Berlin, Germany

Das neue Space Race in Deutschland

Deutschland strebt eine schnellere Energiewende an

Der weltweite Wettlauf um die Dekarbonisierung hat begonnen. Wie gut die einzelnen Länder dabei abschneiden, hängt von Politik, Einfallsreichtum und intelligenter Infrastruktur ab. Wie sieht der Wettlauf in Deutschland aus?

Deutschland ist Europas größter Kohlendioxid-Emittent, hat sich aber auch einige der ehrgeizigsten Klimaziele weltweit gesteckt. Nach einer Gesetzesänderung im Jahr 2021 gibt es in Deutschland inzwischen rechtsverbindliche Vorschriften, die darauf abzielen, Emissionen bis 2030 um 65 % (im Vergleich zu 1990) zu senken und bis 2045 vollständig treibhausgasneutral zu werden.

 

Die Erreichung dieser Ziele wird eine große Herausforderung sein. Seit über einem Jahrzehnt engagiert sich Deutschland sowohl für den Ausbau erneuerbarer Energien als auch für den Ausstieg aus der Kohle- und Kernenergie. Trotzdem ist das Land nach wie vor stark auf Öl und Gas angewiesen, die zusammen 61 % der gesamten Energieversorgung ausmachen. Wenn man Kohle dazurechnet, werden 77 % der Energie in Deutschland aus Kohlenwasserstoffen gewonnen. Ein Großteil wird in industriellen Prozessen verwendet, die nur schwer zu elektrifizieren bzw. zu dekarbonisieren sind. 

 

Die Nutzung von Kohle und Öl sollte von vornherein schnell reduziert werden, aber der gesellschaftliche Druck und geopolitische Faktoren machen die Abhängigkeit von Erdgas zunehmend unhaltbar – und das schneller als gedacht. Die deutsche Energiepolitik muss sich jetzt also darauf konzentrieren, den Ausbau von Wind, Biomasse, Solarenergie, Wasserstoff und anderen kohlenstoffarmen Energietechnologien noch schneller voranzutreiben und die dafür erforderlichen Vorschriften und Infrastrukturen zu schaffen.

Das Netto-Null-Ziel wird nur erreicht, wenn wir zusammenarbeiten.
Xiaohu Tao, Vice President, Business Innovation und Digital der Energie Netze bei der E.ON SE

Neue operative Rahmenbedingungen, neue Geschäftsmodelle und neue Ebenen der Zusammenarbeit sind erforderlich

Diese Schlüsselelemente – Technologien, Vorschriften und Infrastruktur – sind nicht alles, was erforderlich ist. Das Ausmaß der Entwicklung und des Wandels, das nötig ist, um die deutschen Klimaziele zu erreichen, erfordert auch neue betriebliche Rahmenbedingungen, neue Geschäftsmodelle und neue Ebenen der Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. „Das Netto-Null-Ziel wird nur erreicht, wenn wir zusammenarbeiten“, sagt Xiaohu Tao, Vice President, Business Innovation und Digital der Energie Netze bei der E.ON SE. „Das sind Themen, die alle betreffen. Die Akteure im Energiebereich müssen innovativ sein, Ideen austauschen und zusammenarbeiten, denn dies ist die größte Herausforderung und das wichtigste Thema für uns alle.“

 

Daher ist es erfreulich, dass 60 % der befragten deutschen Unternehmen nach eigenen Angaben in den letzten fünf Jahren zum ersten Mal bedeutsame Ziele zur Kohlenstoffsenkung oder Klimaneutralität verfolgt haben (nahe am Gesamtdurchschnitt von 66 %). Allerdings glauben nur 45 %, dass ihr Unternehmen bis 2025 einen Netto-Null-Beitrag zu den globalen Kohlenstoffemissionen leisten kann. Dies liegt deutlich unter dem Durchschnitt der an der Studie beteiligten Länder (66 %).

Rund 85 % der deutschen Umfrageteilnehmer sind der Meinung, dass deutlich mehr in die Verbesserung der Energieeffizienz und der Nachfragesteuerung investiert werden sollte.

Gleichzeitig kann Deutschland viel tun, um die Energieeffizienz in der Industrie, Infrastruktur und bebauten Umwelt zu steigern und so den Druck auf die Energieversorgung zu senken. Rund 85 % der deutschen Umfrageteilnehmer sind der Meinung, dass deutlich mehr in die Verbesserung der Energieeffizienz und der Nachfragesteuerung investiert werden sollte.

 

Bessere Effizienz kann unter anderem durch Digitalisierung erzielt werden, aber auch hier muss der Fortschritt beschleunigt werden. Die meisten Befragten in Deutschland (70 %) sind der Ansicht, dass die Digitalisierung von Gebäuden und Stromnetzen hinter den Fortschritten der Digitalisierung in den meisten anderen Branchen zurückbleibt. Gleichzeitig geben nur 13 % der Befragten an, dass ihr Unternehmen die verfügbaren Daten vollständig nutzt – deutlich weniger als der Durchschnitt aller Länder (31 %). 

 

In Deutschland stehen enorme infrastrukturelle Veränderungen an, die durch die voneinander abhängigen Megatrends Energiewende und Digitalisierung vorangetrieben werden. Aber dieser dramatische Umstieg muss bei laufendem Betrieb stattfinden, damit wirtschaftliche, politische und soziale Aktivitäten Tag und Nacht ungestört ablaufen können, unabhängig von möglichen Bedrohungen, Unterbrechungen oder ähnlichen Ereignissen. 

 

„Wir müssen sicherstellen, dass wir intelligent vorgehen“, sagt Tao. „Dazu gehört die Organisation robuster Systeme, die Verwaltung riesiger Datenmengen und die Sicherstellung unterbrechungsfreier Dienste und einer positiven Customer Experience. Vor allem aber müssen wir die Cybersecurity-Risiken in den Griff bekommen, denn mit der Digitalisierung von Unternehmen können ungewollt neue Schwachstellen entstehen. Die Herausforderung besteht also darin, innovativ und flexibel zu sein und gleichzeitig Sicherheit und Zuverlässigkeit zu gewährleisten.“

Die fünf wichtigsten Faktoren, die die zukünftige Infrastrukturentwicklung in Deutschland beeinflussen

Laut Infrastrukturakteuren in Deutschland sind dies die wichtigsten Faktoren, die künftige Bau- und Energieinfrastrukturprojekte beeinflussen.

Dekarbonisierungsperspektiven von Infrastrukturakteuren in Deutschland

Wichtigste Technologien für die nächsten fünf Jahre

Für führende Vertreter der deutschen Energie- und Baubranche sind dies die Bereiche, die für die Entwicklung der Infrastruktur in den nächsten fünf Jahren am wichtigsten sind.

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön den zahlreichen hochrangigen Vertretern des Infrastruktursektors und Experten, die im Rahmen dieser Studie ihre Ideen und Einsichten mit uns geteilt haben. 

 

  • Ali Alsuwaidi, Vice President, Middle East Facilities Management Association 
  • Wayne Butcher, Director, Grant Thornton UK LLP
  • Ewan Jones, Partner, Grimshaw
  • Jeremy Kelly, Research Director, JLL
  • Kerstin Sailer, Mitbegründerin von Brainybirdz und Professorin für Soziologie der Architektur, Bartlett School of Architecture, University College London 
  • Maia Small, Manager, Policies & Strategies, San Francisco Planning
  • Steven Velegrinis, Head of Masterplanning, AECOM
  • Christian Waglechner, Senior Development Manager, CA Immobilien Anlagen AG (CA Immo)
  • Michael Webber, Josey Centennial Professor für Energieressourcen und Maschinenbau an der University of Texas in Austin und ehemaliger Chief Science and Technology Officer bei ENGIE
  • Xiaohu Tao, Vice President, Business Innovation und Digital der Energie Netze bei der E.ON SE

Diese Thought-Leadership-Studie basiert auf einer Umfrage, ausführlichen Interviews und Sekundärforschung. Sie ist keine akademische oder wissenschaftliche Forschungsarbeit. Unser Ziel ist es nicht, endgültige Antworten zu geben, sondern Gespräche anzustoßen, zum Nachdenken anzuregen und die Akteure im Infrastrukturbereich aufzufordern, sich zu überlegen, was die heutigen Megatrends für die Zukunft unseres Energiesystems und unserer gebauten Umwelt bedeuten.

 

An der Umfrage nahmen 501 Personen aus zehn Ländern mit großflächigen und/oder hochentwickelten Infrastruktureinrichtungen und entsprechenden Ambitionen teil. Die Umfrage wurde im Juni und Juli 2021 durchgeführt.

Land
 

USA

20%

Großbritannien

16%

China

12%

Frankreich

12%

Indien

10%

Deutschland

8%

VAE

8%

Singapur

6%

Österreich

4%

Schweden

4%

Primäre Rolle

 

Führungsposition, Management, Strategie

24%

Betrieb und Wartung

15%

Architektur und Design

12%

Informationstechnologie, Cybersecurity, Softwareentwicklung

12%

Ingenieur oder Bauexperte

10%

Experte für Finanzmanagement oder Investitionen

5%

Verkauf, Marketing, PR

5%

Data Science, Analytik, KI

4%

Berater (z. B. Management, Nachhaltigkeit, Technologie)

4%

Risikomanagement, Compliance (Gesetze und Vorschriften)

3%

Immobilienentwicklung

3%

Nachhaltigkeits- und/oder Effizienzexperte

2%

Branche

 

Architektur, Entwicklung, Bau- und Ingenieurwesen

18%

Schwerindustrie und Fertigung

14%

Einzelhandel, Hospitality, Unternehmen, Wohnungsbau
12 %

Öffentlicher Sektor und Bildung

12%

Energie (Erzeugung, Übertragung, Verteilung)

11%

Leichtindustrie (Lebensmittel/Getränke, Rechenzentren, Transport)

10%

Gesundheit und Pharma

8%

Immobilien-/Facility-Management

8%

Investoren (Trusts, Fonds usw.)

6%

Organisationsgröße                                                     

 

50 bis 249 Mitarbeitende

20%

250 bis 499 Mitarbeitende

20%

500 bis 999 Mitarbeitende

25%

1000 bis 4999 Mitarbeitende

20%

5000+ Mitarbeitende

15%

Seniorität

 

C-Suite-Führungskraft (oder gleichwertig)

32%

Mein direkter Vorgesetzter ist eine C-Suite-Führungskraft

38%

Der direkte Vorgesetzte meines Managers ist eine C-Suite-Führungskraft

30%