Nutzen von Notstromsystemen

April 2019

Was ist eigentlich Notstrom? Und macht das für mich Sinn?

Viele Menschen glauben, dass sie mit einem Speicher im Keller auch automatisch Strom zur Verfügung haben, wenn das Stromnetz mal ausfallen sollte. Warum das nicht immer so ist, was es für technische Optionen gibt und wann diese überhaupt Sinn machen erklären wir in diesem Artikel.

Die Antwort ist einfach: Sehr unwahrscheinlich. So hat beispielsweise der VDE berechnet, dass die Letztverbraucher im Jahr 2016 durchschnittlich zu 99,998% mit Strom versorgt wurden. Auf alle Stromkunden umgerechnet würde dies gerade einmal 11,9 Minuten im Jahr entsprechen – eine Dauer also, die Sie nachts beim Schlafen oder tagsüber außer Haus vermutlich gar nicht mitbekommen würden.

 

Trotz der Faktenlagen wünschen sich aber zunehmend mehr Menschen die emotionale Sicherheit einer eigenen Stromversorgung im Keller. Das ist verständlich, denn das menschliche Gehirn bewertet Extremereignisse wie einen Stromausfall sehr hoch – selbst wenn sie statistisch so gut wie ausgeschlossen sind. Welche Optionen gibt es also? 

 

VDE, Störungs- und Verfügbarkeitsstatistik 2016

Von Notstrom spricht man in der Regel dann, wenn eine unterbrechungsfreie Stromversorgung gewährleistet wird. Notstromsysteme springen bereits wenige Millisekunden nach einem Stromausfall an und stellen so die Versorgung sicher. Insbesondere bei kritischen Infrastrukturen wie Krankenhäusern kommen solche Systeme zur Anwendung.

 

Von Ersatzstrom spricht man hingegen, wenn eine Stromversorgung zwar gewährleistet wird, diese aber nicht zeitkritisch im Millisekundenbereich erfolgen muss. Hierfür muss zuerst das Hausnetz physisch vom Stromnetz getrennt und dann der vorhandene Batteriestrom beispielsweise über eine 230V-Steckdose für 1-phasige Verbraucher zur Verfügung gestellt werden. Möglich ist auch die Versorgung des gesamten Hausnetzes bei Installation einer allpoligen Trennung im Zählerschrank.

 

Da Ersatzstromsysteme technisch weniger anspruchsvoll und damit günstiger als Notstromsysteme zu installieren sind, sollten Privathaushalte wenn überhaupt diese bevorzugen. Passen Sie aber auf: Not- und Ersatzstrom werden gerne durcheinandergebracht und Ersatzstromsysteme fälschlicherweise als notstromfähig bezeichnet. 

Von einem Inselsystem spricht man, wenn der Speicher auch während des Ersatzstrombetriebs aus der Photovoltaikanlage gespeist werden kann. In der Regel handelt es sich dabei um DC-gekoppelte Systeme, bei denen der Speicher zwischen Photovoltaikanlage und Wechselrichter installiert wird. Sofern die Sonne scheint, kann so die Überbrückungsdauer also etwas verlängert werden.

Auch wenn Stromausfälle sehr unwahrscheinlich sind, so geschehen sie meist in den Wintermonaten. Da zu dieser Jahreszeit nur wenig Sonne scheint, sind sowohl die Batterien kaum gefüllt als auch das zeitgleiche Laden über ein Inselsystem wenig effektiv. Die Stromversorgung kann also, insbesondere bei hohem Verbrauch, nur sehr kurzzeitig aufrechterhalten werden.

 

Gegensteuern können Sie hier mit einer deutlich größeren Solaranlage als auch einer höheren Batteriekapazität. Hier stellt dann aber die verfügbare Dachfläche eine physische Begrenzung dar. Einige Hersteller bieten darüber hinaus die Möglichkeit, bestimmte Batteriekapazitäten für den Ersatzstromfall zu blockieren. Damit erhöhen Sie dann zwar die verfügbare Ersatzstrommenge – entziehen dem System aber Batteriekapazitäten zur Eigenverbrauchsoptimierung. Das System wird also deutlich ineffizienter. Alternativ können Sie natürlich auch nur sehr wenige, ausgewählte Elektrogeräte, wie Kühlschrank oder Laptop, verwenden. Hier stellt sich dann die Frage, ob wirklich ein Mehrwert für Sie gegeben ist, der die Investitionskosten rechtfertigt.

Die Stabilität der Stromnetze in Deutschland ist, wie es der VDE ausdrückt, „außergewöhnlich hoch“ und somit eigentlich kein rationaler Grund für eine Not- oder Ersatzstromversorgung gegeben. Zunehmend viele Hersteller bewerben solche Systeme aber offensiv und erfolgreich - denn mit der Angst vor einem Stromausfall lässt sich viel Geld verdienen.

 

Sollten Sie sich also gezielt nach solchen Lösungen umschauen, so prüfen Sie sehr genau Ihre verfügbare Dachfläche und die Bereitschaft zu einem größeren Speichersystem. Fragen Sie sich, welche Verbraucher Sie im Falle eines Stromausfalles weiter betreiben möchten und welche Dauer Sie überbrücken möchten. Und lassen Sie sich von Ihrem Installateur eine Kosten-Nutzen-Rechnung zeigen – denn am leichtesten lässt sich ein System verkaufen, wenn die Kunden in die Angst-Falle tappen.

veröffentlicht von Philipp Sonnauer