Autonome Fahrzeuge: So können Städte aus der Vergangenheit lernen

Mark Watts, Executive Director des Städtenetzwerks C40, drängt darauf, dass Stadtverkehrsplaner und Politiker ihre Führungsrolle in der Stadtplanung wahrnehmen und ein neues Regelwerk für den Verkehr mit fahrerlosen Fahrzeugen entwickeln.

Seit mehr als einem Jahrzehnt arbeitet C40 gemeinsam mit zahlreichen Städten an der Entwicklung politischer Aktionspläne und am Ideenaustausch, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu entwickeln. Mit technologischen Innovationen alleine lassen sich die Herausforderungen, vor denen die Städte stehen, nicht bewältigen. Die technische Entwicklung autonomer Fahrzeuge schreitet derart rasch voran, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis autonome Fahrzeuge zur Norm werden. Stadtverkehrsplaner und Politiker müssen daher eine Vorreiterrolle übernehmen und zeitnah ein neues Regelwerk für den Verkehr mit fahrerlosen Fahrzeugen entwickeln. Autonome Fahrzeuge sind zwar kein Allheilmittel für eine Verringerung der Verkehrsemissionen und des Verkehrsaufkommens, doch wenn die politischen Rahmenbedingungen und Regeln stimmen, sind sie mit Sicherheit ein Teil der Lösung.

Kein Vorteil stellt sich von alleine ein

Autonome Fahrzeuge haben ein immenses Nutzenpotenzial für die Gesellschaft insgesamt – unter anderem weniger Verkehrsunfälle, mehr Produktivität für die Fahrzeuginsassen und leichtere Teilhabe für mobilitätseingeschränkte Personen. Entscheidend für das Klima ist, dass autonome Fahrzeuge mit Elektroantrieb fahren. Damit kann man die Treibhausgasemissionen in den Städten erheblich senken und auch das Problem der Luftverschmutzung an der Wurzel packen, unter dem ja heute zahlreiche städtische Ballungsgebiete in aller Welt leiden.

 

Allerdings stellt sich keiner dieser Vorteile von alleine ein. Städte, die mit herkömmlichen Fahrzeugen verstopfte Straßen einfach nur durch mit autonomen Fahrzeugen verstopfte Straßen ersetzen, verpassen eine einmalige Chance. Es kommt jetzt entscheidend darauf an, dass die Weichen für entsprechende ordnungspolitische Rahmenbedingungen gestellt werden, um das Potenzial autonomer Fahrzeuge so zu nutzen, dass diese ihre Vorteile für Gesellschaft und Umwelt auch wirklich ausspielen können.

Das Ziel: ein emissionsfreier öffentlicher Nahverkehr 

Ein autonomes Fahrzeug mit Elektromotor belastet die Umwelt im Individualverkehr weniger als ein Auto mit konventionellem Motor. Noch umweltschonender wäre es jedoch, die gleiche Strecke in einem öffentlichen Nahverkehrsmittel, zu Fuß oder per Fahrrad zurückzulegen. Wenn jeder wohlhabende Stadtbewohner sein eigenes privates autonomes Fahrzeug anschaffen will, in dem er arbeiten oder auch entspannen kann, und die Verkehrswege entsprechend den Nutzungswünschen dieser Verkehrsteilnehmer gestaltet wird, dann geht natürlich die Zahl der Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel zurück. Die städtischen Einnahmen werden sinken und damit Busse, Straßenbahnen und Züge mehr und mehr zu gesellschaftlich isolierten Verkehrsmitteln für die weniger privilegierten Teile der Stadtbevölkerung werden.

 

Viele Großstädte haben diese Entwicklung bereits hinter sich, weil  die Stadtplaner dem Individualverkehr in den letzten Jahrzehnten eindeutig den Vorzug gaben. Die gesellschaftlichen und ökologischen Folgen waren nicht minder gravierend wie die dadurch verursachten chronischen Staus. Ich bin selbst in einer Zeit aufgewachsen, über die der damalige britische Premierminister sagte: „Wenn Sie jemanden über 30 im Bus sehen, sehen Sie eine gescheiterte Existenz.“ Dank massiver Investitionen in das Londoner Bus- und U-Bahn-System konnte dieses Vorurteil überwunden werden, und es möchte auch niemand dort zu diesen Verhältnissen zurückkehren. Es wäre Irrsinn, genau dieselben Fehler einfach nur deshalb erneut zu machen, weil von autonomen Fahrzeugen „der gewisse Reiz des Neuen“ ausgeht.

Warum die Städte einander brauchen

Die wirklich nachhaltigen, prosperierenden und lebenswerten Städte der Zukunft werden sich dadurch auszeichnen, dass sie eine urbane Zersiedelung vermeiden und kompakte, gut erreichbare städtische Strukturen schaffen. Für die Politik bedeutet dies, dass man Anreize für die gemeinsame Verkehrsmittelnutzung, für Fußgänger und für Radfahrer schaffen muss, die gegenüber dem Individualverkehr (ob nun autonom oder nicht) bevorzugt werden. Städte müssen bei dieser Metamorphose des autonomen Verkehrs selbst eine aktive Führungsrolle übernehmen. Und im Zuge dessen auf Informationen, Instrumente und Expertenwissen zugreifen können, um mehr über autonome Fahrzeuge zu lernen und deren weitere Entwicklung bereits im Vorfeld flankierend begleiten zu können. Besonders wichtig ist hier der Aspekt, dass die Städte einander brauchen – denn nur im engen Schulterschluss können die Städte den autonomen Verkehr entsprechend gestalten, die disruptive Wirkung autonomer Fahrzeuge kanalisieren und damit einen Beitrag zum Wohl der Allgemeinheit leisten.

 

Die Verkehrsrevolution in Form autonomer Fahrzeuge steht in einer Zeit an, in der unsere Städte so umgestaltet werden müssen, dass die Ziele des Pariser Klimaabkommens erfüllt und nachhaltige, prosperierende und gesunde städtische Strukturen für die Bürger geschaffen werden können. Und diese Gelegenheit dürfen wir uns keinesfalls entgehen lassen.

11.07.2018

Mark Watts ist seit Dezember 2013 Executive Director der C40 Cities Climate Leadership Group. Vor seinem Eintritt bei C40 war Mark Watts Direktor des Energie- und Klimawandel-Consulting-Teams im Consultingunternehmen Arup. Zuvor war er als Berater des Bürgermeisters von London zu Fragen des Klimawandels und des nachhaltigem Verkehrs tätig. In dieser Funktion beschrieb ihn die Zeitung London Evening Standard als „die intellektuelle Kraft hinter Ken Livingstones Bemühungen, London zu einem Vorreiter im Kampf gegen die globale Erwärmung zu machen.“ Mark Watts ist Senior Associate des Institute for Sustainability Leadership der Universität Cambridge, Vorstandsmitglied des Global Green Growth Institute sowie Mitglied des Yale Climate Dialogue.

C40 hat sich zu einer der schlagkräftigsten Organisationen in Fragen des Klimawandels entwickelt. Die 96 Metropolen, die Mitglied bei C40 sind, repräsentieren über 700 Millionen Einwohner. Jenseits dieser Zahlen verkörpern die Mitglieder von C40 jene Bereiche, in denen Klimaschutzmaßnahmen besonders gut realisierbar und besonders innovativ sind. Die Mitgliedsstädte erwirtschaften mehr als ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung und können damit als Vorbild für andere städtische Ballungsgebiete dienen. Insgesamt wurden von den C40-Städten bereits mehr als 10 000 Klimaschutzmaßnahmen eingeleitet, mit denen sich die Treibhausgasemissionen bis 2030 um drei Gigatonnen CO2 reduzieren lassen dürften. Das ehrgeizige Ziel des Pariser Klimaabkommens, den Temperaturanstieg auf 1,5°C zu begrenzen, wird sich nur durch koordinierte Maßnahmen der C40-Städte erreichen lassen.

Wie werden vernetzte und autonome Fahrzeuge die Zukunft der städtischen Mobilität beeinflussen? Welches sind die Risiken und Vorteile und wie können wir diese am besten nutzen? Der Siemens-Report "Cities in the Driving Seat" ("Städte am Steuer") untersucht die Abhängigkeiten zwischen Stadtentwicklung, Nahverkehrskonzepten, Energieversorgung, Umweltverschmutzung und dem steigenden Anteil autonomer Fahrzeuge im Stadtverkehr. Fehlende mittelfristige Planung und verschobene Investitionen in die Infrastruktur können sich negativ auf Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt auswirken, sind die Autoren des Global Center of Competence Cities von Siemens überzeugt.

 

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