Local Motors stellt sich global auf

An einer staubigen Straße in der Wüste steht ein Gebäude, das von außen aussieht wie ein alter Flugzeughangar. In diesem unscheinbaren Gebäude schmiedet ein kleiner Autodesigner globale Pläne. Gut möglich, dass Local Motors eines Tages seinen Namen ändert.

by Ron French

Wann und womit die Geschichte von Local Motors begann, ist nicht ganz klar. Vielleicht mit der Vision einer Mikrofabrik, die eine ganze Industrie ähnlich wie das Fließband vor einem Jahrhundert revolutionieren könnte? Oder mit dem Konzept DDM (Direct Digital Manufacturing), das den „analogen Menschen“ weitgehend aus dem Prozess heraushält?Vielleicht beginnt die Geschichte auch mit dem CEO und Firmenmitgründer Jay Rogers, dessen Begeisterung ebenso grenzenlos ist wie seine Vision.

 

Jay Rogers und sein rasant wachsendes Unternehmen arbeiten mit der CAD-Software Solid Edge von Siemens, dem marktweit einzigen 3D-Konstruktionssystem, das Synchronous Technology verwendet. Mit Solid Edge kann Local Motors fremde Designs, die von Community-Mitgliedern aus aller Welt stammen, nahtlos importieren.

 

Mit der geplanten Expansion von Local Motors nach Knoxville, Peking, Washington, D.C., und Berlin könnte die Partnerschaft mit Siemens noch enger werden. „Was wir mit Siemens bisher geschafft haben, ist erst der Anfang von allem, was möglich ist“, so Jay Rogers. „Unsere Vision geht weit über Software hinaus.“

Keine Fabrik im herkömmlichen Sinn

Local Motors hat mit einer traditionellen Automobilfabrik nur wenig gemeinsam. Beim Rundgang durch das Gebäude entsteht beim Besucher eher der Eindruck, in einer Mischung aus einem Internet-Startup und inmitten von Technikfreaks gelandet zu sein. Pflanzen in Turmsäulen und Autodesigns an den Wänden beherrschen das Bild. Männer mit Laptops arbeiten an 3D-Designs, andere geben einem Rally Fighter den letzten Schliff, einem frei konfigurierbaren Fahrzeug, bei dem Kunden oftmals noch einen Extrabetrag zahlen, damit sie in die Fabrik kommen und am Auto mitbauen können. „Wir entwickeln ein neues Bild von der Welt“, erklärt Jay Rogers. „Wie baut man ein Unternehmen auf, dem es nicht nur um neue Antriebsstränge geht, sondern das die Autoproduktion radikal verändern wird?”

 

Rogers sprüht vor Ideen. Ihm fällt das Stillsitzen für ein Interview sichtlich schwer, doch dies scheint sich wie ein roter Faden durch sein Leben zu ziehen. Er hat an den beiden renommiertesten Universitäten der Vereinigten Staaten, Princeton und Harvard, studiert und war sechs Jahre lang Kompanieführer bei den US-Marines. Er arbeitete für ein Medizintechnik-Startup in China und ist Chief Investment Officer einer gemeinnützigen Organisation, die sich für Gesundheit und Bildung engagiert.

 

Bei der Gründung von Local Motors nahm sich Rogers vor, mit neuen Denkansätzen eingefahrene Strukturen aufzubrechen. Er war davon überzeugt, dass ein Netz von Mikrofabriken genauso profitabel sein kann wie große Produktionsstätten internationaler Autohersteller. Zudem glaubte er daran, dass sich das Autodesign genauso wie Wikipedia per Crowdsourcing finanzieren lässt.

 

Diese „Demokratisierung der Fertigung“ hatte nur einen großen Haken: Menschen und Anbieter mit dem nötigen Talent, Hintergrund und Weitblick für völlig neue Autodesigns gab es zwar genug, doch sie alle arbeiteten mit unterschiedlicher CAD-Software.

 

Local Motors arbeitete unterdessen weiter an neuen Entwürfen, setzte sie in 2D-Analogdesigns um und baute sie in der Wüstenfabrik.

Jeder kann mitmachen

Dann kam Siemens ins Spiel. Solid Edge ist die marktweit einzige CAD-Software mit synchroner Technologie, mit der sich Designs, die mit fremder Designsoftware kreiert wurden, nahtlos importieren und bearbeiten lassen. Das erschwingliche und flexible Abo-Preismodell machte Solid Edge noch attraktiver, da kein hoher Investitionsaufwand erforderlich war.

 

Ohne Solid Edge wäre das Modell der „Co Creation“ für Local Motors umständlich geblieben. „Wenn Ihnen jemand ein Design in einem fremden Format schickt, fangen Sie praktisch ganz von vorne an“, erklärt Alex Fiechter, Leiter der Produktionsentwicklung für Local Motors. „Bei anderen Programmen beginnen Sie mit einem statischen Block. Mit Solid Edge können Sie in das Design hineingehen, mit Flächen als Flächen arbeiten, und Solid Edge interpoliert die Änderungen.“

Synchrones Design mit Solid Edge bedeutet, dass Sie jederzeit bei der Party mitmachen können.
Jay Rogers, CEO und Firmenmitgründer von Local Motors

Rogers hält es nicht länger auf seinem Platz aus. Er springt auf und zeigt seinem Besucher Produkte, die von seiner begeisterten Community entworfen oder optimiert wurden. Er gibt seinem Besucher das Zeichen, ihm in den hinteren Teil des Gebäudes zu folgen, wo das berühmteste Produkt seines Unternehmens entsteht – ein Auto, das aus dem 3D-Drucker kommt. Das Auto trägt den Namen Strati und sieht aus wie eine Kreuzung zwischen Dünenbuggy und Transformer. Chassis, Rahmen und Teile der Innenausstattung kommen aus dem Drucker; die mechanischen Bauteile stammen vom Renault Twizy, einem Stadtauto mit Elektroantrieb.

 

44 Stunden dauert das Drucken der Autoteile aus Kohlefaserverbundwerkstoffen. Local Motors hofft, dass das erste Auto aus dem 3D-Drucker 2018 seine Straßenzulassung in den USA erhält. So revolutionär der Strati auch ist – wichtiger noch für Jay Rogers ist das, wofür das gemeinsam entwickelte Auto aus dem 3D-Drucker in der Mikrofabrik steht: eine neue industrielle Revolution. Das weltweit erste Auto, das aus dem 3D-Drucker stammt.

Ein neues Designkonzept für das 21. Jahrhundert

„Das Design lässt sich direkt auf einen 3D-Drucker übertragen, und so kann ich es im Handumdrehen ändern“, sagte Jay Rogers. „Ich kann es ohne Werkzeugwechsel kürzer, größer und breiter machen. Das zweite Fahrzeug kann anders aussehen als das erste Fahrzeug. Modelljahre gehören der Vergangenheit an. „Um es auf einen kurzen Nenner zu bringen: Local Motors macht technische Innovationen im Fahrzeugbau erschwinglich.“

 

Mit seinem revolutionären Entwicklungsprozess setzt Local Motors neue Maßstäbe für Design und Fertigung im 21. Jahrhundert – Ideen, die so radikal sind wie jene, die vor 100 Jahren die Automobilindustrie geschaffen und Fabriken in aller Welt verändert haben.

 

Das Auto aus dem 3D-Drucker ist zwar keine Familienlimousine. Noch nicht. Evolution geschieht nicht über Nacht. Und sie kein isolierter Prozess. Local Motors spricht derzeit mit Siemens über eine Partnerschaft bei der Entwicklung von Robotersteuerungen, die den Übergang vom Design zum 3D-Produkt noch nahtloser machen werden.

 

„Siemens produziert mehr Steuerungen als sonst irgendjemand auf der Welt, für die Medizintechnik wie auch für den Werkzeugmaschinenbau“, sagt Jay Rogers. „Die Zukunft der digitalen Fertigung liegt darin, Steuerungen zur Herstellung von Dingen zu veranlassen, die der Mensch haben will. Wir stecken mitten in diesem Prozess. Man ökonomisiert ein Autodesign, indem man Steuerungen und Software entwickelt, die in dem Tempo arbeiten, bei dem der Verbraucher und die beteiligten Communities erfahren, was so alles möglich ist.“

 

Local Motors ist ein Unternehmen der digitalen Fertigungswelt, die – vom Design bis zum Produkt – ohne analoge Interpretationen des Menschen in der Schleife auskommt. Dazu braucht man Maschinen, die digitale Anweisungen lesen können, und Menschen, die digitale Anweisungen geben und die Leistungsfähigkeit der Maschinen verstehen.

 

Während Jay Rogers den Blick über seine Fabrik schweifen lässt, fährt ein chassisloses Elektroauto leise an ihm vorbei. Man spürt, dass er in diesem Moment weit über die Wände dieser Wüstenfabrik hinausblickt.

Ein globales Netz von Mikrofabriken

Local Motors wird Anfang 2017 eine Mikrofabrik in Knoxville, Tennessee, USA, eröffnen. Dort werden künftig der neue selbstfahrende Shuttlebus Olli, 3D-Autos und andere Fahrzeuge gebaut. Die Mikrofabrik wird komplett ausgerüstet für die durchgängige Produktion von 3D-Fahrzeugen und auch einen Showroom haben. 2016 eröffnete das Unternehmen eine Vertriebsstätte und Demonstrationsanlage in der Nähe von Washington, D.C.; vor kurzem wurde zudem eine Mikrofabrik in Berlin eröffnet.

 

„Als globales Unternehmen müssen wir ebenso deutsch wie amerikanisch sein“, erklärte Rogers. Ziel ist es letztlich, ein weltumspannendes Netz von Mikrofabriken aufzubauen, getreu dem Firmenmotto „globales Design, lokale Produktion.“

 

„Man baut millionenfach das gleiche Produkt, weil es anstrengend ist, ein neues zu bauen“, so Jay Rogers. „Doch was, wenn die Vision, die mit der Massenproduktion von Henry Ford Einzug gehalten hat, durch eine Vision ersetzt wird, bei der Produkte 20- oder 36-mal schneller entwickelt werden, wenn wir jeden Monat etwas ändern und besser machen? Damit wird sich der ganze Blick auf die Branche ändern.“

 

Und mit diesen Worten macht sich Rogers auf den Weg, um ein Problem mit einer Gruppe von Ingenieuren zu lösen.s.

05.01.2017

Bildquelle: Steve Craft

Ron French ist Senior Writer beim Bridge Magazine und freier Journalist aus Lansing, Michigan, USA. Zu seinen Spezialgebieten gehören Themen aus Wirtschaft, Technik und Gesundheitswesen.

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