Robotik: Eine bahnbrechende Technologie

Ohne technische Ausbildung aber mit einer Leidenschaft für Design und die Grundprinzipien ästhetischer Harmonie hat Philip Normann, CEO von Ross Robotics, eine modulare, skalierbare und rekonfigurierbare Mehrzweck-Robotik-Plattform entwickelt. Der Ex-Künstler sprach mit dem Journalist Ed Targett.

Ed Targett, freischaffender Journalist, lebt und arbeitet in England

Waren Sie immer schon technikinteressiert?

Philip Normann: Ich war wie die meisten Kinder, habe herumgebastelt und Sachen auseinandergenommen. In der Schule habe ich sogar Dinge für die anderen gebaut, zum Beispiel Lautsprecherboxen und Verstärker – aber meine eigentlichen Interessen waren Malen, Schreiben, Zeichnen, Musik, Bildhauerei und Töpferkunst. Als Erwachsener bin ich bestenfalls ein informeller Techniker. Alles, worauf ich aufbauen kann, ist meine künstlerische Erfahrung.

 

Ich habe mich immer schon für Formen, Muster, Strukturen und Rhythmen interessiert. Für das Wechselspiel von Kräften in der Natur und die wunderschönen Formen, die dabei entstehen. Und im Laufe meiner Ausbildung habe ich mich sogar einmal mit Strömungsmechanik beschäftigt. Aus künstlerischer Sicht fand ich das spannend – dass sich unter der Oberfläche der Schönheit definierbare Verhältnisse finden und darunter Zahlen.

Wie hat sich Ihr künstlerischer Hintergrund auf Ihr kreatives Schaffen ausgewirkt?

Philip Normann: Künstler verbringen einen Großteil ihrer Zeit in einem Zustand andauernder Unzufriedenheit, weil ihr Weg zum Erfolg über zahlreiche Fehlversuche führt. Bei den meisten anderen Lebensentwürfen ist das nicht erwünscht. Wer im Geschäfts-, im Bank-, oder im Ingenieurswesen tätig ist, der kann sich so viele Fehler nicht erlauben. Künstler betrachten 98 Prozent ihrer Arbeit als Misserfolg, sind aber umso glücklicher, wenn die restlichen 2 Prozent wirklich funktionieren.

 

Anfangs habe ich viele meiner Entwürfe mit Stift und Papier gezeichnet. Als ich Solid Edge kennenlernte, fand ich es sehr einfach, das Programm zu lernen. Jetzt, wo ich meine Designs in 3D visualisieren und ausarbeiten kann, komme ich von den Ideen in meinem Kopf nicht mehr los. Es war wie ein Turbo! Meine Ideen erwachten in 3D zum Leben...

 

Was ist der grundsätzliche Bestimmungszweck ihrer Roboter?

Philip Normann: Wir haben eine Reihe von Technologien entwickelt, die eine rekonfigurierbare Modularität ermöglichen. Was in der Welt der Robotik scheinbar vermisst wurde – trotz all der ausgereiften Technologien, die es gibt –, war etwas, das eben diese Technologien in einem überzeugenden Format zusammenführt. Im Gegensatz dazu, eine KI zu schreiben oder besonders clevere Sensoren zu bauen, galt es in der Welt der Robotik nicht gerade als sexy, eine Plattform zu entwickeln.

 

Ich stand kurz davor, die Lizenz an den Spielwarenhersteller Hasbro zu verkaufen,  um dieses Modularsystem – dessen Entwicklung für mich eher so eine Art intellektuelle Übung war – als Konstruktionsspielzeug zu nutzen. Dazu kam es nicht. Dann habe ich das ganze Projekt für rund sechs Monate fallen gelassen. Doch mein Halbbruder, der am MIT arbeitet, schlug vor, dass ich mir die Robotik mal näher anschaue. Er war der Überzeugung, dass modulare Robotik ein interessantes Betätigungsfeld sein könne und dass es für mein System dort möglicherweise Bedarf gebe...

Also ist es im Grunde eine sehr flexible Plattform?

Philip Normann: Anwendungsmöglichkeiten gibt es zum Beispiel in der Überwachung, im Öl- und Gassektor, oder im Verteidigungsbereich. Was wir entwickelt und zum Patent angemeldet haben, sind repositionierbare Verbindungselemente, die erlauben, dass sich Daten- oder Stromkabel sogar dann noch problemlos in einen Roboter einstecken lassen, wenn man zum Beispiel dicke Handschuhe trägt. Wir sehen enormes Potenzial für den praktischen Einsatz, etwa bei der Bombenräumung, bei Such- und Bergungsaktionen oder auf Bohrinseln. Nehmen wir einmal an, Sie sind ein Feuerwehrmann und müssen eilig einen Sensor oder eine Kamera an einem Roboter befestigen – mit unseren Produkten funktioniert das nach dem Baukastenprinzip: einfaches Plug-and-Play. Im Grunde ist es kinderleicht, aber es ist zugleich ein hochentwickeltes System. Wir versuchen also diese beiden Elemente übereinzubringen: Kindergarten trifft auf modernste Technologie.

Unser System ist eine Plattform, die sich ihrer Aufgabe anpassen kann. Der beste Vergleich, der uns dazu einfällt, ist das iPhone. Applikationen, die zu einer geänderten Funktion führen, wären in unserem Fall etwa Kameras, LiDAR-Scanner und so weiter, aber auch Werkzeuge wie Manipulatorarme, Wasserstrahltrennschneider und ähnliches. Eine andere Art von Applikation ist die Künstliche Intelligenz.

Wir versuchen zwei Elemente übereinzubringen: Kindergarten trifft auf modernste Technologie.
Philipp Norman, CEO von Ross Robotics

Diese modulare und rekonfigurierbare Plattform ermöglicht es, ein Robotersystem extrem einfach, schnell und kosteneffektiv so zu konfigurieren, dass es die gewünschte Aufgabe in der gewünschten Umgebung ausführt. Dabei handelt es sich um eine bahnbrechende Technologie, denn wenn der Aufbau der Applikationsbibliothek einmal begonnen hat und die Kunden das, was sie benötigen, statt nach Jahren schon in Minutenfrist bekommen, wäre es unsinnig, in der Robotik wieder zum konventionellen Ansatz zurückzukehren.

Wo kommt es augenblicklich zu Anwendung?

Philip Normann: Ein stark modifiziertes Exemplar arbeitet im Large Hadron Collider des CERN. Wenn der Teilchenbeschleuniger in Betrieb ist, können einige seiner Bereiche von Lebewesen nicht betreten werden, entweder wegen der nuklearen Hintergrundstrahlung oder wegen der Magnetfelder, die – soweit ich weiß – die stärksten auf diesem Planeten sind.

 

Unser Robotersystem ist weitestgehend nicht metallisch und nicht magnetisch, da bei seiner Konstruktion ein hybrides Plastik- und nicht-magnetisches Metallisationsverfahren zum Einsatz kam, und es unter extrem schwierigen Bedingungen arbeiten kann, wie sie dort vor Ort herrschen.

 

CERN hat an unserem System einige hochspezialisierte technische Änderungen vorgenommen, um es gegen die Umgebung noch weiter abzuhärten, und hat es mit Kameras, LiDAR-Scannern und einer Reihe anderer spezialisierter Sensoren ausgerüstet.

17.11.2015
Ed Targett, freischaffender Journalist, lebt und arbeitet in England

Bildquellen: Andrea Artz

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