Smart auf smart

Ein ÖPNV-Pionier, ein Car-Sharing-Anbieter und ein Automobilclub – so unterschiedlich die Perspektiven unserer drei Gastautoren sein mögen, eines steht für sie alle fest: Wie die beginnende Mobility Revolution ausgeht, ist auch eine Frage der Technologie, bei Fahrzeugen genauso wie bei flankierenden Systemen.

„Die nächsten fünf bis zehn Jahre werden wahrscheinlich die spannendsten, die es im Bereich Mobilität je gab.“ Mit diesem markanten Satz brachte Markus Schlitt, Leiter der Siemens Straßenverkehrstechnik, unlängst in einem Interview die riesige Vorfreude zum Ausdruck, die er im Hinblick auf die gerade beginnende Mobility Revolution empfindet. „Diesen Wandel aktiv mitgestalten zu dürfen, ist für uns als Weltmarktführer im Bereich Verkehrstechnik ein großes Privileg – und gleichzeitig eine mindestens ebenso große Herausforderung.“

 

Dass er mit dieser persönlichen Einschätzung nicht allein ist, lässt sich zwischen Zeilen auch aus den Statements der drei profilierten Gastautoren herauslesen, die das Herzstück dieses Specials zum Thema „Spannungsfeld Mobilität“ bilden. Sowohl Henrik Falk, Vorstandsvorsitzender der Hamburger Hochbahn AG und Oliver Schmerold, Direktor ÖAMTC, als auch Olivier Reppert, CEO car2go sprühen vor Tatendrang und geben mit vielen ihrer Aussagen zu erkennen, welch enorme Lust auf Veränderung sie antreibt.

Die Straße als Internet of Things

Tatsächlich bahnt sich nach den vielen evolutionären Schritten, die der Personen- und Güterverkehr in den vergangenen Jahrzehnten erlebt hat, inzwischen eine echte Mobility Revolution an. Denn zu den Megatrends, die die Mobilitätsverantwortlichen rund um den Globus bisher beschäftigten und auch weiterhin beschäftigen werden, kommt ein neuer hinzu: die Automatisierung und Digitalisierung des Straßenverkehrs. In Zukunft geht es also nicht mehr „nur“ um Urbanisierung, Umweltbelastung, Klimawandel, Ressourcenverbrauch, überlastete Infrastruktur und demographischen Wandel, sondern auch darum, den größten Paradigmenwechsel seit dem Model-T von Ford zu meistern. Wenn selbstfahrende Autos, moderne Vehicle2X-Kommunikation und selbstlernende Algorithmen die Straße in ein Internet of Things (IoT) verwandeln, stoßen die Lösungen von gestern und heute an ihre Grenzen.

 

Auf die Kommunen kommen damit gleich mit zwei epochale Problemstellungen zu. Zum einen werden mehr Menschen automobil sein als bisher – eben auch diejenigen, die heutzutage nicht selbst fahren können, weil sie zu jung oder zu alt oder vorübergehend fahruntüchtig sind. Und es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich auszumalen, dass die oft schon jetzt überlastete Verkehrsinfrastruktur damit endgültig überfordert wird. Zum anderen geraten die öffentlichen Transportsysteme unter noch höheren Wettbewerbsdruck und müssen Angebote schaffen, die es mit selbstfahrenden Taxis aufnehmen können.

Ob eine Stadt von dieser umwälzenden Veränderung nachhaltig profitiert oder ob sie später chronisch darunter leidet, hängt vor allem davon ab, welche Rolle sie dabei übernimmt: Je aktiver eine Stadt die Mobility Revolution mitgestaltet, desto bessere Aussichten hat sie, zu den Gewinnern zu gehören. Und auch der Umkehrschluss ist zutreffend: Je zögerlicher eine Kommune ins Geschehen eingreift, desto mehr wächst die Gefahr, dass sie unter die vollautomatisierten und digitalisierten Räder kommt. Agieren statt reagieren: So lautet also das Gebot der Stunde für die Städte und alle anderen Institutionen, die für die Konzeption zukunftsfähiger Mobilitätssysteme verantwortlich sind.

Völlig neue Möglichkeiten für Verkehrsplanung und -steuerung 

Ganz pragmatisch betrachtet steht eines sicherlich fest: Unterm Strich bringt die Digitalisierung für die mobile Gesellschaft weit mehr Chancen als Herausforderungen. Markus Schlitt zeigt sich deshalb auch sehr optimistisch angesichts der nahezu unbegrenzten Möglichkeiten, die sich durch die neue Technologie für die Verkehrsplanung und -steuerung eröffnen: „Das ist, als könnten wir den Ferrari, der schon länger in unserer Garage steht, jetzt endlich starten und losfahren.“ Was er damit meint: Dank des Internet of Things werden die Städte in der Lage sein, die Infrastruktur nicht nur zu überwachen, sondern mit ihr aktiv in das Verkehrsgeschehen einzugreifen – entweder mit Blick aufs gesamte Netz oder auch auf einzelne Flotten.

 

Das wird neben dem Verkehrsfluss natürlich auch die Verkehrssicherheit optimieren, weil die Systeme dann mit Computern kommunizieren, die weniger fehleranfällig sind als Menschen. Und auch die verkehrsbedingten Lärm- und Schadstoffemissionen lassen sich durch intelligente Nutzung digitaler Steuerungsoptionen signifikant reduzieren. Zu den mächtigsten Regulativen gehören hier sicherlich kreative dynamische Road-Pricing-Modelle, die nicht nur zur Vermeidung von Staus beitragen, sondern auch den ÖPNV und die Elektromobilität fördern können. „Wie gut City-Tolling-Systeme generell funktionieren, zeigt sich unter anderem in London“, sagt Markus Schlitt. „In Zukunft sind da aber natürlich noch deutlich wirkungsvollere Konzepte denkbar.“

 

Nie zuvor war die Gelegenheit, sowohl die Lebensqualität als auch das Mobilitätsangebot in einer Stadt gleichzeitig zu verbessern, so günstig wie heute in Zeiten der Digitalisierung. Gelingen kann das aber nur, wenn wir dafür sorgen, dass die Barrieren zwischen den einzelnen Transportmodi endgültig verschwinden. Siemens ITS setzt dabei vor allem auf smarte Lösungen. So ist der spanische Softwarespezialist Aimsun, ein neues Mitglied der Siemens-Unternehmensfamilie, schnell und effizient in der Lage, mit Hilfe von digitalen Zwillingen städtische Verkehrsnetze zu simulieren, um mögliche Schwachpunkte zu lokalisieren und Optimierungen zu testen. Außerdem steht mit SiMobility eine virtuelle Plattform zur Verfügung, die Von-Tür-zu-Tür-Reiseketten verkehrsträgerübergreifend vernetzt und damit nicht nur für Verkehrsteilnehmer über komfortable Apps, sondern auch für Mobilitätsanbieter und Städte durch zusätzliche Services echte Mehrwerte generiert.

Fünf Zahnräder, die perfekt ineinander greifen

Nach der Vision der Experten von Siemens ITS wird die Mobilität der nächsten Generation angetrieben von einem smarten Motor mit fünf Zahnrädern, die perfekt ineinander greifen: Neben intermodalem Mobilitätsmanagement, modernem Verkehrsmanagement, dem Lademanagement für städtische Elektroflotten und dem Versorgungsmanagement für private E-Mobile gehört dazu auch das Management autonomer Fahrzeugflotten – zum Beispiel eines agilen Systems selbstfahrender Kleinbusse, das seinen Nutzern dank hoher Priorität im Straßennetz erhebliche Reisezeitgewinne verspricht. „Der Faktor Zeit wird immer mehr zum limitierenden Faktor für den modernen Menschen“, weiß Markus Schlitt. „Wenn selbstfahrende Kleinbusse ihre Passagiere also schneller ans Ziel bringen als selbstfahrende Taxis, werden sie zur hochattraktiven Alternative – und eröffnen damit hohe Entlastungspotenziale im Hinblick auf das zu erwartende städtische Verkehrsaufkommen.“

 

Die ganzheitliche Vernetzung aller Verkehrsträger und die nahtlose Integration neuer Mobilitätsangebote, zu denen unter anderem auch Car-Sharing-Autos und Leihfahrräder gehören, machen den Weg frei zu einer bahnbrechenden Veränderung grundlegender Mobilitäts-Cluster: „Aus öffentlichem Transport wird plötzlich öffentlicher Individualverkehr“, sagt Markus Schlitt. „Genau da müssen wir hin, wenn wir verhindern möchten, dass unsere Städte von selbstfahrenden Autos überrollt werden, sondern stattdessen für jeden Nutzer maßgeschneiderte Mobilitätsangebote bereithalten und gleichzeitig die urbane Lebensqualität steigern wollen.“

Nicht nur Leistungs-, sondern auch Effizienzvorteile

Möglich wird das durch moderne Cloud-Services wie einem zukunftsweisenden Flotten- und Infrastruktur-Management, der nächsten Generation von Verkehrsmanagement-Tools und komfortablen multimodalen Informations-, Buchungs- und Abrechnungs-Systemen für alle Verkehrsträger. Mit Hilfe von MindSphere, der offenen Cloud-Plattform von Siemens, lässt sich ein leistungsfähiges IoT-Betriebssystem aufbauen, das die Kommunikation von Fahrzeugen untereinander und mit der Infrastruktur mit allen gewünschten Features verbindet – bis hin zum Energiemanagement.

Der Faktor Zeit wird immer mehr zum limitierenden Faktor für den modernen Menschen.
Markus Schlitt, Leiter der Siemens Straßenverkehrstechnik

Optimierungen an der intelligenten Infrastruktur im Hinblick auf Echtzeit-Verkehrsinformation und Bereitstellung von Daten für assistiertes oder vorausschauendes Fahren und als Basis-Support für das autonome Fahren erlauben eine Minimierung der betrachteten Zeitfenster von der Stunden- auf die Millisekunden-Ebene. So wird aus dem Makro-Verkehrsmanagement, wie wir es heute kennen, ein Mikro-Verkehrsmanagement, das alles mit allem verlinkt und den Handlungsspielraum der Mobilitätsverantwortlichen auf ein Maximum vergrößert.

 

Besonders in den Fokus rückt bei der Entstehung der technologischen Lösungen von morgen der Bereich Künstliche Intelligenz. Einen Vorgeschmack auf den enormen Mehrwert der immer größeren Datenmengen, die der verkehrliche Alltag mit sich bringt, bietet das Data Analytics and Application Center (DAAC). Schon heute entwickelt Siemens ITS dort zusammen mit Pilotkunden datengetriebene Anwendungen und Services auf Basis von Data Analytics und selbstlernenden Algorithmen: von Netzanalysen und intelligenten Verkehrsmanagementfunktionen über Flottenmanagement-Lösungen bis zu Funktionen für intermodales Mobilitätsmanagement.

18.7.2019

Peter Rosenberger, Journalist in Bodman-Ludwigshafen

Bildquellen: iStock/chombosan, iStock/metamorworks, Siemens AG

 

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