Siemens, 25. Januar 1890

Der entstandene Schaden sei überschaubar, lässt Hertha ihre Halbschwester am nächsten Tag wissen: ein Loch im Esszimmerfußboden, durch das man in die Küche sehen kann, und Einschränkungen in der Küchennutzung, bis eine neue Decke eingezogen ist.  „Doch wie wenig empfindet man ein kleines Unglück“, so ihr Resümee, „wenn ein großes verhütet worden ist.“ 

 

Dr. Claudia Salchow