Schöne neue Arbeitswelt

Mit viel Kreativität, guten Ideen und einem neuen Denken verändert Siemens seine Werke von innen heraus – und macht sich so fit für die Zukunft.

Die Digitalisierung krempelt die Märkte um. Startups treiben den Wandel voran. Schlank und schnell bringen sie im rasanten Tempo neue Innovationen auf den Markt. Um im Wettbewerb zu bestehen, müssen auch Traditionsunternehmen wie Siemens neue Wege gehen. Im Meßgerätewerk Berlin setzt der Technologiekonzern auf ein ganz neues Verständnis von Arbeit. Mit Erfolg. Angst vor der Zukunft hat hier keiner. Stattdessen sprudelt es vor guten Ideen für effizientere Abläufe und neue Produkte.

Wer das Werksgelände am Berliner Wernerwerkdamm 5 betritt, dem lächeln zufriedene Menschen entgegen. Hier ein Schulterklopfen, eine Umarmung, da ein „High five", Daumen hoch oder gar ein Küsschen auf die Backe. Und auch wenn es nur ein paar Poster sind, die so viel Herzlichkeit ausstrahlen, sie lassen erahnen: viele Mitarbeiter im Meßgerätewerk Berlin treibt etwas Besonderes an; etwas, das wegweisend sein könnte dafür, wie die Arbeitswelt von morgen aussieht.

Gegenseitige Wertschätzung 

Seit 100 Jahren entwickelt und produziert das Meßgeratewerk Berlin Schutzgeräte für Stromübertragungs- und Verteilungstechnik. Nicht wenige der fast 1.000 Mitarbeiter arbeiten seit vielen Jahren hier und haben hautnah erlebt, wie der Markt anzieht, wie sich die Bedingungen ändern. Zum Beispiel Anja Mack, Kauffrau in der Entwicklung und Tanja Schmettlach aus der Auftragsabwicklung. Angst vor Veränderungen haben die beiden Frauen allerdings nicht. Stattdessen sehen sie im technologischen Wandel eine Chance und engagieren sich. Freiwillig, zusätzlich zu ihren eigentlichen Aufgaben haben sie die Posteraktion initiiert. Sie ist ein Appell an die Kollegen, die Arbeit der anderen wertzuschätzen und auch mal Danke zu sagen.

 

„Die Digitalisierung schafft eine neue Arbeitswelt, eine, in der wir schlanke Prozesse brauchen und in der wir unseren Fokus darauf legen müssen, was kein Roboter ersetzen kann: nämlich Empathie und gute Beziehungen“, sagt Mack und Schmettlach ergänzt: „Ein Drittel unseres Lebens verbringen wir in der Arbeit. Die Arbeit, die Kollegen sind also auch so etwas wie eine Familie. Und selbstverständlich möchte man, dass es der Familie gut geht. Deshalb mache ich bei den Aktionen mit.“ 

Das Meßgerätewerk Berlin

Siemens entwickelt und produziert im Messgerätewerk Berlin seit mehr als 100 Jahren Schutzgeräte. Die Gerätereihe, die weltweit unter dem Namen SIPROTEC bekannt ist, steuert, überwacht und schützt Anlagen der Stromübertragung und -verteilung. Im Werk arbeiten derzeit zirka 920 Mitarbeiter, 550 davon in der Fertigung. Das Werk unterhält auch eine eigene Entwicklungsabteilung.

Mensch steht im Mittelpunkt

„Die Aktionen“, das sind viele Initiativen, Ideenrunden, Kollegenworkshops und Veranstaltungen, die die Mitarbeiter im Werk zusammenrücken, einen Hauch von Eigentümerkultur spüren und zuversichtlich in die Zukunft blicken lassen. „Wir wollen unseren Standort zukunftsfähig machen. Das ist das Ziel“, betont Stefanie Klicks, die Kulturwandelbeauftragte im Werk. „Wir sind der Meinung, das geht nur, wenn wir eine Umgebung schaffen, in der Wachstum und Entfaltung unserer Mitarbeiter gefördert wird, in dem wir eine offene Arbeitskultur schaffen und indem wir gemeinsam unsere Arbeit gestalten. „Der Mensch steht im Mittelpunkt, er ist der Schlüssel", ergänzt Betriebsratvorsitzender Andre Wienert.

 

Vor zwei Jahren haben Betriebsleitung, Betriebsrat, Stefanie Klicks und erste Freiwillige gemeinsam damit begonnen, für ihre Kollegen Hemmschwellen einzureißen, mehr Freiräume für Eigeninitatiativen zu schaffen und so immer mehr Menschen für den technologischen Wandel zu begeistern. Viele Kollegen im Werk haben sich mittlerweile anstecken lassen. Das Ergebnis ist nicht nur eine insgesamt motivierendere Arbeitsatmosphäre, sondern auch ein konkret messbares Mehr an Effizienz und Produktivität. 

Viele gute Digitalisierungsideen

„Wir digitalisieren ja nicht, weil es uns Technikfreaks so großen Spaß macht, sondern damit wir eine bessere Auslastung hinbekommen und zum Beispiel unser Renner-Produkt, die SIPROTEC-5-Schutzgeräte, in höherer Stückzahl produzieren können“, erklärt Gerhard Lang. Nach 33 Jahren in der Entwicklung kümmert er sich um die Digitalisierung im Werk. Der Kulturwandel von innen heraus spielt ihm dabei mächtig in die Hand.

 

„Seit wir hier signalisieren, dass sich jeder einbringen kann – egal, aus welcher Abteilung oder in welcher Hierarchieebene, hat das Thema rasant Fahrt aufgenommen“, schildert er. „Ich sammle im Haus gute Ideen ein und achte darauf, dass die Kollegen die guten Ansätze in die Tat umsetzen“, ergänzt er schmunzelnd und berichtet von den vielen smarten Lösungen, die seitdem eigeninitiativ entwickelt wurden: ein intelligenter Sprachassistent, der Fragen zu Fertigungsdaten beantwortet zum Beispiel, eine App zur automatischen Qualitätsdokumentation und -analyse oder eine cloudbasierte Lösung zur Visualisierung der Anlageneffizienz. Aber auch im Herzen der Produktion kommt der Kulturwandel an. 

Kollege Roboter als Bereicherung

14.30 Uhr in der Siemensstadt Berlin. Frank Specht beginnt seine Schicht. Er arbeitet in der Gehäusemontage. Früher eine rein manuelle, körperliche Tätigkeit. „Die Arbeit war zum Teil sehr stupide“, erinnert er sich. Heute übernehmen mehrere Roboter die ermüdenden Aufgaben. Einer erkennt die richtige Rückwand zum jeweiligen Gehäuse, der nächste setzt Halteklammern ein und der dritte verknüpft Stromwandler und Spannungsklemmen. Zusätzlich beschriftet eine Laserroboterstation die Komponenten. „Früher mussten wir selbst jede einzelne Klemme mit einem Etikett bekleben. Das war sehr zeitaufwändig“, erklärt er.

 

Überflüssig geworden ist Specht aber nicht. Im Gegenteil. Er überwacht, justiert und wartet die Roboter. „Das macht einen Riesenspaß. Meine Arbeit ist jetzt viel spannender als vorher. Es ist sehr aufregend als einer der ersten hier im Werk mit einem Roboter zusammenarbeiten zu dürfen“, sagt der gelernte Mechatroniker. Specht und seine Kollegen wurden von Anfang an transparent informiert und durften bei der Gestaltung des Robotikprojektes mitreden. Das hat vielen die Angst genommen. „Wir aus der Montagezelle haben gesagt, bei welchen Tätigkeiten wir uns Roboter-Unterstützung wünschen. Wir haben gesagt, wie die neuen Arbeitsplätze aussehen sollen und wo wir eine einfachere Handhabung brauchen.“

Eine Unternehmenskultur, die motiviert

Chefs und Mitarbeiter, die auf Augenhöhe kommunizieren, das Potenzial im anderen sehen, sich mit Wertschätzung begegnen, neue Ideen, Prozesse und Technologien nicht nur zulassen, sondern aktiv mitgestalten – so kann die Arbeitswelt von morgen aussehen. Nicht nur bei Siemens. „Langsam kommt Bewegung in die festen, seit langem geprägten Verhaltensmuster. Das braucht von allen Seiten Mut“, sagt die Kulturwandelbeauftragte Klicks. „Kontrolle abgeben, das muss man zulassen können. Aber es lohnt sich, denn wer Vertrauen bekommt, wird dieses nicht enttäuschen. Das zeigen unsere tollen Projekte und Mitarbeiter“, sagt sie und strahlt. Ein Moment, wie gemacht für ein weiteres Postermotiv. 

Bilder: Siemens AG

12.12.2019

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