Die Zukunft der Mobilität: Metro für Millionen

Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich das Verkehrsaufkommen in Indien vervielfacht. In den Ballungszentren stauen sich die Autos täglich mehrere Stunden lang. Die indische Regierung hat deshalb eine Verkehrswende eingeläutet und den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs zur Pflicht gemacht. Dabei wird die Metro zum Rückgrat des innerstädtischen Verkehrs. Siemens hat erste Projekte aufs Gleis gesetzt, die Schule machen können.

Indien, das mit 1,3 Milliarden Einwohnern nach China zweitbevölkerungsreichste Land, kämpft täglich mit einem enormen Verkehrsaufkommen. Mit steigendem Wohlstand und dem Heranwachsen einer gut ausgebildeten Mittelschicht hat sich die Zahl der Autos in den vergangenen Jahrzehnten vervielfacht. Waren 1980 auf Indiens Straßen nur etwa 4,5 Millionen Fahrzeuge unterwegs, so zählten die Behörden 2015 bereits 210 Millionen – fast fünfzigmal mehr. Allein in der Metropole Delhi gibt es sieben Millionen Fahrzeuge, Autos oder Motor-Rikschas – Lkw nicht mitgerechnet. Die Folge: Vor allem während der Stoßzeiten sind die Straßen chronisch verstopft. Eine zweistündige Fahrt von der Haustür zur Arbeit ist eher die Regel als die Ausnahme. Um der Massen halbwegs Herr zu werden, hat man den Verkehr in Delhi stark reglementiert: Lkw dürfen nur noch nachts zwischen 21 Uhr und 6 Uhr morgens durch die Stadt fahren. Dennoch staut sich tagsüber der Verkehr sogar auf den 12-spurigen Hauptstraßen. Volkswirtschaftlich bedeuten diese Staus enorme Verluste, weil Millionen von Menschen wertvolle Arbeitszeit im Stau verlieren. „Die indische Regierung hat dieses Problem erkannt und propagiert inzwischen eine funktionierende Mobilität als einen wichtigen Baustein für eine schnelle Weiterentwicklung der Nation“, sagt Amitabh Bhagwat, bei Siemens in Mumbai zuständig für schlüsselfertige Projekte. „Als Lösung sieht sie den öffentlichen Nahverkehr und eine Abwendung vom motorisierten Individualverkehr. Entscheidend sei es, die Menschen schnell zur Arbeit zu bringen.“

In vielen Großstädten Indiens wurden in Rekordzeit ganz neue Metrolinien errichtet, gut 200 Kilometer allein in Delhi.

530 Kilometer Metro in Bau

Tatsächlich hat sich in den vergangenen zehn Jahren einiges getan – in vielen Großstädten wurden in Rekordzeit ganz neue Metrolinien errichtet, gut 200 Kilometer allein in Delhi und 42 Kilometer in Bangalore. Weitere 530 Kilometer sind derzeit landesweit im Bau. Im August 2017 hat die Regierung die Richtlinie „Metro Rail Policy“ verabschiedet. Diese macht den Ausbau des Bahnverkehrs als Rückgrat des innerstädtischen Verkehrs erstmals zu einem landesweiten Ziel. Auch verlangt die Richtlinie, Verkehrsträger zu vernetzen: Der Bahnverkehr soll die großen Ströme von Fahrgästen bewegen; Busse, Straßenbahnen oder kleinere Metros sollen als Zubringer dienen und die letzte Meile auf dem Weg nach Hause oder zur Arbeit überbrücken.

„Heute lassen die privaten Bus- und Verkehrsgesellschaften ihre Fahrzeuge auf den besonders stark nachgefragten und lukrativen Strecken zwischen den Zentren und den Wohnvierteln verkehren“, sagt Bernd Bonenberger, Nahverkehrsexperte bei Siemens in Delhi. „Von einem vernetzten Miteinander kann bisher also keine Rede sein.“ Bislang habe die starke Lobby der verschiedenen Bus- und Verkehrsunternehmer den Aufbau eines multimodalen Verkehrsnetzes verschiedener Transportmittel eher verhindert. Mit der neuen Richtlinie aber sei damit Schluss. Die Vernetzung werde zur Pflicht. Zwar haben die Verkehrsunternehmen eine große Marktmacht, dennoch gehen Experten davon aus, dass sie dem von der Regierung vorgegebenen Gebot zur Vernetzung folgen werden. „Tatsächlich kann die Beförderung auch auf der stark frequentierten letzten Meile extrem lukrativ sein, weil die Fahrgastzahlen hoch sind“, sagt Bonenberger.

Privatwirtschaftliches Komplett-Paket

Ein Beispiel ist die Linie Rapid-Metro in Gurgaon, die Siemens als schlüsselfertiges Projekt am Rande von Delhi realisiert hat. Hier, im Vorort Gurgaon, ist in den vergangenen Jahren ein hochmodernes Büro- und Geschäftsviertel entstanden, in das täglich viele Tausend Menschen zu Arbeit fahren. „Früher waren die Zubringer völlig überlastet; allein die Fahrt vom Büro bis zur nächsten Hauptstraße dauerte mitunter eine Stunde“, sagt Bonenberger. Siemens realisierte hier mit zwei mehrere Kilometer langen Metrolinien, die als Zubringer zum Metro-Hauptnetz von Delhi dienen, eine Alternative zu diesem Nadelöhr – ein Komplettpaket: Züge, ein Ausrüstungsdepot für die Fahrzeugwartung, die Elektrifizierung und die Signaltechnik aus einer Hand. „Dabei haben wir auf eine ansprechende, robuste Technik gesetzt, die besonders zuverlässig ist.“ 99,5 Prozent aller Züge sind pünktlich – bei der Metro in Delhi sind 93 Prozent der täglich über zwei Millionen Passagiere mit der Pünktlichkeit zufrieden. „Überhaupt ist die Metro in Delhi der einzige Verkehrsträger, der sogar bei starkem Regen und Überschwemmungen noch zuverlässig verkehrt“, berichtet Bonenberger. In Delhi hat Siemens nicht nur die Zubringerstrecke Gurgaon realisiert, sondern ist auch am Ausbau des Gesamtstreckennetzes der Metro Delhi beteiligt. Siemens liefert für aktuell insgesamt 115 neue Streckenkilometer die Elektrifizierungstechnik.

Die Rapid-Metro in Gurgaon ist in Indien das erste komplett privatwirtschaftliche Projekt dieser Art - und es fährt kostendeckend.

Eine neue Stadtplanung

Die Rapid-Metro in Gurgaon ist in Indien das erste komplett privatwirtschaftliche Projekt dieser Art. Zurzeit befördert die Linie täglich 50.000 Menschen und fährt damit kostendeckend. Für die Zukunft wird mit dem weiteren Wachstum von Gurgaon eine deutliche Steigerung der Fahrgastzahlen erwartet. „Die indische Regierung fordert inzwischen genau dieses privatwirtschaftliche Engagement, um den Ausbau der Metronetze voranzubringen“, sagt Nahverkehrsexperte Bonenberger. „Als Schwellenland hätte Indien gar nicht die wirtschaftliche Kraft, den Nahverkehr so stark auszubauen, wie es nötig ist.“ Neu ist dabei auch, dass Bieter ihre Projektentwürfe von unabhängigen Experten begutachten lassen müssen. Auch das schmälert den Einfluss der etablierten Verkehrslobby. Dabei blickt die indische Regierung noch weiter: Sie will nicht nur die Verkehrsträger stärker vernetzen, sondern künftig unter dem Begriff Smart-City-Initiative die Stadtplanung so ausrichten, dass Wohn- und Arbeitsorte sowie Geschäftszentren näher zusammenrücken, um Wege zu sparen. Dazu gehört auch der Bau von Einkaufszentren in unmittelbarer Nähe neuer Metrostationen. Die Initiative wird von dem Industrieverbund Convention of Indian Industries unterstützt, dem auch Vertreter von Siemens angehören. Siemens ist derzeit gleich mit mehreren Projekten in verschiedenen Städten aktiv, beispielsweise in der 2,5 Millionen Einwohner großen Stadt Nagpur im Zentrum des Landes. Dort stattet Siemens die neue Metrolinie komplett mit Signaltechnik aus.

Schnellzüge für den Fernverkehr

Auch überregional will man in Indien den Verkehr von der Straße holen. In den kommenden Jahren soll ein Schnellzugnetz für den Fernverkehr aufgebaut werden, an dem sich auch Siemens beteiligen wird – auf der Strecke Chennai – Bangalore – Mysore. Für den Güterfernverkehr soll eine komplett elektrifizierte Strecke entstehen, um den Einsatz von Dieselloks zu verringern. Durch bessere Signaltechnik will man erreichen, dass die Züge in kürzeren Abständen verkehren können, sodass die Strecke besser ausgelastet wird. Und nicht nur das: Die Versorgung mit Ökostrom soll auch gefördert werden. So ist etwa die Metro in Delhi auch an einem neuen Solarpark beteiligt, der sie versorgen wird.  

 

„Insgesamt sind die indischen Bemühungen beachtlich, den Verkehr effizienter und klimaneutral zu machen“, sagt Bonenberger. Solche Beispiele machen Hoffnung, dass dem großen Schwellenland Indien die klimafreundliche Verkehrswende gelingen wird. Doch noch ist ein gutes Stück des Weges zu gehen.

11.10.2017

Tim Schröder

Bildquellen: von oben: 1. Bild Getty Images / Hindustan Times, 2. Bild Parveen Kumar/Hindustan Times via Getty Images, 3. Bild panthermedia.net / jarous

 

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