„Licht, damit ein Kind nachts lesen kann“: Afghanistan setzt auf eine mobile Fast-Power-Lösung

Elektrizität bleibt ein knappes Gut im ländlichen Afghanistan, einem rohstoffreichen Land, das unter seit Jahrzehnten andauernden Konflikte zu leiden hat. Nun wird erstmals seit den 1970er Jahren wieder ein neues Gaskraftwerk im Land gebaut – in Form einer mobilen Fast-Power-Lösung – das den Lebensstandard verbessern und das Wirtschaftswachstum vorantreiben soll.

 

Von Stefanie Glinski

Nach einem Unterrichtstag kehrt Arifa in ein dunkles Haus zurück. Die Zehnjährige steht am Fenster, während sie Wörter in ihr Notizbuch schreibt und versucht, die letzten Sonnenstrahlen des Tages einzufangen, um ihre Hausaufgaben zu erledigen. Wenn die Sonne untergeht, wird ihr ländliches Dorf in der Provinz Ghor in Dunkelheit versinken.

 

In Afghanistan, einem Land, das in die Berge des Hindukusch eingebettet ist und jahrzehntelange Konflikte erlebt hat, ist Elektrizität ein knappes Gut. Obwohl das Potenzial für die Stromerzeugung riesig ist – auf Grund ausreichender Reserven an Gas, Wasser und Wind – werden jährlich nur 300 Megawatt im Inland produziert, während mindestens 75 Prozent des Stroms – rund 1.000 Megawatt – aus den Nachbarländern importiert wird.

 

Arifa ist Teil der 90 Prozent der Bevölkerung, die nur teilweise oder gar keinen Zugang zu Elektrizität haben.

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Der Wiederaufbau des „Goldenen Zeitalters“ 

Das, sagt Dr. Ehsan Bayat, ist nicht die Situation, in der er aufgewachsen ist. Bayat, der 2006 mit dem Nationalen Menschenrechtspreis der Afghanischen Menschenrechtsvereinigung ausgezeichnet wurde, ist Gründer und Vorsitzender der Bayat-Gruppe, zu der Unternehmen wie Afghan Wireless, Ariana Television und Bayat Energy gehören, die das langfristige Wirtschaftswachstum in Afghanistan fördern sollen.

 

Der gebürtige Kabuler, der als Teenager Afghanistan, nach der sowjetischen Invasion, in Richtung der Vereinigten Staaten verließ, wuchs während des sogenannten „Goldenen Zeitalters“ auf. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Kind keinen Strom hatte“, erklärt er in seinem Büro bei Bayat Energy in Ponte Vedra Beach, Florida, wo er heute wohnt – und das nicht weit von den Siemens Gas and Power Büros in Orlando entfernt ist. „Als ich 2001 nach Kabul zurückkam, war nichts mehr da. Es wird viel wiederaufgebaut, aber es fehlt immer noch an Elektrizität und das ist die Antwort auf viele Probleme im Land.“

 

Bayat, der auch einen Wohnsitz in Afghanistan hat und weiterhin viel Zeit in dem Land verbringt, sagt, dass er sich sicher fühlt, in Energie zu investieren. „Es ist gesunder Menschenverstand: Die Menschen brauchen Energie, um ihre Fabriken, Bauernhöfe und Haushalte zu betreiben. Es ist ein vielversprechender Sektor, und wir haben ein System der Zusammenarbeit mit der lokalen Gemeinschaft, der Schaffung von Arbeitsplätzen und der Entwicklung der Region aufgebaut.“ Genau diese Strategie garantiert laut Bayat die bestmögliche Sicherheit. „Langfristige Energieunabhängigkeit“, sagt er, „wird dem Land zu einem massiven Sprung ins 21. Jahrhundert verhelfen.“

Fast Power für Millionen von Menschen 

Aber wie stellt man schnell und zuverlässig Energie in einem Land bereit, in dem die Infrastruktur unzureichend oder beschädigt ist? Bayats Antwort war eine mobile Gasturbinenanlage von Siemens, die bis zu 41 Megawatt Strom für rund 200.000 Haushalte liefern wird. In der Endphase des Projekts sollen mit Hilfe von Erdgasreserven und zusätzlichen Turbinen rund 200 Megawatt Strom erzeugt werden – mit dem Potenzial, Millionen von Menschen mit Strom zu versorgen.

Wir brauchen dringend Energie, um unsere Dörfer, Städte, Minen, Fabriken und Industrieparks zu elektrifizieren.
Abdul Basir Azimi, ehemaliger stellvertretender Minister für Energie und Wasser in Afghanistan

„Das letzte große Gaskraftwerk des Landes wurde in den 1970er Jahren gebaut. Als Dr. Bayat an uns herantrat, waren wir von seiner Vision begeistert und entschlossen, die beste Lösung zu finden“, erklärt Julian Erfurth, Senior Vice President Commercial Sales bei Siemens Power and Gas. „Bayat hat sich für die größte und effizienteste mobile Gasturbine auf dem Markt entschieden, die, einmal vor Ort, in weniger als zwei Wochen installiert und in Betrieb genommen werden kann.“

 

Die mobile Gasturbine SGT-A45 wurde von Texas nach Dubai verschifft und wird dann zu einem nahegelegenen Flughafen im Norden Afghanistans geflogen, um dort in der Provinz Jowzjan installiert zu werden, wo sie bis Mitte des Sommers in Betrieb gehen soll. „Ein idealer Standort für das Projekt“, so Erfurth, „Ob Gasreserven oder Übertragungsleitungen, die notwendige Infrastruktur befindet sich in der Nähe des Standortes.“

Kommerzielle Energielösungen

In den vergangenen Jahren hat die afghanische Regierung die Investitionsbedingungen vereinfacht, um Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und privaten Sektor zu fördern. „Praktisch bedeutet dies Subventionen, niedrigere Steuern und Tarife, Landpachten und garantierte Stromabnahmevereinbarungen“, erklärt Abdul Basir Azimi, ehemaliger stellvertretender Minister für Energie und Wasser. „Bayat Energy ist ein gutes Beispiel für solche öffentlich-privaten Partnerschaften. Wir brauchen dringend Energie, um unsere Dörfer, Städte, Bergwerke, Fabriken und Industrieparks zu elektrifizieren“, fügt er hinzu. Seinen Angaben zufolge zahlen die Afghanen durchschnittlich 0,4 US-Dollar pro Kilowatt Strom.

 

Bayat Energy ist kein klassisches Versorgungsunternehmen, sondern ein Investor, der an kommerziellen Lösungen und Partnerschaften zur Entwicklung der Stromerzeugung arbeitet. Ohne die richtigen Partnerschaften und eine enge, produktive Zusammenarbeit wäre das Projekt im Norden Afghanistans nicht möglich gewesen. Bayat erklärt: Wir hatten die Idee und das Geld, Siemens lieferte die Technologie, unser Partner Relevant Power Solutions (RPS) übernimmt den Betrieb und der nationale Stromversorger DABS      (Da Afghanistan Breshna Sherkat) stellt die Infrastruktur zur Verfügung und hat einen Vertrag über den Kauf unseres Stroms unterzeichnet.“

Bayat hat sich für die größte und effizienteste mobile Gasturbine auf dem Markt entschieden, die vor Ort in weniger als zwei Wochen installiert und in Betrieb genommen werden kann.
Julian Erfurth, Senior Vice President of Commercial Sales bei Siemens Power and Gas 

Gefährliche Stromausfälle

Der Strommangel Afghanistans geht auf Kosten des 37-Millionen-Volkes. Die Hauptstadt Kabul beherbergt rund fünf Millionen Menschen, doch auch dort ist eine nachhaltige Stromversorgung nicht immer gegeben. „Und das ist manchmal gefährlich“, sagt der Orthopäde Dr. Ramin Faramarz, der inzwischen eine eigene Klinik im Herzen Kabuls betreibt. Für ihn fängt es mit kleinen Ärgernissen an, wie zum Beispiel, dass er nicht sofort ein Röntgengerät bedienen oder das Licht einschalten kann, denn schließlich – zumindest im medizinischen Bereich – kann Stromausfall ein Todesurteil sein.

Während die meisten Krankenhausgeräte mit einem Backup an geladenen Batterien laufen, erinnert sich Faramarz insbesondere an einen 30-minütigen Ausfall in einem Regierungskrankenhaus, in dem er zuvor gearbeitet hat. „Eines nachts hatten wir einen Stromausfall und unser Generator funktionierte nicht“, erklärt er. „Wir hatten drei Patienten im OP – aufgeschnitten und unter Narkose – und mussten deshalb unsere Handybeleuchtung benutzen“, erinnert er sich. „Kein Strom zu haben ist gefährlich. Menschen können sterben.“

 

Doch statt auf das zu schauen, was nicht funktioniert, ist Bayats Vision auf Verbesserungen zu setzen. Da über eine Million Menschen den Strom aus dem Kraftwerk in der Provinz Jowzjan nutzen, hofft er, die Gasindustrie wieder anzukurbeln, Arbeitsplätze zu schaffen und den Menschen den Zugang zu Strom für den täglichen Gebrauch zu ermöglichen. Da die Ressourcen über das ganze Land verteilt sind, ist Bayat der Ansicht, dass noch immer eine zentrale Behörde notwendig ist, um die Stromübertragung, die Wartung und die wichtigste Infrastruktur in ganz Afghanistan zu gewährleisten.

 

Persönlich sind es Geschichten wie die von Arifa, die ihn antreiben. Wenn man ihn bittet, „Fast Power“ in einem Satz zu beschreiben, zögert er nicht: „Es ist Licht, damit ein Kind nachts lesen kann.“

09. August 2019

Stefanie Glinski ist freie Journalistin mit Sitz in Kabul, Afghanistan.

Bild: Siemens AG, Jim Huylebroek, Stefanie Glinski

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