Im Netz von Übermorgen

Cybersicherheit bei Siemens

Dezentral: Eine Initiative der EU soll helfen, eine neue Architektur des Netzes aufzubauen – mit dem Ziel einer größeren Nutzerfreundlichkeit. Mit auf der Wunschliste: Verbesserte Cybersecurity.

Internet-Startups, Forschungsgruppen, Hacker und andere Innovatoren haben gute Ideen, mit denen das Internet in vielerlei Hinsicht robuster und userfreundlicher werden kann. Aber aufgrund ihrer geringen Größe fällt es ihnen doch oft schwer, Gehör zu finden. Eine Initiative der Europäischen Kommission, begonnen im Herbst 2016, hat es sich zur Aufgabe gemacht, solche Akteure zu fördern, die nicht mit großen finanziellen Muskeln ausgestattet sind, aber neue Ideen für das Internet verfolgen – und potentiell helfen, dass unsere Online-Zukunft weniger abhängig von Branchengrößen wie Google oder Facebook ist. Der Name des Projekts: Die Next Generation Internet (NGI)-Initiative. 

Zu NGI gehören Projekte wie NGI Zero, das den Datenschutz für Netzrecherchen verbessern soll, oder NGI Dapsi, das Lösungen entwickelt, Nutzerdaten möglichst problemlos und sicher von einem Internetdienst zum anderen zu bewegen. „Das alle Projekte einende Ziel von NGI ist, Open-Source-Projekte für das Netz von Morgen zu fördern, die Werte wie Offenheit, soziale Integration oder Privatsphäre verkörpern, für die auch die EU steht“, sagt Jean Luc Dorel, Projektverantwortlicher des NGI-Programms bei der Europäischen Kommission.

Sanierung des Internets

Solche ‚Open Source‘-Programme, die kostenlos verfügbar und industrieneutral sind, bilden das Rückgrat des Internets, sie halten Supercomputer und Roboterfabriken am Laufen und treiben Prozessoren in Haushaltsgeräten oder Fahrzeugen an. ‚Open Source‘-Software ist daher für Unternehmen wie zum Beispiel Siemens überlebenswichtig. Sie wird nicht nur regelmäßig in eigenen Produkten eingesetzt, sie erleichtert es Markteilnehmern deutlich, effizient zu kooperieren.

Das erklärt, weshalb Natalia Oropeza, Chief Cybersecurity Officer bei Siemens, dem Beratergremium eines neuen NGI-Programms beigetreten ist: NGI Pointer (Programm für Offene INTErnet-Renovierung), das von Januar 2020 bis 2022 läuft. Ziel des Programms ist es, Projekte zu unterstützen, die helfen, die Architektur und zentralen Prozessen des Internets grundsätzlich stabiler, effizienter und sicherer zu gestalten. „Wenn es Möglichkeiten gibt, Cybersecurity oder die Stabilität des Netzes durch neue Strukturen zu verbessern, profitieren wir alle davon – etwa, indem wir neue Wege für Datenschutz finden, indem Datenlecks automatisch erkannt und geschlossen werden“, sagt Oropeza. „Deshalb helfe ich als Beraterin bei NGI Pointer gerne mit.“ So ist etwa auch industrielle Sicherheit einer der Schwerpunkte von NGI Pointer – ein zentrales Thema für Siemens, weshalb Oropeza es als förderwürdiges Thema vorgeschlagen hat. Es geht darum, Lösungen zu finden, die im Internet der Dinge vernetzte Produktionsanlagen vor Angriffen schützen, Ausfälle, Fehlfunktionen oder Datenlecks rasch erkennen oder die Sicherheit von Lieferketten gewährleisten.

Wenn es Möglichkeiten gibt, Cybersecurity oder die Stabilität des Netzes durch neue Strukturen zu verbessern, profitieren wir alle davon!

Ideen aus heiterem Himmel

Das Ziel von NGI Pointer sind ‚Blue Sky‘-Ideen für das Internet – also aus allen erdenklichen (Himmels)Richtungen –, die das Potential haben, die Prozesse und Organisationsform des Internets grundlegend zu verändern, seien es Datenschutz, Energieeffizienz, Edge-Computing oder eben industrielle Sicherheit. Dafür steht dem Programm ein Fördertopf mit 5,6 Millionen Euro zur Verfügung. „Wenn wir nur einzelne Schrauben nachjustieren, entsteht nie ein neues, an den Bedürfnissen der Nutzer sich orientierendes Internet, das uns etwa erlaubt, Herr über unsere eigenen Daten zu werden“, sagt Mirko Presser, Direktor des Interdisziplinären Zentrums für Digital Business Development an der dänischen Aarhus University und Mitglied des Management-Teams von NGI Pointer. „Wir müssen die Internetarchitektur komplett neu überdenken – und deshalb sind wir bei dieser Initiative verschiedensten Ideen gegenüber offen.“

Welche Vorteile eine neue Internetarchitektur im Vergleich zum heutigen haben kann, zeigen die Beispiele zweier bestehender Projekte. An der ETH Zürich verfolgt der Computerwissenschaftler Adrian Perrig mit ‚Scion‘ die Vision eines dezentraleren und damit beabsichtigt sichereren Netzes. Dazu soll das bestehende globale Internet in mehrere ‚Isolation-Domains‘ aufgeteilt werden, die den Datenfluss besser verwalten. Dabei sollen die Sender selbst bestimmen, welchen Weg Datenpakete innerhalb einer Domain oder im Kontakt mit anderen Domains nehmen können – nach Präferenz etwa einen schnelleren oder sichereren.

Schwerpunkt Industrielle Sicherheit 

Ein anderer Ansatz verdankt sich dem Erfinder des World Wide Web, Tim Berners Lee. Der will mit einer ‚Solid‘ genannten Netzarchitektur ein Problem des Datenschutzes lösen, indem es Nutzer ihre Daten in so genannten ‚Pods‘ verwalten lässt. Wer sich aus einem sozialen Netzwerk verabschiedet, nimmt seine Daten mit – und der IT-Konzern, auf dessen Plattform sie genutzt wurden, hat keinen Zugriff mehr darauf.

Cybersecurity ist da ein zentrales Anliegen genauso wie bei NGI Pointer, denn ihre Bedrohung gehört mit zu den Plagen, mit denen sich die im Netz lebende Welt herumschlägt. Als das Internetprotokoll TCP/IP in den siebziger Jahren erfunden wurde, war Sicherheit noch nicht oben auf der Prioritätsliste; vorrangiges Ziel war, Computernetzwerke weltweit miteinander zu verbinden. Die Folge, vereinfacht gesprochen: Der Ottonormalverbraucher sieht heute Identitätsdiebstahl, Kreditkartenbetrug und der – bemerkt oder nicht – Verletzung seiner Privatsphäre ausgesetzt; Unternehmen und Behörden wiederum kämpfen mit stetiger Spionage, Erpressungstrojanern oder gar Sabotage.

Industriebranchen im Wandel

Bislang hat die NGI Initiative europaweit rund 300 Vorhaben mit bis zu je 200.000 Euro finanziert. Welche Projektideen beim Projekt NGI Pointer letztlich ausgezeichnet werden, ist allerdings noch nicht bekannt. Jedoch sollten sie alle das Potential haben, zu helfen, eine neue Internet-Ära einzuläuten. Und das wird auch die Industrie verändern. „Wir können davon ausgehen“, sagt Oropeza, „dass ein Internet der nächsten Generation das Potenzial hat, die gesamte Industrie zu verändern – mit, wie wir hoffen, noch besserer Sicherheit und größerer Stabilität.“

Hubertus Breuer

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