Anschluss an die Zukunft des Energienetzes

260.000 intelligente Stromzähler für Nord-Delhi.

Mit dem Einbau von mehr als 260.00 intelligenten Stromzählern in Nord-Delhi macht Tata Power Delhi Distribution Limited einen wichtigen Schritt, um die Vision eines intelligenten Stromnetzes für Indien zu realisieren.

 

Von Swati Prasad

 

In Nord-Delhi, einem großen und geschäftigen Bezirk innerhalb der Metropolitanregion National Capital Territory (NCT) von Delhi, leben mehr als sieben Millionen Menschen. Hier befindet sich eine Mischung aus Industriegebieten, Gewerbekomplexen, Kulturdenkmälern, Apartmentblöcken und Wohngebieten, doch die meisten Menschen, die in Delhi aufgewachsen sind, verbinden diese Gegend wohl eher mit dem North Campus der University of Delhi und seinen renommierten Instituten wie dem St. Stephen’s College und dem Shri Ram College of Commerce.

 

Die Architektin Rasna Kame (48) lebt mit ihrer Familie im Elternhaus ihres Ehemanns in Shakti Nagar, einer Wohnkolonie aus den frühen 1950er Jahren. Heute wirkt der Bungalow mit einer Fläche von ca. 420 Quadratmetern etwas altmodisch, doch die Stromverteilung in ihrem Stadtteil ist auf dem allerneuesten Stand. „Stromausfälle haben wir selten“, sagt Kame. Allerdings ist der Stromverbrauch der Familie in den letzten zwei Jahren sprunghaft angestiegen, dank Homeoffice und Online-Unterricht. Daher war sie sehr interessiert zu erfahren, dass das örtliche Stromversorgungsunternehmen Tata Power Delhi Distribution Limited (Tata Power-DDL) intelligente Stromzähler installiert. „Ich habe gehört, dass die Smart Meter uns mehr Kontrolle über unseren Stromverbrauch geben werden“, sagt Kame.

Daten in Echtzeit von intelligenten Zählern

 

Sie hat Recht. Mit intelligenten Zählern können Kunden in Echtzeit wertvolle Daten über ihren Stromkonsum auf ihren Mobiltelefonen ablesen und ihr Verbrauchsverhalten entsprechend anpassen. Bis März 2022 hat Tata Power-DDL, ein Joint Venture zwischen Tata Power und der Stadtverwaltung von Delhi, 260.000 intelligente Stromzähler bei Haushalten sowie Unternehmen und IndustriekundInnen in Nord-Delhi eingebaut. „Tata Power-DDL hat als einer der ersten Energieversorger Smart Meter eingeführt“, sagt Ganesh Srinivasan, der Geschäftsführer von Tata Power-DDL. Bei diesem Projekt kooperiert seine Firma mit Landis+Gyr, einem weltweit führenden Unternehmen für intelligente Zähler, und mit Siemens, einem Weltmarktführer bei intelligenten Stromnetzen. Siemens hat die Datenverwaltung für Tata Power-DDL installiert und in Betrieb genommen.

Tata Power-DDL hat als einer der ersten Energieversorger Smart Meter eingeführt.
Ganesh Srinivasan, Geschäftsführer von Tata Power-DDL

Robert HK Demann, Head, Smart Infrastructure, Siemens Limited (India), glaubt, dass die Initiative ein wichtiger Meilenstein in der Entwicklung des indischen Energiesystems ist. „Wir sind stolz auf unsere Partnerschaft mit Tata Power-DDL bei der Digitalisierung der Energieverteilungsnetze. Unser Ziel ist es, unsere KundInnen in die Lage zu versetzen, mit unseren Technologielösungen ihre Herausforderungen bei der digitalen Transformation und Nachhaltigkeit zu bewältigen. Die Einführung von Advanced Metering Infrastructure ist mit dem Nationalen Programm für intelligente Zähler (National Program for Smart Metering) abgestimmt und wird eine wichtige Rolle beim landesweiten Ausbau der intelligenten Stromnetze spielen“, sagt Demann.

 

Für den Stromversorger bedeutet dies einen erheblichen und konkreten Vorteil, wie Demann festhält: „Smart Meter versorgen die Versorgungsunternehmen mit präzisen Daten, die in Echtzeit genutzt werden können. Das von Siemens eingesetzte EnergyIP Meter Data Management System ermöglicht die schnelle und zuverlässige Erfassung von Stromzählerdaten auf dem neuesten Stand der Technik. Dies führt zu mehr Transparenz im Verbrauchernetzwerk und hilft den Versorgungsunternehmen dabei, das Stromnetz zu optimieren.“

Intelligente Stromzähler sind ein wichtiger erster Schritt in Richtung der intelligenten Netze, also solcher Stromnetze, die mit Automations-, Kommunikations- und EDV-Systemen die Stromflüsse vom Erzeugungsort bis hin zum Verbrauchsort überwachen können. Diese Systeme kontrollieren den Stromfluss oder reduzieren mittels Redispatch die Lasten, um diese in Echtzeit oder Fast-Echtzeit an die Stromerzeugung anzupassen.

 

Vor Beginn dieses Unterfangens hatte Tata Power-DDL eine detaillierte Machbarkeitsstudie vogenommen, um die Nachteile konventioneller Stromzähler besser zu verstehen. „Eine der größten Herausforderungen bei den herkömmlichen Zählern war, dass der Datenverkehr zwischen dem Unternehmen und den KonsumentInnen eine Einbahnstrasse war“, sagt Srinivasan. Stromdiebstahl, Störfallmanagement, Ertragsmanagement, ineffiziente Rechnungsstellung und die Zuverlässigkeit des Service waren weitere Herausforderungen für die Firma.

Die logische Wahl

Somit waren intelligente Stromzähler eine logische Wahl. Tatsächlich sind Smart Meter der Schlüssel für die Reduzierung von Übertragungs- und Verteilverlusten. Heute kann Tata Power-DDL die intelligenten Stromzähler seiner KundInnen von entfernten Standorten ablesen. „Weil unser Team sich physisch weniger bewegen muss, sinken auch die Betriebskosten“, sagt Srinivasan.

Intelligente Stromzähler sind auch für die KonsumentInnen von Vorteil. Sie führen zu größerer Kundenzufriedenheit durch nahtlose und fehlerfreie Rechnungsstellung sowie schnellere Erkennung von Ausfällen und Wiederherstellung der Versorgung. Und wie Kame feststellte, erhalten die KundInnen eine Übersicht ihres Energieverbrauchs in Echtzeit.

 

„Es wäre auf jeden Fall hilfreich, unsere Verbrauchsdaten zu kennen“, sagt der Elektroniker Sanjay Verma (51). Verma lebt im Stadtteil Sector 13 Rohini, und seine betagten Eltern leben in der Nähe im Sector 18. Weil er zwischen den beiden Wohnorten pendelt, ist er sehr daran interessiert, die Verbrauchszahlen beider Wohnungen zu analysieren und den monatlichen Verbrauch vorauszuberechnen. Mit intelligenten Stromzählern „gibt es ein enormes Potenzial für das Kundenegagement“, sagt Srinivasan. Zum Beispiel hat Tata Power-DDL ein Programm zur verhaltensbezogenen Nachfragesteuerung eingeführt, das den PrivatkundInnen in seinem Einzugsgebiet helfen soll, ihre Lastspitzen durch Einsicht in das eigene Verbrauchsverhalten zu reduzieren.

Netzintegration der erneuerbaren Energien

Intelligente Stromzähler sind auch eine Voraussetzung für Lastausgleich und die Einbindung von mehr erneuerbaren Energiequellen in das Stromnetz. Indien steht erhebliche Veränderungen im Energiemix bevor: das Land plant mit einer Erzeugung von 500 GW erneuerbarer Energie im Jahr 2030. Die indische Regierung hat einige Massnahmen getroffen, um den Einbau von Photovoltaik-Dachanlagen bei Privathaushalten zu fördern. Im Februar 2022 vereinfachte es die Verfahren weiter, um mehr Haushalten den Zugang zu Fördermitteln für Solaranlagen zu ermöglichen.

 

Mit einem zunehmenden Anteil erneuerbarer Energien steigt auch die Zahl der ProsumerInnen, das heisst der KonsumentInnen, die auch selber Energie erzeugen. „Ein Netz, das einen größeren Anteil von Erneuerbaren verwendet, ist von größeren Fluktuationen bei der Einspeisung betroffen, welche durch Batteriespeicherung und neue Technologien wie virtuelle Kraftwerke ausgeglichen werden müssen“, sagt Demann. Diese Cloud-basierten verteilten Kraftwerke bündeln die Kapazitäten unterschiedlicher verteilter Energieressourcen zum Zweck verbesserter Stromerzeugung und um Strom auf dem Elektrizitätsmarkt zu tauschen oder zu verkaufen. Mit Blick auf die Fluktuationen in der Erzeugung erneuerbarer Energien ermöglichen intelligente Stromzähler eine bessere Handhabung der Lasten während und neben der Belastungsspitzen.

Smart Meter versorgen die Versorgungsunternehmen mit präzisen Daten, die in Echtzeit genutzt werden können. 
Robert HK Demann, Head, Smart Infrastructure, Siemens Limited (India)

Laut Demann fungieren die Smart Meter wie Sensoren, die den Stromverbrauch durch dringend benötigte Transparenz auf VerbraucherInnenseite messern. „Sie ermöglichen auch präzise Vorhersagen über Lasten,“ ergänzt Srinivasan.

 

In einem Zeitalter, in dem die Nachhaltigkeit ein zentrales Kriterium für VerbraucherInnen, UnternehmerInnen und AktionärInnen geworden ist, trägt die Technologie dazu bei, ökologische, gesellschaftliche und Governance-Ziele (ESG) zu erfüllen. Mit intelligentem Datenmanagement durch Smart Meter kann Tata Power-DDL seine Nachhaltigkeitsziele in den Bereichen Energieffizienz, Reduziereung von Treibhausgasen und Verbesserung der Sicherheit von MitarbeiterInnen und der Öffentlichkeit erreichen. Darüber hinaus arbeitet Siemens daran, die Betriebssicherheit und Zuverlässigkeit der kritischen Energieanlagen von Tata Power-DDL zu verbessern.

 

Mit intelligenten Stromzählern ist auch der Peer-to-Peer-Handel in der Blockchain möglich. Dieses vielversprechende Instrument kann Transkationen zwischen Erzeugern und Verbrauchern von Energie aufzeichnen und ermöglichen. „Prosumer können durch das Netz des Verteilerunternehmens an jeden Verbraucher Strom verkaufen und zahlen dafür die von der Regulierungsbehörde festgelegten Durchleitungsentgelte“, erklärt Srinivasan.

Zunehmender Strombedarf

In den letzten acht Jahren hat der pro-Kopf-Stromverbrauch in Indien stetig zugenommen, von 914 kWh im Jahr 2012-13 auf 1,208 kWh im Jahr 2019-2020. Dies ist etwa ein Drittel des Weltdurchschnitts (3,260 kWh im Jahr 2018-19). Laut einem Bericht des United Nations Human Settlements Program (UN-Habitat) steht Indien eine rasante Urbanisierung bevor, und das Land wird im Jahr 2030 zwei weitere Megastädte mit je über 10 Millionen Einwohnern haben. Neben der Verstädterung wird auch der Stromverbrauch dramatisch ansteigen und noch mehr Bedarf nach intelligenter Steuerung der Versorgung von Verbrauchern aus dem Stromnetz mit sich bringen.

Mit intelligenten Stromzählern gibt es ein enormes Potenzial für das Kundenegagement.
Ganesh Srinivasan, CEO of Tata Power-DDL

Der Ausbau von 260.000 intelligenten Stromzählern in Nord-Delhi durch Tata Power-DDL ging einher mit einem Fünfjahresprogramm der indischen Regierung, die mit 3.030 Milliarden Rupien (37.5 Milliarden Euro) die Einführung von 250 Millionen Smart Metern im ganzen Land fördert.

 

„Mir ist kein anderes Land bekannt, das in den nächsten Jahren 250 Millionen intelligente Stromzähler einbauen wird“, sagt Demann. Solche enormen Zahlen können nur in einem Land wie Indien mit seiner Bevölkerung von 1.39 Milliarden Menschen erzielt werden. Angesichts dieser Ambitionen und großen Wachstumsprojektionen kann der Tag nicht mehr fern sein, an dem Indien ein landesweites intelligentes Netz haben wird, das durch Millionen von intelligenten Zählern unterstützt wird. Denn, wie Srinivasan sagt: Smart Meter sind das Rückgrat für den Aufbau eines intelligenten Netzes.

 

3. Mai 2022

Zur Autorin: Swati Prasad lebt als freie Journalistin in Delhi und schreibt über Unternehmen, Ökonomie, Technologie und Gesundheitswesen. Sie berichtet aus Indien für verschiedene Publikationen in Übersee und hat als Korrespondentin und Redakteurin für The Economic Times, Business Standard, The Indian Express und Business Today gearbeitet. 

Bilder: Siemens AG, Tata Power Delhi Distribution Limited, Shutterstock