Ningbo: Kleinerer CO2-Fußabdruck ab 2018 machbar?

Ningbo ist eine von 90 Städten, die an Chinas Pilot-Programm zur Reduzierung des CO2-Ausstoßes teilnehmen. Mithilfe des Siemens City Performance Tool versucht die Stadt, das Wachstum seines CO2-Austoßes früher zu stoppen als der Rest des Landes – als Pionier für Chinas Klimaziele. 

„Lasst einige zuerst reich werden“ – diese Losung gab der frühere chinesische Staatschef Deng Xiaoping aus, als er die wirtschaftliche Öffnung Chinas einläutete. Gemeint war: Damit das Land als ganzes Erfolg haben kann, müssen einige Regionen und Bürger den anderen vorangehen. Man kann nicht alles auf einmal machen. 

 

Das hat gut funktioniert. In den vergangenen 40 Jahren hat China ein wahres Wirtschaftswunder erlebt. Die Maxime hat zu einer gigantischen Reduktion der Armut in ganz China geführt und hunderten von Millionen Bürgern neue Möglichkeiten eröffnet. 

 

Zugleich hat Chinas Wirtschaftswachstum auch ökologische Probleme hervorgerufen. 2007 überholte China die USA als Hauptverursacher von CO2-Emissionen. Während das pro-Kopf-BIP zwischen 1980 und 2016 um etwa das 26-fache wuchs, stiegen die CO2-Emissionen um das 5,5-fache an. Mit anderen Worten, die wirtschaftliche Produktivität wuchs schneller als ihr ökologischer Fußabdruck. 

„Lasst einige die Klimaziele zuerst erreichen“

Trotzdem bleibt ökologische Nachhaltigkeit eine große Herausforderung. Chinas Regierung hat eine Reihe von Initiativen gestartet - das Land nimmt seine selbst gesetzte Verpflichtung aus der Klimakonferenz von Paris ernst: Die CO2-Emissionen sollen ab 2030 nicht mehr zunehmen. Gleichzeitig soll die Wirtschaft des Landes weiter wachsen.

Um beide Ziele zu erreichen, hat das Land einen Ansatz gewählt, der an Dengs berühmtes Motto „Lasst einige zuerst reich werden“ erinnert. Das übergeordnete Ziel besteht darin, die Wirtschaft des gesamten Landes nachhaltiger zu machen. Inzwischen sollen aber einige besonders fortschrittliche Regionen das Ziel früher als alle anderen erreichen.

 

„Darum spielen die Städte eine besonders wichtige Rolle bei Chinas Klimazielen“, sagt Bob Zheng vom Siemens Center of Competence in Shanghai. „Die Regierung in Peking hat knapp 90 Städte und Regionen in drei Gruppen ausgewählt, die den anderen als Lotsen vorangehen sollen.“ Diese Städte sollen schon vorher, als Vorbild für den Rest des Landes, die weitere Zunahme ihres CO2-Ausstoßes stoppen.

Die Städte spielen eine besonders wichtige Rolle bei Chinas Klimazielen.
Bob Zheng, Siemens Center of Competence, Shanghai

Ningbo, in der Nähe Shanghais im Delta des Jangtse-Flusses gelegen, ist eine dieser Pilot-Städte. Mit fast acht Millionen Einwohnern ist es etwa so groß wie London. Ningbo liegt in einer der größten Industrieregionen der Welt und spielt eine wichtige Rolle in Chinas Wirtschaftsleben.

Dem Zeitplan voraus

Zur Zeit erwägt und verifiziert die Stadt Ningbo die Machbarkeit eines äußerst ehrgeizigen Klimaziels: das Wachstum ihrer CO2-Emissionen schon im Jahr 2018 stoppen – 12 Jahre vor dem landesweiten Termin.

 

„Ningbo war schon immer eine Industriestadt“, sagt Zheng. „Unsere Studie hat darum berücksichtigt, dass Ningbos Wirtschaft sich in Zukunft ohne neue Schwerindustrie entwickelt. Die Studie zeigt auch, welche Effekte der Einsatz verschiedener grüner und intelligenter Technologien haben kann.“

 

Ningbo ist seit 2012 Pilot-Stadt. Wenn Ningbo seitdem so weitergemacht hätte wie zuvor, dann wären die CO2-Emissionen der Stadt von etwa 77 Millionen Tonnen im Jahr 2013 auf rund 82,3 Millionen Tonnen im Jahr 2018 und bis 2030 sogar auf 89,8 Millionen Tonnen angewachsen. Aber mit Hilfe des City Performance Tool (CyPT) haben Ningbo und Siemens eine Reihe von Maßnahmen bestimmt, die diesen Trend umkehren können. Diesem Plan gemäß könnte Ningbos CO2-Ausstoß 2018 etwa 73,5 Millionen Tonnen erreichen – und damit deutlich unter den Emissionen von 2013 liegen. 

 

Zugleich bleibt das Wirtschaftswachstum ein zentrales Ziel der Stadtregierung. Weil CyPT den Planern eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse der verschiedenen Ansätze zur CO2-Einsparung liefert, schafft es die Voraussetzungen für Wirtschaftsentwicklung bei gleichzeitiger Einhaltung der Klimaziele. Genau dies ist auch das Ziel für China im Ganzen. „Natürlich bleiben wirtschaftliche Indikatoren wie das BIP zentral für chinesische Städte“, sagt Zheng. „Die Reduktion des CO2-Ausstoßes ist ja gerade ein Schlüssel für eine nachhaltige Stadtentwicklung, die das BIP nicht beeinträchtigt.“

Wie man den Teufel im Detail überlistet

Den CO2-Ausstoß zu senken ist eine komplexe Aufgabe, bei der Energieerzeugung und -verteilung, Gebäudetechnik, Verkehr und Industrie ineinandergreifen. Jeder dieser Sektoren bringt seinerseits eine Vielzahl komplexer Faktoren ins Spiel.

 

Zum Beispiel: Das Ziel, die CO2-Bilanz aus der Energiegewinnung in Ningbo abzusenken, kann auf ganz verschiedene Arten erreicht werden. Denkbar sind Investitionen in erneuerbare Energiequellen, Gas-und-Dampf-Kraftwerke (GuD), intelligente Stromnetze, oder die Nachrüstung von Kohlekraftwerken. Welche Maßnahmen sollten in einem optimalen Plan für Ningbo Vorrang haben? CyPT liefert für jedes Maßnahmenbündel genaue Zahlen. Es zeigt, wie viel CO2 jeweils vermieden werden kann sowie das Verhältnis, in dem dieser Gewinn zu den notwendigen Investitionen und der Zeit steht, die für die Umsetzung erforderlich sind.

So bringt es die Nachrüstung von Kohlekraftwerken in punkto Treibhausgas-Reduktion auf den zweiten Platz. Investitionen in saubere Energien und dezentrale Versorgung erzielen sogar noch stärkere Effekte, bei vergleichsweise geringen Kosten. Es lohnt sich, dies noch weiter zu analysieren: Im Bereich der sauberen Energiequellen in Ningbo haben GuD-Kraftwerke das größte Potential, gefolgt von Wind- und Sonnenenergie und Kraft-Wärme-Kältekopplung (KWK). Wenn man aber das Sparpotential im Verhältnis zu den Kosten sieht, zeigt sich, dass KWK am effektivsten ist.

Pilot-Städte und landesweite Ziele

Mit diesem Ansatz wurde nun die ganze Stadt unter die Lupe genommen. Im Bereich Mobilität zeigte sich, dass Investitionen in neue Linien und kürzere Verkehrstakte bei der U-Bahn die größten Einsparungen erzielen würden. Im Industriesektor identifizierte das CyPT potentielle Einsparungen von 10 Prozent beim Energieverbrauch. Auch im Bereich der Gebäudetechnik identifizierte CyPT Sparpotentiale, etwa durch Automatisierung (326.000 Tonnen CO2), verbesserte Gebäudehüllen (270.000 Tonnen) und effiziente Beleuchtung (161.000 Tonnen). „Bis jetzt laufen die vom CyPT empfohlenen Maßnahmen wie geplant“, sagt Zheng.

 

Modelle, die auf so detaillierten Analysen beruhen, helfen Stadtplanern dabei, ihre Prioritäten richtig zu setzen. In Ningbo bedeutet dies, dass die Stadt ihre Klimaziele erreichen kann, ohne ihr Wirtschaftswachstum zu beschädigen. Diese beiden Ziele – Wachstum und Nachhaltigkeit – sind die Leitplanken für Chinas zukünftige Entwicklung. Ningbos Ansatz für Nachhaltigkeit und Wachstum zeigt, wie diese Ziele miteinander in Einklang gebracht werden können.

Fläche: 9.816 km2

 

Bevölkerung: 7,8 Millionen

 

Energiemix:

Steinkohle 72,6%

Wasser 22,2%

Kernkraft 3,7%

Wind 1,5%

 

Gebäude (Fläche pro Kopf):

Wohnungen – 32,9 m2/Person

andere – 8 m2/Person

 

Passagierkilometer: 20,1 km/Person/Tag

08.05.2018

Justus Krüger arbeitet als unabhängiger Journalist in Hong Kong

Bildquellen: Siemens AG

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