Schienenverkehr: Aus Freude am Pendeln

Geht es um schienengebundene Mobilität, kommt bei Siemens vieles aus einer Hand – von den Zügen über die Signal- und Leittechnik bis hin zum Komplettservice. Aktuelles Beispiel ist die Thameslink-Modernisierung im Süden der britischen Insel.

Für die Menschen im Südosten des Vereinigten Königreichs ist der Begriff Thameslink eine feste Größe im Alltag. Tag für Tag pendeln mehr als eine halbe Million Menschen nach London zur Arbeit – viele davon auf dieser rund 225 Kilometer langen, einer Metro oder S-Bahn durchaus ähnlichen Thameslink-Strecke. Mit 50 Haltestellen führt sie in Nord-Süd-Richtung von Bedford durch London bis ins Seebad Brighton und bedient auch die Flughäfen Luton nördlich und Gatwick südlich von London. Das Problem: Verspätungen und überfüllte Züge – und Unzufriedenheit der Kunden.

 

Das britische Verkehrsministerium entschied deshalb, Strecke und rollendes Material zu modernisieren: Künftig sollen in den Hauptverkehrszeiten 24 Züge pro Stunde auf der Stammstrecke zwischen Blackfriars und St Pancras verkehren können. Das aber setzt sowohl leistungsfähige Leit- und Sicherungssysteme als auch technisch ausgereifte, mit intelligenter On-Board-Technologie ausgerüstete Züge hoher Kapazität voraus. Für beide Aufgaben hat Siemens den Zuschlag erhalten.

Bahnautomatisierung: ETCS und ATO für den Thameslink

Als Bahnsicherungssystem wird Siemens im zentralen Teil der Thameslink-Strecke das European Train Control System ETCS Level 2 installieren. Es soll ab 2018 die bestehende Infrastruktur ergänzen und automatischen Zugbetrieb (Automatic Train Operation, ATO) ermöglichen. Diese Kombination wird erstmals überhaupt realisiert und soll vor allem die geforderten kurzen Zugfolgen ermöglichen: Denn jeder Zug muss einen exakten Zeitplan einhalten – also mit einem optimierten Geschwindigkeitprofil fahren, an Bahnsteigen präzise stoppen und ohne Zeitverlust wieder abfahren. Das ATO-System übernimmt die Steuerung des Zuges, es sendet aber auch am Bahnsteig ein Signal zum sofortigen Öffnen aller Türen für einen zügigen Fahrgastwechsel.

 

Zu den Besonderheiten der Strecke gehört, dass sie mit zwei verschiedenen Bahnstromsystemen ausgerüstet ist: Im nördlichen Teil werden die Züge wie auf Eisenbahnstrecken mit 25 kV-Wechselspannung aus der Oberleitung versorgt, im südlichen Teil bekommen sie wie U-Bahnen 750 V Gleichspannung aus einer seitlichen Schiene. Das soll auch so bleiben. Deshalb schalten die neuen Zweisystemzüge am Bahnhof Farrington während des kurzen Aufenthalts automatisch zwischen den Systemen um.

Desiro City: zukunftsweisende neue Plattform

Überhaupt sind die 115 Triebzüge vom Typ Desiro City, die Siemens unter der Baureihenbezeichnung Class 700 ab 2016 liefern wird, technisch bemerkenswert. Auf Basis der seit Jahren bewährten Züge des Typs Desiro UK entwickelte Siemens mit dem Desiro City ein neues Plattform-Konzept für den S-Bahn-, Regional- und Interregionalverkehr in Großbritannien. Der Desiro City kann als Einsystem-Zug mit Gleichspannung oder Wechselspannung, aber auch – wie auf der Thameslink-Strecke – im Dual Mode betrieben werden. So sind die bis zu 160 Stundenkilometer schnellen Züge in Großbritannien variabel einsetzbar.

 

Der Desiro City ist modular konzipiert und erlaubt es, flexibel Züge mit drei bis zwölf Wagen, entsprechend 62 bis 240 Meter Länge, zusammenzustellen und dem Fahrgastaufkommen anzupassen. Je nach Innenausbau, mit unterschiedlichen Sitzplätzen und Sitzabständen oder zusätzlichen Stehplätzen, kann der Zug bis zu 25 Prozent mehr Passagiere aufnehmen. Die Klimaanlage mit CO2-Sensoren reguliert sich automatisch entsprechend dem Fahrgastaufkommen. Breite Wagenübergänge und etwa 1,5 Meter breite Schiebetüren stehen für einen schnellen Zugang der Fahrgäste und kurze Wechselzeiten.

Ein Zug, der Energie spart

Aluminium-Wagenkästen in Leichtbauweise und gewichtsoptimierte Drehgestelle sind wesentliche Gründe dafür, dass der Desiro City bis zu 25 Prozent leichter ist als die aktuelle Desiro-Zugflotte in Großbritannien. Zusammen mit dem ATO-System, das je nach Streckenauslastung bedarfsorientiert die Geschwindigkeit reguliert, wird der Desiro City zum echten Energiesparer. Darüber hinaus lassen sich sämtliche Hilfsbetriebe in einen Eco-Modus bringen. Das heißt: Bis zu 50 Prozent weniger Verbrauch gegenüber den Vorgängermodellen sind durchaus realistisch.

Always connected

Bei den Thameslink-Zügen zeigt das Fahrgastinformationssystem (FIS) Reiseinformationen auf großen doppelseitigen Flachbildschirmen im Einstiegsbereich und auf LED-Außenanzeigen – etwa die aktuelle und die nächste Station, Uhrzeit, Routenpläne, Zusatzinformationen, Videoclips und aktuelle Anschlussmöglichkeiten beim nächsten Halt. Das Besondere dabei: Diese Informationen stehen den Fahrgästen in Echtzeit zur Verfügung, was bei Störungen und Anschlussproblemen bedeutsam ist.

Langjährige Service-Erfahrung vor Ort

Als einziger Hersteller ist Siemens in Großbritannien zugleich Lieferant und Instandhaltungspartner und wartet alle 1.600 Wagen der mehr als 400 seit 1997 ausgelieferten Züge, die jedes Jahr über 80 Millionen Kilometer zurücklegen. Bislang werden die Züge in sechs von Siemens und acht zusammen mit den Bahngesellschaften betriebenen Depots regelmäßig gewartet und verfügbar gehalten. Für den Desiro City kommen mit Three Bridges und Hornsey zwei weitere Serviceeinrichtungen hinzu. Im Sommer 2015 hat zunächst Three Bridges den Betrieb aufgenommen – fünf 260 Meter lange Servicegleise mit Wartungsgruben und Absenkvorrichtungen für gleichzeitig zwei Drehgestelle, dazu Fahrzeug- und Tankreinigungssysteme, Lager und mehr. Die Bahnzukunft kann also beginnen in Großbritannien.

10-01.10.2015

Eberhard Buhl

Bildquellen: Getty Images; Siemens AG / Videos: Siemens AG

 

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