Vernetzung macht erfolgreicher

Wir sprachen mit Dr. Henrik Hahn, Leiter Digitalisierungsstrategie, Evonik Corporate Strategy, und Dr. Wilhelm Otten, Leiter Business Line Process Technology & Engineering, Evonik Technology & Infrastructure.

Digitale Entwicklungen und die intelligente Nutzung von Daten führen zu einer maßgeblichen Veränderung der Markt- und Wettbewerbsdynamik. Auch Evonik sieht in der Digitalisierung enorme Chancen, sich als digitales Unternehmen gegenüber dem Wettbewerb zu differenzieren und Zukunftsfelder früh zu besetzen. Mit einer eigenen Digitalisierungsstrategie will das Unternehmen seine Kunden noch erfolgreicher machen.

Anfang 2016 hat Evonik eine neue Abteilung innerhalb der Konzernstrategie gegründet, die die Aufgabe hat, eine Digitalisierungsstrategie für den Konzern zu erarbeiten. Was sind die Kernelemente dieser Strategie?

 

Henrik Hahn: Unsere Strategie setzt auf fünf Bausteinen auf: Schaffen eines nachhaltigen digitalen Kundenerlebnisses, Geschwindigkeit und Agilität, einem guten Zugriff auf externe Fähigkeiten, der Bündelung und dem Aufbau von Kompetenzen und nicht zuletzt einer digitalen Kultur für das kooperative Arbeiten und situative Führen. Dazu haben wir Anfang 2016 nach intensiven Vorarbeiten durch Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Innovation, Technik und IT ein interdisziplinäres Digitalisierungsteam aufgebaut und die fünf Strategiebausteine in eine digitale Agenda übersetzt. Wir stimmen uns zudem kontinuierlich mit unseren operativen Segmenten und Funktionsbereichen ab. Aktuell konzentrieren wir uns nun auf die Inkubation digitaler Geschäfte, zum Beispiel von B2B-E-Commerce-Lösungen. Ein zweites Themenfeld betrifft den Aufbau von Methodenwissen. Dazu gehören Technologie und Start-up-Scouting ebenso wie Ausbau und Pflege des externen Partnersystems.

Welchen Anspruch und welche Rolle übernimmt Evonik beim Themenfeld Industrie 4.0?

 

Wilhelm Otten: Ein wesentliches Element von Industrie 4.0 ist die starke Vernetzung von Systemen in mehreren Dimensionen: horizontal entlang der Supply Chain innerhalb von Unternehmen inklusive der Produktion und zukünftig vor allem entlang der kompletten unternehmensübergreifenden Wertschöpfungs- und Logistikketten, vertikal von der Feldebene bis zum ERP-System und – das ist eine neue Komponente – nun auch in das Internet. Die dritte Dimension schließlich ist die Vernetzung entlang des Lebenszyklus eines Assets. Diese Vernetzung macht unsere Planungs- und Produktionsprozesse in der Chemie effektiver, effizienter und, was zukünftig noch wichtiger wird, flexibler. Evonik hat zu all diesen Themen interne Technologieprojekte, um die Vorteile der neuen Technologien für uns nutzbar zu machen. Dabei orientieren wir uns an den entsprechenden Empfehlungen der NAMUR und unterstützen die Einführung von Standards wie FDI (Field Device Integration). Außerdem haben wir die Entwicklung eines „Modul Type Packages“ zur Beschreibung und Integration von kompletten Units und Modulen in Automatisierungssysteme initiiert. Darüber hinaus arbeiten wir daran, unsere Planungsprozesse durchgängig zu machen – Stichwort Integrated Engineering. Ein weiterer Punkt betrifft die Flexibilisierung der Produktion, wo wir uns im Projekt „F3-Factory“ engagieren. Die Flexibilität erzielen wir dadurch, dass wir die Anlagen aus Modulen konfigurieren, die wir einfach austauschen können. In unserem strategischen Projekt „Next level of modular readiness“ wollen wir einen weiteren Schritt über die F3-Initiative schaffen. Hier setzt unser drittes strategisches Projekt an. Basierend auf dem vom BMWi geförderten Projekt SIDAP und der NAMUR-Empfehlung 161 „Grundlagen für Remote Operations (in der Prozessindustrie)“ wollen wir in Pilotanwendungen zeigen, dass sich Vorteile für unsere Produktion in Richtung Sicherheit und Effizienz durch Remote-Operation erzielen lassen. 

Wie gehen Sie die offenen Themen an?

 

Otten: Wichtig ist, dass man sich die richtigen Partner sucht. Unter anderem arbeiten wir mit Siemens als strategischem Partner in der Automatisierungstechnik in sehr vielen Bereichen zusammen, beispielsweise in der DEXPI-Initiative, den modularen Anlagen und bei den Automatisierungslösungen für unsere Großanlagen. Siemens hat bei allen drei genannten Dimensionen – dem Asset Life Cycle, der Supply Chain und der vertikalen Integration – viele Kompetenzen und Lösungen. Gerade bei innovativen Themen spielt auch das Vertrauen eine wichtige Rolle, sodass es sehr hilfreich ist, dass wir schon lange eng mit Siemens zusammenarbeiten.

Und wie digital ist Ihr Geschäft heute schon?

 

Otten: Viele digitale Themen sind kein Neuland für uns. Nehmen wir als Beispiel das Geschäftsgebiet Verfahrenstechnik & Engineering, für das ich verantwortlich bin. Dort entwickeln und implementieren wir Virtual Plant Simulatoren und haben in unseren großen Prozessen Advanced Process Control implementiert. Wir haben auch seit über 20 Jahren eine Gruppe, die Datenanalysen in der Produktion, aber auch anderen Bereichen betreibt. Mit der Evonik Technology & Infrastructure GmbH decken wir als Servicedienstleister praktisch den gesamten Asset Life Cycle und die Supply Chain ab und haben alle operativen IT- und Automatisierungsanwendungen in unserer Einheit – das macht es uns sicher einfacher. 

Was wird sich durch die Digitalisierung für das Unternehmen und seine Mitarbeiter verändern?

 

Hahn: Die Digitalisierung wird unseren Mitarbeitern die Arbeit erleichtern: Sie dient auch als ein Werkzeug, das dabei hilft, erfolgreicher und produktiver zu arbeiten, und sie schafft mehr Möglichkeiten, sich als Mitarbeiter über den eigenen Kernbereich hinaus konstruktiv einzubringen. Deshalb wird der Stellenwert digitaler Kompetenzen weiter zunehmen. Als Unternehmen sehen wir vor allem sechs digitale Trends, die je nach inhaltlicher Fragestellung von großer Bedeutung sind. Das sind die Themen Data Analytics, Mobilität, Internet of Things, Cloud, Sicherheit und Kollaboration. Darüber hinaus gilt auch im B2B-Umfeld verstärkt der Trend zur Personalisierung. Wir besetzen ein echtes Zukunftsthema und schaffen uns so neue Wachstumschancen in einem stabil und zukunftsfähig aufgestellten Unternehmen.

Birgt dieses Zukunftsthema nicht auch Risiken?

 

Hahn: Die Digitalisierung betrifft die komplette Wertschöpfungskette – vom Produzenten über den Lieferanten bis zum Endverbraucher. Natürlich führt das zu einer entscheidenden Frage: Welche Daten kann ich mit wem warum teilen? Wenn wir Daten unternehmensübergreifend nutzen und zur Verfügung stellen, dann sind natürlich die Themen Know-how- und Datenschutz wichtig. Deswegen sind für mich nicht die Daten der entscheidende Ansatzpunkt bei diesem Thema – Vertrauen ist die eigentliche Währung des Digitalzeitalters. 

17.02.2017

Picture credits: Evonik Industries AG

 

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