Warschau, 1909

125 Jahre Siemens in Polen

Im Sommer 1896 wird in Warschau ein Technisches Büro von Siemens & Halske eingerichtet. Es gehört jedoch zunächst nicht zum Berliner Stammhaus, sondern ist – den politischen Gegebenheiten Rechnung tragend – den Russischen Elektrotechnischen Werken Siemens & Halske AG St. Petersburg unterstellt. Sowohl davor als auch danach ist die Geschichte von Siemens in Polen eine sehr bewegte. Erst der Fall des Eisernen Vorhangs leitet eine Phase kontinuierlicher Geschäftsaktivitäten ein. 

 

Politisch abhängig, aber technisch fortschrittlich – Bau von Telegrafenlinien auf polnischem Terrain

Im Spätherbst des Jahres 1852 unterbreitet Werner von Siemens seinem jüngeren Bruder Carl den Vorschlag, die geschäftlichen Aktivitäten der erst fünf Jahre alten „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“ (S&H) in Polen zu verantworten. 

Polen ist zu diesem Zeitpunkt kein eigenständiger Staat, und so sind es zunächst Aufträge des russischen Zarenreiches, die unter der Leitung von Carl von Siemens auf dem Territorium des sogenannten Königreichs Polen (Kongresspolen) realisiert werden: die Eisenbahntelegrafenlinie von Warschau (Warszawa) bis zur preußischen Grenze (1853) und die ebenfalls oberirdisch verlaufende Telegrafenlinie von Warschau nach St. Petersburg (1854). Auch die zwischen 1868 und 1870 errichtete Indo-Europäische Telegrafenlinie durchquert unter anderem Polen.

 

In Polen ist noch viel zu machen und ich glaube Du würdest dort am schnellsten einen geordneten und Deine Zukunft sichernden Thätigkeitskreis gewinnen.
Werner von Siemens an seinen Bruder Carl, 21. November 1852

Bescheidene Anfänge – Erste Vertreter von S&H in Warschau

1879 gibt es in Warschau erstmals einen Vertreter, der im Auftrag des Berliner Stammhauses den Vertrieb und die Installation elektrischer Beleuchtungsanlagen wahrnimmt. Von der seit 1855 existierenden S&H-Niederlassung in St. Petersburg wird diese Aktivitäten zunächst toleriert – trotz der beanspruchten Gesamtzuständigkeit für das Zarenreich einschließlich Polen. 1882 muss S&H auf Veranlassung seiner St. Petersburger Niederlassung das Vertragsverhältnis mit seinem Warschauer Vertreter jedoch beenden.

 

Anfang der 1890er-Jahre sieht S&H seine Geschäftsinteressen in Polen zunehmend von Wettbewerbern bedroht, wie einem Schreiben von Wilhelm von Siemens aus dem Sommer 1893  zu entnehmen ist: "Die Geschäftslage in Russisch-Polen macht es erforderlich, daß wir neuerdings energischer als bisher für unsere Interessen daselbst eintreten. Die Firma Schuckert, welche bisher dort die Oberhand hatte, wird neuerdings noch übertroffen durch die AEG, welche sich in Lodz ziemlich festgesetzt hat und nunmehr auch in Warschau mehr als zuvor Fuß zu fassen sucht."

Trotz der Konkurrenz, hält Wilhelm von Siemens die Schaffung eines eigenen Technischen Büros (TB) in Warschau zu diesem Zeitpunkt unter anderem deshalb nicht für ratsam, weil „wir eine Persönlichkeit, die mit den dortigen Verhältnissen genau genug betraut ist, nicht zur Verfügung haben“. Stattdessen spricht er sich dafür aus, dass Bronislaw Rejchmann aus Warschau die Generalvertretung von S&H übertragen wird. Die Wahl fällt auf ihn, weil er „seit 10 Jahren mit uns in angenehmster Geschäftsbeziehung steht“ und „von uns bereits früher in vereinzelten Fällen mit der Wahrnehmung unserer Interessen betraut worden“ ist. Um unternehmensinterne Konkurrenz von vornherein auszuschließen, firmiert Bronislaw Rejchmann auch als Generalvertreter von S&H St. Petersburg und von S&H Wien. Doch der Ruf nach der Einrichtung eines eigenen Technischen Büros (TB) von S&H in Warschau wird in den folgenden Jahren immer lauter – auch und gerade seitens der St. Petersburger Niederlassung von S&H.

Ein in Warschau zu begründendes Bureau müsste notwendig unserem Hause unterstellt werden, damit die nötige Bevollmächtigung zum Abschluss von Geschäften mit Behörden erleichtert wird & zum Ausdruck kommt, dass es sich um eine speciell russische Firma handelt.
 Schreiben von S&H St. Petersburg, 5. Oktober 1895

Unter wechselnder Leitung – Erstes Technisches Büro in Warschau

Im Sommer 1896 ist es soweit: In Warschau wird das erste Technische Büro (TB) in Kongresspolen eröffnet, das der Niederlassung von S&H in St. Petersburg unterstellt ist. Die Zuständigkeit des Büros erstreckt sich auf die Installation elektrischer Anlagen aller Art sowie den Verkauf von elektrotechnischen Erzeugnissen.

Bereits zwei Jahre später übernimmt das Berliner Stammhaus die Betreuung des TBs, rechtlich gehört es jedoch weiterhin zur St. Petersburger Niederlassung, aus der im gleichen Jahr die Russische Elektrotechnische Werke Siemens & Halske AG (REW S&H) hervorgeht. Nach der Gründung der Siemens-Schuckertwerke (SSW) 1903 vertritt die unter der Bezeichnung „Warschauer Abteilung“ von REW S&H firmierende Dependance auch die SSW-Interessen vor Ort. 1908 übernehmen die REW S&H wieder die komplette Betreuung und wandeln die „Warschauer Abteilung“ im Zuge dessen erneut in ein TB um. Zur Fusion zwischen REW S&H und den russischen Niederlassungen von SSW kommt es erst 1913. 

Der Wirkungskreis des Bureaus umfasst das Königreich Polen, jedoch behält sich das Petersburger Haus vor, nach Genehmigung der Centralstelle diesen Wirkungskreis beliebig zu ändern.
Instruktionen für das Warschauer Büro, 1896

 Vielfältiges Engagement – Gründung von Siemens-Gesellschaften in Polen

1912 gründet Siemens in Kongresspolen erstmals eine Gesellschaft – die „Aktien-Gesellschaft Polnische Elektrotechnische Werke ‚Siemens‘“ (PEW). Sie hat ihren Sitz zunächst in Warschau, ist ab 1914 in Lodz beheimatet und zieht fünf Jahre später erneut nach Warschau. Nach dem Ersten Weltkrieg werden in der seit 1919 unabhängigen Republik Polen weitere Siemens-Gesellschaften mit entsprechenden TBs, Unterbüros und/oder Niederlassungen gegründet, die nicht zuletzt die veränderte politische Situation des Landes einschließlich seiner neuen Grenzen widerspiegeln.

 

Die nach wie vor existierende PEW wird 1922 liquidiert, an ihre Stelle tritt die „Polnische Siemens-Schuckertwerke AG“, wiederum mit Sitz in Warschau, die ab 1923 unter der Bezeichnung „Polnische Siemenswerke Aktiengesellschaft“ (Polskie Zaklady Siemens Spólka Akcyjna – PZS) firmiert.   

Schwierige Zeiten – Siemens in Polen in der Zwischenkriegszeit

Das konfliktbehaftete Verhältnis zwischen Deutschland und Polen nach dem Ersten Weltkrieg bleibt nicht ohne Folgen für die Geschäftsentwicklung von Siemens in Polen. In den frühen 1920er-Jahren ist es die von der Weimarer Republik verfügte Ausfuhrsperre in das Nachbarland, die erfolgreiche Geschäfte verhindert. Mitte der 1920er-Jahre erweist sich ein Zollstreit zwischen beiden Ländern als geschäftsschädigend. Hinzu kommt, dass ein Deutsch-Polnischer Handelsvertrag nicht ratifiziert wird. Die Situation spitzt sich immer weiter zu und führt 1933 schließlich zum Abbruch der Verbindung zwischen den Berliner Stammhäusern von S&H und SSW und der PZS. Ab sofort werden die Siemens-Geschäfte in Polen von S&H Wien und den Österreichischen Siemens-Schuckertwerken (ÖSSW) wahrgenommen. 

Dunkles Kapitel – Siemens in Polen während des Zweiten Weltkriegs

Während des Zweiten Weltkriegs richten S&H Berlin und SSW Berlin wieder TBs in Polen ein. Außerdem übertragen die beiden Stammhäuser der PZS die Wahrnehmung ihrer Vertriebsinteressen. Aus der PZS geht 1940 die Polnische Siemens-Aktiengesellschaft hervor, die im gleichen Jahr die neue Bezeichnung Warschauer Siemens Aktiengesellschaft erhält. Im Herbst 1942 wird die Warschauer Siemens Aktiengesellschaft nach Krakau (Kraków) verlegt und in „Siemens Elektrizitäts-Gesellschaft Krakau“ umbenannt.

 

In Deutschland sieht sich Siemens einerseits mit der Situation konfrontiert, dass das Tagesgeschäft zunehmend von Rohstoffknappheit, Transportproblemen sowie Arbeitskräfte- und Facharbeitermangel geprägt ist. Andererseits muss das Unternehmen den Forderungen der Wehrbehörden nach einer Ausweitung der Produktionskapazitäten auf den als kriegswichtig eingestuften Gebieten Rechnung tragen. Um die Fertigung in den Werken trotz verstärkter Einberufungen aufrechterhalten zu können, greift Siemens vermehrt auf Zwangsarbeiter zurück, unter denen sich auch viele Polen befinden. Außerdem betreiben die SSW in Bobrek bei Auschwitz-Birkenau von 1943 bis 1945 eine Werkzeugmaschinenfabrik, in der rund 200 Häftlinge aus dem Konzentrationslager arbeiten.

Das Geschäft stagniert – Die Zeit des Kalten Krieges

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beginnt für Siemens in der Volksrepublik Polen eine lange Phase des unternehmerischen Stillstands: Verglichen mit den Vorkriegsjahren stagniert das Geschäft zwischen 1950 und 1990. Der Eiserne Vorhang, der Ost- und Westeuropa teilt, markiert für beide Blöcke nicht nur eine politische, sondern auch wirtschaftliche Trennlinie. Westliche Unternehmen haben kaum die Möglichkeit, mit den östlichen Staatswirtschaften ins Geschäft zu kommen. Entsprechend schwer ist es für Siemens, auf dem polnischen Markt Fuß zu fassen. Die Markterschließung gelingt zunächst nur durch Kooperations- und Vertretungsverträge, die sich in der Regel auf Einzelaufträge beschränken wie beispielsweise die Lieferung von Turbinen und die elektrische Ausrüstung für das 360-MW-Dampfkraftwerk im Auftrag der Warschauer Elektrohandelsgesellschaft Elektrim im Jahre 1960. 

 

Erst zu Beginn der 1970er-Jahre kommt es im Zuge der einsetzenden Modernisierung polnischer Industrieanlagen zu einer Ausweitung der Geschäftstätigkeit. Beabsichtigt ist, die bisherige Zusammenarbeit auf die Bereiche Automatisierungstechnik, Datenverarbeitung, Nachrichtentechnik und Medizintechnik auszudehnen. Handelsbeschränkungen und wirtschaftliche Schwierigkeiten vor Ort behindern jedoch die angestrebte Entwicklung; staatliche Modernisierungspläne werden wiederholt aufgeschoben. Lediglich das Geschäft mit medizinischen Geräten erweist sich als stabil und macht Ende der 1980er-Jahre rund die Hälfte der Siemens-Aktivitäten in Polen aus. 

Endlich wieder vor Ort – Gründung der polnischen Landesgesellschaft 

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989/1990 ändert sich die Situation grundlegend. Siemens ist eines der ersten Unternehmen, das vom politischen Tauwetter der späten 1980er-Jahre in Polen profitiert. Um schnell eigene Vertriebsgesellschaften und Servicestützpunkte zu etablieren, führt man bereits ab Oktober 1989 Sondierungsgespräche mit der polnischen Regierung. Ein erster Erfolg ist rasch erzielt: Ende 1990 erhält Siemens den Auftrag, im oberschlesischen Industriezentrum Kattowitz (Katowice) ein digitales Telefonnetz auszubauen. Wenige Monate zuvor hat Siemens gemeinsam mit dem größten polnischen Telekommunikationsunternehmen ZWUT das Joint Venture CEWIS gegründet, dessen Geschäftszweck die Fertigung von EWSD-Telefonanlagen und die Einführung des digitalen Vermittlungssystems ist. 

Das Joint Venture sowie das große Investitionspotential in Polen veranlassen Siemens zur Gründung einer eigenen Landesgesellschaft: Am 1. März 1991 nimmt die polnische Siemens GmbH mit Sitz in Warschau die Arbeit auf. Bis 1992 folgen sechs Zweigniederlassungen, unter anderem in Danzig (Gdańsk), Posen (Poznań) und Breslau (Wrocław).

 

Der Wiedereinstieg am polnischen Markt ist allerdings nicht frei von Risiken. 1991 hat sich die politische Großwetterlage eingetrübt. Der Golfkrieg und der drohende Zerfall der Sowjetunion sorgen für ein instabiles politisches Klima, das nicht ohne Auswirkungen auf die Weltkonjunktur bleibt. Hinzu kommen in Polen akute Devisenprobleme und der landesweit schlechte Zustand der Infrastruktur. Doch Siemens setzt auf die Chancen, die ein langfristig orientiertes Engagement bieten:

Siemens ist fest entschlossen, diese Chancen wahrzunehmen, auch wenn sie derzeit noch mit erheblichen Vorleistungen und Risiken verbunden sind.
Karlheinz Kaske, ehemaliger Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG, 5. Juli 1991 

Erfolgreiche Modernisierungsprojekte – Eine repräsentative Auswahl

Mit seinen Produkten und Lösungen trägt das Unternehmen maßgeblich zur Entwicklung und Modernisierung der Industrie und Infrastruktur des Landes bei. So liefert der Bereich Automatisierungstechnik 1994 im Auftrag der polnischen Umweltschutzbehörden knapp 50 transportable Emissionsmesssysteme zur Abgasüberwachung. Von 1998 bis 2007 baut das Elektrounternehmen das Mobilfunknetz des Landes aus. 2006 erhält Siemens von Mittal Steel Poland den Auftrag, in Krakau (Kraków) eines der größten Hochleistungswalzwerke Europas zu errichten.

Siemens ist auch ein willkommener Partner in Sachen schienengebundener Verkehr: Anfang 2011 erhält der Konzern den Auftrag zur Lieferung von 35 sechsteiligen Metrozügen des Typs Inspiro für die Warschauer U-Bahn. Die Premierenfahrt des ersten Zuges, der im Vergleich zu einem Auto mit Verbrennungsmotor pro Fahrgast rund 88 Prozent weniger Treibhausgasemission erzeugt, findet im Oktober 2013 statt. Ab 2016 rollen über das Streckennetz der Polnischen Bahn PKP Cargo auch leistungsstarke, interoperable Vectron-Lokomotiven von Siemens. 

Made by Siemens – Umweltfreundliche Energieerzeugung in Polen

1998 liefert Siemens im Auftrag von RWE 33 Windenergieanlagen für Suwałki in den Masuren sowie Tychowo in Westpommern. 2013 erhält Siemens vom polnischen Energieversorger PGE GiEK S.A. den Auftrag für den Bau eines schlüsselfertigen Gas- und Dampfturbinen(GuD)-Kraftwerks mit Fernwärmeauskopplung in Gorzów Wielkopolski im Westen des Landes. 

Ende des Jahres 2014 erhält Siemens vom größten Mineralölkonzern Osteuropas PKN Orlen den Auftrag zur Errichtung eines schlüsselfertigen GuD-Kraftwerks in Plock. Das Herzstück der Anlage ist eine Gasturbine der H-Klasse, der seinerzeit größten und leistungsstärksten Gasturbine der Welt.

Die beschriebenen Projekte beweisen eindrucksvoll, dass es Siemens seit 1991 erfolgreich gelingt, an die lange Firmentradition in Polen anzuknüpfen. Und die Geschichte von Siemens in Polen geht weiter. Um nur ein Beispiel herauszugreifen: Das Werk für Kombinationstechnik Chemnitz (WKC) der Digital Industries, das kundenspezifische elektrische Ausrüstungen für den Maschinen- und Anlagenbau entwickelt und fertigt, hat seit 2020 eine Produktionsstätte in Mirków bei Wrocław.

Wir haben uns für die Siemens-Lösung entschieden, weil die Anlage einen sehr hohen Wirkungsgrad aufweisen und somit sehr kostengünstig Strom erzeugen wird.
Jacek Kaczorowski, CEO von PGE GiEK
Dr. Claudia Salchow | Dr. Ewald Blocher

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