Virtuelle Realität: Die Turbine kommt ins Büro

Eine Turbinenschaufel auf dem eigenen Schreibtisch begutachten, Maschinen hautnah erleben, ohne auf der Anlage zu sein? Die virtuelle Realität (VR) macht es möglich. In bisher unerreichter Detailgenauigkeit simuliert Siemens einen kompletten Turbinenstrang.

 

Tim Rokita

Projektleiter Kai Sonntag und das Engineering-Team für den Industriedampfturbinen-Service aus Nürnberg hatten vor rund einem Jahr eine Idee: Sie wollten virtuelle Welten, wie sie in Computerspielen schon länger existieren, für industrielle Zwecke erschließen. Das Potenzial ist enorm. Moderne VR-Brillen ermöglichen inzwischen äußerst realitätsnahe Simulationen. Clevere Ideen wie VR-Smartphone-Apps machen virtuelle Erfahrungen zudem einfach und jederzeit erlebbar.

Maschinen hautnah erleben

„Zunächst simulierten wir mit Hilfe eines externen Partners aus 3D-Modellen und Fertigungszeichnungen einen realistischen Strang aus Industriedampfturbine, Getriebe, Generator und Kondensator“, erzählt Sonntag. Schließlich stand der komplette Turbosatz in einer virtuellen Halle. Das Ergebnis verblüfft selbst VR-erfahrene Experten. Dank exakter Größenverhältnisse und einem hohen Detailgrad kommt die Erfahrung dem Besuch einer echten Anlage sehr nahe.

 

Siemens integriert die VR-Anwendung bereits in die Ausbildung der Techniker. Da sie Komponenten nicht nur virtuell betrachten, sondern auch öffnen oder bewegen können, erleben Schulungsteilnehmer bereits vor einem Baustellenbesuch, was sie auf einer Anlage erwartet. Später wollen Sonntag und sein Team weitere Komponenten des Turbosatzes zerlegbar machen und Betriebszustände wie das Anfahren der Turbine simulieren.

Produktpräsentationen der Zukunft

Die VR-Experten denken noch weiter: Sie wollen das große Potenzial der „Virtual Reality“ auch für Kunden und Interessenten erschließen. So arbeiten sie an einer Anwendung, die mittels der Microsoft HoloLens einige Turbinenteile oder komplette Maschinen in den Raum projizieren kann. Dabei blicken Personen durch transparente Bildschirme einer Brille und sehen so virtuelle Teile in der realen Umgebung, in der sie sich selbst befinden. Dank dieser sogenannten „Mixed Reality“-Anwendung kann der Kunde beispielsweise eine Turbinenschaufel auf seinem eigenen Schreibtisch begutachten und mehr über die Technologie erfahren. „Virtual- und Mixed-Reality-Anwendungen eignen sich ideal, um unser Leistungsspektrum schnell und einfach hautnah erlebbar zu machen“, erklärt Erhard Friedrich Eder, Leiter Industrial Steam Turbines bei Siemens.

Die ideale Technik, um unser Leistungsspektrum schnell und einfach hautnah erlebbar zu machen.
Erhard Friedrich Eder - Leiter Service Industrial Steam Turbines bei PS DO

Zudem hat Siemens eine Smartphone-Applikation entwickelt, die eine Siemens-Kraftwerkslösung für den Industriedampfturbinen-Markt virtuell simuliert – leicht zu transportieren und überall einsetzbar. „Virtual-Reality-Anwendungen sind die Produktpräsentationen der Zukunft“, betont Karim Amin, Vertriebsleiter bei Siemens, und betont: „Unsere Kunden erhalten durch diese neuen digitalen Möglichkeiten realitätsgetreue Darstellungen unseres Portfolios und erfahren hautnah unseren Technologiervorsprung in der digitalisierten Welt.“

Techniker virtuell anleiten

Ein dritter wegweisender Anwendungsfall ist die sogenannte „Virtual Guidance“. Dabei wird das Sichtfeld eines Technikers – ebenfalls mit Hilfe einer Art Brille – auf den Monitor eines Experten an einem beliebigen Standort übertragen. Dieser sieht nun genau das, was der Techniker vor Ort sieht, und kann diesem gezielte Anweisungen geben. Zudem können die Hände oder Zeichnungen des Experten dem Techniker mittels HoloLens direkt in dessen Sichtfeld eingeblendet werden. Der Experte kann so beispielsweise auf eine Schraube deuten oder eine kurze Erklärung auf einem Touchpad aufzeichnen.

 

„Das Potenzial der VR im industriellen Einsatz ist wirklich enorm“, betont Projektleiter Sonntag. „Das, was wir derzeit mit einer Industriedampfturbine machen, lässt sich auf beliebige andere Produkte übertragen. Mit VR können wir bei Siemens daher das große Potenzial der Digitalisierung weiter ausschöpfen.“

28.02.2018

Tim Rokita - Freier Journalist in Erlangen

Bildquellen: Siemens AG

 

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