Mit 100 Städten die Welt verändern

Die Initiative 100 Resilient Cities (100RC) entstand in der Folge des Hurrikans Sandy. Das globale Klima zeigt deutlich: Städte müssen sich verändern. Wie das genau aussehen kann, darüber spricht Michael Berkowitz, der Präsidenten von 100RC, in einem Exklusivinterview.

The Magazine: Warum ist Resilienz in Städten besonders wichtig?

Michael Berkowitz: Bevor wir die Initiative „100 Resilient Cities – Pioneered by the Rockefeller Foundation“ ins Leben gerufen haben, hat die Rockefeller-Stiftung drei zentrale Trends festgestellt. Der erste ist die Stadtflucht: Bereits jetzt leben über 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten. Diese Zahl wird bis Mitte dieses Jahrhunderts auf 70 Prozent ansteigen. Jedes Jahr ziehen eine Million Menschen in die Städte.

 

Der zweite Trend ist die Globalisierung. Immer mehr hat das, was in einer Stadt geschieht, auch Auswirkungen auf andere Städte, ob es nun um technologische Entwicklungen geht oder die Verbreitung von Ideen wie „Occupy Wall Street“. Die Städte der Welt sind immer enger miteinander verknüpft. Wenn eine Microchip-Fabrik in Bangkok wegen Überschwemmungen nicht liefern kann, stehen weltweit bei Automobilherstellern die Fließbänder still.

 

Der dritte Trend ist der Klimawandel. Viele Städte an Küsten und in Flußdeltas sind von steigenden Meeresspiegeln bedroht. Und auch in den Städten, in denen das Risiko von Hochwasser gering ist, können künftig höhere oder extremere Temperaturen herrschen, für welche die Gebäude und Energieinfrastrukturen vor Ort nicht ausgelegt sind.

 

 

Wie hat sich das 100RC-Programm entwickelt?

Im Jahr 2013 rief die Stiftung zu ihrem hundertsten Jubiläum diese Initiative aus und verpflichtete sich, US$164 Millionen in urbane Resilienz in 100 Städten zu investieren. Wir haben unser Netzwerk von 100 Städten dann in den letzten vier Jahren zusammengestellt. Es gab 1.000 Bewerbungen! Das war ein ziemlicher Wettbewerb. Wir suchten vor allem nach Städten, die sehr wissbegierig und schon innovativ waren.

 

Die Rockefeller-Stiftung hat Akademiker, Regierungen, Non-Profit-Organisationen und private Firmen zur Mitarbeit aufgerufen. Plattform-Partner wie Siemens sind für unsere Arbeit sehr wichtig. Indem wir unsere Städte mit einem breiten Spektrum von Plattform-Partnern vernetzen, dienen wir als Katalysator für die Entwicklung innovativer Lösungen in den Bereichen Hochwasserschutz, Energieverteilung, Mobilität und Finanzierung.

 

In diesen 100 Städten können echte Erfolge erzielt werden. Sie fungieren beinahe als eine Art Verteiler für gute Innovationsmodelle. Wenn ein Lösungsansatz in einem Ort funktioniert, haben wir noch 99 andere Städte, von denen einige das gleiche Problem haben und davon profitieren können.

Wir haben es auch schon geschafft, dass manche Regierungen anfangen umzudenken, wenn es um ihre Risiken und Chancen geht. Wir haben den Städten für zwei Jahre eine Zuschussfinanzierung für Planstellen für Nachhaltigkeitsbeauftragte (Chief Resilience Officers, CROs) gewährt. Beinahe alle Städte, die diese zweijährige Finanzierung in Anspruch genommen haben, haben die CROs anschließend mit eigenen Haushaltsmitteln weiterbeschäftigt. Offensichtlich haben sie hier einen Mehrwert gesehen.

Wie definieren sie Resilienz in Verbindung mit städtischen Infrastrukturen?

Es gibt resiliente Infrastruktur, und es gibt Infrastruktur, die die Resilienz erhöht – und diese zwei Begriffe meinen nicht unbedingt das Gleiche. Mit resilienter oder widerstandsfähiger Infrastruktur meinen wir Infrastruktur, die nicht zusammenbricht, sondern im Katastrophenfall stehen bleibt und ihre Funktion erfüllt. Infrastruktur, die die Resilienz erhöht – das erfordert einen inklusiven, integrierten, risikobewussten und zukunftsorientierten Ansatz. Und das gilt unabhängig von Geographie, Kapazitäten oder Bedrohungsvarianten. Eine Gemeinschaft stärker zu integrieren, den Zusammenhalt zu stärken, sie lebenswerter zu machen, gerechter und nachhaltiger: All das hilft einer Stadt oder einer Gemeinschaft, zu wachsen und zu gedeihen.

Es ist eine Aufgabe für eine ganze Generation, aber wenn wir sie packen, können wir die Welt verändern.
Michael Berkowitz, Präsident von 100 Resilient Cities

Ein Beispiel: Nach dem Hurrikan Sandy arbeiteten wir mit der Stadt New York am Hochwasserschutz gegen steigende Meeresspiegel und Sturmfluten. Nach dem herkömmlichen technischen Ansatz würden die Ingenieure den zu erwartenden Anstieg des Wasserpegels und die Häufigkeit von Stürmen abschätzen und eine entsprechend geeignete Mauer entwerfen und bauen. Was wir zur Zeit bauen – das „Große U“ – ist eine Verkettung von integrierten Infrastrukturelementen, die auf Höhe der 23. Straße den Bezirk Lower Manhattan auf beiden Seiten umschließt und vor Sturm und steigendem Meeresspiegel schützt.

 

Das erste Element ist eine Berme, ein Schutzwall im East River Park, der mit seiner Bauhöhe Schutz vor dem Wasser bietet, aber gleichzeitig auch die Biodiversität fördert. Die Grünfläche wird vergrößert und dadurch der innerstädtische Wärmeinsel-Effekt reduziert. Weil die Rampe bis zum Franklin D. Roosevelt Drive reicht, können wir außerdem breite, ebenerdige Fußgängerübergänge über die Autobahn verlegen. 

 

Die Anwohner wurden in die Planung einbezogen, wobei einige Ideen verworfen und andere aufgenommen wurden. Dieser inklusive Ansatz erhöht ebenfalls die Resilienz, weil das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Stadt gestiegen ist.

Ein anderes Beispiel: Paris ist eine unglaublich reiche und dicht bebaute Stadt, die nicht nur mit Umweltfaktoren wie dem Seine-Hochwasser, dem innerstädtischen Wärmeinsel-Effekt und der Luftverschmutzung zurecht kommen muss, sondern auch mit der Bedrohung durch Terrorismus. Hier besteht die Herausforderung darin, die Vorgaben von COP21 [der Pariser Klimakonferenz von 2015] einzuhalten und die umweltpolitischen Herausforderungen zu meistern, während die Stadt gleichzeitig die Vorstädte mit ihren großen Bevölkerungsgruppen von Einwanderern in das wohlhabenden Stadtzentrum integrieren muss.

 

In jedem Infrastrukturprojekt sind Integration und Kohäsion unverzichtbare Elemente. Um ihre umweltpolitischen Ziele einzuhalten, baut die Stadt Paris neue Infrastrukturen, darunter Radwege und ein Netz von Schnellbussen. Wenn der Bau neuer Infrastrukturen in seiner ganzen Bandbreite – vom Entwurf über den Standort und den Bau bis hin zu Unterhalt und Finanzierung – einem integrierten Ansatz folgt, dann wird die Stadt Paris stärker, lebenswerter und nachhaltiger – egal, was passiert.

Wie wichtig ist Technologie für die resiliente Stadt?

In den Entwicklungsländern ist die Energie das Hauptthema. Es geht um zuverlässige und nachhaltige Energieversorgung; es geht um die Bereitstellung und Verteilung. In Städten auf der ganzen Welt könnte die ausgeprägte Energieknappheit durch dezentrale Energiesysteme und Microgrids kreativ behoben werden. Microgrids können Lasten von erneuerbaren Energiequellen besser aufnehmen. Sie sind weniger anfällig für Kaskadenfehler und somit auch robuster. Das nennen wir die Resilienzdividende: Im Ergebnis wird die Energie sauberer und die Versorgung zuverlässiger.

 

Je mehr eine Stadt über sich selbst weiß, desto resilienter ist sie. Intelligente Technologien sind ein sehr wichtiges Mittel für alle Menschen, die eine gerechtere, nachhaltigere, widerstandsfähigere Stadt entwerfen und bauen wollen. Damit kann man Daten sammeln und einem breiteren Kreis von App-Entwicklern, Unternehmern oder Technikern zur Verfügung stellen, die daraus innovative Lösungen entwickeln.

 

Wir stehen kurz vor dem Durchbruch und könnten schon bald in lebenswerteren, nachhaltigeren und widerstandsfähigeren Städten leben. Es ist eine Aufgabe für eine ganze Generation, aber wenn wir sie packen, dann können wir die Welt verändern.

24.10.2017

Text: Leane Clifton, Journalistin in New York

Bilder: Nuria Rius

Das Beratungsunternehmen Arup stellte im Auftrag der Rockefeller-Stiftung fest, dass resiliente Systeme die folgenden Eigenschaften aufweisen:

 

• Reflexives Denken oder die Fähigkeit, aus Vergangenem zu lernen

 

• Einfallsreichtum bei der Umsetzung dieser Erkenntnisse in die Tat

 

• Robustheit, d.h. keine katastrophalen Ausfälle oder Kaskadenfehler

 

• Inklusivität durch breit abgestützte Konsultationen, die eine Teilhabe am Entscheidungsfindungsprozess ermöglichen

 

• Integration, durch die eine Reihe von unterschiedlichen Systemen und Institutionen zusammengeführt werden

 

• Redundanz oder Reservekapazitäten und alternative Optionen für den Umgang mit Störungen, die durch extreme Belastungen, plötzlich ansteigende Nachfrage oder ein externes Ereignis ausgelöst wurden

 

• Flexibilität, oder die Bereitschaft und Fähigkeit, mit alternativen Strategien auf sich ändernde Umstände und Krisen zu antworten

Berkowitz begann seine Karriere im Büro für Katastrophenschutz bei der Stadt New York, wo er von 1997 bis 2005 als stellvertretender Abteilungsleiter fungierte. In dieser Zeit befasste sich seine Abteilung mit dem Y2K-Problem, dem Angriff auf das World Trade Center und dem großen Stromausfall von 2003. Anschließend wechselte Berkowitz zur Deutschen Bank und wurde dort Leiter für Operatives Risikomanagement. In dieser Funktion bearbeitete er nicht-finanzielle Risiken wie Sachschäden, Krankenstände, technisches Versagen und unternehmensinterne Betrugsfälle. Im Jahr 2013 holte die Rockefeller-Stiftung Berkowitz als Leiter des 100 Resilient Cities-Programms.

Die Rockefeller-Stiftung wählte die 100 teilnehmenden Städte dieser Initiative in drei Tranchen aus. Auf sechs Kontinenten und in 48 Ländern hat 100RC die Besetzung von CRO-Stellen finanziert, um Strategien für Resilienz zu entwickeln. Bisher haben 35 Städte ihre Strategien ausgearbeitet und mit der Umsetzung begonnen. 

 

Die Städte haben zwischen 40.000 und 21 Millionen Einwohner. Zur Zeit arbeiten Städte und Plattform-Partner an 138 Projekten zusammen; letztere haben dafür US$230 Millionen an Mitteln zugesagt. Weitere nationale, philanthropische und private Geldgeber haben US$535 Millionen gespendet, um die geplanten Resilienzprojekte zu realisieren.

Die Grundlage der 100RC Plattform-Partnerschaft sind Tools zur Bewertung von Infrastrukturen. Siemens bietet mit CyPT ein virtuelles Planungswerkzeug, mit dem potentielle infrastrukturelle Verbesserungen in den Bereichen Energie, Gebäudetechnik und Mobilität sowie deren voraussichtliche physische und finanzielle Auswirkungen auf eine Stadt abgeschätzt werden können. Als Technologielieferant mit langjähriger Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Städten weltweit kann Siemens städtischen Entscheidungsträgern helfen, ihre Resilienz zu erhöhen, ihren Schadstoffausstoß zu reduzieren und die Lebensqualität in ihren Städten zu verbessern.

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