Teilen ist das neue Haben

Forschung und Innovation in Ökosystemen

Mit dem neuen “Research-and-Innovation-Ecosystem-Programm“ vertieft Siemens die Zusammenarbeit mit Universitäten und anderen strategischen Partnern. Warum das die Antwort auf den aktuellen Trend der Wissenschaftslandschafts darstellt, erläutert im Interview Natascha Eckert, die leitende Managerin bei Siemens Technology.

 

Siemens betreibt bereits seit über 20 Jahren ein globales strategisches Kooperationsprogramm mit ausgewählten Universitäten. Zum 1. Oktober 2021 wurde dieses Programm ausgebaut. Aus 25 Universitätspartnern wurden 16 Forschungs- und Innovations-Ökosysteme, in denen mit jeweils mehreren Universitäten, Forschungsinstituten und universitären Startups zusammengearbeitet werden soll. Warum?

Insgesamt könnte sagen, dass unser neues strategisches Partnerprogramm die Antwort auf den allgemeinen Trend in der Wissenschaftslandschaft darstellt: Universitäten sind heute keine Solospieler mehr. Sie forschen, lehren und innovieren gemeinsam mit Forschungsinstituten und in internationalen Allianzen mit anderen Universitäten, gründen eigene Start-ups und kooperieren mit Industriepartnern wie Siemens, aber mehr und mehr auch mit mittelständischen Unternehmen.

 

Mit unserem Neuaufsatz der Siemens Research and Innovation Ecosystems, wollen wir zukünftig noch stärker die regionalen Innovations-Ökosysteme nutzen: Diese umfassen neben den Universitäten, Forschungsinstituten und Start-up Inkubatoren natürlich auch unsere Kunden und weitere Industriepartner. Dadurch erhoffen wir uns, das Innovationspotenzial, das jeder der angesprochenen Spieler mit an den gemeinsamen Tisch bringt, noch stärker auch für unsere eigenen Geschäftsbereiche und deren Kunden zu nutzen.

 

Gleichzeitig sehen wir darin unsere gesellschaftliche Verpflichtung, einen Beitrag zur Bewältigung der großen aktuellen Herausforderungen zu leisten. Sei es die Dekarbonisierung, die Digitalisierung oder der demographische Wandel.

Welches sind aus Deiner Sicht die markantesten Veränderungen in der Forschungslandschaft in den letzten zwanzig Jahren?

Alle Zeichen stehen heute auf Dialog. Teilen ist das neue Haben. Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir nur gemeinsam die Probleme lösen können, vor denen wir heute stehen. Beispielsweise werden wir heute viel öfter als früher aus der Industrie angefragt in Sachen Nachhaltigkeit oder Kreativität. Das gab es früher weniger. Heute wird gefragt: „Wollen wir das gemeinsam machen?“ Noch sind es nicht die unmittelbaren Wettbewerber, die danach fragen, sondern andere innovative Partner. Aber selbst eine Zusammenarbeit mit Wettbewerbern in unseren Ökosystemen halte ich heute nicht mehr für ausgeschlossen. Die Zukunft gehört der Coopetition.

 

Eine weitere Veränderung ist die zunehmende Bedeutung von akademischen Ausgründungen – zwischenzeitlich auch in Europa. Mit ihrer sogenannten „dritten Mission“ verfolgen Universitäten neben Forschung und Lehre sehr viel konsequenter die eigene Kommerzialisierung von Forschungsergebnissen. Das sind zum einen studentische Teams, die in universitätseigenen Gründerprogrammen oder Inkubatoren zum Gründen motiviert und professionell unterstützt werden. Aber auch immer mehr Professoren springen auf diesen Innovationszug mit auf. Damit verändert sich das Verhältnis von Grundlagen- und Anwendungsforschung stark in Richtung Anwendung. Forschungsergebnisse in Form von Innovation schnell in den Markt zu bringen, ist gut für die Wirtschaft. Und auch für die Gesellschaft. Nichtsdestotrotz bleibt die Grundlagenforschung ein wesentlicher Motor der akademischen Forschung. Die Quantentechnologie oder die Transmutation sind schöne Beispiele dafür. Auch wenn beides noch weit entfernt von marktfähigen Innovationen ist, etabliert sich immer mehr ein Verständnis dafür, dass die Grundlagenforschung ein Brennglas für unsere Zukunft ist.

 

Beides führt dazu, dass sich immer mehr Reallabore an den Universitäten etablieren. Reallabore sind eine neue Form der Kooperation zwischen Wissenschaft und Zivilgesellschaft, bei der das Lernen voneinander in einem experimentellen und vor allem geschützten Umfeld im Vordergrund steht. Das ist neu, weil die Universitäten – wie im Übrigen auch die Unternehmen - früher eher geschlossene Systeme waren. Mit Konzepten wie Open Innovation, Co-Creation und Co-Location findet die Forschung sozusagen ihren direkten Weg in die Anwendung.

Kannst du uns diese Dynamiken in Grundlagen- und Anwendungsforschung noch etwas näher erklären?

Ich meine, dass heute beispielsweise auch bei vielen öffentlich geförderten Forschungsprojekten am Ende irgendwo ein Prototyp entstehen muss. Weil Steuergelder investiert werden, soll die Forschung einen konkreten Nutzen haben. Damit wird der Horizont – also die Zeit bis zur marktfähigen Innovation - vieler öffentlich geförderter Forschungsprogramme deutlich kürzer. Trotzdem brauchen wir nach wie vor eine starke Grundlagenforschung. Deshalb haben wir auch Forschungsinstitute mit einem Fokus auf die deutlich langfristigere und visionäre Forschung in unseren Ökosystemen, wie z.B. die Max-Planck-Institute oder die nationalen Akademien der Wissenschaften. Die Grundlagenforschung gibt der Industrie, aber auch der Gesellschaft, Aufschluss über die Technologietrends von morgen und übermorgen. 

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Nennst Du mir ein Beispiel für einen solchen zukunftsweisenden Technologietrend?

Gerne – nehmen wir zum Beispiel selbstheilende Materialen. Die Frage in der Grundlagenforschung lautet, wie wir zukünftig Materialien entwickeln können, die so nachhaltig sind, dass sie sich selbst „reparieren“ können. Hier gibt es schon viele Erkenntnisse zu reversiblen und irreversiblen Systemen. Aber vieles ist noch weit weg von einer breiten Kommerzialisierung. Dennoch ist es für uns mehr oder minder ein Gebot der Nachhaltigkeit, diese Art der Grundlagenforschung mitzuverfolgen und zu unterstützen. Und dies findet ebenfalls in unseren 16 internationalen Forschungs- und Innovations-Ökosystemen statt.

Was möchtest Du – idealerweise- mit den Siemens Forschungs- und Innovations-Ökosystemen erreichen?

Eines unserer Ziele ist es, den Austausch zwischen den verschiedenen Partnern in unseren Ökosystemen weiter zu intensivieren. Unsere Geschäftsbereiche erhalten wichtige Impulse für die digitale Transformation ihrer Geschäfte. In Form von Innovation – zum Beispiel in einem der vielen Reallabore -, oder auch durch den direkten Zugang zu jungen Talenten. Wir brauchen eine viel stärkere Präsenz und Sichtbarkeit von Siemens auf den Universitäts-Campus. Studenten sollen erkennen, dass Siemens an Zukunftstechnologien arbeitet, die Produkte und Lösungen innovativer und auch nachhaltiger machen. Wir bieten richtig coole Jobs, die beispielsweise mehr energetische Intelligenz in industrielle Gebäude, mehr Flexibilität und Nachhaltigkeit in Produktionsprozesse oder mehr Sicherheit in autonom fahrende Züge bringen.

Darüber hinaus ist mir daran gelegen, dass Siemens im Forschungsnetzwerk als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen wird und nicht als bloßer Auftraggeber für Forschung. Die Philosophie hinter unserem neuen Aufsatz ist ein partnerschaftlicher. Wir wollen insbesondere auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen, aber auch junge Gründer in unsere Kooperationsprojekte mit einbinden. Meine Vision ist, dass wir noch viel weitreichender und übergreifender kooperieren als je zuvor. Die Zusammenarbeit mit externen Partnern ist heute sehr viel umfassender, komplexer, aber auch vernetzter – genau wie die Herausforderungen unserer Zeit.

 

Siemens hat eine Reihe von Hebeln in der Hand, wenn es darum geht, diese Herausforderungen anzugehen – wie zum Beispiel die Reduktion des CO2-Ausstoßes. Die Bereiche mit dem größten CO2-Ausstoß sind der industrielle Sektor, die Gebäudeinfrastruktur sowie der ganze Verkehr. Das sind genau die drei Sektoren, in denen wir bei Siemens aktiv sind und an Lösungen für Energieeinsparungen oder die Dekarbonisierung arbeiten. All das sind Themen und Problemstellungen, die wir gemeinsam mit unseren Partnern in unseren globalen Forschungs- und Innovations-Ökosystemen angehen wollen. Und wir wollen vor allem auch junge Menschen dazu einladen und dafür begeistern, sich an der Suche nach Lösungen zu beteiligen. Ich möchte eines Tages in den Spiegel schauen und mir sagen können, dass ich ein kleiner Teil eines großen Fußabdrucks für eine bessere, nachhaltigere und gesündere Welt gewesen bin. 

Susanne Gold, Februar 2022

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