Faser-Industrie: Von wegen alte Schachtel

450.000 Tonnen Verpackungsmaterial im Jahr: So viel produziert Stora Enso allein am Standort im chinesischen Beihai. Mit eigener Forstwirtschaft und durchgängig digitalisiert bildet das Unternehmen dort die gesamte Wertschöpfungskette der Fiber-Industrie ab.

Samstagvormittag. Es läutet an der Tür. Draußen steht der Paketfahrer. Er überreicht unsere jüngste Online-Bestellung. Das Lieblings-Parfum, der spannende Roman, oder das dringend benötigte Bauteil für das aktuelle Hobbyprojekt. Das Wochenende ist gerettet! Doch, wie war das noch gleich mit der Verpackung unserer bestellten Produkte? Sie findet kaum Beachtung und landet meist ohne Umwege im Papiermüll.

 

So oder so ähnlich wiederholt sich dieses Szenario weltweit viele Tausend Mal am Tag. Tatsächlich hat die Verpackung, bevor sie zu uns kommt, viel mehr hinter sich, als nur den Weg vom Versandzentrum zur heimischen Haustür. Aber was genau?

 

Es beginnt mit einem Baum. Bäume sind wahre Alleskönner. Ihre Blätter filtern unsere Atemluft. Sie liefern seit jeher den Rohstoff für Bauwerke, Schiffe oder Möbel. Und ihre Zellfasern bilden die Grundlage für die nachhaltige Produktion von Papieren und Verpackungen. Doch ein Baum kann noch mehr: die Digitalisierung unterstützen zum Beispiel.

Nachwachsender Rohstoff

Wie das geht, zeigen der schwedisch-finnische Papierhersteller Stora Enso und Siemens im chinesischen Beihai. Hier lässt sich die gesamte Wertschöpfungskette der Kartonproduktion hautnah erleben. Und die beginnt bei Stora Enso mit eigener Forstwirtschaft. 90.000 Hektar stehen dafür zur Verfügung, von denen 72.000 mit Eukalyptus-Bäumen bepflanzt sind. Diese Sorte wächst besonders schnell. Und sie liefert erstklassigen Zellstoff.

 

Zellstoff bildet die Grundlage für zwei Arten von Spezialkartons: Das hauptsächlich am Standort Beihai gefertigte Liquid Packaging Board zur Verpackung von Flüssigkeiten, wie zum Beispiel Tetra Pak; und Consumer Board, also hochwertige Verpackungen etwa für Parfum oder Champagnerflaschen. Insgesamt rund 450.000 Tonnen Verpackungsmaterial pro Jahr fertigt Stora Enso in seiner hochmodernen, digitalen Fabrik, deren Errichtung etwa zwei Jahre gedauert und rund 800 Mio. Euro gekostet hat.

Frischer Blick auf die Branche

Dass sich die Investition auszahlen dürfte, zeigt ein Blick auf die jüngere Entwicklung der Branche. Durch die zunehmend digitale Kommunikation sinken weltweit Bedeutung und Nachfrage von Papier. „Der Bedarf an bestimmten Erzeugnissen ändert sich grundsätzlich in rasanter Geschwindigkeit. Das führt vielerorts dazu, dass Hersteller grafischer Papierprodukte auf die steigende Nachfrage an Verpackungs- und Hygienepapieren reagieren und ihre Produktion umstellen“, weiß Jan Kabus, Leiter Fiber Industry bei Siemens.

 

„Seit zehn Jahren ist unsere Industrie mit einer beachtlichen Abnahme der Papiernachfrage konfrontiert. Für uns war es zunächst schwierig, uns diesen Umstand einzugestehen“, räumt Dr. Heinz Felder ein, Leiter Group Investments & Capex bei Stora Enso. „Allerdings macht es uns auf der anderen Seite nun umso mehr Spaß, unsere Branche neu zu entdecken. Wir haben einen frischen Blick darauf geworfen, was ein Baum eigentlich alles kann und so teilweise völlig neue Produkte für einen völlig neuen Kundenkreis entdeckt.“

Unsere Lieferanten müssen in der Lage sein, eine Anlagenverfügbarkeit von mindstens 50 Jahren zu gewährleisten.
Dr. Heinz Felder, Leiter Group Investments & Capex, Stora Enso

Gemeinsam Neues erreichen

Mit Beihai hat Stora Enso für seine neue Fabrik einen Standort mit bester Papier-Tradition gewählt. Schließlich trat vor mehr als 2000 Jahren das Papier von China aus seinen Siegeszug um die ganze Welt an. Dazu kommt: Mit Siemens, selbst seit über 110 Jahren in China aktiv, weiß das Unternehmen einen ebenso erfahrenen wie traditionsreichen Projektpartner an seiner Seite. Seit 1995 hat Siemens in China über 360 Projekte in der Branche realisiert und ist damit Marktführer in der chinesischen Fiber-Industrie. Da erscheint es nur logisch, dass die bewährte Zusammenarbeit beste Voraussetzungen bietet für neue, gemeinsame Ansätze, genauer gesagt: für digitale Innovationen. [Lesen Sie hier mehr über das Beihai-Projekt und die Zusammenarbeit von Siemens und Stora Enso]

„Nicht nur wir bereiten unsere Kunden auf die Digitalisierung vor. Unsere Kunden tun das auch bei uns. Das ist eine Beziehung, die in beide Richtungen geht. Gemeinsam finden wir neue digitale Lösungen für ihre Marktanforderungen“, schildert Engelbert Schrapp, Corporate Account Manager bei Siemens Fiber Industry.

Intelligenz aus der Cloud

Von diesem Ansatz profitieren nicht nur Siemens und der Kunde. Um die digitale Fabrik aus einer Hand anbieten zu können, taten sich für das Projekt in Beihai Siemens-Experten aus unterschiedlichen Einheiten zusammen: für elektrische Ausrüstung und Automatisierung, für die Digitalisierung der Anlage, für Analyse-Tools und für den Service. Zum Einsatz kommen dabei auch Cloud-basierte Lösungen und künstliche Intelligenz. Konkrete Anwendungsfelder sind beispielsweise Control Performance Analytics für Regelkreise sowie Process Event Prediction etwa für Smart Alarm Handling. Das gemeinsame Ziel: die erste volldigitale Fabrik für Stora Enso.

Produktion aus eigener Kraft

Ohne Energie läuft auch in der Papierproduktion nichts. Siemens lieferte dazu unter anderem eine Industriedampfturbine mit einer Leistung von 59 Megawatt. Damit erzeugt Stora Enso vor Ort rund die Hälfte des benötigten Stroms. Die Energieverteilung übernehmen Hoch-, Mittel- und Niederspannungsschaltanlagen sowie Leistungs- und Verteiltransformatoren. Und wenn es doch einmal einen Stromausfall gibt, sichert eine Notstromversorgung den Betrieb – bestehend aus einem integrierten System von über eintausend Nieder- und Mittelspannungsmotoren samt Frequenzumrichtern und der nötigen Steuerungs- und Regelfunktionen. Dazu kommt ein Hightech-Mehrmotorenantrieb vom Typ Sipaper für die Kartonmaschine selbst, sowie ein fabrikweites Automatisierungssystem für Turbine, Prozesse und Energieverteilung.

Neben der Lieferung der Komponenten übernahm Siemens auch Installation und Inbetriebnahme. Schließlich wird der Begriff „Partner“ bei Stora Enso sehr genau definiert. „Unsere Investitionen müssen vor allem auf Dauer angelegt sein, da wir immer noch in einer sehr kapitalintensiven Branche tätig sind“, erklärt Felder. „Wir bauen eine Anlage, die mindestens 50 Jahre rund um die Uhr laufen soll. Unsere Lieferanten müssen in der Lage sein, diese Verfügbarkeit weltweit zu gewährleisten. Deshalb haben wir nur wenige Partner, die wir als wichtige Lieferanten schätzen und mit denen wir eng zusammenarbeiten.“ Dazu gehört auch Siemens.

 

 

Gemeinsam finden wir neue digitale Lösungen für die Marktanforderungen unserer Kunden.
Engelbert Schrapp, Corporate Account Manager, Siemens Fiber Industry

Bewährte Partnerschaft

Bei der Zusammenarbeit für die digitalisierte Fabrik von Stora Enso in China ist diese Rechnung aufgegangen. [Lesen Sie hier mehr über das Beihai-Projekt und die Zusammenarbeit von Siemens und Stora Enso] „Dieses Projekt ist ein wichtiger Meilenstein für den Bereich Fiber Industry von Siemens, aber auch ein Höhepunkt in puncto Zusammenarbeit und Partnerschaft mit Stora Enso“, sagt Schrapp rückblickend.  Entscheidend waren dafür nach seiner Ansicht die Gesamtverantwortung von Siemens für die Bereiche Energie und Automation sowie die starke Präsenz des Unternehmens in China. „Das war das reibungsloseste schlüsselfertige Projekt aller Zeiten – dank der engen Kooperation und des langfristigen Engagements von Siemens“, resümiert der Corporate Account Manager.

Die nächste Online-Bestellung kommt bestimmt. In guter und hochwertiger Verpackung. Vielleicht sogar produziert von Stora Enso in Beihai.

24.01.2019

Picture credits: Siemens AG

  • Stora Enso ist ein auf erneuerbare Rohstoffe spezialisiertes Unternehmen, das Lösungen auf Basis von Holz und Biomasse für eine Vielzahl von Branchen und Anwendungen weltweit entwickelt und produziert. Die Stora Enso Gruppe beschäftigt rund 25 000 Mitarbeiter in mehr als 35 Ländern. Am Fabrik-Standort Beihai in der Region Guangxi, Südchina, werden hochwertige Kartonprodukte hergestellt.
  • Produkte: chemo-thermo-mechanisch hergestellte Zellstoff- und Kartonerzeugnisse
  • Jahreskapazität: 150 000 Tonnen Zellstoff und 390 000 Tonnen Kartonagen
  • Anzahl der Mitarbeiter: 3 000 in Guangxi (einschließlich Forstwirtschaft)
  • Gegründet: 2016
  • https://www.storaenso.com/en/about-stora-enso/stora-enso-locations/beihai-mill
  • Energieverteilung: Hoch-, Mittel- und Niederspannungsschaltanlagen, Leistungs- und Verteiltransformatoren, Notstromversorgung, SCADA-System, alle Engineering-Services
  • Prozess-Elektrifizierung: Mehrmotorenantriebe inklusive Sipaper Drives APL, Sipaper Winder APL, Motoren, Engineering und Services
  • Prozessautomatisierung (DCS): ein durchgehendes, einheitliches und fabrikweites Automatisierungssystem inklusive – das erste Ein-Kontrollraum-Konzept für die Firma
  • Dampfturbinen-Generatorenreihe SST 800 für die Energieversorgung
  • Kontinuierliche Umsetzung: Control Performance Analytics (CPA), Fernwartung (Turbine)

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