Porsche bringt AR in die Werkstatt

Porsche will die CAD-Daten des neuen Taycan für die weltweit erste Werkstattlösung mit Augmented Reality (AR) nutzen. So sollen Service und Wartung des ersten vollelektrischen Sportwagens des Unternehmens erleichtert und beschleunigt werden. Ein weiteres Plus für die Werkstatt-Mitarbeiter: Ohne seitenlange Reparaturanleitungen durchforsten zu müssen, macht die Arbeit deutlich mehr Spaß.

Ein Porsche lässt viele Herzen höher schlagen. Der neueste Modell der legendären Sportwagenmarke, der Porsche Taycan, ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig: Er ist das erste vollelektrische Serienfahrzeug aus Stuttgart-Zuffenhausen. Für ihn hat das Unternehmen eine völlig neue Werkstattlösung entwickelt, die auf Augmented Reality (AR) basiert. Und mit ihm beginnt Porsche After Sales, den „PLM-Gedanken wirklich zu leben“.

 

Der, von dem diese Einschätzung stammt, muss es wissen. Steffen Loose ist seit vielen Jahren mit Porsche befasst und aktuell Siemens Account Manager für den Sportwagenhersteller. Gemeinsam mit Siemens entwickelt Porsche derzeit die After-Sales-Lösung PARiS, was für „Porsche Augmented Reality in Service“ steht.

Technik muss handhabbar bleiben

„Die Technik in unseren Fahrzeugen wird immer komplexer“, sagt Robin Banse, Spezialist Werkstatt-Informationssysteme im Technischen After Sales der Porsche AG. Immer mehr und immer komplexere Bauteile, die zunehmend miteinander vernetzt sind. Elektronik statt Mechanik. Die Digitalisierung erhöht die Zahl der Funktionen. Und schließlich bietet Porsche seinen Kunden immer mehr Möglichkeiten, ihr Traumauto nach eigenem Wunsch zu konfigurieren und dadurch zu individualisieren. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Fahrzeuge reparabel bleiben“, sagt Robin Banse.

Technologien fordern Werkstattmitarbeiter heraus

„Der neue Porsche Taycan bringt viele neue Technologien mit sich. Daher ist es absolut sinnvoll, auch neue Technologien in die Werkstätten zu bringen. Denn wir wollen die Mitarbeiter bestmöglich dabei unterstützen, diese neue technische Komplexität zu verstehen und das Fahrzeug im Servicefall warten zu können“, sagt er. Unter den vielen technologischen Neuerungen des Porsche Taycan ragt eine besonders hervor: die 800 Volt starke Batterie. Ein vollelektrisches Antriebssystem dieser Leistungsstärke stellt die Werkstatt-Mitarbeiter von Porsche vor gänzlich neue Aufgaben.

AR erhöht den Spaß an der Arbeit

„Mit PARiS verfolgen wir auch das Ziel, den Spaß bei der Werkstattarbeit zu steigern“, sagt Robin Banse, für den auch selbst Freude an der Arbeit immer mit dazugehört. „Wir wollen durch neue, innovative Werkstattmedien visuelle, spielerische und interaktive Aspekte in den Service bringen.“

Röntgenblick aufs Fahrzeug

„Unser Ziel ist es, mit Augmented Reality eine Art Röntgenblick auf das Fahrzeug zu ermöglichen, damit wir in das Innere des Fahrzeugs hineinschauen können“, erklärt Robin Banse. „So sehen die Werkstattmitarbeiter beispielsweise das Ladesystem, die Batterie, die Elektromaschine und die Kabelverbindungen hinter der Karosserie.“ Auch die Stromverläufe sind von außen sichtbar. „Wir haben die Ladeströme animiert, das heißt, wir sehen, wie der elektrische Strom während des Ladevorgangs durch die Hochvoltleitung fließt“, sagt Robin Banse.

3D-Animation statt langer Anleitungen

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, das ist unser Credo“, erläutert Marc Robl, Projektleiter PARiS und Sachgebietsleiter Produktdefinition & Information After Sales. „Zeigt den Kollegen, was repariert werden muss anhand von animierten 3D-Daten! Wir wollen nicht, dass sie lange Reparaturanleitungen durchlesen müssen“, betont er. „Erstens macht das keinen Spaß. Und zweitens ist die Fahrzeugtechnik mittlerweile so komplex, dass es sehr aufwendig wäre, alles in Textform zu beschreiben.“

Durch die After-Sales-Lösung PARiS muss der Servicemitarbeiter lediglich sein Tablet vor das Fahrzeug halten, das automatisch anhand seiner Silhouette erkannt wird. Unmittelbar werden ihm die animierten 3D-Daten vor das jeweilige Fahrzeugteil eingeblendet, inklusive der Beschreibung des Bauteils, technischer Daten und Handlungsanweisungen, beispielsweise das korrekte Anzugs-Drehmoment einer Schraube.

„Herzstück“ Teamcenter 

Die Daten aus der Entwicklung inklusive der Informationen über die wartungsrelevanten Teile des Porsche Taycan werden in die Toolkette eingespeist. „Dann kommt das Herzstück, unser 3D-Redaktionssystem Teamcenter“, sagt Marc Robl. Mit der Software von Siemens werden die Fahrzeug-Daten verwaltet, die Szenarien erstellt und weltweit publiziert. Über eine Visualisierungstechnologie können die 3D-Anmationen in jedem Porsche Zentrum auf der ganzen Welt auf Tablets oder dem Werkstattrechner angezeigt werden.

 

„Teamcenter ist für uns eine einheitliche Lösung, die zudem zukunftsfähig ist“, sagt Marc Robl. „Bei uns im After Sales haben wir verschiedene Disziplinen: Das Anforderungsmanagement beispielsweise, das Thema Arbeitszeit-Richtwerte und natürlich das Content Management – alles ist bei Siemens praktisch in Teamcenter enthalten. Für jedes Thema gibt es ein Modul. Sogar für besonders innovative Technologien wie Animation von CAD-Daten und AR-Technologie bietet uns Siemens die Lösung an, die wir brauchen.“

In Sprints zur AR-Lösung

In einem agilen Projekt wird auf Basis der derzeitigen VR-Lösung PARiS zur AR-Lösung weiterentwickelt. „Unsere Vision ist der Digital Twin und somit die Zusammenführung des realen Fahrzeugs und der digitalen Abbildung in unserer Applikation“, sagt Robin Banse.

Know-how in Sachen 3D-Daten

„Nach zweijähriger Zusammenarbeit kann ich wirklich sagen, dass die Siemens-Leute genau die richtigen sind für dieses Projekt“, sagt Marc Robl. „Siemens bringt großes Know-how mit beim Thema CAD-Daten-Verwaltung." Robin Banse ergänzt: „Die Erfahrung im Umgang mit 3D-Daten und deren Verwaltung sowie das Anreichern mit Informationen ist bei Siemens definitiv sehr hoch.“

Siemens bringt großes Know-how mit beim Thema CAD-Daten-Verwaltung.
Marc Robl, PARiS-Projektleiter und Sachgebietsleiter Produktdefinition & Information After Sales, Porsche AG

Toolkette bis in den After Sales

„Wir sind Vorreiter“, sagt Marc Robl, „Wir sind der erste Automobilbauer, der eine solch einzigartige Toolkette aufgebaut hat.“ Davon, dass die neue After-Sales-Lösung auch in den Werkstätten weltweit gut ankommt, ist Marc Robl überzeugt: „Wenn die neue Technik einen entsprechenden Mehrwert, eine Kosten- und Zeitersparnis bringt, dann wird sie auch in den Werkstätten angewendet.“

 

Und auch die Entwickler bekämen jetzt schon „leuchtende Augen“, so der PARiS-Projektleiter, und zwar wenn sie erfahren, „was man aus ihren CAD-Daten machen kann. Dass man mit CAD nicht nur ein Fahrzeug konstruieren kann, sondern die Daten auch so nutzbar sind, dass die Kollegen im Reparatur- und Servicefall die maximale Unterstützung haben.“

 

 

September 2020

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