Achtung! Die Fahrt beginnt!

Das ist wahrlich nichts für schwache Nerven. Hier wirken Kräfte wie bei einem Raketenstart. Apollo 13 lässt grüßen. Es geht nach oben – und dann dreht sich der großen Kreis ganz langsam um die eigene Achse. Die Fahrgastgondel wird schneller und der Griff an die Haltebügel immer fester. Wo bitte ist oben, unten – rechts und links? Tempo, Tempo. Ein Looping jagt den Nächsten. Eine Simatic-Steuerung sorgt dafür, dass es ein Wiesn-Spaß bleibt.

Dieser ganze Kleinkram …

… nervt im Moment Willy Kaiser, Schausteller und Besitzer des ‚Predator’. Er ist vor zwei Tagen auf der Theresienwiese angekommen und hat mit seiner Mannschaft aufgebaut. Mit drei Transporten ist er unterwegs, plus dem großen Wohnwagen. Mit Zugmaschine wiegt sein Mittelbau-Transport, der die Grundkonstruktion plus die Technik enthält, satte 93 Tonnen. Er darf nur mit einer Streckengenehmigung fahren, die genau seine Fahrtroute auflistet und die beispielsweise auch die notwenige Stabilität der Brücken garantiert, die er passiert. Die Kranarbeiten sind abgeschlossen, alle Stahlteile verbaut – und jetzt ist Dekoration angesagt. Dafür ist er, nach eigenen Worten, nur bedingt geeignet. Klar legt er Wert auf eine perfekte Optik und überlässt diese Arbeiten seinem Team und seiner Frau Wilma Kaiser.

Überschlag in luftigen Höhen

Zwei Tage vor dem Anstich lädt die Stadt München zum Presserundgang ein und stellt die Neuheiten vor. Eine riesige Journalistenschar zieht über das noch gesperrte Gelände und macht an einzelnen Attraktionen Station. Willy Kaiser ist nervös. Alles muss jetzt klappen. Die Musikanlage spielt, die Lampen blinken. Eine leere Probefahrt wird absolviert. Alles in Ordnung. Dann steht plötzlich der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter mit dem ganzen Tross vor ihm, reicht im das Mikrofon und bitten ihn, die Fahrt zu erklären. Willy Kaiser ist vorbereitet und preist sein Hoch-Rundfahrgeschäft in den höchsten Tönen. „An zwei hydraulisch hochfahrenden Masten befindet sich die zentrale Dreheinheit des ‚Predators’. Das Podium dreht sich. An diesen zwei Masten ist der große Gondelkreis montiert, der sich ebenfalls in variablem Tempo dreht. Oben, in 15 Metern Höhe, überschlägt sich der Gondelkreis – und Sie genießen ein unvergleichliches Fahrgefühl. Das ist einmalig auf der Wiesn“, erklärt er das Spektakel und fährt fort: „Jetzt lade ich sie alle zu einer Freifahrt ein. 40 Personen können jetzt zusteigen!“ Tatsächlich, die Journalisten nehmen Platz. Das Abenteuer beginnt und die Zuschauer fotografieren und drehen mit der Kamera. Mikrophone halten die laut gellenden Schreie fest, wenn es im wilden Tempo in die Looping-Fahrt geht.

Siemens-Technik im Einsatz

Im Fahrstand regiert eine Simatic S7-1500 Steuerung. Sie hat im wahrsten Sinne des Wortes das Karussell in der Hand, kümmert sich zuverlässig und fehlersicher um die perfekte Beleuchtung mit den Lauflicht-Anlagen, um die Ansteuerung der Motoren, die Drehmoment-Berechnung für die Rotation sowie um die richtige Geschwindigkeit. Und, ganz wichtig, um die Bügelverriegelung. Ist da nicht alles korrekt und nicht alle Bügel wirklich verschlossen, erfolgt keine Startfreigabe. Alle Instrumente sind übersichtlich angeordnet, auch der große rote Schalter. „Das ist der Not-Aus-Knopf“, erklärt der Chef.

 

Er fährt am liebsten das Karussell mit einem individuellen Fahrprogramm. „Da kann ich auf das Publikum reagieren und sehe, wie es die Leute vertragen. Geht jetzt noch eine Zugabe-Runde – oder gibt es schon viele bleiche Gesichter? Die Fahrt soll ja Spaß machen und keine Tortour für die Fahrgäste werden. Mich freut es ja, wenn die Gäste ein zweites Mal einsteigen“, erklärt Willy Kaiser seine Philosophie. Zu seinen Fahrgästen zählt im Schwerpunkt das jugendliche Publikum. „Wir hatten vor einigen Wochen eine ältere Dame, die sich einen Chip gekauft hat. Bestimmt schon 70 Jahre alt. Ich habe sie gefragt, ob sie schon zugeschaut hat und weiß, was sie erwartet. Ja ja, alles ok – kam die Antwort. Meine Augen waren während der Fahrt auf diese Dame fixiert. Hält sie es aus? Hat sie. Und sie war danach glücklich und ist am nächsten Tag noch mal eingestiegen“, erzählt Wilma Kaiser. Also doch ein Karussell für mehrere Generationen.

Zuschauen – oder mitfahren?

Mittlerweile läuft die Wiesn seit einigen Tagen. Willy und Wilma Kaiser sind rundum zufrieden. Der Standplatz an der Kreuzung Schaustellerstraße / Matthias-Pschorr-Straße ist hervorragend und das Geschäft brummt. Am Abend stehen in dicken Trauben die Menschenmassen vor dem Karussell. Das sind zum einen Teil die wartenden Fahrgäste und zum anderen Teil die neugierigen Zuschauer, die niemals in eine Höllenmaschine wie den ‚Predator’ einsteigen würden.

 

Wollen Sie es wagen? Viel Spaß. Bitte Handy und Schlüssel vor der Fahrt sicher verstauen.
Übrigens: Der Name ‚Predator’ bezieht sich auf einen US-amerikanischen Action-Spielfilm aus dem Jahr 1987 mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle.

26.09.2018

 

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