Elektromobilität in London: Es werde Licht!

In einem denkmalgeschützten Viertel in Westminster sind Straßenlampen gleichzeitig Ladesäulen für Elektroautos.

Derzeit sind in der City of Westminster in London über 2000 Elektrofahrzeuge registriert. Im Jahr 2025 werden es gemäß Prognosen 8000 sein. Höchste Zeit also, die Ladeinfrastruktur auszubauen. Unterstützt wird dieser Schritt durch ein Programm zur Förderung von emissionsarmer Mobilität der Verkehrsbetriebe Transport for London. Die Strategie hilft gleichzeitig bei der Bekämpfung der hohen Luftverschmutzung und bei der Dekarbonisierung der geschäftigen Metropole.

 

Von Ed Targett

Die Elektromobilität verspricht bessere Luftqualität. Und sie könnte dazu beitragen, dem Klimawandel entgegenzuwirken. Trotzdem verbreiten sich Elektroautos und -motorräder nur langsam. Dafür gibt es verschieden Gründe. Einer davon ist der Mangel an privaten Parkplätzen in den Städten. Davon kann jeder Londoner ein Lied singen: Parkplätze wechseln in der englischen Metropole ständig den (meistbietenden) Besitzer und werden zu Wucherpreisen vermietet.

 

Aber wie soll man ohne eigenen Parkplatz sein Elektroauto aufladen? Das ist keine rhetorische Frage für Londoner, die zwar die Vorteile der E-Mobilität sehen, aber vor der Herausforderung stehen, ein Ladekabel aus dem Fenster ihres viktorianischen Reihenhauses über einen belebten Bürgersteig zu ihrem Auto zu führen – na denn, viel Spaß damit.

Londoner stehen vor der Herausforderung, ein Ladekabel aus dem Fenster ihres viktorianischen Reihenhauses über einen belebten Bürgersteig zu ihrem Auto zu führen.
eMobility charging station

Whitepaper: E-Fahrzeugnutzung und öffentliches Laden

Elektromobilität ist eine Herausforderung für alle Beteiligten. Das Magazin 'Transmission & Distribution World' und Siemens haben ein Papier erstellt, das die Herausforderungen des Flottenwachstums und der Ladeinfrastruktur beleuchtet und Lösungsansätze aufzeigt.

Mythos und Realität

Selbstverständlich gibt es Alternativen zu diesem kruden Beispiel – und gleichzeitig eine steigende Nachfrage: Denn 53 Prozent der Londoner sagen, dass die Verbesserung der Luftqualität in ihrem Viertel für sie „sehr wichtig“ sei. Damit steigt auch der Druck auf die politischen Entscheidungsträger.

 

Dennoch fürchten Verbraucher, die über einen Wechsel zum Elektrofahrzeug nachdenken, immer noch mögliche Unannehmlichkeiten: Das Beratungsunternehmen Baringa Partners fand heraus, dass 46 Prozent den Kauf eines Elektroautos aufschieben, weil sie der Meinung sind, es gäbe keine öffentliche Ladestation in der Nähe ihres Hauses. (Übrigens: Die befragten Londoner vermuteten auch, es gäbe 80 Prozent weniger Ladepunkte als tatsächlich vorhanden sind). 

 

Und im Rahmen einer innovativen Partnerschaft zwischen Siemens und ubitricity hat sich die Lage in den letzten zwölf Monaten in London mit beeindruckender Geschwindigkeit verändert. 

Sutherland Avenue: Lichter am Horizont

Die Sutherland Avenue in Londons Maida Vale ist eine breite, weitgehend von geschmackvollen Wohnhäusern aus den Zeiten Königin Victorias und ihres Nachfolgers Edward VII gesäumte Allee mit ordentlich getrimmten Bäumen.

 

Das Viertel Maida Vale liegt im Herzen des Londoner Stadtbezirks Westminster, dem geschäftigsten in Großbritannien, dessen Luftverschmutzungswerte zu den höchsten des Landes gehört. Zu einem großen Teil ist dies direkt auf Verkehrsemissionen zurückzuführen. Doch wie in weiten Teilen Londons gab es bisher nur wenige Ladestationen.

 

In den letzten zwölf Monaten hat sich die Lage aber drastisch verändert. In der Sutherland Avenue kann man nun beispielsweise an 24 Laternenpfählen über eine diskreten, gegen Vandalismus geschützte schwarze Buchse sein Elektrofahrzeug aufladen. Den Eingriff in die historische Stadtbeleuchtung nimmt man kaum war, nur ein kleines, blaues LED-Licht verrät die Ladestation.

 

Die Ladegeräte in Maida Vale sind das Ergebnis einer Partnerschaft zwischen Siemens und dem Berliner Start-up-Unternehmen ubitricity, einem Spezialisten für Ladeinfrastruktur für Elektromobilität, an dem Siemens strategisch beteiligt ist. In nur zwölf Monaten sind im Rahmen eines vom Office for Low Emission Vehicles (OLEV) finanzierten Programms mehr als 1400 Ladestationen in ganz London installiert worden.

Ein Förderprogramm von Transport for London ebnet den Weg

Das Projekt ist Teil einer Initiative von Transport for London (TfL) – dem „Go Ultra Low City Scheme“ (GULCS), welches zentral einen Topf mit Fördergeldern für den Ausbau der Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge bereitstellt.

 

Das GULCS standardisierte die Bedingungen für Anbieter, so dass die vielen Londoner Stadtbezirke nun Zugang zu vorab geprüften Anbietern haben. TfL kann im Rahmen von GULCS einzelne Bezirke finanziell unterstützen, sofern diese einen Eigenmittelanteil von 25 Prozent aufbringen und eine entsprechende Nachfrage nachweisen können.

 

Gareth Marshall, der Projektleiter von Siemens, sagt: „Die erste Hürde bei der Einführung dieses Projekts war die Einbindung der verschiedenen Interessengruppen im Stadtrat – darunter die Elektromobilitätsteams und Straßenbeleuchtungsteams – die anfangs Bedenken wegen der Installation in denkmalgeschützten Vierteln äußerten; wir führten daraufhin viele technische Demonstrationen durch, die auf Zuspruch gestoßen sind.“

In Westminster sind derzeit über 2000 Elektrofahrzeuge zugelassen – und es wird erwartet, dass diese Zahl bis 2025 auf fast 8000 anwachsen wird. 

Respektvolle Lösung

Er fügt hinzu: „Die städtischen Behörden schätzen diese Lösung von ubitricity, weil sie sehr unauffällig ist. Lösungen von anderen Anbietern sind beispielsweise an den Laternenpfählen montierte Kisten. Die Lösung von ubitricity hingegen wird sehr diskret eingebaut. Das ist wichtig, um das Straßenbild zu schützen: London hat viele denkmalgeschützte Bereiche, die es zu respektieren gilt.“

 

Und wie funktioniert die Verrechnung der bezogenen Strommengen? Satt den Verbrauch pro Laternenpfahl in Rechnung zu stellen, haben die lokalen Netzbetreiber mit den Bezirken einen festen Preis vereinbart.

 

„Ubitricity arbeitet mit den Verteilnetzbetreibern zusammen, um die Abrechnung mit einem Mobile-Metering-Konzept so einfach wie möglich zu gestalten. Damit werden alle Ladevorgänge an den einzelnen Stationen addiert und mit der Brutto-Nachfrage verrechnet.“

 

Die Ladelösung zapft zwar die bestehende elektrische Infrastruktur an, sorgt aber nicht für abrupte Nachfragespitzen im Netz, da die Anwohner ihre Fahrzeuge hauptsächlich über Nacht laden. 

Von der „Electric Avenue“ zur „Electric City“?

Bereits ist eine zweite Finanzierungsrunde in Vorbereitung, welche dem Ausbau der Ladeinfrastruktur in London zusätzlichen Schub verleihen soll. In Westminster sind nach jüngsten Schätzungen von TfL derzeit über 2000 Elektrofahrzeuge zugelassen – und es wird erwartet, dass diese Zahl bis 2025 auf fast 8000 anwachsen wird. Die jetzt geplante Infrastruktur wird wichtig sein, um Engpässe zu vermeiden.

 

Solche wenig invasiven Projekte werden entscheidend sein für die Wende zu einer sauberen und intelligenten Mobilität – die angesichts des Klimawandels, den Bedürfnissen der Stadtbevölkerung und den Vorgaben für saubere Luft dringend notwendig ist.

 

Beispiele für zunehmend kreative Lösungen gibt es im Überfluss: Budapest hat ein Bike-Sharing-System in den öffentlichen Nahverkehr integriert; München hat mehr öffentlichen Raum für Fußgänger reserviert; andere testen Mischnutzungsflächen für Fußgänger und Fahrzeuge.

 

Da Großbritannien den Verkauf neuer Gas-, Diesel- und Hybridfahrzeuge ab 2035 verbieten will – Norwegen ab 2025, Dänemark und Schweden ab 2030, Frankreich ab 2040 –, arbeiten die politischen Entscheidungsträger auf dem ganzen Kontinent daran, wie sie die Einführung von Elektrofahrzeugen in ihren Städten fördern können.

 

Für viele mag es kein einfacher Wandel sein; die festgefahrenen, ölbetriebenen Strukturen werden nicht auf einmal, wie durch Zauberei, elektrisch.

 

Doch wenn der Abend über London einbricht und die Straßenlaternen mit ihren diskret eingebauten Ladestationen zu leuchten beginnen, keimt durchaus Hoffnung, dass saubere Mobilität schneller als von vielen erwartet in der Hauptstadt Einzug halten könnte. 

Über die letzten Jahre hat ubitricity eine umfassende Ladetechnologie „made in Germany“ entwickelt und zur Serienreife gebracht – mit Unterstützung des Deutschen Bundesministeriums für Technik und Wirtschaft. Durch die Integration des mobilen Stromzählers (MobileMeter) ins Auto oder das Ladekabel können die Ladepunkte auf besonders kleine und günstige Systemsteckdosen reduziert werden, die praktisch überall installiert werden können, zum Beispiel als Wandinstallation oder integriert in Straßenlaternen.

16.03.2020

Zum Autor: Ed Targett ist der Herausgeber des Computer Business Review, einem Londoner Technologiemagazin. In seiner bisherigen Korrespondententätigkeit hat er über Technologie, Energie und Kapitalmärkte berichtet. Er interessiert sich für Nachhaltigkeit und erwägt in naher Zukunft den Kauf eines Elektrofahrzeugs.

Bilder: Olivier Hess

 

Abonnieren Sie unseren Newsletter

Bleiben Sie auf dem Laufenden: Alles was Sie über Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung wissen müssen.