Die schönsten Bahnreisen: „... mit dem Bau der Bahn sofort zu beginnen!“

... befahl der Zar – 100 Jahre Transsib, das Jubiläum – Eine Reportage

Der Amur legte sich den Plänen des Zaren in die Quere. Fast drei Kilometer breit ist der sibirische Fluss bei Chabarowsk, und über diesen Fluss wünschte der Zar sich eine Brücke. Die Transsibirische Eisenbahn fuhr zwar schon ab 1905 zwischen Moskau und Wladiwostok. Aber die Strecke ging auch über chinesisches Staatsgebiet. Das wurde Zar Alexander III. zu heikel. Er befehligte Ende des 19. Jahrhunderts, „mit dem Bau der durch Sibirien führenden Eisenbahn sofort zu beginnen!“. Und so wurde eine zweite Trasse gebaut, ein Prestige-Projekt, eine rein russische Eisenbahnlinie von Moskau bis zum Pazifik, inklusive Amurbrücke.

Durch Taiga und Tundra

Von Osten und von Westen wuchsen die Gleise aufeinander zu, jedes Jahr wurden etwa 650 Kilometer fertiggestellt. Jährlich eine Strecke wie von Hannover nach München, aber durch Sümpfe und über Permafrostboden, durch menschenleere Taiga und Tundra, über Flüsse hinweg. Dort drohte auch die Taucherkrankheit! Viktor Michaelewitsch Parschin hält einen kugeligen Taucherhelm in die Höhe, kupferfarben und mit Messingscharnieren. „20 Kilo wog allein der Helm,“ erklärt Parschin, Dozent an der Akademie für Eisenbahnwesen in Chabarwosk und Direktor des Eisenbahnmuseums, gleich neben der Amurbrücke. Die Taucher erforschten die Bodenbeschaffenheit des Amur.

 

Ab 1913 wurde dann die Amurbrücke begonnen. Tag und Nacht wurde gebaut, in Zehn-Stunden-Schichten. Auch im eisigen sibirischen Winter. Schließlich brauste 1916 mit Pomp die erste Lokomotive über den Amur hinweg - die rein russische Transsib war eröffnet. Zwei Bögen der Originalbrücke stehen noch heute als Teil des Museums am Flussufer. Nebenan, auf der neuen, flachen Brücke fährt die Transsib wie seit hundert Jahren. Jede Nacht verlässt ein Zug Richtung Pazifik den Jaroslawer Bahnhof in Moskau, manche fahren bis nach China, manche durch die Mongolei, andere durch die Mandschurei.

 

Die Züge sind meist rappelvoll. Svetlana Orechowitch arbeitet seit drei Monaten als Schlafwagen-Schaffnerin. Die 30jährige mit den feinen, asiatischen Gesichtszügen stammt aus einer russisch-koreanischen Familie aus Kasachstan und ist aufgewachsen in Komsomolsk am Amur. Sie liebe den Tapetenwechsel, sagt sie. Eine Woche dauert die Reise nach Moskau, dort kommt der Zug um elf Uhr vormittags an. Dann hat sie ein paar Stunden Zeit für die Hauptstadt, kurz nach Mitternacht fährt ihr Zug zurück.

m Gang, neben dem Abteil der Schaffnerin, blubbert der Samowar. Einen Waggon weiter fährt die russische Marine, junge Kerle in blauen Ringelshirts. Sie haben ihren einjährigen Wehrdienst hinter sich gebracht - und sie sind reizend. Immer freundlich, kramen aus dem Gedächtnis englische Wörter hervor.

Väterchen Frost und Birkenwälder

Ausländische Reisende buchen fast ausschließlich im Sommer. Dabei entfaltet eine Transsib-Reise im Winter ihren eigenen Reiz. Blendend helle Sonne am Morgen, draußen ziehen Dörfer vorbei, eine flache Landschaft, Schneedick behäuft. Holzhäuser mit bunten Fensterläden. Rauch steigt gerade auf. Ein Licht so klar wie Eiszapfen. Und Birkenwälder, Birkenwälder. Dodong, dodong rattert der Zug seinen Rhythmus zur Reise. Die Dörfer sehen immer noch so aus, wie sie Boris Pasternak in Dr. Schiwago beschreibt. Nur hockt auf fast jedem Holzhaus heute eine Satellitenschüssel. Nicht einmal neunzig Städte liegen an den fast zehntausend Kilometern. Viele davon wurden erst mit dem Bau der Bahn gegründet. „Die Eisenbahn vergab den Boden entlang der Strecke, wo die Menschen dann Ackerbau betrieben, um alle zu ernähren“. erklärte Parschin im Museum „Als erstes baute man eine Banja, dann Kirchen, ein Krankenhaus, Schulen. Die Eisenbahn hatte ihre eigene Polizei, ihr eigenes Gericht.“

An manchen Bahnhöfen hat der Zug eine halbe Stunde Aufenthalt. Die Reisenden vertreten sich die Beine, die Jungs von der Marine beginnen einen Liegestütz-Wettbewerb, Raucher rauchen. Frauen breiten auf Pappkartons Ware aus, geräucherte Fische, in Suppe schwimmende Pelmenis, Blini, Piroggen, Piroschi, Baranki. Für eine Handvoll Rubel wird man immer satt.

Borschtsch, Soljanka und Saschas Minibar

Und wenn nicht, gibt es noch den Speisewagen, wo Borschtsch und Soljanka serviert werden. Und Sascha mit seiner Minibar. Alexander Iljin, genannt Sascha, fährt seit sieben Jahren auf der Transsib. Wenn er sein Wägelchen durch den Zug schiebt, scherzt er gerne mit den Damen an Bord. Der 65-jährige aus Ussurisk hat dreißig Jahre in einem Bergwerk gearbeitet, vorher war er bei der Sowjetarmee in der DDR stationiert. „Ich mache gerne Reisen durch meine Heimat“, sagt er. Und kramt nach deutschen Wörtern im Gedächtnis.

Der vielleicht schönste Abschnitt der Transsib führt am Baikalsee entlang – und wird heute gar nicht mehr befahren. Außer man bucht eine Reise mit dem Zarengold, einem luxuriösen Zug. Der tuckert mit 30 Stundenkilometern diese Traumschiene entlang. In einem großen Bogen geht es am Südende des tiefsten Sees der Welt durch und über 39 Tunnels, 50 Galerien und 23 Viadukte. Es war die teuerste Teilstrecke, bis heute wird sie Goldschnalle genannt: Das Edelstück am allrussischen Stahlgürtel der Eisenbahn.

 

Felix Willeke fährt schon zum siebten Mal mit der Transsib. Der Marketingleiter bei Lernidee-Erlebnisreisen begleitet Gruppen. Die russische Bahn sei „ein gut organisiertes und extrem zuverlässiges Unternehmen. Nach dem Fahrplan kann man seine Uhr stellen.“ Viele Gäste erfüllten sich mit der Transsib einen Lebenstraum. Auf einer Reise lernte Willeke eine Dame kennen, deren verstorbener Ehemann Russland-Kenner war. „Sie ist nach seinem Tod als Gedenkreise auf die längste Bahnstrecke der Welt gegangen. Als sie von Ulan Ude kommend den Baikalsee im Speisewagen erblickte, kamen ihr die Tränen. Und mir auch.“

Alle Entfernungen sind von Moskau aus gerechnet. Dort ist der Nullpunkt, eine Messing-Scheibe am Roten Platz. Am Bahnhof von Wladiwostok steht der letzte Meilenstein der Transsibirischen Eisenbahn. 9288 km ist darauf zu lesen.

 

Wie lange dauert die Fahrt mit der Transsib? Nicht lang genug. Der letzte Tag. Das sanfte Krrdong, grrrdong, brrrdong wird einem fehlen. Da wäre noch so viel zu sehen, in dieser weiten leeren Landschaft.

19.05.2016

Barbara Schaefer

Bildquelle: Barbara Schaefer

 

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