Der Stand der großen Energiewende

In seiner Funktion als Generalsekretär des Weltenergierates WEC (World Energy Council) arbeitet Christoph Frei bereits seit zehn Jahren an einer weltweiten Energieagenda, um gemeinsam mit führenden Energieunternehmen und Entscheidungsträgern eine nachhaltige Zukunft zu gestalten. Big Data, Uberisierung, lokale Wende – was Branchenführer aus aller Welt über die bevorstehenden Herausforderungen wissen müssen. 

 

Interview: Marc Engelhardt

Das Magazin: Christoph Frei, bisher haben strukturelle Veränderungen in unseren Energiesystemen zumeist einige Zeit in Anspruch genommen. Sie stehen seit zehn Jahren an der Spitze des Weltenergierats. Wie weit ist die große Energiewende seither vorangekommen?

 

Christoph Frei: Es ist wirklich erstaunlich, wie sich der Blick auf die Branche durch die führenden Akteure verändert hat. Vor zehn Jahren spielten Themen wie Dekarbonisierung, Digitalisierung und Dezentralisierung („D3“) praktisch keine Rolle. Heute stehen sie im Fokus. Wir alle haben unterschätzt, wie schnell heutzutage Lösungen entwickelt und umgesetzt werden.

Welche Herausforderungen halten Sie nachts immer noch wach?

 

Der technologische Wandel schreitet rasch voran, doch die Politik wird immer langsamer. Wir brauchen aber dringend eine politische Führung, die aufs Tempo drückt. Das Klimaproblem lässt sich nur lösen, wenn weitgehend Klarheit über die CO2-Bepreisung besteht, die weltweit hieb- und stichfest sein muss. Ohne ein solches Signal können wir das Klimaproblem nicht so lösen, wie es in den Zielen von Paris vereinbart wurde.

Welche anderen strategischen Prioritäten sind – abgesehen von der Politik – notwendig, um die Energiewende zu beschleunigen?
 

Eine Priorität ist sicherlich die Marktgestaltung. Bei unserem bisherigen System war der Verbrauch Schwankungen unterworfen, und der Markt war darauf ausgelegt, diese Nachfrage zu decken. Heute schwankt auch das Angebot an erneuerbaren Energien, und wir müssen viel dynamischer agieren, um diese doppelte Volatilität auszugleichen. Weitere Prioritäten sind Resilienz und natürlich die Digitalisierung. Wie nutzen wir Daten? Plötzlich gibt es eine Fülle davon. Wie stehen wir zu den Themen Datenschutz und Privatsphäre? Und was die Sektorkopplung angeht: Wie integrieren wir separate Sektoren mit heute noch separaten Regulierungsbehörden? Es geht also darum, all diese neuen Entwicklungen zusammenzuführen, damit die Märkte eine stabile Versorgung sicherstellen können. 

Welche wichtigen Trends müssen führende Energieunternehmen im Auge behalten?
 

Sie müssen die allgemeinen Trends rund um die D3, also Dekarbonisierung, Digitalisierung und Dezentralisierung, überall auf der Welt im Auge behalten. Doch die praktische Umsetzung ist überall anders und hängt von den örtlichen Gegebenheiten ab.

Bleiben Sie immer auf dem Laufenden:

Newsletter abonnieren!

Über Christoph Frei

Dr. Christoph Frei wurde 1969 in der Schweiz geboren. Er verfügt über Diplomabschlüsse in Elektrotechnik und Ökonometrie sowie über einen Master-Abschluss für Energiesysteme und angewandte Ethik. Frei promovierte 2001 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL) und ist als außerordentlicher Professor an seiner Alma Mater tätig. In seinen Arbeiten und Publikationen beschäftigt er sich mit Energieszenarien, Klima- und Arbeitsmarktpolitik, der Verbindung von Energie und Wasser und der Zukunft der Energieversorger. Frei spricht Englisch, Französisch, Deutsch und etwas Italienisch und Spanisch. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Im April 2009 wurde er zum fünften Generalsekretär des Weltenergierates ernannt.

 

 

Laden Sie das neue Siemens Whitepaper zu Power-to-X herunter

Grüner e-Wasserstoff ist der Schlüssel zu einer CO2-freien Zukunft. Hier finden Sie alles Wissenswerte über die neuesten Power-to-X-Lösungen und Anwendungsfälle für Industrie, Versorgungsunternehmen und Projektentwickler – mit erstklassigen Beispielen, wie alles funktioniert.

Ich gehe davon aus, dass der Solarmarkt im Nahen Osten zu einem Riesenerfolg wird. In den letzten fünf Jahren sind die Kosten um 80 Prozent gesunken. Bei den heutigen Spitzenprojekten liegen die Kosten für eine Kilowattstunde bei weniger als 2 Cent!
Christoph Frei

Lassen Sie uns einen Blick auf die Regionen werfen: Wie wird die Energiewende im Nahen Osten und in den Golfstaaten umgesetzt?

 

Ich gehe davon aus, dass der Solarmarkt im Nahen Osten zu einem Riesenerfolg wird. In den letzten fünf Jahren sind die Kosten um 80 Prozent gesunken. Bei den heutigen Spitzenprojekten liegen die Kosten für eine Kilowattstunde bei weniger als 2 Cent! Im Nahen Osten und in den Golfstaaten scheint meistens die Sonne. Die Landflächen sind leicht zugänglich, und Solarprojekte werden gewissenhaft umgesetzt. Die Region strebt ohnehin eine Diversifizierung ihrer traditionellen Ressourcen an und wird die neuen Chancen im Bereich der erneuerbaren Energien sicherlich nutzen.

China ist auf dem besten Weg, sich zur größten Volkswirtschaft der Welt zu entwickeln – welche Trends sehen Sie dort?

 

In China gibt es viele verschiedene Treiber. Dekarbonisierung ist ein großes Thema, und nirgendwo sonst auf der Welt wird die Kernenergie derzeit stärker ausgebaut als dort. Außerdem hat China die größten Ambitionen in der Elektromobilität. China treibt auch die Themenfelder intelligente Infrastruktur und Digitalisierung systematisch voran. Aus dem Land kommt also ein erstaunlicher Innovationsschub, doch gleichzeitig baut das Land immer noch neue Kohlekraftwerke mit globalen Auswirkungen. China ist sich der Luftverschmutzung und gesundheitlichen Belastung jedoch sehr wohl bewusst und weiß, dass es langfristig von der Kohle wegkommen muss.

Und was ist mit den anderen asiatischen Ländern?

 

Indien hat die Agenda für den Energiezugang mit Hochdruck vorangetrieben und mit 175 Gigawatt bis 2022 auch ein sehr ambitioniertes Ziel für die Erzeugung erneuerbarer Energien vorgegeben. Bei meinem jüngsten Treffen mit dem Energieminister erfuhr ich, dass Indien sogar einen Anteil von mehr als 200 Gigawatt erreichen könnte. Die Branche konzentriert sich stark auf die Umsetzung dieser Projekte. Schließlich haben wir noch all die kleineren Marktteilnehmer. Singapur investiert hohe Summen in die Digitalisierung, besonders in moderne Städte, und denkt darüber nach, wie Städte besser funktionieren können. Daher könnten auch aus dieser Region viele Innovationen kommen.

In Nordamerika finden wir beides: infrastrukturelle Herausforderungen wie auch die neuesten Innovationen. Wer wird die Zukunft gestalten?

 

Tatsächlich zeigt sich in Nordamerika kein einheitliches Bild: Zum einen gibt es die Kohlestaaten, und zum anderen die Staaten mit billigem Schiefergas. In der Region Quebec werden die größten Wasserkraftwerke der Welt gebaut. Bei der Stromversorgung ist die in die Jahre gekommene Infrastruktur ein Problem. Die notwendige Modernisierung eröffnet aber auch viele Chancen für die Digitalisierung und die Einführung der neuesten Technologien. Das Silicon Valley ist ein leuchtendes Beispiel dafür, wie man leistungsfähige Innovationsökosysteme aufbaut und diese eng mit der Industrie verbindet.

In jüngster Zeit sprechen führende Energieunternehmen häufiger über die Uberisierung von Energie, bei der Energie auf eine völlig neue Weise gekauft oder verbraucht wird. Wie könnte daraus ein Business Case entstehen?

 

Betrachten wir dieses Beispiel: In Deutschland gibt es 40 Millionen Haushalte, und in jedem Haushalt gibt es einen Kühlschrank. Angenommen, es handelt sich um einen energieeffizienten Kühlschrank, der nur 100 Watt verbraucht. Multipliziert man diese 100 Watt mit 40 Millionen Kühlschränken, dann ergibt dies 4 Gigawatt oder 5 Prozent der Spitzenlast in Deutschland. Würde man diese Kühlschränke digitalisieren und einen Vertrag mit den Kühlschrankbesitzern schließen, der ihnen jedes Mal einen Bonus gewährt, wenn ihr Kühlschrank für kurze Zeit ausgeschaltet wird, könnte man die Kühlschränke aggregieren. Man könnte nun alle Kühlschränke gleichzeitig für eine gewisse Zeit ausschalten und 5 Prozent des Spitzenbedarfs verschieben. Da käme so einiges an Energie zusammen. Natürlich gilt dies nicht nur für Kühlschränke, sondern auch für Kühlhäuser, Wasserkocher, Autobatterien usw.

Man könnte also den steigenden Speicherbedarf in Europa decken, indem man die Kapazitäten im System besser nutzt?

 

Das ist ein Faktor, doch lassen Sie mich auch auf die Gasinfrastruktur eingehen, die zum Sektorkapital gehört. In Zukunft wird es sehr wichtig sein, die Sektoren so zu koppeln, dass die Flexibilitäten in Power-to-X-Prozessen optimal genutzt werden.

Wir alle freuen uns über die Elektrifizierung bei der Endnachfrage, aber es ist wichtig zu verstehen, dass damit nur 20 Prozent der heutigen Probleme gelöst werden. Wir decken immer noch rund 80 Prozent unseres Energieverbrauchs mit fossilen Energieträgern.
Christoph Frei

Power-to-Gas könnte Wasserstoff bei der Energiewende einen kräftigen Schub geben. Setzen Sie große Hoffnungen auf Wasserstoff?
 

Auf jeden Fall. Wir alle freuen uns über die Elektrifizierung bei der Endnachfrage, aber es ist wichtig zu verstehen, dass damit nur 20 Prozent der heutigen Probleme gelöst werden. Wir decken immer noch rund 80 Prozent unseres Energieverbrauchs mit fossilen Energieträgern. Selbst wenn wir die Strommenge in den nächsten 20 Jahren verdoppeln würden – was keinesfalls einfach wäre – würde sich der Mengenanteil auf nur rund 30 Prozent erhöhen. Außerdem wird die Hälfte des weltweiten Kapitals in Energie und in die zugehörige Infrastruktur investiert. Statt also die Moleküle zu vernichten, sollten wir besser dafür sorgen, dass sie ebenfalls grün werden. Japan rüstet bereits bestehende Kohlekraftwerke für den Betrieb mit Ammoniak, einem flüssigen Wasserstoff (NH3), nach. Man kann per Kohlendioxid-Abtrennung und -Speicherung Ammoniak produzieren oder besser noch erneuerbare Energieträger zur Herstellung von Wasserstoff und Ammoniak nutzen.

Glauben Sie, dass die Energiewende in den nächsten zehn Jahren weltweit gelingen wird?
 

Die vielfältigen Ideen, die Fülle an Inspiration und die überaus positive Innovationsdynamik der Branche stimmen mich sehr optimistisch. Wenn wir dieses Potenzial noch weiter ausschöpfen und den richtigen politischen Rahmen setzen, dann werden wir in den nächsten zehn Jahren bemerkenswerte Fortschritte erzielen. Ich sehe in dem erstaunlichen Innovationstempo einen wesentlichen Faktor, mit dem wir der Lösung der Klimakrise ein gutes Stück nähergekommen sind.

Newsletter abonnieren

Bleiben Sie auf dem Laufenden: Alles was Sie über Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung wissen müssen.

Weltenergierat (World Energy Council)
 

Mit mehr als 3.000 Mitgliedern, darunter Regierungen und private und staatliche Unternehmen in mehr als 90 Ländern, ist der Weltenergierat das größte Netzwerk von führenden Unternehmen und Akteuren im Energiesektor. Der WEC wurde 1923 vom Visionär Daniel Dunlop gegründet. Er brachte 40 Länder zusammen, um über die Probleme der globalen Energiewirtschaft zu diskutieren. Der Weltenergierat stellt von Zeit zu Zeit objektive Informationen über Energiestrategien auf allen Ebenen bereit. Dabei liegt der Schwerpunkt auf drei großen Herausforderungen: Energiegerechtigkeit, darunter Zugang und Erschwinglichkeit, Energiesicherheit und -wachstum sowie ökologische Nachhaltigkeit, einschließlich Risikominderung und Anpassung. Der World Energy Congress ist eine Leitveranstaltung, die alle drei Jahre stattfindet. Im Jahr 2019 beteiligten sich mehr als 200 Redner an den Diskussionen in Abu Dhabi. Zu den Jahresberichten gehören der World Energy Issues Monitor und der World Energy Trilemma Index.