Digitalisierung in der Glasindustrie: Familien­unternehmen 4.0

Wie nur wenige Familienunter­nehmen ­dieser Größe hat Frerichs Glas einen strategischen Plan für die digitale ­Transformation erarbeitet – und die Voraussetzungen geschaffen, diesen auch umzusetzen.

Verraten Sie unseren Lesern, wie aus einem ­klassischen Mittelständler ein Unternehmen wird, in dem Papier bald ausgedient haben wird?

 

Dr. Jan Wennemer: (lacht) Ja, das Papier steht symbolisch dafür, dass wir alles, was sinnvoll ist, in den kommenden Jahren digitalisieren werden. In unserer künftigen digitalen Fabrik werden wir von der Planung über den Wareneingang und die Produktion bis hin zur Verpackung und Logistik „analogfrei“ arbeiten.

 

Simon Cordes (jun.): Und weil wir einen ganzheitlichen Ansatz verfolgen, freuen wir uns nicht nur auf unsere neue digitale Fabrik, sondern auf ein Unternehmen Frerichs Glas, in der auch Qualitätsmanagement, Controlling und HR weitgehend papierlos ablaufen werden.

Ihre Strategie „FG2018“ steht für dieses ­Gesamtkonzept. Welche Eckpfeiler haben Sie darin ­definiert?

 

Reinhard Cordes (sen.): Damit unser Zukunftshaus stabil steht, müssen wir zunächst wichtige Fundamente schaffen. Zum einen vergrößern wir bis 2020 unsere Nutzfläche in Produktion und Verwaltung um etwa die Hälfte, damit wir überhaupt die Voraussetzungen dafür haben, unseren Workflow zu verbessern.

 

Wennemer: Denn was nützt uns Digitalisierung, wenn wir aus einem suboptimalen Prozess einen suboptimalen digitalisierten Prozess machen …

 

Simon Cordes (jun.): Es geht uns also per se nicht um Vergrößerung und Ausweitung, denn Frerichs Glas lebt von Innovationen und Qualität, nicht von Masse. Zudem zeichnen uns Flexibilität bis hin zur Losgröße eins und kurze Lieferzeiten aus.

 

Wennemer: In den neuen Flächen werden wir entsprechend konsequent darauf achten, dass wir nur in Maschinen und Anlagen investieren, die uns einen Flickenteppich an Schnittstellen ersparen. Uns schwebt eine übergeordnete Automatisierungslösung auf Basis von Simatic-Steuerungen vor, entsprechend wählen wir künftig auch unsere Maschinenlieferanten so aus, dass wir alles aus einem Guss vernetzen können. Zudem werden alle Anlagen künftig cloudfähig sein. Die Cloud ist unsere Zukunft, alles wird effizienter, besser, schneller und sicherer, da sind wir uns einig. Und bereits vorhandene Steuerungen müssen wir netzwerktauglich machen und dann rasch ­Konnektivität herstellen.

Welche Veränderungen initiieren Sie darüber ­hinaus?

 

Reinhard Cordes (sen.): Eine der wichtigsten Weichen haben wir bereits gestellt. Anfang Mai hat die junge ­Generation das Ruder übernommen. Bestens ausgebildete kluge und enthusiastische Menschen zwischen 30 und 40, die nun gemeinsam die digitale Zukunft gestalten können. Wir Senioren treten einen Schritt zurück, stehen aber jederzeit mit Rat und Tat zur Seite, wenn der Nachwuchs dies wünscht.

 

Simon Cordes (jun.): Wir haben eine spannende Zeit vor uns, denn Digitalisierung ist bei uns Jungen schon früh in Fleisch und Blut übergegangen. Damit sind wir auch bei einer weiteren wichtigen Voraussetzung für einen gelungenen „Umbau“, unserer Firmenkultur und ­-struktur.

 

Wennemer: Der Generationswechsel zeugt von großem Weitblick. Jetzt können wir aktiver denn je den Wandel treiben und vorleben. Denn zum Führungs- und Kulturthema gehört, dass wir alle Mitarbeiter für Digitalisierung begeistern und sie auf die spannende Reise mitnehmen möchten. Hochmodern zu arbeiten bedeutet künftig auch, dass wir beweglicher und transparenter werden. Daten werden in Echtzeit aus­gespielt, sie sind also schneller verfügbar und ver­lässlicher als auf einem Stück Papier.

Das sagt sich so einfach …

 

Simon Cordes (jun.): Diese Offenheit müssen wir zweifels­ohne lernen und uns gegenseitig Fehler zugestehen – denn sie werden auf einen Klick sichtbar. Wir werden also zu einer lernenden Organisation, die sich laufend verbessert – und das soll Spaß machen und nicht Angst. Jeder soll sich einbringen, jeder soll kundtun, wenn ihr oder ihm etwas auffällt, was noch verbessert werden könnte.

 

Reinhard Cordes (sen.): Der Nutzen ist enorm, weil wir auf Echtzeitdaten sofort reagieren können, indem wir beispielsweise in der Produktion präventiv eingreifen. Die Transparenz wird lernend automatisiert. Dazu brauchen wir zwingend ein Shopfloor-Management-System.

Welche weiteren Hausaufgaben müssen Sie ­erledigen?

 

Wennemer: Wir müssen uns intensiv mit Lean ­Management beschäftigen. Ziel ist es, jegliche Verschwendung zu vermeiden. Das gilt für unsere Fläche, unsere Zeit, unsere Arbeitskraft und vieles mehr. Es geht darum, dass wir unsere Prozesse unter optimierten Rahmenbedingungen digitalisieren. Wir haben mal ausgerechnet, dass es vom Wareneingang bis zum -ausgang theoretisch 1.900 verschiedene Wege der Wertschöpfung bei uns gibt – davon nutzen wir jährlich knapp 1.000. Digital können wir diese komplexe Arbeit viel besser steuern. Heute überblicken wir das ungestützt. Allein beim Glaszuschnitt ließe sich durch eine optimierte Steuerungsleistung sehr viel mehr Potenzial nutzen.

Wie gewährleisten Sie, dass das Know-how für diese vielschichtigen Aufgaben vorhanden ist?

 

Reinhard Cordes (sen.): Zum einen ist unsere neue Geschäftsführung bestens ausgebildet für innovatives Unter­nehmertum. Jan Wennemer hat beispielsweise als Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur an der TU Darmstadt über Lean Production promoviert. Mein Sohn hat das entsprechende Rüstzeug auf ­betriebswirtschaftlicher Basis, auch international, um nur zwei Beispiele zu nennen.

 

Simon Cordes (jun.): Auch bei den Neueinstellungen müssen wir mehr denn je darauf achten, dass neben der ­fachlichen Ausbildung das Digitalisierungs-Know-how vorhanden ist. Wenn nicht, müssen wir intern ent­sprechende Coachings und Schulungen anbieten.

 

Wennemer: Zudem nutzen wir das umfangreiche Wissen deutscher Hochschulen, insbesondere das der Prozesslernfabrik der TU Darmstadt.

 

Reinhard Cordes (sen.): Auch Siemens als unser Partner wird uns neue Impulse geben.

Welche Impulse sind für Frerichs Glas besonders wertvoll?

 

Reinhard Cordes (sen.): Ich kenne Siemens nun seit mehr als 20 Jahren und erlebe das Team als sehr engagiert und motiviert. Doch viel entscheidender ist, dass unsere Ansprechpartner in allen wichtigen Feldern erfahren und kompetent sind. Sie kennen sich in Hard- und Softwarefragen aus, branchenübergreifend in Industrie-4.0-Themen und eben auch noch speziell in der Flachglasveredelung. Digitalisierung basiert bei Siemens immer auf deren Kernkompetenzen der elektronischen Steuerungen, der Elektrifizierung und Automatisierung sowie der modernen Methoden der Datenübertragung. Dies sind absolut notwendige Voraussetzungen, um den nächsten Schritt zu gehen.

 

Wennemer: Mir gefällt, dass das Siemens-Team sehr systemisch und strukturiert denkt. Und dass es genau zuhört. Uns werden keine fertigen Konzepte präsentiert, stattdessen werden wir individuell beraten. Konkret half uns Siemens zunächst mit einer sauberen Analyse unserer Prozesse. Mithilfe von Demoanwendungen konnten sie uns beispielhaft aufzeigen, dass unsere Schleif- und Bohrmaschinen den Durchsatz der gesamten Fertigungsanlage beeinflussen. Eine Simulation der Auftragsbearbeitung mit der Plant-Simulation-Software Tecnomatix von Siemens hat wertvolle Erkenntnisse gebracht. In den Folgeworkshops haben wir dann zusammen eine digitale Roadmap mit all den hier diskutierten Themen erarbeitet.

 

Simon Cordes (jun.): Wenn wir uns also in ein paar Jahren erneut unterhalten, werden Sie das Ergebnis sehen – eine Smart Company, durch und durch digital.

2018-10-05

Picture credits: Siemens AG

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