Haidlmair: Digitalisierung beginnt im Ausbildungszentrum

Bedienung, Technologien, Prozesse – die Digitalisierung wird in den nächsten Jahren weite Teile der Werkzeugmaschinenindustrie erfassen und revolutionieren. Wie muss sich demzufolge die Ausbildung verändern? Erste Antworten darauf finden sich im Ausbildungszentrum des österreichischen Werkzeugbauers Haidlmair.

Von der Schmiede zum führenden Hersteller von Spritzgusswerkzeugen

Getränkekästen, Faltkisten, Schubladen, Müllcontainer, Kästen für Lagersysteme – Produkte, die mit den hochwertigen Spritzgusswerkzeugen der Haidlmair GmbH produziert werden, begegnen uns im Alltag auf Schritt und Tritt. Die Familie Haidlmair hat das Unternehmen aus dem idyllisch gelegenen Nußbach in drei Generationen von einer kleinen Schmiede zu einem der weltweit führenden Entwickler und Produzenten von hochwertigen Spritzgusswerkzeugen aufgebaut.

Fokus auf Qualität

Das Management um Geschäftsführer Mario Haidlmair und Controller Rene Haidlmair setzt konsequent auf Qualität und Innovation, um die Marktposition des Unternehmens weiter auszubauen. So wird an den vielen Werkzeugmaschinen in der großen Fertigungshalle fast komplett papierlos und mit Siemens NX sowie Teamcenter als Datendrehscheibe gearbeitet. Die Produkte werden mit Siemens NX als CAD/CAM- und PLM-System entwickelt, die Daten und Programme aus der Arbeitsvorbereitung über Teamcenter an die Maschinen übergeben und dort von den Bedienern an eigenen Monitoren eingesehen.

 

Das kann nicht ohne Konsequenzen für die Ausbildung bleiben, wie Christian Riel, stellvertretender Technischer Leiter bei Haidlmair, erklärt: „Wir nutzen NX als CAD/CAM-System seit 1985 und waren damals sicherlich einer der ersten Anwender im Bereich Werkzeug- und Formenbau. Schon im Ausbildungszentrum erlernen alle Mitarbeiter den Umgang mit CNC-Systemen, auch mittels der Trainingssoftware Sinutrain und der Siemens PLM-Software. Deren verschiedenen Module sind für uns das Herzstück unserer technischen IT-Landschaft. So können wir in der Fertigung komplett papierlos arbeiten.“

 

 

Sofort produktiv

Pro Jahr beginnen acht bis zwölf Auszubildende ihre vierjährige Ausbildung im Haidlmair-Ausbildungszentrum. Alle Auszubildenden werden bereits nach ganz kurzer Grundausbildung in der manuellen Metallbearbeitung an den CNC-Maschinen produktiv eingesetzt. An den Werkzeugmaschinen im Ausbildungszentrum – selbst 3D-Drucker stehen für die Ausbildung zur Verfügung – werden kleine Werkstücke für Aufträge oder als Ersatzteile gefertigt. Das Ziel: Es wird im Ausbildungszentrum kein Werkstück hergestellt, was später nicht in die Produktion gelangt.

 

Neben der klassischen CNC-Programmierung an den Fräs- und Drehmaschinen, die ja auch für die Abschlussprüfungen gefordert ist, wird so bereits sehr früh die komplett digitalisierte Wertschöpfungskette erlebt und gelernt – beginnend bei CAD/CAM-Entwurf oder Programm-Download bis hin zu unternehmensspezifischen Prozessketten. Diese umfassende und praktische Schulung in der digitalen Wertschöpfungskette ist der Grund, weswegen auch alle neu eingestellten Facharbeiter bei Haidlmair zunächst in das Ausbildungszentrum müssen.

 

Virtuelle Workbench

Weil Haidlmair im modernsten Bereich der Produktion Werkzeugmaschinen mit SINUMERIK-Steuerungen einsetzt, ist diese CNC ein wichtiger Teil in der Ausbildung geworden. Die hauptamtlichen Ausbilder ließen sich dafür im Erlanger DEX (Digital Experience and Application Center) in einem Train-the- Trainer-Lehrgang umfassend schulen. In dem Ausbildungszentrum findet die Basisausbildung für die SINUMERIK-Programmierung und -Bedienung offline am virtuellen Programmierplatz Sinutrain statt. Auch die umfassenden Dokumente, die Siemens speziell für Auszubildende und Ausbilder bereitstellt, werden dort eingesetzt. In der virtuellen Sinutrain-Workbench können verschiedene Maschinen mit unterschiedlichen Software-Ständen simuliert werden und so erlernen die Auszubildenden schnell genau die Version, mit der sie an den Maschinen künftig arbeiten werden. In dem Ausbildungszentrum stehen unter anderem eine Fräsmaschine von DMG Mori mit SINUMERIK 840D sl und SW 4.7 sowie eine Fräsmaschine von EMCO mit SINUMERIK 828D, an denen die Auszubildenden das am PC-Übungsplatz Simulierte später in die Praxis umsetzen. Hier fertigen sie ganz konkret und erlernen neben der Programmierung und Bedienung der SINUMERIK-Steuerung auch alle maschinennahen Arbeitsschritte.

 

Nur das modernste Equipment

Auffallend ist, über wie viele neue und gut ausgestattete Maschinen das Ausbildungszentrum verfügt. Stefan Knödlstorfer, Technischer Leiter der Haidlmair GmbH, erklärt: „Wir investieren bewusst viel in modernstes Equipment. Uns haben schon einige Auszubildende berichtet, dass sie auf moderneren und hochwertigeren Maschinen arbeiten als ihre Väter, die als ausgebildete Fachkräfte in anderen Betrieben in der Umgebung tätig sind. Wir wollen in unserem Ausbildungszentrum Abbilder der Maschinen und Arbeitsweisen verwenden, die unser Fachkräfte-Nachwuchs nach seiner Ausbildung auch bei uns vorfindet – zum Beispiel Multitouch, integrierte Messzyklen oder additive Verfahren.“ Auszubildende, die durch herausragende Leistungen glänzen, erhalten sogar die Möglichkeit, an einem der ausländischen Unternehmensstandorte Erfahrungen zu sammeln.

Haidlmair wurde bereits mehrfach für seine Tätigkeit als Ausbilder ausgezeichnet (u.a. als staatlich ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb). Doch nicht nur deswegen ist das Unternehmen beim Nachwuchs begehrt. „Wir haben bisher wenig Probleme mit der Besetzung der Lehrstellen. Natürlich bereiten wir alle Auszubildenden auf die klassischen Prüfungsinhalte im Abschluss vor, aber die jungen Leute wissen und sehen sofort, dass wir hier für die digitale Zukunft unserer Branche ausbilden“, bringt es Stefan Knödlstorfer nicht ohne Stolz auf den Punkt.

 

Vollautomatisiertes Maschinen-Cluster

Genau diese Zukunft können die Auszubildenden dann in den Produktionshallen sehen und erleben. In einem Neubau stehen hier vier in Hard- und Software komplett identisch ausgestattete DMG Mori DMU 80 P duoBLOCK – jeweils über eine SINUMERIK 840D sl gesteuert. Die Besonderheit: Die vier 5-Achs-Maschinen agieren als ein vernetztes Cluster, als einheitliches Fertigungssystem. Dieses wird über ein automatisiertes Palettenlager mit Werkstücken be- und entladen. Vollständig befüllt, reicht das Palettenlager aus, um die vier Werkzeugmaschinen vier Tage lang rund um die Uhr komplett autonom zerspanen zu lassen. Der Prozess ist durchgehend automatisiert. Werkzeugmagazin, Palettenlager, die gesamte Automatisierungstechnik und der Leitrechner kommen von der österreichischen Promot Automation AG. Insgesamt ist dieses Fertigungssystem ein gutes Beispiel für die Produktionskonzepte, die Auszubildende künftig in der Branche vorfinden werden – die Auszubildenden bei Haidlmair sind darauf bestens vorbereitet.

 

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