Stadtentwicklung: Chicago im Wandel

Eine der berühmtesten Städte der Welt gibt sich mit öffentlichen Infrastrukturprojekten eine über- und unterirdische Rundumerneuerung, von Leitungen bis zu öffentlichen Skulpturen.

In der 103. Etage des Willis Tower - früher bekannt als Sears Tower - in Chicagos Innenstadt werden zwei Dinge deutlich: Das erste ist, dass ich nicht ganz schwindelfrei bin. Ich halte meine Handfläche gegen die Glaswand, während ich die Straßen 412 Meter unter mir betrachte, die durch die 3,8 Zentimeter Glas, auf denen ich stehe, beklemmend deutlich zu sehen sind.

 

Das zweite ist, dass Chicago sich verändert. An einem klaren Tag sieht man 80 Kilometer weit in jede Himmelsrichtung, wie diese symbolträchtige Stadt und ihre Vororte pulsieren. Der Rush-Hour-Verkehr steht auf den Straßen und Autobahnen fast Stoßstange an Stoßstange. Regionalzüge transportieren Arbeiter aus weit entfernten Vorstädten, genauso wie die Hoch- und U-Bahn näher an der Innenstadt. Busse transportieren täglich 1,7 Millionen Menschen.

Chicago bewegt sich auch auf eine Weise, die vom zweithöchsten Gebäude der westlichen Hemisphäre nicht zu sehen ist. Unter den Straßen wird ein Großteil der Wasserversorgung der Stadt erneuert. Gebäude werden saniert, um Energie zu sparen. Und viele Investitionen in den letzten Jahren zielten auf die Verbesserung der Lebensqualität für Bewohner und Besucher ab.

Große Stadt mit großen Herausforderungen

Chicago ist mit 2,7 Millionen Einwohnern innerhalb des Stadtgebiets und mehr als 9 Millionen in der Metropolregion die drittgrößte Stadt in den USA. Sie hatte mit Bevölkerungsschwund zu kämpfen, aufgrund wirtschaftlicher Herausforderungen, die die Städte des „Rust Belt“ im Nordosten des Landes treffen, aber auch wegen der Angst vor Kriminalität (in den ersten neun Monaten des Jahres 2016 gab es mehr als 500 Tötungsdelikte in der Stadt). 

 

Trotz dieser Herausforderungen geht es der Stadt gar nicht schlecht. Wäre Chicago eine Nation, läge die Metropolregion mit einem Bruttometropolprodukt von 640 Milliarden US-Dollar im Jahr 2015 weltweit an 20. Stelle und somit knapp hinter der Schweiz.

 

Heute erlebt Chicago einen Wandel, wie die Stadt ihn seit dem Brand von 1871, der die Stadt vollständig zerstörte, nicht mehr gekannt hat. Die Stadt investiert kräftig, um die Wirtschaft weiter auf Hochtouren zu bringen und die Stadt lebenswerter zu gestalten.

Transportaufgaben anpacken

Wenn man von der Aussichtsebene des Willis Tower nach Norden schaut, kann man Flugzeuge unter sich im Anflug auf den O'Hare International Airport sehen. O'Hare, einer der verkehrsreichsten Flughäfen der Welt, bekommt ein neues Gesicht. Sein Terminal 3 ist der erste Ort in den USA, an dem Desigo CC von Siemens integriert ist, ein Gebäudemanagementsystem zur automatischen Steuerung der Klimatisierung, mit 40.000 Datenpunkten, 100 Brandmeldern und einer benutzerfreundlichen Fernüberwachung und -verwaltung. Das System kann Trends über verschiedene Zeiträume vergleichen, um die beste Lösung für optimale Energieeffizienz zu finden und gleichzeitig für den Komfort der Reisenden zu sorgen.

 

Vom Willis Tower aus sieht man direkt unter sich die Straßen der Stadt, von denen die Hälfte bis zum Ende der Amtszeit von Chicagos Bürgermeister Rahm Emanuel im Jahr 2020 saniert wird. Das Straßen-Sanierungsprojekt wird ein volles Jahrzehnt dauern und gut bezahlte Arbeitsplätze für 18.000 Menschen schaffen. Chicago hat die zweitlängsten Arbeitswege in den USA: Pendler benötigen durchschnittlich 32 Minuten von zuhause bis zum Arbeitsplatz. Chicago erneuert gerade sein Nahverkehrssystem, um dieses Problem zu lösen. Der Busverkehr wurde erweitert. Viele Bahnhöfe werden von Grund auf neu aufgebaut. Durch Verbesserungen am U-Bahn-System wurden Fahrtenzeiten durch langsame Abschnitte, die Engpässe für Pendler erzeugten, um 20 Minuten verkürzt. Zugwaggons verfügen nun über Mobilfunkverbindungen nach dem 4G-Standard, mit denen Pendler im Internet surfen oder im Zug ihre Arbeit erledigen können.

Berücksichtigung der Lebensqualität

Um die Lebensqualität der Bewohner zu verbessern, werden Außenräume in der ganzen Stadt saniert. Ein Bereich mit Parkflächen und eine nur wenig genutzte Parklandschaft am Lake Michigan wurden 2004 in den Millennium Park verwandelt, der schnell zum beliebtesten öffentlichen Raum der Stadt wurde. Das Herzstück des 24 Hektar großen Parks mit öffentlicher Kunst und einer Eislaufbahn im Freien ist das Cloud Gate, eine riesige, silberne Plastik.

 

Eine ehemalige Fleischverpackungsfabrik wurde in den Fulton Markt verwandelt. Die dort entstandenen Restaurants und Geschäfte werden von einer neuen Zugstation bedient. Eine Promenade entlang dem Chicago River wird ausgebaut. Touristen können Fahrräder und Kajaks mieten, während Sightseeing-Boote an trendigen Bars und Restaurants vorbei den Fluß hinauf und hinunter fahren.

 

Die Stadt baute außerdem eine 4,3 Kilometer lange Strecke einer alten Eisenbahnlinie als Wander- und Radweg aus, der vier Stadtviertel verbindet. Die nach der verlassenen Industriestrecke benannte Route „The 606“ ist ähnlich wie die High Line in New York City und die Promenade Plantée in Paris mit öffentlicher Kunst ausgestattet. „The 606“ wird von Joggern, Radfahrern und Familien genutzt. Der Spazierweg genießt seit seiner Eröffnung im Jahr 2015 internationale Berühmtheit, die Eigenheimpreise entlang der 606 sind in die Höhe geschossen. 

Modernisierung der Wasserinfrastruktur mit Unterstützung von Siemens

Weniger augenfällig, aber ebenso wichtig für die Zukunft von Chicago ist die Arbeit an der Infrastruktur der Stadt. Chicago befindet sich mitten in der Erneuerung von 1.450 Kilometern Wasserleitungen, 1.100 Kilometern Abwasserrohren und 167.000 Auffangbecken. Die von Dampfturbinen und Kesseln betriebenen, veralteten Wasserpumpstationen der Stadt werden mit Hilfe von Siemens für den Einsatz energieeffizienter elektrischer Pumpen nachgerüstet. 

 

Die Modernisierung einer Pumpstation führte zu Energie- und Betriebskosteneinsparungen von jährlich etwa 7,5 Millionen US-Dollar und einer Verringerung von 17.380 Tonnen Kohlenstoffemissionen – das entspricht 2.888 aus dem Verkehr gezogenen Fahrzeugen. Technische Verbesserungen an einer Wasserreinigungsanlage werden weitere 4 Millionen US-Dollar an Energie- und Wartungskosten einsparen. Energie- und Wartungseinsparungen von nur einer Wasserreinigungsanlage, die mit Schaltanlagen, Steuerungen und Leistungstransformatoren von Siemens betrieben wird, könnten jährlich 4 Millionen US-Dollar betragen. 

 

Ob öffentliche Kunst, Verbesserungen im Nahverkehr oder Energieeinsparungen: Für Chicago sind die Aussichten gut – auch wenn man nicht gerade aus dem 103. Stock schaut.

15.11.2016

Text: Ron French, Journalist in Michigan, USA.

Bilder: Todd Winters

 

Bevölkerung: 2,7 Millionen

Besucher: 52 Millionen (2015)

GMP: US$640 Mrd. (2015)

Fläche: Über 600 km2

Bevölkerungsdichte: 4.627 Einwohner pro km²

Bürgermeister: Rahm Emanuel

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