Digitaler Straßenverkehr: Die Wucht einer echten Revolution

Markus Schlitt, Leiter der Siemens Straßenverkehrstechnik (ITS), über die Entwicklung der Straße zum Internet of Things, das neue Rollenverständnis der Städte angesichts der Digitalisierung der Mobilität und die Vorteile softwarebasierter verkehrstechnischer Intelligenz gegenüber konventionellen Lösungen.

 

von Peter Rosenberger 

Herr Schlitt, die mobile Gesellschaft steht an der Schwelle zu einer Revolution. Wird das automatisierte und vernetzte Fahren die Welt der individuellen Mobilität ähnlich radikal verändern wie die Erfindung des Automobils vor über 130 Jahren?

 

Spontan würde ich sagen: ja – obwohl solche Vergleiche natürlich immer auf dem einen oder anderen Bein hinken. Fest steht: Die Art und Weise, wie wir uns auf der Straße bewegen, wird sich massiv verändern, genau wie das Erscheinungsbild unserer Städte, das sich an die Mobilität der neuen Generation anpassen muss. Ein wichtiger Punkt ist: Es werden mehr Menschen mobil sein – denken Sie nur an all diejenigen, die heutzutage nicht selbst fahren können, weil sie zu jung oder zu alt oder vorübergehend fahruntüchtig sind. Was uns ab jetzt erwartet, sind erst einmal viele evolutionäre Schritte, die aber in ihrer gesamten Wucht eine echte Revolution ergeben.

 

Durch selbstfahrende Autos, Vehicle2X-Kommunikation und selbstlernende Algorithmen wird der Straßenverkehr gewissermaßen zum Internet of Things. Welche neuen Aufgaben kommen damit ganz konkret auf Städte und Gebietskörperschaften zu?

 

Wie bei allen disruptiven Innovationen gibt es auch hier zwei Seiten der Medaille. Einerseits eröffnen sich für die Kommunen völlig neue Möglichkeiten für die Verkehrsplanung und -steuerung. Durch das Internet of Things werden wir in der Lage sein, die Infrastruktur nicht nur zu überwachen, sondern mit ihr aktiv in das Verkehrsgeschehen einzugreifen – entweder mit Blick auf das gesamte Netz oder auch auf einzelne Flotten. Das wird neben dem Verkehrsfluss natürlich auch die Verkehrssicherheit optimieren, weil unsere Systeme dann mit Computern kommunizieren, die grundsätzlich weniger fehleranfällig sind als Menschen.

Und was steht auf der Kehrseite der Medaille?

Da steht die Prognose, dass sich die Nachfrage nach individueller Mobilität angesichts der innovativen Möglichkeiten des Von-Tür-zu-Tür-Reisens mit selbstfahrenden Taxis deutlich erhöhen wird. Und wir wissen alle, dass die Kapazitäten der Straße in den meisten Metropolen der Welt längst erschöpft sind. Dieser Herausforderung müssen sich die Kommunen stellen, idealerweise, indem sie zwei Dinge tun: Zum einen gilt es, öffentliche Transportangebote zu schaffen, die es mit den autonomen Taxis aufnehmen können – etwa im Rahmen eines kleinen, agilen Bussystems, das den Passagieren dank hoher Priorität im Netz einen Reisezeitgewinn verspricht. Zum anderen wird es für die Städte darum gehen, im intensiven Dialog mit ihren Bürgern multimodale Mobility-Eco-Systeme aufzubauen, die nicht nur die bekannten Massentransportmittel, sondern zum Beispiel auch Leihfahrräder, Car-Sharing-Autos und Elektrotaxis mit einschließen. Solche Mobility-Eco-Systeme lassen sich natürlich nur dann in Balance halten, wenn sowohl für die Nutzer als auch für die Anbieter entsprechende Anreize geschaffen werden.

Immer mehr Städte beginnen zu verstehen, dass ihnen ein veritables Chaos droht, wenn sie nicht die Initiative ergreifen.
Markus Schlitt, Leiter der Siemens Straßenverkehrstechnik (ITS)

Glauben Sie, dass die Mobilitätsverantwortlichen rund um den Globus das ganze Ausmaß der unmittelbar bevorstehenden Umwälzungen bereits in vollem Umfang verinnerlicht haben?

 

Nach unserer Beobachtung hat der Prozess des Umdenkens bereits begonnen. Immer mehr Städte beginnen zu verstehen, dass ihnen ein veritables Chaos droht, wenn sie weiter nach alten Zuständigkeitsmustern verfahren und sich lediglich um die Koordination, Überwachung und Pflege der Infrastruktur kümmern. Sie beginnen zu begreifen, dass sie die Initiative ergreifen müssen, wenn sie die Kontrolle über ihr eigenes Hoheitsgebiet nicht an die neuen Player im Mobilitätsbusiness verlieren wollen. Andere sind auch schon einige Schritte weiter: So stellte Londons Bürgermeister Sadiq Khan im Juni 2017 mit seiner Mayor's Transport Strategy einen ambitionierten Plan zur kompletten Neuausrichtung der städtischen Mobilität bis 2041 zur Diskussion. Sein erklärtes Ziel – „healthy streets and healthy people“ – will er unter anderem dadurch erreichen, dass in der Themsemetropole künftig 80 Prozent aller Wege zu Fuß, per Fahrrad und mit öffentlichen Transportmitteln zurückgelegt werden. Bei der Lektüre seiner Vorschläge könnte man fast meinen, er hätte sich an unseren Überlegungen orientiert.

 

Was können denn die 2.600 Köpfe von Siemens ITS Ihren Kunden bieten, um sie perfekt auf die neue Ära vorzubereiten?

 

Weite Teile der eingangs beschriebenen Visionen können wir heute schon realisieren. Wir sind zum Beispiel in der Lage, ein Netz zur bilateralen Kommunikation mit Fahrzeugen aufzubauen, über eine Zentrale zu managen und einen digitalen Zwilling der vorhandenen Verkehrstechnik zu kreieren, mit dessen Hilfe sich alle Verkehrsregeln digitalisiert ans Auto übermitteln lassen. Außerdem haben wir bereits hocheffiziente Lösungen fürs gezielte Management einzelner Flotten und für einen komfortablen Mobilitätsassistenten, der dem Nutzer das intermodale Reisen so einfach macht wie nie zuvor. Das Einzige, was wir noch nicht haben, ist das selbstfahrende Auto – und das werden wir auch nicht bauen.

Als Technologieführer will Siemens ITS künftig generell verstärkt auf die neue Intelligenz der digitalen Welt setzen. Mit welchen Vorteilen punkten softwarebasierte Systeme gegenüber vorwiegend hardwarebasierten Konzepten?

Der größte Vorteil ist die Möglichkeit, Funktionalitäten zu entwickeln, die direkt aufeinander aufbauen, ohne dass damit Kosten für die Anpassung der Hardware im Feld verbunden sind. Damit entfällt ein entscheidendes Hemmnis für Innovationen. Auf längere Sicht werden lokal ganz normale, standardisierte Industrie-PCs die Rolle der heutigen Controller übernehmen. Die eigentliche Intelligenz sitzt dann nur noch in der Zentrale. Die arbeitet mit einer selbstlernenden Software, die mit Hilfe von immer mehr Daten und immer mehr Funktionalitäten immer schlauer wird. Um sein System auf dem neuesten Stand zu halten, muss der Kunde also nicht mehr den Controller austauschen, sondern nur noch ab und zu den Prozessorchip, falls er mehr Rechenleistung braucht.

„Die nächsten fünf bis zehn Jahre werden wahrscheinlich die spannendsten sein, die es im Bereich Straßenverkehr je gab“, haben Sie unlängst in einem Interview gesagt. Worauf freuen Sie sich persönlich am meisten?

Vor allem begeistern mich die Chancen, die sich aus der Entwicklung der Straße zum Internet of Things ergeben. Dass wir jetzt damit beginnen können, den Verkehr über die intelligente Infrastruktur aktiv zu steuern, finde ich einfach fantastisch. Das ist, als könnten wir den Ferrari, der schon länger in unserer Garage steht, jetzt endlich starten und losfahren.

Herr Schlitt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

17.10.2017

Peter Rosenberger arbeitet als Journalist in Birkenau

Bildquellen: iStock/filadendron, iStock/oonal und Siemens AG

Markus Schlitt ist seit 2013 Leiter der Siemens Straßenverkehrstechnik. Zuvor war er von 2011 bis 2013 Leiter Strategie und Unternehmenswicklung der Division Mobility and Logistics im Sector Infrastructure & Cities und von 2004 bis 2011 Siemens Management Consultant in verschiedenen Rollen, zuletzt als geschäftsführender Partner / Vice President.

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