Wie man mit innovativer Finanzierung Investoren für große Energieprojekte gewinnen kann

Roland Chalons-Browne ist Chief Executive Officer von Siemens Financial Services und der Mann, der dabei hilft, Geschäfte in die Tat umzusetzen. Er erklärt, wie mit innovativen Finanzierungslösungen Schwellen- und Entwicklungsländer Risiken senken und Kunden und Investoren für große Energieprojekte an einen Tisch gebracht werden können.

 

Von Haig Simonian

The Magazine: Ist Finanzierung ein „Dealwinner“ oder „Dealbreaker“ für große Energieprojekte?


Roland Chalons-Browne: Finanzierung macht den Unterschied. Besonders Entwicklungsländer benötigen finanzielle Unterstützung. Aber auch sonst erwarten Kunden zunehmend, dass Technologieanbieter nicht nur die Ausrüstung liefern, sondern sich auch finanziell beteiligen. Oder zumindest helfen, Risiken zu senken.

 

Die meisten großen Projekte sind zurzeit als Zweckgesellschaft strukturiert. Siemens kann Minderheitsbeteiligungen übernehmen, andere Parteien einbringen und außerdem dazu beitragen, den gesamten Vertragsrahmen zu entwickeln, um das Projekt „bankfähiger“ zu machen. Risikobegrenzung ist ausschlaggebend: Häufig können Risiken nicht vollständig vermieden werden. Es ist aber entscheidend, einen Plan auszuarbeiten, der das Risiko auf ein überschaubares Maß reduziert oder dem Unternehmen, das in einem Projekt am besten damit zurechtkommt, dieses Risiko überlässt. 

 

Hier vermittelt Finanzierung. Die Nachfrage nach Entwicklung von Infrastruktur ist immens. Und dafür steht sehr viel Liquidität zur Verfügung. Investoren können aber verschiedene Zeitrahmen, Risikotoleranzen und Renditespektren haben. Die zwei Seiten zusammenzubringen, ist mit einiger Mühe verbunden. 

Auf der einen Seite befinden sich die Kunden und auf der anderen Seite die Investoren. Wo sind die Kunden, die am meisten Finanzierung benötigen?


Es gibt überall Bedarf, aber in unterschiedlicher Form. Der Schwerpunkt verlagert sich zusehends auf die aufstrebenden Märkte in Lateinamerika, im Nahen Osten und in Afrika. Die Risiken sind hier aber tendenziell größer als in gesättigten Märkten. Daher müssen wir uns bei der Projektentwicklung stärker engagieren. Heute ist in vielen Ländern, außer China und in gewissem Maße Japan, der Privatsektor die treibende Kraft. 

Was sind die größten Herausforderungen bei der Finanzierung eines großen Energieprojekts? Wie kann man bankfähigere Pläne ausarbeiten, um möglichst viele Investoren anzuziehen? 


Grob gesagt, muss ein Plan strukturiert sein. Es muss mit einem potenziellen Risiko gerechnet werden, gleichzeitig sollte der Plan aber risikoarm gestaltet werden, damit er interessant und finanzierbar wird. Das sind die Herausforderungen.

 

Es gibt viele wesentliche Faktoren. Der erste Faktor ist das Gastland. Gibt es einen angemessenen Rechtsrahmen? Können Eigentums- und Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden? Welche Besonderheiten weisen lokale Strommärkte auf und wie sicher können sich Investoren der erwarteten Rendite sein?    

 

Der zweite Faktor sind die Finanzinstitute und Kreditversicherer. Gibt es Exportkreditagenturen? Und gibt es eine beteiligte Entwicklungsbank oder eine multilaterale Institution? Die Anwesenheit solcher Kreditgeber beruhigt Investoren und kann den Gastländern helfen, durchführbare Rahmenpläne zu erstellen.

 

Der dritte Faktor ist die Rolle der Anbieter. Wir sehen immer häufiger sogenannte EPC-Verträge (engineering, procurement, construction). Inwieweit können wir einige der Baurisiken reduzieren, Leistungsgarantien sicherstellen und davon ausgehen, dass Dienstleistungen wie geplant geliefert werden?

 

Ein weiterer Faktor ist die Einhaltung von Anforderungen. Das kann mittlerweile bedeuten, dass beteiligte Banken eine viel breitere Palette von Anliegen haben könnten als die Amortisationszeit oder die Zinssätze. Beispielsweise sind Gesundheitsschutz und Sicherheit der Mitarbeiter bei einem Projekt äußerst relevant. Und letztendlich bleibt immer das Risiko des Unerwarteten. Viele Projekte beinhalten jetzt erneuerbare Energien, mit der Finanzierung von Windparks und dergleichen und auf der Grundlage von Subventionsregelungen für die erzeugte Elektrizität. Wir wissen jedoch, dass sich die politischen Rahmenbedingungen sogar über Nacht ändern können. 

Ändern sich Ihre Kunden und Investoren mit der Änderung der politischen Rahmenbedingungen?


Ja, ganz bestimmt. Früher waren unsere Kunden große Versorgungsunternehmen, die häufig in Staatsbesitz waren, zusammen mit Geschäftsbanken, die nach Bedarf Projektfinanzierungskredite zur Verfügung stellten. Jetzt ist der Kunde zusehends ein unabhängiger Stromproduzent, der oft von privatem Eigenkapital finanziert wird. Solche Geldgeber können sehr unterschiedliche Ansprüche und Erwartungen haben. Eine Pensionskasse oder eine Versicherungsgesellschaft möchte beispielsweise wegen des Baurisikos am Anfang nicht beteiligt sein. Aber sobald ein Projekt läuft, können sie von den wahrscheinlich stabilen Einkommensströmen profitieren.

 

Es gibt keine „Standard“-Kunden mehr. Etwa 90 bis 95 Prozent der derzeitigen Projekte sind finanzbezogen. Man hat entweder eine Regierung eines Schwellenlands, die sich die Finanzierung nicht leisten kann, oder die eines gesättigten Marktes, die keine Ressourcen zuteilen will und Public-private-Partnerships (PPPs) bevorzugt. 

 

In ähnlicher Weise gab es bei Thameslink, dem Londoner Eisenbahnverkehrsprojekt, zwei Ausrüstungsanbieter, die miteinander konkurrierten. Unsere innovative Finanzierungslösung war das Alleinstellungsmerkmal, mit dem wir die Ausschreibung, die Rollmaterial und zwei neue Depots umfasst, für uns entscheiden konnten. Wir boten ein Darlehen von bis zu 400 Millionen GBP und übernahmen ein Drittel der Kapitalbeteiligung. 

Welche Trends erkennen Sie?


Ich erwarte eine immer stärkere Beteiligung des Privatsektors. Regierungen müssen aber durch Sicherstellung einer nachhaltigen Investitionsumgebung ebenfalls ihren Teil beitragen. Das bedeutet einen klaren und verlässlichen rechtlichen Rahmen, die Möglichkeit, Ansprüche und Eigentumsrechte durchzusetzen, Schutz für ausländische Investitionen und Zusicherungen, dass lokale Stromkaufverträge sinnvoll sind.

 

Es gibt auch einige Megatrends, die den Energiebedarf beeinflussen, wie etwa die Urbanisierung, die Nachfrage nach sauberer und zuverlässiger Energie und der steigende Stromverbrauch für öffentliche Verkehrsmittel. Alle sind Teil der sich verändernden Dynamik. Etwa ein Drittel unserer Aktivitäten hat Bezug zum Energiegeschäft. Davon entfallen etwa 40 Prozent auf die herkömmliche gasbetriebene Erzeugung und 40 Prozent auf erneuerbare Energien, vor allem Offshore- und Onshore-Wind. Die übrigen 20 Prozent beziehen sich auf Übertragung, Pipelines und andere energiebezogene Infrastrukturanlagen. 

13.07.2017

Haig Simonian lebt als unabhängiger Journalist in Zürich.

Picture credits: Florian Jänicke, Mariela-Bontempi

Roland Chalons-Browne ist leidenschaftlicher Flieger, und Tauchen sowie Hochseesegeln gehören zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er arbeitete 15 Jahre bei der WestLB, bevor er 2005 bei Siemens anfing. Nachdem er in den USA fünf Jahre den Finanzdienstleistungsbereich verantwortete, wurde er im Februar 2010 Chief Executive Officer von Siemens Financial Services.

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