Verwaltungsgebäude Siemensstadt Berlin, 1925

Siemens in Deutschland 

Eine Standortgeschichte

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Ursprünglich ist Siemens eine Berliner Firma. 1847 in der Hauptstadt gegründet, strebt das Unternehmen aber schnell über die Grenzen der Metropole hinaus. Doch auch wenn Siemens schon sehr früh international aktiv ist und heute als Paradebeispiel für ein global aufgestelltes Unternehmen gilt: Während der gesamten Firmenhistorie ist Deutschland ein wichtiger Markt, ein starkes Fundament für die Innovationen im Produktportfolio und ein bedeutender Ausgangspunkt für das weltweite Geschäft von Siemens. Verfolgen Sie die Geschichte der Siemens-Standorte in Deutschland, vom 19. Jahrhundert bis heute.
Standort Berlin

Die Geburtsstätte eines Weltunternehmens

Mit der Konstruktion seines Zeigertelegrafen legt Werner von Siemens gemeinsam mit seinem Partner Johann Georg Halske 1847 in Berlin den Grundstein für die Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelt sich die ursprüngliche Zehn-Mann-Werkstatt in einem Berliner Hinterhof zu einem der weltweit größten Elektrounternehmen, das zu seiner Heimatstadt noch immer eine enge Bindung unterhält. Berlin als Gründungsort nimmt bis heute einen besonderen Stellenwert ein und kann als „Siemens-Standort“ auf die wechselvollste Geschichte in Deutschland zurückblicken.

 

Zu Beginn der 1890er-Jahre arbeiten bereits mehr als 3.000 Menschen für Siemens in Berlin und dem damals noch eigenständigen Charlottenburg. Die kleine Hinterhofwerkstatt im heutigen Berlin-Kreuzberg, in der Siemens einst mit zehn Arbeitern begann, ist zu diesem Zeitpunkt längst Vergangenheit. Und sowohl das 1858 bezogene sogenannte Berliner Werk in der Markgrafenstraße als auch die 1884 errichtete Charlottenburger Fabrik werden zur Jahrhundertwende zu klein und bieten den Tausenden von Mitarbeitern nicht mehr genug Platz. Der anhaltende Boom am Markt der Elektroindustrie zwingt die Firmenleitung, neue Wege zu gehen: 1897 unternimmt sie die ersten konkreten Schritte und schafft einen der größten und modernsten Industriestandorte der Welt. Es ist die Geburtsstunde der Siemensstadt.

Das historische Vertriebsnetz

Technische Büros für mehr Kundennähe

Siemens & Halske orientiert sich von Beginn an, was den Verkauf und die Installation elektrischer Telegrafenapparate und -linien betrifft, über den Berliner Raum hinaus. Im Bereich der Schwachstromtechnik reicht zunächst ein zentralisierter, von Berlin aus gesteuerter Vertrieb noch aus, doch ab den 1880er-Jahren ist angesichts des Aufstiegs der Starkstromtechnik ein Umdenken angesagt. Weil in diesem Geschäftsfeld der Kreis der Privatkunden wächst, müssen die Vertriebsstrukturen dezentralisiert werden. Vorerst überträgt Siemens den Vertrieb auf externe Partner, meist auf in den Städten ansässige spezialisierte Ingenieure, die ihre Dienstleistungen auf die neue Starkstromtechnik verlegen und Ingenieurbüros eröffnen. Im Vordergrund stehen der Verkauf und die Installation von Dynamomaschinen, elektrischen Bogenlampen und später Glühlichtanlagen.

 

Das praktizierte Vertriebssystem, das „Vertretergeschäft“, hat jedoch Nachteile: Es mangelt an Kundennähe; vor allem fehlt es an wichtigen Rückmeldungen über die Qualität der Produkte und die geleisteten Installationsarbeiten. Vorrangiges Ziel ist es ab 1885 daher, ein dichtes Netz eigener Vertriebsstellen, sogenannter Technischer Büros, zu schaffen, die eine enge Fühlungnahme zum Kunden herstellen und umfassende Beratungs- und Planungsdienstleistungen anbieten sollen. Das erste dieser Technischen Büros richtet Siemens 1890 in München ein, viele weitere folgen: 1890: Düsseldorf und Köln, 1892: Dresden, 1897: Dortmund, Leipzig und Erfurt, 1898 Hamburg, 1901 Kiel, 1904 Rostock. Aus etlichen dieser Büros entstehen später Siemens-Standorte, vor allen Dingen in Deutschland, später auch im Ausland.

Standorte in Bayern

Siemens wandert in den Süden der Republik

Bayern und dort besonders München und Erlangen nehmen in der Standortgeschichte von Siemens in Deutschland eine Sonderstellung ein, da sich nach dem Zweiten Weltkrieg der Hauptsitz des Unternehmens dorthin verlagert. Zwar reichen die Ursprünge der geschäftlichen Aktivitäten von Siemens & Halske in Bayern ins Jahr 1856 zurück, als ein Lieferabkommen über Zeigertelegrafen mit der Königlich Bayerischen Eisenbahndirektion geschlossen wird, doch die eigentliche Keimzelle von Siemens im Freistaat ist die Gründung des Technischen Büros in München im Jahr 1890. Die Residenzstadt entwickelt sich nach und nach zum Herzen von Siemens in Bayern, mit verschiedenen Standorten in der Isarmetropole.

Siemens in München

Erlangen und Nürnberg

Neben München entwickeln sich allen voran Erlangen und Nürnberg zu wichtigen Siemens-Standorten in Bayern. 1873 gründet der Feinmechaniker und Telegrafenbauer Sigmund Schuckert in Nürnberg eine kleine Werkstatt für Dynamometer und Messgeräte. 1903 werden die Fertigungsstätten der „Elektrizitäts-Aktiengesellschaft vormals Schuckert & Co.“ mit den starkstromtechnischen Abteilungen von Siemens & Halske zu den Siemens-Schuckertwerken fusioniert. Nürnberg steigt zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben Berlin zum wichtigsten Produktionsstandort der Starkstromtechnik von Siemens auf. In Erlangen reichen die Ursprünge bis 1877 zurück. In dem Jahr gründet der Universitätsmechaniker Erwin Moritz Reiniger eine Werkstatt für feinmechanische und elektrotechnische Geräte, aus der nach einigen Verflechtungen schließlich 1932 die auf die Herstellung medizinischer Messgeräte und Röntgenröhren spezialisierte Siemens-Reiniger-Werke AG hervorgehen. Erlangen wird nach 1945 zudem Hauptsitz der Siemens-Schuckertwerke und ein wichtiger Standort der Produktion und Industrieforschung im Bereich der Starkstromtechnik.

Weitere Standorte in Bayern

Neben den Kernstandorten München, Erlangen und Nürnberg gibt es seit etlichen Jahrzehnten eine Zahl weiterer Siemens-Standorte in Bayern, die teilweise auf eine Geschichte vor der Verlagerung des Unternehmenssitzes in den Freistaat im Jahr 1949 zurückblicken können. Sie alle tragen dazu bei, Bayern zum „Kraftzentrum“ von Siemens in Deutschland zu machen. Hier eine kleine Auswahl:

Weitere Standorte

Überall in Deutschland aktiv

In der historischen Entwicklung von Siemens in Deutschland nehmen die Standorte Berlin und Bayern für das Unternehmen zentrale Rollen ein. Auch die weiteren Regionen Deutschlands sind für Siemens von großer wirtschaftlicher Bedeutung, zunächst in erster Linie als Vertriebsstandorte mit dem Aufbau zahlreicher Technischer Büros ab 1890, später auch als Standorte der Produktion. Wenn das Unternehmen im Laufe seiner Geschichte auch über eine regionale Einteilung seiner deutschen Standorte nach betrieblichen Maßgaben verfügt, so folgen die weiteren Standortgeschichten einer geografischen Zuordnung.

Die neuen Bundesländer gehören traditionell zum Markt der 1847 in Berlin gegründeten Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske, erste Vertriebsstrukturen gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. 1892 eröffnet Siemens in Dresden ein eigenes Büro, Technische Büros folgen in Leipzig (1897), Erfurt (1897), Chemnitz (1899), Magdeburg (1901), Rostock (1910) und Cottbus (1929). Zusätzlich unterhält das Elektrounternehmen mehrere Produktionsstandorte – unter ihnen das noch heute bestehende, zu Siemens Healthineers gehörende Werk für Röntgenröhren im thüringischen Rudolstadt. Ende der 1930er-Jahre beschäftigt Siemens auf dem Gebiet der späteren Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR rund 30.000 Mitarbeiter. Mit der Festschreibung der deutschen Teilung nach 1945 und der Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahr 1949 verschwindet der Name „Siemens“ in der DDR offiziell. Wichtige Produktionsstandorte werden enteignet und die früheren Technischen Büros aus dem Unternehmen zwangsweise herausgelöst. Die ehemaligen Siemens-Werke und -Niederlassungen integriert man in das System der sozialistischen Planwirtschaft, und sie werden zu „Volkseigenen Betrieben“ (VEB). Die geschäftlichen Beziehungen zwischen Siemens und der DDR-Zentralverwaltungswirtschaft organisiert fortan die Westberliner Zweigniederlassung.

Nach dem Ende der DDR 1990 zahlt es sich aus, dass Siemens seine Geschäftsbeziehungen in dem Staat – vor allem während der 1980er-Jahre – systematisch intensiviert hat. Nun erweisen sich früher geknüpfte Kontakte als wertvoll bei der sich anbahnenden Zusammenarbeit mit DDR-Partnern. 1991 übernimmt Siemens insgesamt 15 ehemalige VEB in Teilen oder vollständig. Die Hälfte von ihnen sind Produktionsbetriebe, die anderen Vertriebs- und Servicegesellschaften. Bis Oktober 1992 gelingt es, die Unternehmen in die bestehenden Strukturen der Siemens AG einzugliedern. Wenn auch nicht alle ehrgeizigen Ziele erreicht werden, blickt Siemens nach drei Jahrzehnten dennoch auf eine erfolgreiche Entwicklung zurück: Seit 1990 hat das Elektrounternehmen rund dreieinhalb Milliarden Euro in den neuen Bundesländern investiert und hoch moderne Standorte geschaffen. Heute zählt die Siemens AG acht Standorte in den neuen Ländern (ohne Berlin), darunter drei Fertigungsbetriebe und fünf Vertriebs- und Servicestätten in Rostock, Magdeburg, Chemnitz, Leipzig und Dresden. Hinzu kommen die Standorte Rudolstadt von Siemens Healthineers sowie Görlitz, Cottbus und Erfurt von Siemens Energy.

Gegenwart

Siemens in Deutschland heute

Im 21. Jahrhundert ist Siemens mehr denn je ein globales Unternehmen, 293.000 Menschen arbeiten heute in mehr als 200 Ländern/Regionen. Dennoch schlägt das Herz von Siemens in Deutschland, von hier aus lenkt das Unternehmen seine Geschicke. Siemens kann heute in Deutschland auf eine fast 175-jährige Geschichte zurückblicken. Im Laufe dieser Zeitspanne verändert das ursprüngliche Berliner Unternehmen sein Gesicht und seine Standortstrukturen mehrfach regional und passt es den Gegebenheiten an, angefangen mit dem Aufbau eines ersten Vertriebsnetzes über die Hauptsitzverlagerung von Berlin nach München und Erlangen bis hin zur Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands. Während dieser wechselvollen Geschichte bleibt es nicht aus, dass einzelne Standorte wieder geschlossen werden müssen, sodass nicht alle der vorgestellten Orte heute noch Bestand haben. Dennoch leisteten sie sowohl regional als auch national wichtige Beiträge für das Unternehmen und bleiben somit ein Bestandteil der langen Siemens-Geschichte. 

Auf dem Weg in die Zukunft

Der Standort Deutschland bleibt auch darüber hinaus für Siemens als globales Unternehmen ein wichtiges Betätigungsfeld – zwei große, zukunftsweisende Investitionen von insgesamt über einer Milliarde Euro sind ein deutliches Signal dafür. 

Siemens Campus Erlangen und Siemensstadt² Berlin
Zukunftsprojekt Siemensstadt²

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Dr. Ewald Blocher