Einmal „Warn“ anziehen, bitte!

Wenn aus der vagen Idee, etwas für die Sicherheit von Gleisarbeitern zu tun, ein innovatives Produkt entsteht: Start-up Spirit@Mobility – ein Interview mit Philipp Wehn.

 

In Deutschland sterben jedes Jahr bis zu zehn Gleisarbeiter während ihrer Arbeit. Was können wir von Siemens Mobility dagegen tun? Philipp Wehn hat sich mit genau dieser Frage beschäftigt und ein Wearable entwickelt, das Leben retten soll. Dank Design Thinking, User Experience Research und der Nutzung weitvernetzter Ökosysteme kam er dabei schneller, effektiver und kundenorientierter ans Ziel.

Mittwochmorgen, 10:00 Uhr, Berlin Factory am Görlitzer Park. Wir treffen Philipp Wehn, Teilnehmer des Siemens Graduate Programs (SGP), an seinem Arbeitsplatz – einem gemütlichen Büro auf dem Campus der sogenannten Start-up-Community. Mit einer Fläche von 14.000 Quadratmetern bietet das fünfstöckige Backsteingebäude nicht nur genügend Raum für Ideen und entspannte Arbeitsatmosphäre, sondern auch genügend Möglichkeiten zum spontanen Austausch und kreativen Brainstorming. Und tatsächlich: Überall in den Gängen und zwischen bunten Coworking-Spaces sitzen Menschen jeglicher Nationalität. Es wird Englisch, Deutsch oder Spanisch gesprochen; hier wird konstruktiv diskutiert, dort wild gestikuliert, dann wiederum wird laut gelacht oder auch mal leise telefoniert. Man staunt als Besucher über die enorme Transparenz, die hier herrscht – werden spontane Gedanken und erste Produktlösungen schon einmal gerne für alle sichtbar mit einem Stift direkt auf die Wände der Factory skizziert. Und mit jedem Schritt, mit dem man tiefer in das Gebäude eindringt, wird man auch selbst immer mehr Teil dieser faszinierenden Start-up Community. Doch was hat das jetzt mit Mobility, Warnwesten und Signaltechnik bei Gleisarbeiten zu tun? 

Von der Factory zur konkreten Aufgabe

„Die Factory als eigenständiges Ökosystem aus Freelancern, Künstlern und anderen Unternehmen, bietet uns viele Möglichkeiten, um erfolgreich netzwerken und neue Arbeitsmethoden ausprobieren zu können“, erklärt Philipp Wehn. „Erstens, können wir hier Meetings mit unseren internen Kolleginnen und Kollegen in einem neuen Umfeld abhalten. Also klassisches Produktgeschäft inmitten von anderen Start-up-Firmen und Unternehmensgründern. Zweitens nutzen wir die Factory für Workshops mit externen Kunden sowie für Kennenlerntermine mit Beratungsfirmen, App-Entwicklern oder Produktdesignern. Und drittens haben wir ein übergeordnetes Zielprojekt: die Werkstatt. In der Werkstatt sollen Themen, die rein digital oder eher am Rand oder sogar außerhalb unseres traditionellen Portfolios liegen, schneller bis zu einem MVP, also zu einem Minimum Viable Product, gebracht werden.“ 

Und genauso unkonventionell wurde auch die erste Aufgabe an Philipp Wehn, der ein Studium der internationalen Betriebswirtschaftslehre erfolgreich abgeschlossen hat, auch übergeben. „An meinem ersten Arbeitstag hatte ich weder ein Notebook noch ein Handy, aber einen Auftrag“, erinnert sich Philipp Wehn. „Und der hieß: eine Wearable Technology für Gleisarbeiter zu entwickeln.“ Fakt ist: Jedes Jahr ereignen sich allein in Deutschland bis zu zehn tödliche Unfälle im Umfeld von Gleisbaustellen, weil einfahrende Züge viel zu spät oder überhaupt nicht wahrgenommen werden. „Und dann kamen Design Thinking und erste Erfahrungen als Unternehmensgründer ins Spiel“, verrät der geborene Franke. „Ich musste mir überlegen, mit welchen Partnern wir arbeiten und welche Methoden wir perspektivisch nutzen könnten, um schnellstmöglich und nachhaltig zum Ziel zu kommen.“ 

Erst Büro dann Baucontainer

Doch zunächst fing alles ganz klassisch an. Philipp Wehn und ein Team aus erfahrenen Produktmanagern, Strategen und Ingenieuren überlegten, was als Wearable überhaupt in Frage kommen könnte. Innovativ und praktisch sollte es sein, digitale Informationen senden und empfangen und letzten Endes als Produkt möglichst schnell entwickelt werden können. Die Lösung? „Zunächst schwebte uns eine Weste vor“, erklärt der 26-Jährige weiter. „Aber anders als sonst, haben wir es nicht einfach entwickelt, sondern wir haben mit den Usern gesprochen und gefragt, was sie eigentlich brauchen. Diese Vorgehensweise hat mir eine Mobility Kollegin aus der Factory Community empfohlen, denn zuallererst hatte ich mein Netzwerk und unseren internen Sales Kollegen nach Rat gefragt. Und dann ist aus dieser Grundidee eine komplett neue Umsetzung entstanden.“

 

Im gemeinsamen Gespräch mit den künftigen Anwendern am Einsatzort Gleisbaustelle, dem sogenannten User Experience Research, kam die Wende. „Als wir gemeinsam mit Pizza und Getränken im Container gesessen, geredet und den Gleisarbeitern unsere Idee einer Warnweste vorgestellt haben“, erinnert sich Philipp Wehn, „fragte mich einer der Arbeiter: Eine Weste? Sicher? Wir tragen gar keine Westen.“ Nach der ersten Irritation wurde dann auch gleich die zweite Idee in den Raum geworfen: ein Helm, irgendwie mit Virtual Reality und Vibrationen. Aber auch den tragen die meisten Gleisarbeiter nicht. „Und dann schlug einer der Arbeiter, während er sein Stückchen Pizza aß, ein Armband vor. Das wäre viel praktischer, zudem mit einer Uhr kombinierbar, so dass dieser Alltagsgegenstand nicht zusätzlich getragen werden müsste. Also alles in einem: Sicherheit, Information, einfache Handhabung, angenehmer Tragekomfort.“

Wenn es Klick macht und der HackTrain rollt

Das war der entscheidende Moment für alle. Jetzt war die Richtung klar und allen bewusst, dass diese Erkenntnis niemals innerhalb von Monaten im Büro gereift wäre. In den nächsten Wochen sprach das Produktentwicklungsteam unter anderem mit dem Eisenbahnbundesamt und der GB Bau, informierte sich über eigene Entwicklungen, recherchierte beim Wettbewerb und holte sich Sparringspartner ins Boot, die im Bereich App-Entwicklung und Wearable-Technologien schon erfahrener waren. „Wir sind im Endeffekt immer in Schleifen gelaufen“, bringt es Philipp Wehn auf den Punkt. „Das heißt, wir sind immer wieder an Grenzen gestoßen, auch wenn uns klar war, dass wir ein Armband entwickeln wollen.“ Einfaches Beispiel: Das Armband soll perspektivisch mit einem Sensor am Gleis kombiniert werden. Sobald ein Zug über den Sensor fährt, wird ein Signal an den Mitarbeiter gesendet, der dann die Gefahrenzone, also das Gleis, verlässt. Hierfür gibt es aber diverse Regularien und Gesetze, die es nicht ermöglichen, diese Pläne einfach und unkompliziert umzusetzen. „Wir mussten in den drei Monaten, in denen wir mit unseren Partnern von aperto, einer Tochtergesellschaft von IBM, zusammengearbeitet haben, bestimmt vier, fünf Mal die Richtung wechseln. Glücklicherweise hat uns in den entscheidenden Zügen der HackTrain auf die richtige Spur gebracht.“

 

Und auch hier ist die Verbindung wieder in der Factory und der einzigartigen, weit vernetzen Community, dem umfassenden Ökosystem, entstanden. Philipp Wehn war mit seinem Wearable-Projekt gerade an einem Punkt, an dem er wusste, dass das Armband allein nicht die finale Lösung sein kann. Er fragte innerhalb der Factory nach Unterstützung und erhielt den Tipp, sich beim nächsten HackTrain zu beteiligen. Der HackTrain ist der bekannteste Hackathon der Eisenbahnbranche und fand unter anderem während der Innotrans, einer internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik, statt. Das Prinzip: Unternehmen treten als Sponsoren auf und erhalten im Gegenzug Unterstützung bei einem aktuellen Projekt, das mit den eigenen internen Ressourcen nicht final gelöst werden kann.  Diese Projekte werden auf offener Bühne gepitcht und exklusiv eingeladene Hacker haben dann die Möglichkeit, dasjenige Thema auszuwählen, für das sie arbeiten möchten. Oft wird während eines solchen Hackathons rund um die Uhr an diesen Problemen getüftelt, um sie am Ende auf das nächste Level heben zu können. „Wir wollten auf der Innotrans wissen, wie der digitale Zwilling einer Baustelle im Eisenbahnbereich schnell, effizient und unkompliziert entwickeln werden könnte. Alle Inhalte und alle Daten, die wir bis zu diesem Zeitpunkt gesammelt hatten, haben wir mitgebracht und gefragt: Wie können wir ein User Interface entwickeln und dem Kunden alle notwendigen Daten, GPS Locations, Safety oder Danger Zones bereitstellen? Und dann haben die Nerds losgelegt – bis tief in die Nacht, oft ohne Pause und von insgesamt 20 Ideen hat es am Ende auch unser Projekt bis ins Finale geschafft.“  

Zwischenstopp und Zielbahnhof 

Das Ergebnis? Die Entwicklung eines Prototypens auf Basis von eigens programmierten Algorithmen und

die Kontaktaufnahme zu einem wichtigen Sparringspartner, dem Head of Innovation von Network Rail, mit Sitz in London. Als Teil der Hackathon Jury, dessen Unternehmen im Vereinten Königreich (UK) fast die gesamte Infrastruktur aus Gleisen, Signalen, Tunneln, Brücken, Bahnübergängen und den meisten Bahnhöfe inne hat, hegt er über dieses Event hinaus reges Interesse an einer Wearable Technologie, die Menschenleben retten und für mehr Sicherheit am Gleis sorgen soll. Mit täglich 4,8 Millionen Fahrten in England, Schottland und Wales und einem Bekanntheitsgrad in den UK vergleichbar der Deutschen Bahn AG in Deutschland, hat Sicherheit bei Network Rail oberste Priorität – für Passagiere, Personal und Gleisarbeiter. Diesen bedeutenden Schienennetzbetreiber mit an Bord für die Weiterentwicklung des Mobility Wearables zu holen, wäre für die gesamte Sicherheitsbranche im Eisenbahnverkehr mehr als nur ein cleverer Schachzug.

 

Die Zukunft? „Kurzfristig gesehen wollen wir mit dem Wearable noch in diesem Jahr die ersten Kunden generieren“, verrät Philipp Wehn. „In Deutschland, Australien, Hongkong oder im Vereinigten Königreich, was mit dem Kontakt zu Network Rail naheliegend wäre. Auch eine Absichtserklärung, ein erstes Angebot wären großartig. Wir wollen jetzt einfach selbst entwickeln – nicht aus einer Anforderung oder einer Ausschreibung heraus, sondern weil wir wie ein Start-up eine einzigartige Idee haben und ein Investor mit uns dieses Produkt in den Markt bringen und im besten Fall sogar noch weiterentwickeln will.“

 

Ist erst einmal ein Investor gefunden, geht die Weiterentwicklung des Wearables in andere Hände über. Völlig klar ist aber: Der zielstrebige Mobilitätsfanatiker und Hobbysportler hat schon einen neuen Plan. Die Idee der eigenen Mobility „Werkstatt“ soll weiterentwickelt, möglichst schnell Wirklichkeit und damit ein fester Bestandteil in der Produktentwicklung werden. Das Wearable für Gleisarbeiter hat gezeigt, wie schnell und zielorientiert Dinge vorangetrieben werden können, wenn es kreative Köpfe mit den richtigen Ideen, dem passenden Umfeld und dem nötigen Entfaltungsspielraum gibt. Dann wird aus der Mobility Werkstatt von heute der Inkubator neuer Produktentwicklungen von morgen. Oder – wie es Philipp Wehn sagen würde: „Und dann sollen einfach viele weitere coole Ideen und coole Projekte und coole Geschäftsmodelle folgen.“ Und auch privat hat Philipp Wehn noch einiges vor. So viel können wir verraten: Er schreibt gerade an einem Buch, in dem all die Impulse aus dem letzten Jahr einfließen werden. Na dann: Viel Glück und Gleis frei!

Nicole Lydia Engelhardt, Journalistin - Berlin
Bilder: Tobi Bohn, Fotograf – Berlin und Philipp Wehn

HackTrain

 

Veranstaltet wird der HackTrain von dem Start-up „Hack Partners“ mit Sitz in London und dem Anspruch, die klassische Eisenbahnindustrie durch digitale Lösungen voranzutreiben. Um dieses Ziel zu erreichen und das Event selbst erfolgreich abwickeln zu können, benötigen die Veranstalter eine Vielzahl an Sponsoren, wie etwa die Deutsche Bahn, Network Rail oder auch Siemens. 

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