Wer ist bereit für Grid-Edge-Lösungen?

Eine neue Studie macht es möglich, die Bereitschaft für Grid-Edge-Technologien in verschiedenen Ländern und Regionen zu bestimmen – und zu ermitteln, wie es um den Bedarf nach solchen Lösungen steht. Wir haben mit zwei der Autoren über die wichtigsten Erkenntnisse gesprochen.


In einem herkömmlichen Energiesystem mit großen zentralen Kraftwerken bezeichnet „Grid Edge“ die Schnittstelle zwischen Stromnetz und Verbraucher. Heute wird dieser Begriff jedoch breiter gefasst und bezeichnet eine Vielzahl technologischer Komponenten an der Schnittstelle zwischen dezentraler Angebots- und Nachfrageseite des Energienetzes. Eine neue Studie, verfasst von Experten der TU Berlin und der Universität Oxford mit Unterstützung von Siemens, befasst sich mit diesem Thema. Die Arbeit stellt eine Methode vor, die es ermöglicht,  den Bedarf für Grid-Edge-Lösungen in verschiedenen Ländern und Regionen zu bestimmen – und zu ermitteln, wie hoch die Bereitschaft zur Einführung von  Grid-Edge-Technologien an verschiedenen Standorten ist. So kann man feststellen, welche Regionen von solchen Lösungen am meisten profitieren können (d.h. wo der Bedarf am größten ist) und welche die besten Voraussetzungen mitbringen, um die Technologie zu integrieren (d.h. wo die Bereitschaft am größten ist). Anlässlich der Veröffentlichung haben wir mit zwei der Autoren gesprochen.

 

Interview: Chris Findlay

Miriam Zachau Walker und Stephan Seim, Sie haben beide als Experten an dem neuen Bericht über Grid-Edge-Lösungen mitgearbeitet. Außerdem sind Sie beide Doktoranden. Was hat Sie ursprünglich an diesem Thema interessiert?

 

Miriam Zachau Walker (M.Z.W.): Mit erneuerbaren Energien können wir zwei der weltweit größten Probleme entgegenwirken – dem Klimawandel und der Armut. Grid-Edge-Lösungen bringen die Dekarbonisierung voran, aber der Zugang zu Energie kann auch eine mächtige und wichtige Rolle spielen. Meine Arbeit über erneuerbare Energien gibt mir die Möglichkeit, an einem oder sogar beiden Problemen zu arbeiten. Ich habe Material- und Ingenieurwissenschaft studiert, interessiere mich aber auch sehr für interdisziplinäre Fragestellungen wie die politischen Rahmenbedingungen. Die optimale technische Lösung ist manchmal nicht die beste unter dem Gesichtspunkt ethischer, umweltpolitischer oder wirtschaftlicher Aspekte.

 

Stephan Seim (St.S.): Die Dekarbonisierung der Wirtschaft gehört zu den weltweit größten Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Aufgrund meines naturwissenschaftlichen und betriebswissenschaftlichen Hintergrunds interessierte mich das Thema Energiewende – ein sehr herausforderndes und faszinierendes Tätigkeitsfeld. Für einen reibungslosen und effektiven Übergang zu einem sauberen Energiesystem sind auch politische Aspekte entscheidend: Wie kann die Transformation des Energiesystems durch Regulierung effizienter gemacht werden? Wie kann ein breiter gesellschaftlicher Rückhalt gewährleistet werden? Die Messung der Bereitschaft und des Bedarfs nach Grid-Edge-Technologien sagt auch etwas über den tatsächlichen Stand der Energiewende in verschiedenen Ländern aus.

Was bedeutet Grid Edge?

Grid Edge („Netzkante“) bezeichnet die Schnittstelle zwischen der dezentralen Energieversorgung und -nachfrage und dem Stromnetz. Zu den Lösungen und Technologien an dieser Schnittstelle gehören alle Anlagen auf Nachfrageseite, die dezentralen Erzeugungsanlagen sowie Dienstleistungen, die den Betrieb dieser Technologien ermöglichen. Beispiele hierfür sind die dezentrale Erzeugung von Solarenergie, intelligente Gebäude, intelligente Stromzähler, Elektrofahrzeuge und Batteriespeicher.

 Frau, die nachts auf ihren Laptop und ihre Stadt schaut

Neues Whitepaper: “Driving the Energy Revolution”

Grid-Edge-Technologien spielen bei der Transformation der globalen Energiesysteme eine Schlüsselrolle: Sie erleichtern die Einbindung erneuerbarer Energien, machen Verbraucher zu Prosumenten und helfen, den Klimawandel einzudämmen. Doch welche Lösungen sind für welche Region besonders geeignet? Und wie groß ist das Potenzial, sie in großem Maßstab einzusetzen? In dieser Studie wird der Bedarf von Ländern und Regionen an Grid-Edge-Lösungen aufgedeckt and gezeigt wie gut sie auf deren Implementierung vorbereitet sind. Sie bietet Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine wertvolle Grundlage, um Hindernisse und Chancen auf dem Weg in die Energiezukunft zu identifizieren.

In welcher Weise unterstützen Grid-Edge-Lösungen den Ausbau der erneuerbaren Energieversorgung?

 

St.S: Die Dekarbonisierung und der Umstieg auf erneuerbare Energien stellen eine große Herausforderung für das Energiesystem dar. Grid-Edge-Lösungen bringen mehr systemische Flexibilität, um die fluktuierende Einspeisung der erneuerbaren Energien zu kompensieren. Diese Flexibilität muss gesteuert werden, und zwar nicht nur mit Grid-Edge-Technologien, sondern auch durch entsprechende Regulierung und politische Rahmenbedingungen, unter denen diese Technologien funktionieren und ihre Leistungen vergütet werden können. Wir können diese Flexibilität erweitern, etwa durch Batteriespeicher oder durch Nachfrageflexibilisierung in Form von Lastverschiebung oder Spitzenlastkappung. Zudem brauchen wir natürlich Effizienzsteigerungen und müssen den Energieverbrauch senken. Aber bei Grid-Edge-Lösungen geht es vor allem um wichtige vernetzte Technologien, deren dezentrale Flexibilität und die effiziente und sichere Steuerung dieser Flexibilität. Dadurch können große Mengen fluktuierender erneuerbarer Energien ins System integriert werden.

Mit erneuerbaren Energien können wir zwei der weltweit größten Probleme entgegenwirken – dem Klimawandel und der Armut.
Miriam Zachau Walker, Doktorandin der Ingenieurwissenschaften an der Universität Oxford

Die Studie, die Sie mitverfasst haben, trägt den Untertitel "An index for grid edge need and readiness". Wie sind Sie dieses Thema angegangen?

 

M.Z.W.: Wir wollten einen Index erstellen, mit dem das Grid Edge in verschiedenen Ländern und Regionen erfasst werden kann. Hierfür haben wir uns mit zwei Gesichtspunkten beschäftigt. Wir haben den Bedarf an Grid-Edge-Lösungen, der eng mit dem Bedarf an Flexibilität korreliert, analysiert. Und wir haben die Bereitschaft ermittelt, Grid-Edge-Technologien einzuführen oder auszubauen. Diese Aspekte wurden anhand von 99 Indikatoren gemessen, die auf verschiedene Standorte und Regionen angewandt wurden. Wir haben nicht den Bedarf oder die Bereitschaft für eine spezifische Technologie ermittelt, sondern den Bedarf an Flexibilität, welche durch Grid-Edge-Lösungen geschaffen wird. Und die Bereitschaft, Grid-Edge-Technologien einzusetzen oder auszubauen. 

Die Gesprächspartner

Miriam Zachau Walker ist Doktorandin an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften der Universität Oxford. Sie interessiert sich für die Schnittstelle zwischen Technologie und Politik bei der Bereitstellung sauberer und günstiger Energie. Ihre Forschungsarbeit untersucht die Anforderungen an Flexibilität bei Stromversorgungssystemen mit hohen Anteilen erneuerbarer Energie.

 

Stephan Seim ist Doktorand im Fachgebiet Energie- und Ressourcenmanagement der TU Berlin. In seiner Dissertation erstellt er Modelle branchenspezifischer Energieverbräuche mittels Verfahren der Statistik und des Machine Learning, die als Grundlage für die Bewertung der Wirtschaftlichkeit von Grid-Edge-Lösungen dienen. Außerdem unterrichtet er angehende Wirtschaftsingenieurinnen und -ingenieure im Bachelor- und Masterstudiengang und beleuchtet dabei ausgewählte Aspekte der Energiewende.

An welches Publikum richtet sich Ihre Studie?

 

M.Z.W.: Der Vergleich zwischen Ländern und Regionen bringt sowohl für politische Entscheidungsträger als auch für die Privatwirtschaft einen Mehrwert. Für den öffentlichen Sektor ist etwa interessant, mit welchen politischen Maßnahmen die Bereitschaft oder der Bedarf erhöht werden können, zum Beispiel durch ehrgeizigere Klima- oder Emissionsziele. Entscheidungsträger können daran sehen, welche Maßnahmen Erfolg hatten und von anderen Ländern, in denen der Bedarf oder die Bereitschaft höher sind, lernen. Unternehmer und Industrievertreter können sich in unserer Studie über interessante Standorte und die dortigen Marktchancen informieren. Die Gesamtbewertungen des relativen Bedarfs und der Bereitschaft zeigen im Vergleich auf, wo es sich lohnt, weitere Nachforschungen anzustellen, wo das Potenzial am größten ist oder welche Standorte vorbildliche Best-Practice-Verfahren entwickelt haben.

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse?

 

M.Z.W.: Unsere Schlussfolgerungen konzentrieren sich vor allem auf politische Hebel, mit denen die Bereitschaft erhöht und der Bedarf gedeckt werden kann – entweder durch Verbesserung bereits installierter erneuerbarer Energiequellen oder durch politische Verpflichtungen, die Wirtschaft und das Energiesystem zu dekarbonisieren und insgesamt mehr Anreize für saubere Energie zu schaffen. Wir empfehlen auch eine robuste, zuverlässige und sichere Kommunikationsinfrastruktur, mit der diese stark dezentralisierten Anlagen gesteuert werden können. Für einen effektiven Betrieb von Grid-Edge-Lösungen muss man die von intelligenten Stromzählern gesammelten Daten und andere Informationen sicher übertragen können. Schließlich empfehlen wir die Einführung von Flexibilitätsmärkten und/oder eines Emissionshandels, damit die Stromverbraucher mit ihren Grid-Edge-Anlagen am Elektrizitätssystem teilnehmen können.

Wie haben Sie den Bedarf an Grid-Edge-Lösungen gemessen?

 

St.S: Wir haben zwei Aspekte untersucht – den aktuellen Bedarf an Flexibilität im System und den zukünftigen Bedarf an Grid-Edge-Lösungen. Der aktuelle Flexibilitätsbedarf ergibt sich in erster Linie aus dem Anteil erneuerbarer Energien im System sowie dem aktuellen Flexibilitätspotenzial durch Wärmepumpen, Elektrofahrzeuge usw. Was den zukünftigen Bedarf an Grid-Edge-Lösungen betrifft, haben wir die verbindlichen politischen Zielsetzungen des betreffenden Landes berücksichtigt, basierend auf der Annahme, dass diese langfristig z.B. einen bestimmten Anteil erneuerbarer Energien hervorbringen oder die Einführung von Elektrofahrzeugen vorantreiben. Außerdem zeigen wir, dass der Emissionshandel ein wichtiger Faktor für den künftigen Bedarf und die Bereitschaft für Grid-Edge-Lösungen ist, da er Marktsignale setzt und den Ausbau erneuerbarer Energien oder die Dekarbonisierung der Wirtschaft fördert.

Kann man also sagen, dass der Bedarf an Grid-Edge-Lösungen gleichbedeutend ist mit dem Bedarf an Flexibilität?

 

St.S.: Ja, so haben wir die Frage operationalisiert. Der Bedarf an Grid-Edge-Technologie ist der Bedarf an gegenwärtiger oder zukünftiger Flexibilität.

 

M.Z.W.: Flexibilität könnte auch anders erreicht werden, aber unsere Überlegung war folgende: Wenn ein Standort Grid-Edge-Lösungen braucht, liegt das daran, dass er Flexibilität benötigt, und erneuerbare Energien sind eine Hauptursache für den Bedarf an Flexibilität. Der Index basiert auf Variablen und Kennzahlen, die diesen Bedarf bestimmen. Grid-Edge-Lösungen werden gebraucht, um diese Flexibilität zu ermöglichen. Deshalb ist der Bedarf an Flexibilität aufgrund der Dekarbonisierung einer der Hauptfaktoren in unserer Studie, aber auch aus anderen Gründen sollte ein Energiesystem flexibel sein.

Es gibt keine „deutsche“ oder „amerikanische“ Atmosphäre, nur eine globale Atmosphäre. Bei der Bekämpfung des Klimawandels muss die ganze Welt zusammenarbeiten. 
Stephan Seim, Doktorand am Fachgebiet Energie- und Ressourcenmanagement der TU Berlin

Der zweite gemessene Wert war die Bereitschaft eines Landes oder einer Region, Grid-Edge-Technologie zu verwenden.

 

M.Z.W.: Richtig. Diesen Faktor haben wir unter technischen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten untersucht. Für jeden dieser Aspekte haben wir bestimmte Einflussgrößen festgelegt und gewichtet. So konnten wir nicht nur die Bereitschaft insgesamt messen, sondern auch konkret bewerten, welche Länder oder Regionen technisch, wirtschaftlich, oder gesellschaftlich eher für den Einsatz der Grid-Edge-Technologien gerüstet sind. Wenn beispielsweise an einem Standort bereits ein gewisser Bestand an Grid-Edge-Lösungen oder die entsprechenden Märkte vorhanden sind, wird man dort eher bereit sein, mehr davon zu implementieren, da man bereits weiß, dass sie dort funktionieren und dass die Verbraucher mit ihnen umgehen wollen und können. Viele verschiedene Aspekte kommen hier ins Spiel. Die Gebäudeleittechnik ist ein sehr wichtiger Teil des Grid Edge, ebenso wie intelligente Stromzähler, die die Daten für viele andere Elemente liefern. Elektrofahrzeuge können entweder für zusätzlichen Bedarf eingesetzt werden, oder die Batterie im Fahrzeug selbst kann als bidirektionaler Vehicle-to-Grid-Speicher genutzt werden. Die dezentrale Erzeugung, meist in Form von Photovoltaik, ist eine weitere, sehr wichtige Grid-Edge-Technologie. 

Wenn der Bedarf an Grid-Edge-Lösungen stellvertretend für das Bedürfnis nach Flexibilität steht, ist dann die Bereitschaft für Grid Edge-Technologie in etwa gleichbedeutend mit der Bereitschaft für die Energiewende?

 

M.Z.W.: Im technischen Bereich bezieht sich die Grid-Edge-Bereitschaft hauptsächlich auf die Infrastruktur des Stromnetzes. Zwar könnte die Energiewende durch Elektrifizierung erreicht werden, aber auch andere Energieträger sind denkbar, z.B. Wasserstoff oder Ammoniak. Ich stimme daher nicht ganz der Aussage zu, dass die Grid-Edge-Bereitschaft gleichbedeutend ist mit einer Bereitschaft speziell für die Energiewende, auch wenn Länder mit hoher Grid-Edge-Bereitschaft relativ gesehen vielleicht eher bereit für die Energiewende sind. Stephan ist da vielleicht anderer Meinung.

 

St.S.: Ich stimme dir zu, aber ich denke schon, dass die Grid-Edge-Bereitschaft ein starker Indikator für die Bereitschaft zur Energiewende ist. Aber es gibt Unterschiede zwischen Grid-Edge-Bereitschaft und der Bereitschaft zur Energiewende. So können einige Länder einen hohen Anteil an Biogas haben, das zwar erneuerbar ist, aber trotzdem viel Flexibilität bietet. Der hohe Anteil von Biogas wirkt sich damit weniger stark auf die Bereitschaft für Grid-Edge-Lösungen aus.

Ist die Energiewende eine Aufgabe, die global zwischen vielen Parteien koordiniert werden muss, oder findet sie eher an verschiedenen Orten mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und auf unterschiedliche Weise statt, in Anbetracht der Indikatoren, die Sie gemessen haben?

 

St.S.: Es gibt keine „deutsche“ oder „amerikanische“ Atmosphäre, nur eine globale Atmosphäre. Bei der Bekämpfung des Klimawandels muss die ganze Welt zusammenarbeiten. Die COP-Konferenzen und das Pariser Klimaabkommen sind entscheidende Instrumente, um alle Staaten in diese Bemühungen einzubinden und die Dekarbonisierung ihrer Volkswirtschaften zu koordinieren. Aber die Potenziale erneuerbarer Energien sind ungleichmäßig verteilt. Kalifornien hat etwa ein enormes Solarpotenzial im Vergleich zu Finnland. Finnland hat dafür ein viel höheres Biomasse-Potenzial als Deutschland. Da es viele unterschiedliche mögliche nationale Strategien gibt, wie die Energiewende und die Dekarbonisierung der Wirtschaft erreicht werden können, sollten die entsprechenden Ansätze global abgesprochen werden, aber jedes Land wird seinen individuellen Transformationspfad finden müssen. Im Übrigen ist gerade die Regulierung des Kohlenstoffpreises ein sehr wirksames universelles Instrument.

Auf Länderebene hat sich Großbritannien beispielsweise strenge Klimaziele gesetzt und die Offshore-Windkraftkapazitäten massiv ausgebaut.

 

M.Z.W.: Ja, und weitere Windparks sind geplant. Kürzlich hat die Regierung das Ziel für aus Wind gewonnener Energie von 30 auf 40 Gigawatt erhöht – ein gewaltiger Anteil, wenn man bedenkt, dass die Spitzenlast im Winter bei etwa 55 Gigawatt liegt. Aber auch wenn laut unserem Index die politische Bereitschaft hoch ist, hat Großbritannien in anderen Bereichen sein Potential noch nicht ausgeschöpft. Zum Beispiel hat es seine Ziele bei den intelligenten Zählern immer wieder wegen Problemen und Verzögerungen verpasst. Dadurch wurde es schwieriger, bestimmte Grid-Edge-Elemente auf der Ebene des Verteilnetzes einzusetzen, einfachste Verhaltensmuster auf der Nachfrageseite zu verstehen oder dezentrale Anlagen zu steuern. Dennoch hat Großbritannien mit seinen ehrgeizigen Zielen und insbesondere bei der Windkraft weltweit eine Spitzenposition, und auch bei der Solarenergie sind gewisse Ambitionen vorhanden. Das Land hat also das Potenzial, sein Netto-Null-Ziel zu erreichen und hat daher einen relativ hohen zukünftigen Bedarf an Grid-Edge-Technologie. Aber es muss noch viel getan werden, damit diese in großem Maßstab eingesetzt werden kann.

Unser Index lässt sich auch auf Regionen wie Kalifornien anwenden, das den höchsten Bedarf an Grid-Edge-Lösungen aufweist.
Miriam Zachau Walker

Stephan Seim, Sie leben in Deutschland, das als globaler Spitzenreiter in der Energiepolitik gilt. Laut der Studie bleibt das Land jedoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.

 

St.S.: Deutschland hat lange eine Vorreiterrolle bei der Energiewende gespielt. In den letzten Jahren hat es jedoch zu wenig politischen Ehrgeiz gezeigt. So wird beispielsweise der Kohleausstieg erst 2039 abgeschlossen werden, obwohl dies vielleicht mit marktwirtschaftlichen Instrumenten, etwa durch effektive Regulierung des Kohlenstoffpreises, schon früher erreicht werden könnte. Andererseits hat Deutschland erst kürzlich die Netto-Null als Ziel angepeilt, was sich auch auf seine Bereitschaft auswirkt. 

Was machen andere Länder besser?

 

St.S: Während Länder wie Finnland und Singapur eine nahezu hundertprozentige Abdeckung mit intelligenten Zählern haben und schon die zweite Generation planen, steht Deutschland bei der Einführung von intelligenten Stromzählern noch ganz am Anfang. Diese sind aber eine wichtige Voraussetzung für die Nutzung der Flexibilität des Systems. Die Bundesregierung hat zudem kürzlich den vormals sehr niedrigen Kohlenstoffpreises auf ein Minimum von €25 pro Tonne ab 2021 erhöht. Dieser nationale Kohlenstoffpreis ergänzt den im europäischen Handelssystem festgelegten Preis für die Industrie im Energiesektor. Auch hier könnte man also ehrgeiziger sein bezüglich der Höhe des Preises. Dennoch gehört Deutschland laut unserem Index nach wie vor zu den führenden Ländern.

Gibt es nicht auch unterhalb der nationalen Ebene erhebliche Unterschiede?

 

M.Z.W.: Unser Index lässt sich auch auf Regionen wie Kalifornien anwenden, wo der Bedarf an Grid-Edge-Lösungen am höchsten ist. Die Bereitschaft dort ist recht hoch, was zum Teil auf die großflächige Durchsetzung mit erneuerbaren Energien, vor allem Solarenergie, zurückzuführen ist. Auch wenn diese teilweise mit der Nachfrage während des Tages abgestimmt ist, erfordert er dennoch eine große Flexibilität. Kalifornien hat ehrgeizige Dekarbonisierungsziele, welche über die der USA als Ganzes hinausgehen, und fördert durch entsprechende politische Rahmenbedingungen erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge, und andere Grid-Edge-Elemente sowie deren Märkte. Darüber hinaus verfügen die USA über eine der unzuverlässigsten Elektrizitätsinfrastrukturen unter den OECD-Ländern. Vor allem in Kalifornien musste die Stromversorgung wegen Naturkatastrophen oft vorbeugend abgeschaltet werden. Mehr Flexibilität im System könnte das Netz stabiler und Unterbrechungen sowohl kürzer als auch seltener machen.

Singapur benötigt weniger Grid-Edge-Technologie als die anderen vier Regionen, die Sie genauer untersucht haben. Warum?

 

M.Z.W.: Singapur ist dicht besiedelt und hat einen großen Wirtschaftssektor, aber vergleichsweise wenige Autos. Wegen seiner kleinen Fläche hat es ein sehr viel geringeres Potenzial für die Erzeugung erneuerbarer Energien und ist dementsprechend stark auf konventionelle Energieerzeugung angewiesen, wobei Diskussionen über Interkonnektoren mit anderen Gebieten im Gange sind. Unabhängig davon, ob dieser Strom konventionell oder aus erneuerbaren Energien erzeugt wird, könnte die Flexibilität also eher durch eine solche Anbindung als durch Grid-Edge-Lösungen gewährleistet werden. Der Bedarf wäre in Singapur somit geringer als in manchen anderen untersuchten Regionen.

Finnland hat in allen Bereichen – politisch, wirtschaftlich, sozial und technologisch – die höchste Bereitschaft und schneidet überall gut ab.
Stephan Seim

Aus Ihrer Studie geht hervor, dass Finnland unter allen Ländern am besten auf Grid Edge vorbereitet ist. Wie erklärt sich das?

 

St.S: Finnland hat in allen Bereichen – politisch, wirtschaftlich, sozial und technologisch – die höchste Bereitschaft und schneidet überall gut ab. Es hat einen recht hohen Kohlenstoffpreis, was sowohl den zukünftigen Bedarf als auch die Bereitschaft für Grid-Edge-Lösungen begünstigt. Die sehr zuverlässige nationale Kommunikationsinfrastruktur gestattet es, diese Technologie aufzunehmen und zu nutzen. Für das Beheizen von Räumen wird vor allem Biomasse verwendet. Aus Sicht des Stromsystems ist diese Biomasse nur begrenzt flexibel, da sie vor allem der Wärmeerzeugung dient, während der Strom ein Nebenprodukt der Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen ist.

Welche politischen Vorgaben tragen am meisten zur Beschleunigung der Energiewende bei, vor allem in Hinblick auf das Grid Edge und sein Potenzial?

 

M.Z.W.: Wir haben uns mehr mit den politischen Hebeln und ihren möglichen Auswirkungen befasst, und weniger mit konkreten politischen Vorgaben. Wir haben drei Maßnahmen herausgestellt, die mehr Aufmerksamkeit verdienen: Die weitere Förderung sauberer Energie, die Einführung von Flexibilität und Emissionshandel sowie der Aufbau einer zuverlässigen und sicheren Kommunikationsinfrastruktur. Aber wir haben bewusst auf ein Urteil verzichtet, wie diese politisch umgesetzt werden sollen – ob durch Subventionen, Steuern oder Anreize. Abhängig von den politischen, gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Bedingungen ist an einem Standort eine Besteuerung das Mittel der Wahl, während woanders Fördermittel, Regulierung oder Ordnungspolitik sinnvoller sind. Wir haben uns hier also nicht festgelegt, aber deutlich gemacht, welche Ziele diese politischen Maßnahmen verfolgen sollten.

 

St.S.: Da bin ich ganz deiner Meinung, Miriam. Ich möchte noch hinzufügen, dass laut unserem Index ein Kohlenstoffpreis, wie er bereits in vielen Ländern eingeführt wurde, sowohl den Bedarf als auch die Bereitschaft für Grid-Edge-Technologie stark beeinflusst, weil er einen Anreiz zur Dekarbonisierung der Wirtschaft bietet. Das könnte sowohl die erneuerbaren Energien begünstigen als auch mehr Optionen für Flexibilität schaffen, die die Integration dieser erneuerbaren Energien ermöglichen könnten. Letztendlich ist es wichtig und notwendig, dass Ziele gesetzt werden, aber wir brauchen auch die politischen Maßnahmen, mit denen wir diese Ziele erreichen können. Hier sind einige Länder noch nicht weit genug gegangen. Wir brauchen eine globale, kooperativen Lastenteilung, was auch bedeuten kann, dass die reicheren Länder die weniger wohlhabenden Länder dabei unterstützen, ihre Wirtschaft zu dekarbonisieren.

Zum Autor: Chris Findlay lebt und arbeitet als Journalist in Zürich. Er schreibt unter anderem über aktuelle wirtschaftliche und technologische Entwicklungen.

 

25. November, 2020

Bilder: Siemens AG

 Frau, die nachts auf ihren Laptop und ihre Stadt schaut

Neues Whitepaper: “Driving the Energy Revolution”

Grid-Edge-Technologien spielen bei der Transformation der globalen Energiesysteme eine Schlüsselrolle: Sie erleichtern die Einbindung erneuerbarer Energien, machen Verbraucher zu Prosumenten und helfen, den Klimawandel einzudämmen. Doch welche Lösungen sind für welche Region besonders geeignet? Und wie groß ist das Potenzial, sie in großem Maßstab einzusetzen? In dieser Studie wird der Bedarf von Ländern und Regionen an Grid-Edge-Lösungen aufgedeckt and gezeigt wie gut sie auf deren Implementierung vorbereitet sind. Sie bietet Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft eine wertvolle Grundlage, um Hindernisse und Chancen auf dem Weg in die Energiezukunft zu identifizieren.

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