Mehr frische Luft für Nürnberg

Immer mehr deutsche Städte müssen wegen schlechter Luftqualität einen Maßnahmenplan zur Einhaltung von Grenzwerten vorlegen. Nürnberg hat jetzt als erste Stadt mit dem neuen CyPT-Air-Tool einen Plan, der detailliert vorhersagt, wie neue Richtlinien und Technologien die Luft verbessern können.

Die Stadt Nürnberg wird unter anderem von Touristen und Bewohnern wegen ihrer weitläufigen Altstadt und des mit süßen Düften erfüllten Weihnachtsmarkts geliebt. Doch nicht überall duftet die Luft wie auf dem berühmten „Christkindlesmarkt“. Als eine von 45 Städten wurde Nürnberg Mitte 2017 von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) wegen Überschreitung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) verklagt – der Reizstoff kann die Haut angreifen und Atemwegsprobleme verursachen. Die Umweltschützer räumten den Städten eine Frist ein, um darzulegen, mit welchen kurzfristigen Maßnahmen sie die Einhaltung der Grenzwerte bis zum 1. Januar 2018 sichern wollen. Es waren nicht die ersten Verfahren gegen deutsche Städte wegen ihrer Luftqualität, und es werden wohl auch nicht die letzten sein. 

 

Nürnberg betreibt eine fortschrittliche Umweltpolitik und gehört im Mercer-Ranking zu den 25 Städten mit der besten Lebensqualität. Die Stadt bemüht sich seit Jahren, Luftverschmutzung und Treibhausgase zu reduzieren. Trotzdem erfüllt Nürnberg aufgrund des Schadstoffausstoßes von Fahrzeugen vor allem bei Stickstoffoxid und Feinstaubpartikeln nicht immer die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Luftqualität. 

 

Im Gegensatz zu anderen Städten, die von der DUH in die Pflicht genommen worden sind, kann Nürnberg jetzt aber Umweltaktivisten, Bürgern und Politikern mehr als nur einen kurzfristigen Maßnahmenplan zur Senkung der Luftverschmutzung vorlegen. Die Stadt kann Vorhersagen über die Luftverschmutzung im Jahr 2030 machen und Berechnungen anstellen, die zeigen, was veränderte politische Rahmenbedingungen und technischen Neuerungen bewirken können, sprich welche Schadstoffarten um wie viel und wann reduziert werden.

Wir besitzen jetzt eine aussagekräftige Analyse, um Bürger und Gesetzgeber davon zu überzeugen, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die Luftverschmutzung zu reduzieren.
Peter Pluschke, stellvertretender Bürgermeister von Nürnberg.

Die Analysen kommen von CyPT-Air – einer neuen Version des klassischen City Performance Tools (CyPT), einer Software, die von Siemens entwickelt wurde. CyPT-Air wurde speziell zur Modellierung von Parametern für den Bereich Luftqualität angepasst. Nürnberg setzt als weltweit erste Stadt CyPT-Air ein, um die wichtigsten Belastungsindikatoren zu messen, ein Maßnahmenpaket für bessere Luftqualität zu entwickeln und entsprechende Langzeitprognosen zu erstellen. Die Stadt und Siemens erarbeiteten in einem rund zwölf Monate dauernden Pilotprojekt drei Verkehrsszenarien, mit denen Nürnberg die Luftverschmutzung reduzieren kann.

Peter Pluschke, stellvertretender Bürgermeister von Nürnberg und zuständig für Umwelt- und Gesundheitsfragen, war maßgeblich am Projekt beteiligt. „Wir besitzen jetzt eine aussagekräftige Analyse, um Bürger und Gesetzgeber davon zu überzeugen, welche Maßnahmen zu ergreifen sind, um die Luftverschmutzung zu reduzieren”, sagte er. 

Warum Nürnberg?

Nürnberg wurde wegen seiner engen Verbindungen zu Siemens (mit vielen Standorten in der Region und einem großen Campus im nahen Erlangen) und der Vielzahl an Daten, die hier verfügbar sind, als weltweite Pilotstadt für CyPT-Air ausgewählt. Zu diesen Daten gehören auch solche, die andere Städte nicht erheben, zum Beispiel durch mobile Messstationen gesammelte Luftqualitätswerte. 

 

CyPT-Air meldet für alle betrachteten Sektoren sowohl Umwelt- als auch Wirtschaftsindikatoren. Nürnberg nutzte Daten zu Mobilität und Verkehr, um die Auswirkungen von 40 Verkehrs- und Technologiemaßnahmen zu berechnen. Dazu gehören Fahrverbote in der Innenstadt, Anreize zum Radfahren oder die Erweiterung der U-Bahn. 

 

Nürnberg nutzte viele eigene Datensätze von verschiedenen Stadtbehörden, um drei Szenarien zur Verringerung der Verschmutzung zu entwickeln. Das erste mit dem Namen „Intelligent E-Mobil“ befasst sich mit der Reduzierung von NO2 bis 2020. Hierzu gehören die Einrichtung einer Umweltzone rund um die Stadt, die Einführung einer Maut und mehr Elektrofahrzeuge, darunter Busse, Taxis und Autos. Wenn Nürnberg alle geplanten Maßnahmen umsetzt, könnten die NO2 -Emissionen gemäß Berechnungen mit dem CyPT-Air-Tool bis 2020 um 45 Prozent gesenkt werden.

Das zweite Szenario heißt „Autofrei – Spaß dabei“ und konzentriert sich auf Maut und Besteuerung. Den Menschen soll ein Anreiz gegeben werden, andere Verkehrsmittel als Autos zu nutzen, um bis 2025 den Feinstaub- und Kohlendioxidausstoß zu reduzieren. Das dritte Szenario, „Lebenswerte Stadt 2025“, würde ein umfassendes intramodales Transportkonzept schaffen, um Verhaltensänderungen zu fördern, beispielsweise durch schnellere Durchlaufzeiten und günstigere Tarife im öffentlichen Nahverkehr. 

Was ist CyPT-Air?

CyPT-Air wurde dieses Jahr zum ersten Mal im Pilotprojekt getestet, hat aber tatsächlich eine lange Geschichte. Sein Ursprung liegt im GCI, dem Green City Index, mit dem Siemens Indikatoren in verschiedenen Städten wie nachhaltige Entwicklung, CO2-Reduktion oder Abfallmanagement verglichen hat. Das GCI entwickelte sich zum CyPT, das bis 2050 Indikatoren vorhersagt, die hauptsächlich mit Kohlenstoff in Verbindung stehen und als Planungsinstrument für Dutzende von Städten auf der ganzen Welt dient, darunter Shenzhen, Minneapolis und Helsinki. Mit CyPT entwickelt Siemens bestimmte Bereiche einer Stadt, wie Gebäude und Energiesysteme und untersucht die Auswirkungen von Technologien und Infrastrukturen wie Windkraft, Photovoltaik oder Gebäudeautomation.

Städte können herausfinden, welche Indikatoren sich um wie viel und zu welchem Zeitpunkt ändern, wenn bestimmte Maßnahmen ergriffen oder nicht ergriffen werden.
Florian Ansgar Jaeger, Ingenieur, Siemens Corporate Technology

Mit dem CyPT-Air-Tool, das jetzt seinen Probebetrieb in Nürnberg aufgenommen hat, tut Siemens dasselbe für Reinluftziele. Florian Ansgar Jaeger, der das CyPT-Air-Pilotprojekt in Nürnberg für Siemens leitete, erklärt: „Unsere Berechnungen sind sehr detailliert und genau. Sie geben Städten eine solide Grundlage für das Verständnis der Kosten und Vorteile ihrer Entscheidungen. Städte können herausfinden, welche Indikatoren sich aufgrund bestimmter Maßnahmen oder des Nicht-Ergreifens der Maßnahmen um wie viel und wann ändern. Das wissen die meisten Städte nicht genau.“

 

Jürgen Zöbl, der als Vertreter der Mobility Division bei Siemens eng mit der Stadt Nürnberg zusammenarbeitet, sagt: „Viele Städte haben Pläne und Ideen zu Maßnahmen. Sie besitzen auch viele Studien für individuelle Maßnahmen, doch fehlt oft der Blick dafür, wie alles ineinander greift.“ Für die Zukunft arbeitet Siemens daran, automatisch erfasste Echtzeit-Daten in das CyPT-Air-Tool zu übertragen, damit Städte schnell Entscheidungen für kurzfristige Maßnahmen zur Reduzierung der Umweltverschmutzung treffen können.

 

„Es ist wichtig, von einer Zeitpunkt-Analyse zu einer kontinuierlichen Überwachung überzugehen“, sagt Pluschke. „In Anbetracht der Prozesse [wegen der Luftqualität], von denen Sie in den Zeitungen gelesen haben, müssen wir die Auswirkungen der geplanten Maßnahmen aufzeigen. Mit dem CyPT-Tool können wir hier glaubwürdiger argumentieren.“

15.11.2017

Text: Rhea Wessel,  freie Journalistin in Frankfurt.

Bilder: Siemens AG

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