Ein kluger Kiez: Warum es Berlins neuesten Stadtteil zweimal gibt

Visualization of Siemensstadt Square in Berlin

Siemensstadt Square verbindet die physische und die digitale Welt für ein nachhaltiges, inklusives Leben. 

Nachhaltigkeit und Barrierefreiheit stehen im Mittelpunkt von Berlins neuestem Kiez. Das Projekt zur Neugestaltung der Siemensstadt Square zeigt, wie fortschrittliches Design und fortschrittliche Technologien ein intelligentes Stadtleben ermöglichen, indem sie sich an die Bedürfnisse der Bürger anpassen.

Berlin wird oft nicht als eine einzige Stadt gesehen, sondern als eine Reihe von Kiezen, deren Charakter durch ihre einzigartige Geschichte geprägt ist. Die Siemensstadt zum Beispiel, die zwischen den Bezirken Charlottenburg und Spandau liegt, ist einer der ältesten und bekanntesten Industriestandorte der Region.  Gegründet am 7. Mai 1897 durch den Kauf von Grundstücken durch Siemens & Halske, feiert Siemensstadt in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. 

Wenn wir ein neues städtisches Umfeld entwickeln, müssen wir Energie, Gebäude, Verkehr und auch die Produktion berücksichtigen.
Franziska Giffey, Regierende Bürgermeisterin von Berlin

Das Projekt zur Neugestaltung der Siemensstadt Square wird das 73 Hektar große Areal in ein modernes Stadtviertel verwandeln. Ziel des Projekts ist es, die ursprüngliche Vision weiterzuentwickeln und ein "intelligentes Stadtviertel" zu schaffen. Zu diesem Zweck bringt Siemens Forschung, Technologie und Innovation zusammen, um das Zusammenspiel von Arbeits-, Geschäfts- und Wohnflächen zu gestalten.

 

Das neue Wohn- und Arbeitsumfeld wird Innovationsknotenpunkte für künstliche Intelligenz, Elektromobilität, Industrie 4.0 und Internet der Dinge (IoT) umfassen. Damit wird es zu einem der Zukunftsorte Berlins - Innovationscampus, die im Mittelpunkt des Engagements der Stadt stehen, um Start-ups und Branchenführer anzuziehen. Dieses Engagement zahlt sich aus: Im Innovation Cities Index 2019 belegte Berlin Platz 12 von insgesamt 500 Plätzen und bestätigte damit seinen Status als eine der drei führenden europäischen Städte für Innovation.

 

Laut Franziska Giffey, Regierende Bürgermeisterin von Berlin, werden Projekte wie Siemensstadt Square entscheidend dafür sein, dass Berlin sein Ziel der Klimaneutralität bis spätestens 2045 erreicht. Städte sind weltweit für etwa 70 % der globalen Kohlenstoffemissionen verantwortlich und verbrauchen zwei Drittel der weltweiten Energie. Intelligente Städte sind daher eine wichtige Möglichkeit, den Energieverbrauch und die Luftverschmutzung zu verringern und gleichzeitig den Bedarf an Dienstleistungen zu decken, die Netzstabilität zu erhöhen und die Lebensqualität zu verbessern.

 

"Wenn wir ein neues städtisches Umfeld entwickeln, müssen wir Energie, Gebäude, Verkehr und auch die Produktion berücksichtigen", sagt Giffey. "Und genau das wird hier in Siemensstadt Square geschehen."

Wo die Form der Funktion folgt

Die Neugestaltung der Siemensstadt Square basiert auf zwei Prinzipien: vollständige Zugänglichkeit und klimaneutraler Betrieb. 

 

Einschließlich denkmalgeschützter Bestandsgebäude wird das Areal eine Million Quadratmeter Bruttogeschossfläche umfassen. Rund 420.000 Quadratmeter moderne Büroflächen sind für Siemens, andere Technologieorientierte Firmen und Start-ups geplant. 2700 Wohnungen sollen entstehen, rund 6000 Menschen werden hier einmal leben. Es entsteht Platz für 20.000 zusätzliche Jobs. 190.000 Quadratmeter sind für digital gestützte Produktion vorgesehen.

 

Auf dem Areal wird ein Forschungscampus von 89.000 m² entstehen. Das alles soll mit klimafreundlicher Energieversorgung, nachhaltigen Mobilitätslösungen und integriertem Regenwassermanagement und 100% tiger Barrierefreiheit verbunden werden. In 2020 wurde das städtebauliche Gesamtkonzept für diese Ambitionen gleich doppelt mit „Platin“ ausgezeichnet: sowohl von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, als auch vom US-amerikanischen LEED-System.

Wenn man etwas plant und sich alle Möglichkeiten offenhält, kann man Barrierefreiheit von Grund auf und in jeder Hinsicht umsetzen.
Raul Krauthausen, Aktivist für die Rechte von Menschen mit Behinderungen

Das Gelände wird eine Mischung aus modernen und historischen Gebäuden umfassen. Um die Klimaneutralität zu erreichen, werden die Planer digitale Technologien einsetzen, um die Emissionen aller Arten von Gebäuden zu verfolgen, zu verwalten und zu minimieren. Intelligente Gebäude werden lokal erzeugte erneuerbare Energien und Energieeffizienzsteigerungen sinnvoll nutzen, während die Sektorkopplung - integrierte Energiesysteme für den im Verkehr und in Gebäuden verwendeten Strom - die Gesamtverteilung und den Verbrauch optimieren wird.

 

"Wie kühlt und heizt man Gebäude? Eine Möglichkeit ist zum Beispiel die Nutzung überschüssiger Wärme aus industriellen Anwendungen. Ein Fernwärmenetz wird die Gebäude miteinander verbinden, um Energie gemeinsam zu nutzen. Diese Daten können auch in unseren digitalen Zwilling einfließen, um das Energiesystem effizienter zu machen", sagt Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands von Siemens und CEO von Digital Industries.

 

Im Verkehrsbereich wird die 4,5 km lange Siemensbahn, eine 1929 in Betrieb genommene und 1980 stillgelegte Schnellbahnlinie der Berliner S-Bahn, bis 2029 für rund 500 Millionen Euro reaktiviert. Im Rahmen dieses Projekts werden etwa 30 Brücken saniert oder neu gebaut, neue Gleise verlegt und modernste Weichen- und Signaltechnik installiert, um ein stärker automatisiertes System zu ermöglichen.

 

Anstatt dass sich die Menschen an eine Stadt oder ein Viertel anpassen, können wir jetzt die Stadt oder das Viertel an die Menschen anpassen.
Cedrik Neike, Mitglied des Vorstands von Siemens und CEO von Digital Industries

Auch die alten Bahnhöfe werden modernisiert und barrierefrei ausgebaut. Raul Krauthausen, Aktivist für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, betont, dass intelligente Stadtteile wie die Siemensstadt Square die Chance bieten, die Lebensqualität für alle Bürger zu verbessern. "Wenn man etwas plant und sich alle Möglichkeiten offenhält, kann man Barrierefreiheit von Grund auf und in jeder Hinsicht umsetzen", sagt er.

 

Er betont, dass Barrierefreiheit nicht nur ein Thema für Behinderte ist. "Warum kämpfe ich für eine hundertprozentige Barrierefreiheit? Weil wir alle älter werden und früher oder später ein barrierefreies Haus brauchen werden. Vielleicht bekommen Sie ein Kind, und für dieses Kind werden Sie einen Kinderwagen benötigen, so dass Sie eine barrierefreie Wohnung brauchen werden. Wir müssen Barrierefreiheit als ein Thema für alle sehen", sagt Krauthausen.

Digitale Zwillinge sind ein Gewinn für die Stadtplanung

Im Mittelpunkt der städtischen Transformation steht der digitale Zwilling, der die Planung und Umsetzung von intelligenten Gebäuden, nachhaltigem Verkehr und Energieversorgung erleichtert.

 

Ein digitaler Zwilling ist ein Computerprogramm, das anhand von Daten aus der realen Welt eine Simulation eines physischen Objekts wie eines Gebäudes oder einer Dienstleistung erstellt, die dann zur Vorhersage seiner Leistung verwendet werden kann. Dies hilft den Städten bei der Optimierung aller Aspekte von Planung, Bau, Betrieb und Verwaltung. In größerem Maßstab können digitale Zwillinge für die Entwicklung und den Betrieb ganzer Städte und Stadtteile wie für die Siemensstadt Square eingesetzt werden, indem Gebäude, Verkehrssysteme und andere Infrastrukturen wie die Energieverteilung miteinander verbunden werden.

 

Die Vorteile in finanzieller Hinsicht, in Bezug auf Nachhaltigkeit und Lebensqualität sind immens. Potenziell kostspielige Fehler können vermieden werden, da der zukunftsorientierte Standort zweimal gebaut wird - zuerst in der digitalen und dann in der physischen Welt.

Um die Herausforderungen der Zukunft in Bezug auf Mobilität und Energie zu lösen, müssen wir die digitale Welt skalieren.
Stefan Kögl, General Manager von Siemensstadt Square

"Wir machen die Fehler zuerst in der digitalen Welt, indem wir sehen, welche Auswirkungen sie haben werden", sagt Siemens Vorstand Neike. "Anstatt dass sich die Menschen an eine Stadt oder ein Viertel anpassen, können wir jetzt die Stadt oder das Viertel an die Menschen anpassen."

 

Die Vorteile digitaler Zwillinge dürften im Laufe der Zeit weiter zunehmen, da immer mehr Daten die Art und Weise beeinflussen, wie Gebäude und Stadtteile geplant, gebaut und betrieben werden. "Um die Herausforderungen der Zukunft in Bezug auf Mobilität und Energie zu lösen, müssen wir die digitale Welt skalieren", sagt Stefan Kögl, General Manager von Siemensstadt Square. "Nur so können wir Lösungen für die Zukunft finden, indem wir die digitale Welt und die Realität zusammenbringen."

 

Für Bürgermeisterin Franziska Giffey ist die Siemensstadt Square eine Chance, die Zugänglichkeit, Nachhaltigkeit, Lebensqualität und Mobilität in diesem Berliner Bezirk und darüber hinaus zu verbessern. "Wir stehen vor drei großen Herausforderungen, wie unsere Städte in Zukunft aussehen sollen", sagt sie. "Sie sollten zugänglich, erschwinglich und nachhaltig sein. Ich hoffe, dass wir dies überall erreichen werden, und intelligente Städte sind ein wichtiger Weg, um diese Ziele zu erreichen."

7. Juli 2022

Bilder: Siemens AG