Freie Fahrt zum „Internet der Eisenbahn“

Das weltweit erste digitale Stellwerk macht Tausende Tonnen an Kabeln überflüssig und verbessert die Effizienz des Bahnverkehrs.

Siemens hat als weltweit erstes Unternehmen ein digitales Stellwerk in Betrieb genommen und dafür die offizielle Zulassung vom Eisenbahn-Bundesamt erhalten. Informationsübertragung und Stromversorgung sind bei dieser neuen Technik namens Trackguard Sinet voneinander getrennt. Der Datenaustausch zwischen Stellwerk und Feldgeräten auf dem Bahnhof Annaberg-Buchholz Süd im Erzgebirge erfolgt nun via Ethernet. Damit heißt es also: Freie Fahrt zu einem „Internet der Eisenbahn“.

 

Die große Herausforderung war es, den hohen geforderten Sicherheitsstandard der Deutschen Bahn für Infrastrukturtechnik zu gewährleisten. Dafür sind unter anderem die Steuerungsgeräte eigensicher und werden permanent vom Stellwerk aus überwacht. Das digitale Stellwerk ist nun seit einigen Monaten erfolgreich im Betrieb.

Einsparungen von 25 bis 30 Prozent

Kaum jemand erinnert sich noch an die Zeiten, in denen Weichen rein mechanisch per Hand umgestellt wurden. Danach setzten Steuerungen den elektrischen Antrieb für die Mechanik in Gang. Den Befehl und den Strom dafür erhalten sie über dicke Kabelbündel vom nächstgelegenen Stellwerkrechner, der wiederum mit einer übergeordneten Stellwerkszentrale verbunden ist. Da eine Weiche beispielsweise mit einem 380 Volt Drehstromantrieb gestellt wird, setzt die Physik bisher enge Grenzen fürdie Entfernung zwischen Stellwerksrechner und Weichenantrieb oder einem Signal. Daher wurde bis vor kurzem im Bereich eines jeden Bahnhofs auch ein entsprechender Stellwerksrechner benötigt. Mit dem digitalen Stellwerk Trackguard Sinet ist das nicht mehr notwendig.

Die norwegische Staatsbahn ist überzeugt: Siemens wird das gesamte norwegische Streckennetz bis 2034 mit Trackguard Sinet ausstatten.

Im Pilotprojekt Annaberg-Buchholz Süd umfasst die Anlage zwölf Signale, ein Licht-Sperrsignal, drei Weichen sowie 16 Gleisfreimeldeabschnitte. Mit der herkömmlichen Technik waren diese Feldgeräte nur über dicke Kupferkabelbündel anzusteuern. Jetzt werden die Stellbefehle des Fahrdienstleiters digital über die Glasfaser basierte Netzwerktechnik übermittelt. Nach Schätzungen der Deutschen Bahn können damit Einsparungen von 25 bis 30 Prozent gegenüber herkömmlichen Kabelanlagen erzielt werden. Jedes Feldgerät besitzt eine eigene IP-Adresse, über das es angesteuert werden kann. Die kilometerlangen Kabelbündel können durch kostengünstige Glasfaserkabel ersetzt werden. Mit ausgereiften, standardisierten Industriekomponenten trägt das digitale Stellwerk darüber hinaus wesentlich dazu bei, Bahnnetze wirtschaftlich zu betreiben. Trackguard Sinet eröffnet in Zukunft viele neue Anwendungen, wie vorausschauende Wartung der bisher nicht vernetzten Feldgeräte.

Norwegisches Streckennetz wird komplett digitalisiert

Diese Vorteile haben die norwegische Staatsbahn überzeugt: Siemens wird das gesamte norwegische Streckennetz bis 2034 mit Trackguard Sinet ausstatten. Norwegen will damit seine Eisenbahn fit für das digitale Zeitalter machen. Mit einem volldigitalisierten, IP-basierten System wollen die Norweger nicht nur sehr viel Hardware einsparen, sondern auch Kapazitäten erweitern und die Bahnreisenden schneller und ohne Störungen an ihr Ziel bringen. Das ganze Land benötigt dann nur ein digitales Stellwerk.

 

Auch die Deutsche Bahn erwägt, ihr Streckennetz in absehbarer Zukunft flächendeckend mit digitaler Stellwerkstechnik und vereinheitlichten Schnittstellen zwischen den Stellwerkskomponenten auszustatten. In derzeit laufenden, so genannten Vorserienprojekten müssen alle Hersteller beweisen, dass ihre Produkte an den definierten Schnittstellen zueinander passen und ihre Serientauglichkeit beweisen.

07.08.2018

Katrin Nikolaus

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden: Alles was Sie über Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung wissen müssen.