50 Jahre Umweltschutz bei Siemens

Nachhaltigkeit – das ist heute einer der Schlüsselbegriffe des unternehmerischen Selbstverständnisses der Siemens AG. Doch schon vor 50 Jahren stellt Siemens mit der Etablierung eines Referates für Umweltschutz die Weichen für eine Unternehmenspolitik, die sich ihrer Verantwortung gegenüber der Bevölkerung und der Umwelt bewusst ist. 25 Jahre später legt Siemens zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Umweltbericht vor – den Vorläufer der heutigen Nachhaltigkeitsinformationen. 

 

Unterstützung von ganz oben – Ernst von Siemens plädiert deutlich für den Umweltschutz

Im Dezember 1970 befragt die „Süddeutsche Zeitung“ den Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Siemens AG (SAG) Ernst von Siemens nach dem wichtigsten Ereignis des Jahres auf dem Gebiet der Wissenschaft und Technik. Seine Antwort nimmt eine Entwicklung vorweg, die in der SAG in den folgenden Jahren zunehmend an Bedeutung gewinnen wird: den Umweltschutz. „Meiner Auffassung nach ist das wichtigste Ereignis […] nicht eine neue Erfindung, nicht eine Entdeckung, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Notwendigkeit des Schutzes unserer Umwelt so kräftig in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit gerückt ist. Es mag merkwürdig klingen, dass ausgerechnet ein den Naturwissenschaften verbundener Unternehmer dies sagt, denn ‚die Ingenieure‘ und die von ihnen aufgebaute Industrie stehen ja im Geruch, der eifrigste Zerstörer und Verschmutzer der Umwelt zu sein‘.“ 

Wie wichtig Ernst von Siemens das Thema Umweltschutz ist, verdeutlicht auch seine Rede auf der Hauptversammlung der SAG am 25. März 1971 in München. Er nennt nicht nur die Leistungen des Unternehmens bei der Vermeidung oder Reduzierung von schädlichen Umwelteinflüssen, zu denen unter anderem die Entwicklung und Fertigung elektrischer Ausrüstungen zur Luftentstaubung und Abwasseraufbereitung sowie von Geräten zur Messung von Lärmbelästigung sowie von Luft- und Wasserverschmutzung gehören. Er verweist ebenso auf Defizite, die es beispielsweise auf dem Gebiet der Wasserreinhaltung gibt.  Und er weist auf Aufgaben hin, die auf die Siemens-Forschung und Technik im Interesse des Umweltschutzes zukommen werden. Aufgaben, die – aus heutiger Perspektive – in vielen Bereichen an Aktualität nicht eingebüßt haben: 

Ich denke an neue Massenverkehrsmittel, Antriebssysteme für Autos mit geringer Lärm- und Abgasentwicklung, an neue und bessere Kläranlagen und Filtergeräte, an Verfahren zur Aufbereitung und Regenerierung von Abfallstoffen und an Regel- und Messeinrichtungen zur Kontrolle umweltgefährdender Prozesse.
Ernst von Siemens, 25. März 1971

Wichtiger Meilenstein – Bildung des Referats für Umweltschutz

Neu ist das Thema bei Siemens nicht: Bereits seit 1959 besteht der Arbeitskreis „Wasserhaushalt und Reinhaltung der Luft“, der bei der Planung neuer Produktionsanlagen mitwirkt und Empfehlungen zur Wasseraufbereitung, Luftreinhaltung und Abfallbeseitigung herausgibt. Zehn Jahre später werden diese Aktivitäten gebündelt: Am 8. September 1971 informiert ein Unternehmens-Rundschreiben darüber, dass ein Referat für Umweltschutz gebildet wird. 

Es ist […] zweckmäßig und notwendig, dass über alle in unserem Haus anfallenden Aufgaben und laufenden Arbeiten zum Schutze und zur Verbesserung der Umwelt jederzeit eine zusammenfassende Übersicht gegeben werden kann und eine initiative Beratung und Koordinierung für die Fragen und Themen vorgenommen wird.
ZT-Rundschreiben Nr. 12/1971, 8. September 1971

Das Unternehmen hat zu diesem Zeitpunkt drei Aufgabenfelder definiert, bei denen das neue Referat in beratender und koordinierender Funktion mitwirkt. Auf Ebene der Unternehmensbereiche (zum Beispiel Bauelemente, Energietechnik und Nachrichtentechnik) betrifft das zum einen die umweltfreundliche Gestaltung der Produkte und zum anderen die Entwicklung und Fertigung sowie den Vertrieb von Geräten und Anlagen zur Beobachtung, Messung, Auswertung und Verbesserung der Umweltbedingungen; die Siemens-Werke werden in Fragen der umweltgerechten Fertigung und der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften beraten.

 

Innerhalb des Referats werden 1972 drei spezialisierte Gremien, sogenannte Arbeitskreise, etabliert: „Wasserhaushalt, Reinhaltung der Luft und Abfallbeseitigung“, „Strahlenschutz“ und „Lärmbekämpfung“ – letzteres bezieht sich sowohl auf die Produkte als auch auf die Fertigung. Die Arbeitskreise haben unter anderen die Aufgaben, den Fertigungsstandorten Maßnahmen zur Emissionssenkung und -vermeidung zu empfehlen, die Entwicklung umweltfreundlicherer Verfahren anzuregen und den Erfahrungsaustausch innerhalb des Unternehmens sicherzustellen.

Aber es bleibt nicht nur bei der organisatorischen Verankerung: Die Investitionen der SAG und ihrer Tochtergesellschaften in den Umweltschutz sind vielfältig. Um nur ein Beispiel herauszugreifen:  Ende der 1980er-Jahre beteiligt sich die Siemens-Grundstücksverwaltung (heute Siemens Real Estate) an dem Projekt des Berliner Energieversorgungsunternehmens Bewag „Niedertemperaturversorgung aus dem Fernwärmerücklauf der Bewag“. Dabei wird das bei den Verbrauchern von 110 Grad auf etwa 50 Grad Celsius abgekühlte Heizwasser der Fernwärme aus der Innenstadt auf dem Rückweg zum Kraftwerk Reuter-West abermals genutzt, um die Industriegebäude in Siemensstadt zu heizen. Dafür bekommt die Siemens-Grundstücksverwaltung 1989 den Berliner Umweltpreis.

Systematisch weiter ausgebaut – Umweltschutzmanagement bei Siemens

Ab 1990 ist die Organisation des Umweltschutzes bei Siemens auf drei Ebenen angesiedelt und bereits weit ausgebaut. Die erste Ebene umfasst die Verantwortung für den Umweltschutz im Vorstand. Die zweite Ebene bilden die Unternehmensbereiche, die eines ihrer Vorstandsmitglieder als Umweltschutzverantwortlichen benennen. Bei der dritten Ebene handelt es sich um die der einzelnen Betriebsleiter beziehungsweise der Betriebsbeauftragten für Umweltschutz vor Ort.

 

Bei Siemens in Deutschland gibt es zu diesem Zeitpunkt 250 Betriebsbeauftragte für den Umweltschutz, nur ein Viertel davon wäre aufgrund der gesetzlichen Bestimmungen erforderlich. Zur Unterstützung der Vorstandsebene gibt es ab 1993 fünf „Zentrale Referate Umweltschutz“: „Betrieblicher Umweltschutz“, „Chemische Sicherheit“, „Strahlenschutz“, „Brandschutz und Katastrophenschutz“ sowie „Produktrecycling“. Für die zweite Ebene werden 1993 speziell für den Betrieblichen Umweltschutz 17 Referate eingerichtet.

Die immer größer werdende Bedeutung des Umweltschutzes bei Siemens zeigt sich auch darin, dass er ab 1990 in die Unternehmensleitsätze aufgenommen wird. Die Siemens AG verpflichtet sich darin zur Schonung der Umwelt und dem sparsamen Umgang mit Ressourcen. Dies gilt sowohl bei den internen Fertigungsprozessen, aber auch für die Produkte des Unternehmens, wobei mögliche Folgelasten für die Umwelt bereits bei der Produktentwicklung zu bedenken sind.

Es ist unser Bestreben, Umweltbelastungen – auch über die geltenden Vorschriften hinaus – zu vermeiden oder auf ein Minimum zu reduzieren.
Unternehmensleitsätze, 1990

In den Folgejahren wird das Thema immer wichtiger, Siemens ist mit seinen Maßnahmen oft Vorreiter: Als erstes europäisches Großunternehmen erlässt Siemens 1993 umfassende Leitlinien zur Produktgestaltung, die für alle Produktentwickler der SAG bindend sind. Ziel ist es, Ressourcen zu schonen, den Einsatz gefährlicher Stoffe zu vermeiden und schon bei der Entwicklung der Produkte zu gewährleisten, dass sich am Ende ihrer Lebensdauer möglichst viele Bestandteile in den Wirtschaftskreis zurückführen lassen. Auch an das Produktdesign werden nun höhere Anforderungen gestellt: einfache Demontierbarkeit der Geräte und Baugruppen, Einsatz lösbarer Verbindungen (Schnappverbindungen, Schrauben), Verwendung wiederverwertbarer Teile, lange Lebensdauer, Reparaturfreundlichkeit und Einführung umweltfreundlicher Verpackungen. 

Das Jahr 1993 ist noch in anderer Hinsicht erwähnenswert: Im Lagebericht des Vorstands innerhalb des Geschäftsberichts von 1993 ist der Umweltschutz zum ersten Mal ein selbständiger Punkt. Neben dem Hinweis auf die Höhe der Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen – im Geschäftsjahr (GJ) 1992/93 sind es in Summe 290 Millionen DM – wird darauf verwiesen, dass die Umweltschutz-Aktivitäten auf drei Säulen stehen: der Ressourcenschonung und Abfallvermeidung durch kontinuierliche Verbesserung der Fertigung; der Konstruktion umweltfreundlicher, weil energie- und wasserverbrauchsarmer sowie recycelbarer Produkte; und dem „Systemwissen aus nahezu allen Siemens-Arbeitsgebieten“, das „[…] unmittelbar in Produkte und Systeme ein[fließt], die für die Umwelttechnik nutzbar gemacht werden können“. 

Transparenz nach Innen und Außen – Erster Umweltbericht der Siemens AG

1996 und damit 25 Jahre nach der Schaffung des Referats für Umweltschutz legt die SAG, die zu diesem Zeitpunkt die Modernisierung ihrer Betriebe in den Neuen Bundesländern abgeschlossen hat, ihren ersten Umweltbericht vor – den „Umweltbericht 1995“. Auf knapp 40 Seiten informiert das Unternehmen über die zu diesem Zeitpunkt aktuelle Organisation, Maßnahmen und Ergebnisse des Umweltschutzes in Deutschland. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Im Vergleich zum Vorjahr sanken der Energieverbrauch um 11,8 Prozent, die Kohlendioxidemissionen um 8,9 Prozent, die Menge nicht verwertbarer Abfälle um 5,8 Prozent und die Abwassermenge um 10 Prozent.

 

Hinzu kommt die freiwillige Einführung von Umweltmanagementsystemen wie dem EG-Öko-Audit und der ISO 14401. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Umweltberichts sind in Deutschland zehn Siemens-Standorte erfolgreich nach dem EG-Öko-Audit durch externe Umweltgutachter registriert beziehungsweise validiert. Damit ist Siemens Spitzenreiter in Europa. Darüber hinaus sind im Ergebungszeitraum sechs Standorte nach der ISO 14401 zertifiziert. 

Zu verdanken ist die positive Bilanz den Investitionen in Umweltschutzmaßnahmen und dem Engagement der insgesamt 240 Umweltschutzbeauftragen des Unternehmens. Letzteres schlägt sich in eindrucksvollen Zahlen nieder: Eine Erhebung für das GJ 1994/95 ergibt, dass die Gesamtheit der Umweltschutzbeauftragten vor Ort in den Betrieben mehr als 110.000 Arbeitsstunden in den Dienst der Ökologie gestellt haben. Hinzu kommen außerdem knapp 120.000 Stunden der hauptamtlich auf dem Gebiet des Umweltschutzes tätigen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Vorstands und der Unternehmensbereiche. 

Die richtige Verteilung unserer Kräfte auf die Bereiche Vermeidung oder gar Beseitigung von Schwachstellen und das Umsetzen von ökologisch besonders sinnvollen Ideen wird auch künftig eine entscheidende Rolle für den effektiven Umweltschutz der Siemens AG spielen.
Siemens-Umweltbericht, 1996

In der Unternehmensstruktur fest verankert – Neue Richtlinienkompetenz für den Umweltschutz

Im Zuge organisatorischer Neuaufstellungen des Unternehmens wird die Richtlinienkompetenz für Umweltschutz, Gesundheitsmanagement und Arbeitssicherheit im August 2009 in der Einheit Environment Protection, Health Management and Safety (EHS) gebündelt. Parallel wechselt die Zuständigkeit im Vorstand: Während der Umweltschutz ab 1971 zunächst der Leitung des Zentralbereichs Technik und später Corporate Technology zugeordnet war, ist EHS nunmehr im Ressort Human Resources angesiedelt. 

Und Siemens bleibt Vorreiter; das Unternehmen führt als erster großer Industriekonzern weltweit 2015 ein CO₂-Neutralitätsprogramm ein. Das Zwischenziel, bis 2020 die eigenen CO₂-Emissionen durch die Reduzierung des CO₂-Ausstoßes um 1,2 Millionen Tonnen zu halbieren, ist erreicht. Möglich wurde das unter anderem durch ein Energieeffizienzprogramm für alle Standorte, durch die Nutzung dezentraler Energiesysteme, die Reduktion der Fahrzeugflottenemissionen, den Einkauf „grüner“ Energie und die Einführung eines internen CO₂-Preises bei drei Landesgesellschaften. Für das Jahr 2030 strebt das Unternehmen eine neutrale CO₂-Bilanz der eigenen Geschäftstätigkeit an. 

DEGREE – Ein klarer Rahmen für Nachhaltigkeit

Im Juni 2021 unterstreicht Siemens im Rahmen des Capital Market Day (CMD) sein Bekenntnis zu Nachhaltigkeit mit dem neuen Rahmenwerk DEGREE, das geschäftsübergreifend für alle Aktivitäten weltweit gilt. DEGREE – das steht für Decarbonization (Dekarbonisierung), Ethics (Ethik), Governance (Unternehmensführung und verantwortliche Geschäftspraktiken), Resource Efficiency (Ressourceneffizienz), Equity (Gleichbehandlung, Teilhabe und Respekt) und Employability (Beschäftigungsfähigkeit). Siemens verstärkt aktuell seine bereits bestehenden Aktivitäten zur physischen Dekarbonisierung entlang der gesamten Wertschöpfungskette und stellt sicher, dass die Anstrengungen beim Klimaschutz im Einklang mit dem höchsten Anspruchsniveau des 2015 verabschiedeten Pariser Klimaschutzabkommens stehen.

 

Dazu gehört auch, dass sich das Unternehmen in seiner Lieferkette bis 2030 zu einer 20-prozentigen Reduktion der Emissionen verpflichtet und bis 2050 eine CO₂-neutrale Lieferkette anstrebt. Bis zum Ende der 2020er-Jahre will sich das Unternehmen zudem noch stärker hin zur Kreislaufwirtschaft entwickeln und beispielsweise den Einkauf von Sekundärmaterialien für Metalle und Kunststoffe deutlich erhöhen.

Nachhaltigkeit ist Teil unserer DNA – sie ist keine Option, sondern ein unternehmerischer Imperativ. Auf Basis unserer bisherigen Erfolge und Erfahrungen setzen wir uns noch ambitioniertere Ziele. Wir werden unsere Anstrengungen beschleunigen und die Messlatte höher legen.
Judith Wiese, Chief Human Resources und Chief Sustainability Officer sowie Mitglied des Vorstands der Siemens AG, 2021 

Dr. Claudia Salchow

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