Der Mensch steht im Vordergrund

Louis Becker ist Partner und Design Principal bei Henning Larsen Architects in Kopenhagen. Hier spricht er über Design, Nachhaltigkeit, und seine Architekturphilosophie – u.a. seine Vision für das von ihm geplante neue Siemens-Hauptgebäude in München.

Das Magazin: Sie haben Gebäude auf der ganzen Welt entworfen. Welche architektonische Vision und Idee vereinen all diese Projekte?


Louis Becker: Für uns steht der Mensch im Vordergrund. Dieser Architekturansatz spiegelt sich auch in den Raumkonzepten unserer Projekte wider. Wir sind zudem fest in der skandinavischen Designtradition verwurzelt, in der Architektur als wichtiger Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung verstanden wird. Die Ressourcenknappheit hat uns geprägt. In der nordischen Kunst und Architektur dreht sich zum Beispiel alles um das Tageslicht. Es ist für uns eines der wichtigsten Instrumente in der Architektur. Heute wissen wir zudem, dass Tageslicht mehr ist als reine Poesie. Tageslicht beeinflusst unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und den Energieverbrauch in Gebäuden. Unsere Projekte orientieren sich am Kontext, ob Stadt oder Land. Inspiration für das Einzelprojekt holen wir uns, indem wir den Standort „lesen“ und zum besseren Verständnis des Kontextes Fragen stellen. Das Grundstück ist lediglich die physikalische Begrenzung des Projekts. Andere, für das Design maßgebliche Faktoren sind beispielsweise die Umwelt, die Kultur, die Tradition, das Klima und die Topographie.

Siemens wollte als neue Konzernzentrale ein innovatives Gebäude entstehen lassen, das sich nicht nur nahtlos in das Stadtbild einfügt, sondern auch hocheffizient ist. Welche Schwierigkeiten brachte dies für die architektonische Gestaltung mit sich?


Die Lage im historischen Zentrum Münchens war eine große Herausforderung – und eine große Chance, das neue Gebäude mit der Stadt verschmelzen zu lassen! Unserem Entwurf lag die Idee zugrunde, kein in sich geschlossenes Bürogebäude zu erschaffen. Das Erdgeschoss ist deshalb der Öffentlichkeit zugänglich und fördert den Austausch mit der Bevölkerung. Die Entscheidung für einen neuen Hauptsitz an diesem Standort war sehr ambitioniert und verlangte eine Architektur, die gleichermaßen unaufdringlich wie aussagekräftig ist. Am Wittelsbacherplatz nimmt sich der Neubau hinter dem restaurierten Palais Ludwig Ferdinand zurück. Die modernen Konferenz- und Besprechungsräume werden auf der Rückseite des Palais integriert. Ausgehend von der Plaza können Sie durch das Gebäude zum Oskar-von-Miller-Ring flanieren – und erleben eine Zeitreise vom historischen zum modernen München. In Richtung Ring zeigt die Konzernzentrale ihr markantes, unverwechselbares Gesicht, das davon zeugt, wie tief Siemens – als weltweit führendes Münchener Unternehmern – in München verwurzelt und mit der Stadt verwachsen ist.

Was sind die besonderen Qualitäten des Gebäudes?


In den letzten Jahren wurden Bürogebäude vielfach am Stadtrand errichtet, was die Gefahr einer Isolation mit sich brachte. Der Standort dieses neuen Gebäudes ist etwas Besonderes und ein Beispiel für den neuen Trend in vielen Unternehmen, sich in die Gesellschaft und in die Stadt einzufügen. Ein innerstädtisches Gebäude ist sehr viel nachhaltiger, da es einer Zersiedelung vorbeugt und längere Anfahrten mit dem Auto vermeidet.

Unsere Architektur ist stets bestrebt, zum Wissensaustausch und Miteinander im Unternehmen beizutragen.

Der neue Hauptsitz besteht aus einem Komplex mit vier rechteckigen, abgerundeten Innenhöfen. Innerhalb des Gebäudes verbindet eine zentrale, vertikale Struktur – das „Rückgrat“ – den gesamten Komplex. Im Herzen des Gebäudes befindet sich ein überdachter Innenhof, der von allen Seiten aus zugänglich ist. Unsere Architektur ist stets bestrebt, zum Wissensaustausch und Miteinander im Unternehmen beizutragen.

Im neuen Gebäude von Siemens wurde daher besonderer Wert auf Transparenz gelegt – die Mitarbeiter haben Sichtkontakt zu ihren Kolleginnen und Kollegen auf der anderen Hofseite. Die Büroebenen sind über Brücken miteinander verbunden, sodass sich die Etagen durchgängig über den gesamten Komplex erstrecken. Der zentrale Interaktionsbereich ist das Bindeglied zwischen den verschiedenen Büroräumen und verkörpert damit das Schlüsselkonzept des Gebäudedesigns.

Wie ist der neue Hauptsitz von Siemens, verglichen mit anderen internationalen Projekten, in puncto Nachhaltigkeit aufgestellt?


Nachhaltigkeit ist unverzichtbar, um auf den Klimawandel und den Ressourcenverbrauch durch den Menschen zu reagieren. Sie steht an Punkt eins der globalen Agenda. Architektur ist eine nahe liegende Antwort. Wir als Architekten müssen Verantwortung übernehmen und konkrete Lösungen beisteuern.

Der neue Hauptsitz von Siemens ist ein Vorzeigeprojekt für nachhaltiges Design im städtischen Umfeld. Die energieeffiziente Konstruktion nutzt Tageslicht, um im Inneren ein angenehmes Raumklima entstehen zu lassen. Wir haben dafür mit den neuesten Technologien von Siemens ein hochintelligentes Gebäude erschaffen. Dies ist das Bürogebäude der Zukunft. Die Anordnung der Büroräume, die leicht geneigte Fassade, dank der das Tageslicht auch die unteren Etagen erreicht, sowie die Auswahl an gesunden, nachhaltigen Materialien sorgen für ein angenehmes Arbeitsumfeld.

Das Gebäude in München ist nun fertig. Inwieweit ist es gelungen, Ihre Entwurfsideen umzusetzen?


Das Siemens-Gebäude fügt sich seit dem ersten Tag perfekt in das Stadtbild Münchens ein. Es bereichert diese historische Stadt um ein neues Architekturerlebnis. Vergangenheit trifft auf Gegenwart – eine Verbindung, die durch das zeitlose Design des Gebäudes noch gefestigt wird. Dass uns dies gelungen ist, erfüllt mich mit Stolz. In der Architektur geht es im Grunde darum, zwischenmenschlichen Beziehungen einen Raum zu geben.
Und das neue Gebäude von Siemens gibt der Stadt München und der Welt einen gleichermaßen offenen wie einladenden Raum.

22.06.2017

Bilder: Siemens AG

2008 wurde Louis zum Lehrbeauftragten der Fakultät für Architektur und Design der Aalborg Universität ernannt. 2011 wurde ihm die Eckersberg Medaille der Königlichen Dänischen Akademie der Künste verliehen in Anerkennung seines außerordentlichen Beitrags für das internationale Ansehen der dänischen Architektur.

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